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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass der Eröffnung der 50. Europäischen Wochen

Vor einem Jahr war ich hier in Passau, in dieser wunderschönen Stadt, die in sich ruht oder doch in sich zu ruhen scheint und schon damals bin ich angesprochen worden auf den heutigen Tag und darauf, ob ich wohl käme.

Was hat sich seither nicht alles verändert: Sie haben einen neuen Oberbürgermeister und einen neuen Bischof. Passau, die liebenswerte Stadt feiert ein bedeutendes Jubiläum und wir freuen uns darüber, dass Zeugen aus dieser Zeit dabei sind. Wir dürfen dabei an die Wegstrecke erinnern, die wir voll Dankbarkeit in diesen fünfzig Jahren gegangen sind.

Vielen wird es gehen wir mir, vielen von den Älteren jedenfalls, dass man darüber nachdenkt, wie man eigentlich selber in das Jahr 1952 gekommen ist, und was sich in diesem Jahr dann alles ereignet hat. Ich denke zurück an Jahre vor 1952, als ich ein Schüler war und wir ohne die Quäkerspeise nicht überlebt hätten. Wir wurden von amerikanischen Freunden am Leben gehalten, jedenfalls wir kinderreichen Familien in manchen Großstädten. Wir wollen das nicht vergessen, wenn wir sagen: Thank you America!

Wir wollen nicht vergessen, in welche Situation die Amerikaner damals gekommen sind: in ein weitgehend zerstörtes Land, das auch innerlich verwüstet zu sein schien. Es hatte viele Mitläufer gegeben, es hatte viele Mittäter gegeben. Es hatte viele gegeben, die hatten weggeschaut bei dem, was in zwölf Jahren Schreckliches geschehen war, aber es hat nicht nur die gegeben.

Gestern vor fünfundsechzig Jahren war hier in Passau eine besondere Veranstaltung. Damals, am 13. Juni, fanden Gottesdienste statt. Der Bischof hatte eingeladen, er nannte das "Gottesbekenntnisstunden". Weit über tausend Jugendliche kamen damals, um gegen die Einvernahme konfessioneller Jugendverbände in die Hitlerjugend zu protestieren. Das war am 13. Juni 1937 geschehen. Wer die Geschichte von Passau kennt, der weiß: Es hat auch immer beides gegeben, es hat auch die Situationen gegeben, an die wir denken und von denen uns Erich Kästner gesagt hat: Wir müssen darüber sprechen, wir dürfen die Vergangenheit nicht verdrängen, denn sonst verdrängt sie uns.

Nach dem Krieg hat es Menschen gegeben, zuerst drei amerikanische Kulturoffiziere, aber dann Bürgerinnen und Bürger, die wollten, dass Deutschland und dass Europa einen anderen Weg gehen als den der Jahre davor. Sie wollten, dass Freiheit und Demokratie nicht auf den Transparenten stehen bleiben, sondern in die Wirklichkeit unseres Lebens umgesetzt werden. Darum haben sie uns in Verbindung gebracht mit der großen amerikanischen Tradition, der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, des amerikanischen Verständnisses von Menschenrechten und Menschenwürde.

Damals ist die Brücke über den Atlantik gebaut worden, der wir in Europa so viel verdanken. Damals haben die, die Deutschland aufgebaut haben, davon geträumt, das könne eines Tages wieder ein Europa sein, zu dem nicht nur Brüssel, London, Paris und Bonn gehören, sondern auch Krakau, Prag, Warschau und eines Tages Königsberg. Es ist das Bild eines Europas, das mit einer Stimme spricht, das sich den gleichen Werten verpflichtet weiß und das aus dieser Verpflichtung gegenüber den gleichen Werten dafür sorgt, dass Menschen aufrecht gehen können und sich nicht zu ducken brauchen, damit der Kampf um die Freiheit des Wortes, der Gedanken und des Glaubens kein vergeblicher Kampf ist wie in den totalitären Systemen unserer Zeit und der früheren Zeit.

Passau ist die Stadt, die immer wieder mit einem europäischen Fest daran erinnert, das so viele Menschen in diese wunderschöne Stadt bringt. Dazu möchte ich gratulieren und Sie alle herzlich begrüßen.

Besonders begrüße ich natürlich die beiden amerikanischen Botschafter. Den amerikanischen Botschafter in Berlin habe ich zum ersten Mal am 13. September gesehen. Am 11. September war Schreckliches geschehen. Meine Frau und ich waren auf Staatsbesuch in Finnland, bekamen die schreckliche Nachricht, sahen diese Bilder, die sich in unsere Erinnerung eingeprägt und eingebrannt haben, brachen die Reise ab und flogen zurück nach Berlin. Dort war inzwischen der neue amerikanische Botschafter angekommen. Er war noch nicht - wie man das in der Diplomatensprache nennt - akkreditiert. Wir haben das formlos erledigt, formlos und freundlich.

Am 14. September war dann die erste Amtshandlung des neuen amerikanischen Botschafters: eine Rede vor dem Brandenburger Tor mit einem Gruß des amerikanischen Volkes an das deutsche Volk, mit einem Dank an erlebte und erfahrene Solidarität. Damals haben zweihunderttausend Menschen in Berlin zu zeigen und zu sagen versucht - ich durfte für sie und für andere sprechen: Dieser schändliche Angriff auf die Zivilisation darf nicht ohne Antwort bleiben und diese Antwort müssen wir gemeinsam suchen und geben.

Das ist auch ein Stück von dem Dank, den wir Amerika schulden. Nirgendwo so wie in Berlin erfährt man und weiß man: Ohne die Amerikaner, ohne ihren Schutz, hätte es den Fall der Mauer und die deutsche Einheit nicht gegeben, kein neueres und größeres Europa, auf das wir uns freuen, bei aller Skepsis, die der eine oder andere haben mag.

Darum ist es gut, dass wir in diesem Jahr und in dieser Stadt sagen: Thank you America. Darum ist es gut, dass wir uns gegenseitig versichern, dass wir als Partner zusammenbleiben wollen, dass wir Erinnerung nicht austilgen und Erwartungen nicht beiseite schieben, sondern dass wir miteinander die Hände nach Menschen ausstrecken wollen, die in Würde leben, die in Freiheit leben, die Demokratie umsetzen und Gerechtigkeit suchen, die miteinander über den richtigen oder den besten Weg streiten, die aber wissen, dass sie eine Welt möchten, die menschlicher ist als die, die wir vorgefunden und mitgestaltet haben. Es ist eine Welt, in der es immer Einsame und Gesellige, Fröhliche und Traurige, Gesunde und Kranke, Junge und Alte, Städter und Menschen auf dem Lande geben wird, aber in der kein Mensch gering geachtet wird, weder wegen seines Glaubens noch wegen seiner Hautfarbe, nicht wegen seines Herkommens und nicht wegen seiner Zukunftspläne.

Das wollen wir miteinander und das hat die amerikanische Geschichte ein Stück weit verwirklicht und die europäische und deutsche Geschichte in wichtigen Phasen der vergangenen Jahrhunderte. Darum wollen wir nicht das Dunkel wegschieben, aber durch die Dunkelheit hindurch nach dem Licht suchen, das uns voranbringt. Gemeinsam, Amerika, Europa, Tschechien, Polen und Deutschland in einer Welt, die sich ihrer Werte erinnert und die um Werte streitet und nicht nur um Preise kämpft. Ich wünsche uns, dass das gelingt.