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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Jahresversammlung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft

I.

Was bleibt mir anderes, verehrter Herr Oetker, meine Damen und Herren, als mit einem Zitat zu beginnen:

Als der Stifterverband jung war, hat sein Vorstandsvorsitzender Richard Merton einmal an Hermann Josef Abs geschrieben: "Ich bin in der bedauernswerten Lage, für den Stifterverband überall um Stiftungen und Mitgliedsbeiträge zu betteln." Wenn er den Stifterverband heute hier sähe - mit 349 Stiftungen, einem Gesamtvermögen von rund 1,3 Mrd. Euro und einer jährlichen Fördersumme von derzeit rund achtzig Millionen Euro allein für die Wissenschaft, dann würde er wohl sagen: "Es war ja schon ziemlich mühsam, aber es hat sich gelohnt."

Man könnte es auch sagen wie Peter Schnell, dem ich vor vier Wochen in Hamburg die Goldmedaille des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen verliehen habe. Seine Software AG-Stiftung fördert unter anderem Erziehungs- und Bildungsprojekte und die Goethe-Forschung.

Herr Schnell bedankte sich für die Ehrung mit den Worten: "Die Verfügungsgewalt über Vermögenswerte (...) begründet kein Recht auf das Ausleben von Egoismen, sondern eine hohe Verantwortung der Welt gegenüber." Wenn wir alle das doch ernst nähmen, wahr nähmen, vorlebten!

So ähnlich könnte man auch die Arbeit des Stifterverbandes charakterisieren: Er fördert die Wissenschaften und damit immer auch das Bildungswesen, die Künste und die internationale Verständigung aus eben diesem Bewusstsein heraus, dass unternehmerische Verantwortung immer auch Verantwortung für die ganze Gesellschaft einschließt.

Es gehört darum nicht allein zu den ältesten, sondern auch zu den schönsten Aufgaben des Bundespräsidenten, verehrter, lieber Walter Scheel, Schirmherr des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft zu sein. Das soll deutlich machen: Die Wissenschaften sind auf beides angewiesen: auf die Förderung durch den Staat und auf das praktische Engagement der Bürgergesellschaft.

II.

In einer freiheitlichen Gesellschaft kommt es auf diesen Beitrag der Bürger besonders an, denn das Thema geht alle an. In manchen Fällen sind private Initiative und private Förderung schneller, unbürokratischer, experimentierfreudiger und flexibler als die staatliche Apparatur das sein kann. Ich will damit den Staat nicht aus seiner Verantwortung entlassen.

Ich will den Wert dessen nicht mindern, was Bund und Länder in der Wissenschaftspolitik leisten. Das ist unverzichtbar und durch nichts zu ersetzen. Es schafft gewissermaßen das solide Fundament, die tragenden Wände und das feste Dach des Gebäudes, und das muss auch so bleiben.

Dennoch meine ich, dass wir trotz unterschiedlichen Steuerrechts durchaus von Großbritannien und den USA lernen können, wie Gemeinwohl und Wissenschaftsförderung durch private Stiftungen gestärkt werden können. Privates Engagement kann auch bei uns das Haus der Wissenschaften beträchtlich erweitern und verschönern. Daran arbeitet der Stifter­verband unermüdlich und wie wir alle sehen, mit wachsendem Erfolg.

III.

Hans Maier hat auf dem letzten Stiftertag einen Satz gesagt, der vielleicht dem einen oder anderen von Ihnen noch im Ohr ist: "Wer stiftet, wirft einen Anker in die Zeit und in die Zukunft". Wer also auf der Suche nach guten Ankergründen in die Zeit und in die Zukunft ist, der erkennt schnell: Wissenschaft und Bildung, Kultur und Völkerverständigung werden durch zwei große Entwicklungen mit all ihren Problemen und Chancen geprägt: durch Virtualisierung und durch Globalisierung.

Wie gut wir diese Herausforderungen meistern, das hängt entscheidend ab von der Struktur und von der Leistungsfähigkeit unseres Wissenschaftssystems, von seiner noch stärkeren internationalen Vernetzung und von der optimalen Förderung des wissenschaftlichen
Nachwuchses, von idealen Bedingungen für interdisziplinäre Spitzenforschung und auch vom beständigen gesellschaftlichen Dialog darüber, wie wir das menschliche Maß gewinnen können, an dem sich wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt orientieren sollen.

Im Zeitalter der Globalisierung hängt die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland entscheidend davon ab, dass Wissenschaft und Wirtschaft weiterhin gemeinsam Hochtech­nologien und Spitzenprodukte hervorbringen. Nur das sichert auf Dauer unser aller Lebens­qualität.

