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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Festakt der "350-Jahrfeier der Leopoldina"

Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren,

natürlich beginnt man nach einer solchen Mitteilung zuerst mit dem Dank an den scheidenden Präsidenten für das, was er dieser Akademie gegeben und mitgegeben hat, und mit dem Glückwunsch an den designierten Präsidenten. Beide sind "hochgestellte Verantwortungs­träger", und die brauchen die Wissenschaftsakademien.

"Hochgestellte Verantwortungsträger" tragen zur Illuminierung bei - da will auch ich gern mithelfen, aber vor allem bin ich aus Neugier gekommen. Ich glaube, das ist nicht die schlechteste Eintrittskarte zu Ihrer Akademie. Schon Goethe hat die Neugier gelobt, weil sie den Menschen über den Bereich des gesicherten Wissens hinausweise und über das Neue und das Nützliche zum Guten führe. Wie neugierig auf die Natur und auf ihre Wunder Goethe gewesen ist, das zeigen Beispiele: Das zeigt die Farbenlehre, das zeigen seine Schriften zur Geologie und zur Meteorologie und die Entdeckung des Zwischenkieferknochens. Er fand Gleichgesinnte in jener Akademie, die schon ihrem Namen nach, als "Academia Naturae Curiosorum", alle auf die Natur Neugierigen zur Mitgliedschaft eingeladen hat.

Schon zu Goethes Zeiten war die Leopoldina eine altehrwürdige Institution, wir haben davon gehört - gegründet in Schweinfurt am Neujahrstag 1652, mit hohen Privilegien aus­gestattet von ihrem Namenspatron und in ganz Europa anerkannt als ein Hort der Gelehrsam­keit.

Sie widmen sich nun seit 350 Jahren der Erforschung der Natur. Damit sind Sie die älteste ununterbrochen bestehende Akademie im deutschen Sprachraum, und dazu gratuliert man als Bundespräsident von Herzen.

II.

Die methodische Erforschung der Natur ist in der Neuzeit zu einer wichtigen, zur wichtigsten Quelle menschlicher Erkenntnis geworden. Die Erkenntnisse über die Natur können - im Wortsinne - nachvollzogen und dadurch von jedermann überprüft werden. Das diszipliniert den Erkenntnisprozess, und es gibt ihm seine spezifische Autonomie: Das Erkannte bedarf keiner Erlaubnis und kann durch nichts widerlegt werden außer durch bessere wissen­schaftliche Ergebnisse. Das lässt die Wissenschaften "unbestechlich" sein, und sie sind - in den Worten Bettina von Arnims - "ein Fels, aus dem die reine kristallhelle Quelle der Weis­heit hervorsprudelt"

Wir sehen das wahrscheinlich heute nicht mehr so romantisch wie Bettina von Arnim, denn wir wissen längst, dass auch in der Wissenschaft nicht alle Quellen gleich reichlich und gleich rein sprudeln; aber ein Leitbild bleibt das beschriebene Ideal, das Bettina uns nennt, doch.

Auch die Leopoldina birgt eine solche Quelle. Sie ist eine private Einrichtung mit dem Ziel, die Wissenschaft und vor allem die Naturforschung zu fördern. Sie hat gerade in der jüngeren Vergangenheit ihre Unabhängigkeit gegen politisch widrige Umstände verteidigt. Sie blieb auch in den Zeiten der DDR allein der wissenschaftlichen Redlichkeit verpflichtet und sie hat gerade in dieser Zeit viel dazu beigetragen, dass der Zusammenhalt zwischen Wissenschaft­lern in Ost und West nicht verloren gegangen ist.

Dafür gebührt der Leopoldina Dank. Ich füge dem Dank meinen Respekt hinzu vor der persön­lichen Leistung und vor dem Engagement der Mitglieder und der Präsidenten der Leopoldina, die in wahrlich schwierigen Zeiten Rückgrat bewiesen haben, die nicht müde wurden, für die Autonomie der Wissenschaften einzutreten.

III.

Es ist gut, wenn Akademien sich selber treu bleiben und wenn sie die Unabhängigkeit der Wissenschaften verteidigen. Sie müssen dabei freilich ihre Rolle im wissenschaftlichen und im geistigen Leben immer wieder neu bedenken, und sie müssen immer wieder neu bestimmen, welchen Aufgaben sie sich widmen.

Eine dieser Aufgaben ist und bleibt das interdisziplinäre Gespräch. Es gibt Themen, die sich nicht unbedingt als universitärer Forschungsschwerpunkt eignen, die aber dringend nach Untersuchung und Erörterung und nach ganzheitlicher Betrachtung verlangen. Ich nenne als Beispiel das Schwerpunktthema Ihrer letzten Jahresversammlung: "Wasser - essentielle Ressource und Lebensraum".

