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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich eines Abendessens gegeben vom koreanischen Präsidenten Kim Dae-Jung

Vielen Dank für Ihre freundlichen Worte und für den herzlichen Empfang, den Sie uns in Korea bereiten.

I.

Morgen wird das letzte Spiel der Fußballweltmeisterschaft auf koreanischem Boden statt finden, und ich freue mich sehr, Gelegenheit zu haben, die großartige koreanische Mannschaft spielen zu sehen.

Was für ein stolzer Moment für Sie, Ihre Mannschaft auf koreanischem Boden um diesen ehrenvollen Platz kämpfen zu sehen. Vielleicht sollte ich eher sagen: Spielen zu sehen, denn was liegt näher, als auch an die völkerverbindende Rolle des Sportes zu denken.

Fröhliche und bunte Spiele hat Ihr Land zusammen mit seinen japanischen Nachbarn organisiert.

Von dieser gemeinsam ausgetragenen Weltmeisterschaft geht eine Botschaft der Versöhnung aus: Die Botschaft heißt, dass es im gegenseitigen Respekt und in Kenntnis einer gemeinsamen, oft leidvollen Geschichte möglich ist, gutnachbarschaftliche Beziehungen zu gestalten, wenn der Wille dafür vorhanden ist. Das ist weltweit als ein Signal der Hoffnung verstanden worden. Ich wünsche mir für Sie, dass dieser Impuls auch über das Ende der Weltmeisterschaft hinaus erhalten bleibt.

II.

Die erfolgreiche Weltmeisterschaft 2002 ist mehr als ein gelungenes sportliches Ereignis:

Sie ist - nach den Olympischen Spielen von 1988 - wieder ein Zeichen für die eindrucksvolle erfolgreiche Entwicklung Ihres Landes in den vergangenen Jahren.

Manches Mal haben wir mit einer Mischung aus Bewunderung und etwas Neid die Wirtschaftszahlen Ihres Landes verfolgt.

Der Bildungswille der Menschen, die Offenheit für technische Entwicklungen und die unternehmerische Dynamik Koreas - darin erkenne ich die Voraussetzungen, mit denen der Wiederaufschwung nach der sogenannten Asienkrise Ende der Neunziger Jahre gelungen ist.

Sie können stolz darauf sein, dass Korea heute beim Wirtschaftswachstum in Asien oben steht und damit auch anderen Ländern positive Impulse geben kann.

IV.

Herr Präsident, Korea und Deutschland verbindet die bittere Erfahrung staatlicher Teilung.

Wir haben selber erlebt, wie viel Kummer und Leid eine Grenze verursacht, die Menschen trennt und Familien auseinanderreißt.

Sie, Herr Präsident, haben Anfang des Jahres 2000 Deutschland besucht. Sie haben damals - gewiss sehr bewusst - Berlin ausgewählt, um Ihre Vision für eine neue Politik gegenüber Nordkorea zu entwickeln. Ihre "Berliner Rede" war ein markanter Punkt auf dem Weg zu Ihrem historischen Treffen mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-il im Juni 2000.

Wir alle haben damals gehofft, dass Ihre "Sonnenscheinpolitik" zu schnellen Fortschritten führt.

Trotz der Höhen und Tiefen, die es zwischenzeitlich gegeben hat, empfinde ich hohen Respekt für diese Politik des langen Atems. Ich weiß, dass die Teilung unserer beiden Staaten nur begrenzt vergleichbar ist. Am ehesten, so meine ich, lassen Ihre Bemühungen sich mit dem Beginn unserer deutschen Ostpolitik vergleichen.

So tödlich und trennend die Grenze in Deutschland war: Die deutsche Mauer war auch in den schlimmsten Zeiten nicht so undurchlässig wie die Grenze in Korea. Derzeit scheint es noch unerreichbar, dass sich immer mehr Menschen immer häufiger begegnen.

Ihr Versuch, eine schrittweise wirtschaftliche Öffnung und politische Veränderungen im Norden durch Gespräche und durch konkrete Absprachen zu unterstützen, scheint mir der beste, ja vielleicht der einzige Weg zu sein. Ich möchte Sie ermutigen, diesen Weg weiterzugehen. Mit vielen Menschen, überall auf der Welt, hoffe ich, dass die politisch Verantwortlichen in Nordkorea sich diesem Angebot auf Dauer nicht verschließen werden. Das koreanische Volk kann sich auch in Zukunft der Sympathie und der Unterstützung Deutschlands gewiss sein.

V.

Herr Präsident, man nennt Sie den "Vater der koreanischen Demokratie". Sie haben in Deutschland viele Bewunderer und viele Freunde. Willy Brandt, Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher gehören zu Ihren politischen Wegbegleitern. Wir haben aus der Ferne beobachtet, was Sie an Opfern und an Leiden in Ihrem Einsatz für Demokratie und Gerechtigkeit auf sich genommen haben.

Sie haben sich nie von der Überzeugung abbringen lassen, dass der Wunsch nach Demokratie allen Menschen eigen ist - unabhängig davon, in welcher kulturellen Tradition sie aufgewachsen sind.

Daher war es eine mehr als verdiente Anerkennung, dass Sie der Friedensnobelpreis bekommen haben. Es ist sicher nicht zu hoch gegriffen, Ihre politische Leistung schon heute als "historisch" zu bezeichnen. Ich wünsche Ihnen für den Rest Ihrer Amtszeit - und auch für die Zeit danach -, dass die Saat, die Sie ausgebracht haben, weiter aufgehen wird.