Wissenschaft und Wirtschaft stehen beide unter ständigem, hohem Innovationsdruck. Dabei werden die Grenzen zwischen Grundlagenforschung, angewandter Forschung und der Umsetzung von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte, also das, was wir FuE nennen, zunehmend fließend. Darum müssen wir unterschiedliche Kompetenzen zusammen­führen und wir brauchen neuartige Formen der Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf der einen und den Unternehmen auf der anderen Seite. Nicht auf Rohstoffe, sondern auf diese neue Qualität der Zusammenarbeit und auf gut ausgebildete Menschen kommt es an, wenn wir auch in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich sein wollen.

Vor vier Jahren beim Villa-Hügel-Gespräch haben wir nach solchen neuen Formen der Zusammenarbeit gesucht, und damals waren das Interesse und die Resonanz sofort groß. Das Wissen war aber noch gering. Heute wissen wir dank Stifterverband mehr. Der Staat hat not­wendige Rahmenbedingungen geschaffen, damit Wissenschaft und Wirtschaft zum gegen­seitigen Nutzen besser und nützlicher zusammenarbeiten können: Inzwischen ist in vielen Landesgesetzen die Möglichkeit geschaffen, dass Hochschulen sich an Kapitalgesellschaften beteiligen. Solche Kapitalgesellschaften entstehen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, bei der Überleitung von Forschungsergebnissen in die Praxis. Das sind inno­vative Unternehmensgründungen, vor allem im Hochtechnologiebereich Das gemeinsame Interesse an solchen Unternehmensgründungen ist seit dem Wegfall des Hochschullehrer­privilegs bei der Verwertung der Rechte aus Erfindungen gewachsen. Professionelle Patent­verwertungsagenturen übernehmen für die Hochschulen den immensen Aufwand, der auf dem langen Weg von der Patentanmeldung bis zur Erzielung von Patenterlösen zu bewältigen ist.

Ich habe den Eindruck, dass auch die unterschiedlichen Kulturen und Mentalitäten in Wissen­schaft und Wirtschaft gelegentlich die Zusammenarbeit erschweren und erschwert haben: Während in der Wissenschaft der zeitliche Horizont für Forschungsprojekte oft weit ist und der Wissenschaftler seine Ergebnisse in erster Linie publizieren, dann durch den wissen­schaftlichen Nachwuchs fortentwickeln und erst in dritter Linie durch Patente verwerten möchte, ist es in der Wirtschaft genau umgekehrt.

Da bietet die Reform des öffentlichen Dienst- und Besoldungsrechts deutliche Anreize für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft: Auch wenn Drittmittel aus der Wirtschaft nur einen Teil der Förderung universitärer Forschung ausmachen, werden sie keineswegs mehr - wie vielleicht noch vor zehn, zwanzig Jahren - als "Soft Money" angesehen.

In manch einem Start up arbeiten heute schon Nachwuchswissenschaftler, die für ein Industrie­unternehmen tätig sind und zugleich ihre wissenschaftliche Qualifikation vertiefen - möglicherweise gar auf der Ebene einer ForschungsDozentur des Stifterverbandes.

Der Stifterverband fördert damit ein gründerfreundliches Klima an den Hochschulen; er tut dies auch mit einigen seiner Stiftungsprofessuren. Es ist gut, dass es dank Ihrer Hilfe mittlerweile auch an deutschen Hochschulen Existenzgründerlehrstühle gibt, die junge Studenten dazu anleiten und ermutigen, später ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

IV.

Wir sehen: Vom Mäzenatentum, gebündelt im Stifterverband, gehen über die gezielte Förde­rung von Wissenschaft, Forschung und Technologietransfer wichtige neue Impulse aus. Man­cher Jungunternehmer von heute errichtet vielleicht schon morgen eine Stiftung; und beweist so sein Verantwortungsbewusstsein für die Welt in einer globalisierten Gesellschaft, denn auch die wird ohne Solidarität und engagierte Bürger nicht bestehen können.

Eine Stiftung zu errichten erfordert ebenso viel Sorgfalt wie die Gründung eines Unterneh­mens. Das haben unter dem Dach das Stifterverbandes vorausschauende deutsche Unterneh­men und Unternehmer erkannt. Damit setzen sie in der Tradition Carl Duisbergs und Richard Mertons eine Arbeit fort, die ich bewundere und respektiere. Ich freue mich sehr darüber, dass Sie, verehrter Herr Dr. Liesen, heute mit der Richard-Merton-Ehrennadel geehrt werden.

Sie, lieber Herr Liesen - wir kennen uns seit vielen, vielen Jahren - haben sich als Vorstands­vorsitzender, später als Ehrenmitglied des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft engagiert und den Stiftungsgedanken in die Gesellschaft hineingetragen.

V.

Meine Damen und Herren, schon die griechischen Stadtstaaten und das Römische Recht kannten genaue Regeln über Stiftungen von Bürgern für das Gemeinwohl. Das Stiftungsrecht ist eine der ältesten Institutionen freier Selbstbestimmung und Mitbestimmung im öffentlichen Leben.