Ich finde, dass die Akademien ein ideales Forum für solche interdisziplinären Arbeiten sind. In ihnen kommen herausragende Wissenschaftler zusammen, die über den Tellerrand der eigenen Forschungsprojekte hinaussehen, die das Gespräch mit den Kollegen anderer Disziplinen suchen und es mit reichem Ertrag führen. Dazu trägt bei, dass man in den Akademien wenigstens gelegentlich noch den Luxus der Entschleunigung und des Nach­denkens in Muße genießen darf. So wirken die Akademien in guten Fällen auch auf die Universitäten zurück und stoßen dort neue Fragen und Untersuchungen an.

IV.

Meine Damen und Herren, das Thema des Symposiums, das gleich im Anschluss an diese Festversammlung beginnt, lautet "Science and Society", Wissenschaft und Gesellschaft. Es ist gut gewählt, denn die Wissenschaft, richtige Wissenschaft, kann sich nicht selber genug sein - sie lebt auch vom Dialog mit der Gesellschaft, und die Gesellschaft braucht sie. Gerade die Akademien mit ihrem interdisziplinären Ansatz haben auch die Aufgabe, eine Brücke zu schlagen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Die Akademien können ihr Wissen der Öffentlichkeit nicht zuletzt dadurch zugänglich und nützlich machen, dass sie die Politik in wichtigen Fragestellungen beraten. Dafür gibt es großen Bedarf, das zeigen schon die vielen wissenschaftlichen Kommissionen, die rings um die Parlamente und Regierungen entstanden sind.

Nach meiner Überzeugung sind die Akademien exzellent dafür gerüstet, den Hunger nach Expertise zu stillen und vor politischen Entscheidungen die zur Debatte stehenden Sach­verhalte wissenschaftlich auszuleuchten. Gerade ihre Selbständigkeit, ihre Verpflichtung allein auf das Ethos der Wissenschaft gibt ihrem Urteil besonderes Gewicht und besondere Glaubwürdigkeit, auch dann, wenn ihr Rat bisweilen für die politisch Verantwortlichen eher unbequem ist. Die Akademien sind nicht weltfremd, aber sie sind politikferner als so manches eilig und nach Proporz zusammengerufene andere Gremium. Das kann nicht schaden. Ich sehe in der Beratung der Politik eine Aufgabe der Akademien von wachsender Bedeutung.

Dabei gehört zu dieser Aufgabe auch die stete Erinnerung daran, dass sich wissenschaftliche und gesellschaftliche Erkenntnisse und Evidenzen ändern können. Vom Enthusiasmus zum Beispiel, mit dem in den fünfziger Jahren die Atomenergie betrachtet wurde, sind Politik und Wissenschaft mittlerweile ein gutes Stück abgekommen. Akademien haben ein langes Gedächtnis auch für solche Wandlungen. Deshalb sollten sie immer wieder daran erinnern, dass nicht selten die Mindermeinung von heute die herrschende von morgen ist.

Die Akademien sollten noch in einer weiteren Hinsicht eine Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wahrnehmen. Wolfgang Frühwald, der frühere Präsident der DFG, hat einmal vom "Erschrecken der Menschen vor den Fähigkeiten und den Möglich­keiten von Wissenschaft und Technik" gesprochen. Viele Menschen haben die Sorge, dass technische Entwicklungen unbeherrschbar werden und uns eines Tages bedrohen.

Zugleich fühlen sie sich immer weniger dazu in der Lage, selber zu beurteilen, wo der Nutzen endet und die Gefahr beginnt. Das führt dann zu Unsicherheit selbst im Alltag - beim Telefo­nieren mit dem Handy oder im Supermarkt an der Fleischtheke - und es führt zu Über­reaktionen: Weil das Urteil ohne ausreichende Grundlage bleibt, schwankt es zwischen unbe­kümmerter Nutzung und der Forderung nach sofortigem Verbot, zwischen Angst und Zuversicht.

Ich hoffe, dass die Akademien helfen können, den Menschen unbegründete Sorgen zu nehmen und sie zu wohlbegründeter Vorsicht zu bewegen. So könnten Wissenschaft und Technik für die Öffentlichkeit zugänglicher und verständlicher werden. Das ist eine wichtige Bedingung dafür, dass wir auch im technischen Zeitalter mündige Bürger bleiben können.

V.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, die Leopoldina hat heute viele illustre Gäste. Die Präsidenten, die Vertreter der angesehensten und ältesten europäischen Schwesterakademien sind gekommen, um der Leopoldina an ihrem Ehrentag zu gratulieren. Ich sehe darin ein schönes Zeichen für die Bedeutung und für das Ansehen der Leopoldina. Es zeigt auch, dass sie nicht auf ihre Kernlande - auf Österreich, die Schweiz und Deutschland - beschränkt ist, sondern ihrer internationalen Ausrichtung treu bleibt. Ein Viertel der Mitglieder kommt aus aller Welt, und ich freue mich darüber, dass einmal mehr viele von ihnen nach Halle und nach Deutschland gekommen sind. Ich grüße Sie alle ganz herzlich. Ich wünsche Ihnen frucht­bringende Gespräche und ein gutes Miteinander.