In Deutschland werden heute 88 Prozent aller Stiftungenzu Lebzeitendes Stifters errichtet. Stiftungen sind damit längst nicht mehr vorrangig ein Instrument der Vermögensnachfolge, sondern ein Gestaltungselement der Bürger für das Gemeinwohl. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Verbände errichten Stiftungen: für soziale und karitative Zwecke und erfreulicherweise auch zunehmend für Bildung und Wissenschaft. In Stiftungs­gründungen kann sich persönliche Betroffenheit widerspiegeln, enge Verbundenheit mit dem eigenen Beruf oder auch Dankbarkeit der ehemals besuchten Universität gegenüber.

Natürlich sind dieser Bereitschaft zum Stiften die Jahrzehnte in Frieden, Freiheit und Wohlstand besonders günstig gewesen. In dieser Zeit sind viele Vermögen gewachsen, die sich jetzt gemeinnützige Zwecke suchen, weil ihre Inhaber Verantwortung für die Welt wahrnehmen. Ich denke, der Staat muss das durch die Reform des Stiftungsrechts honorieren und unterstützen. Wer stiften will, braucht verlässliche Rahmenbedingungen.

Die bisherige Reform des Stiftungssteuerrechts hat mitgeholfen, mit dem alten Vorurteil auf­zuräumen, Stiften sei so etwas wie ein Privileg der Reichen, damit man für jeden gestifteten Euro bis zu 50 Cents Steuerersparnis einstreichen könne. Mittlerweile sollte jedem klar sein: Stiften taugt weder zur egoistischen Vermögensanlage noch als Steuersparmodell. Es ist vor allem die materiell uneigennützige, idealistische Einstellung, die den Stifter ausmacht, auch wenn mancher Stifter verständlicherweise auch auf öffentliche Anerkennung hofft.

Das Stiftungswesen in Deutschland hat durch die begonnene Reform deutlich an Attraktivität gewonnen: In den achtziger Jahren wurden durchschnittlich 150 Stiftungen jährlich gegrün­det, Heute sind es rund 400 pro Jahr, und das aktuelle Verzeichnis Deutscher Stiftungen bringt Porträts von rund 8.400 rechtsfähigen Stiftungen; es gibt manchen praktischen Rat.

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft verzeichnete zur Jahrtausendwende einen Rekordzuwachs von 35 neuen Einzelstiftungen. Vor zwanzig Jahren waren es erst 85 Stiftungen, vor zehn Jahren 194, heute sind es 349 Stiftungen. Das ist ein Zuwachs von mehr als einhundertfünfzig neuen Stiftungen allein in den letzten zehn Jahren !

VI.

Nun gehen die Reformarbeiten am Stiftungsrecht hoffentlich weiter. Jetzt steht die Überar­beitung des zivilen Stiftungsrechts an. Noch ist umstritten, welche Vielfalt die Kreativität braucht und wie viel Einheitlichkeit der Staat verlangen kann, wo doch das Wesensgesetz der Stiftungen gerade die Mannigfaltigkeit ihrer Ziele und Zwecke ist. Unbestritten aber ist:

Eine kreative und bürgernahe Stiftungskultur ist ein unverzichtbarer Beitrag zur nachhaltigen Pflege des Gemeinwohls.

In der Arbeit für eine solche Stiftungskultur sehe ich weitere Herausforderungen für Sie im Stifterverband: Auch das Engagement kleinerer und mittlerer Stiftungen für die Wissenschaft verlangt zunehmend eine Bündelung ihrer Ressourcen und eine Konzentration auf bestimmte Schwerpunkte. Darum sollten Stiftungen mehr als bisher zusammenarbeiten und Gemein­schaftsfinanzierungen prüfen. Das setzt ein Stiftungsmanagement voraus, das kompetent, geschickt und fantasievoll ist. Das haben Sie anzubieten. Das Programm der Forschungs­Dozenturen beispielsweise wäre ohne die Kooperation verschiedener Stiftungen nicht zustande gekommen.

Ich halte es für eine weitere Herausforderung, dass mehr Transparenz über die Arbeit der Stiftungen, über ihre Erfolge entsteht. Als der Stifterverband in den fünfziger Jahren mit Bestandsaufnahmen begann, da war das ein unbekanntes Land, das vor ihm lag. Heute ist es längst Alltag, dass Förderprogramme mit wissenschaftlichen Begleituntersuchungen über die Entwicklung, über die Erfolge und über die Wirksamkeit des Stiftungshandelns verknüpft sind. Daraus lernen viele, und davon profitieren wir alle. Darum wünsche ich Ihrer Arbeit viel Erfolg.

Ich wünsche Ihnen und uns, dass die Stifter andere anstiften, damit noch mehr gestiftet wird, als das bisher der Fall ist. Lassen Sie sich nicht ent-, sondern ermutigen. Tragen Sie Ihre Botschaft auch weiter so überzeugend ins Land!