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Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Eröffnung des Deutsch-Koreanischen Dialogforums in Seoul

Ich freue mich sehr darüber, dass ich heute zusammen mit Ihnen das Deutsch-Koreanische Dialogforum eröffnen kann.

I.

Die Beziehungen zwischen Korea und Deutschland sind ja noch vergleichsweise jung. Die Deutschen haben Korea erst Ende des 19. Jahrhunderts für sich entdeckt. Um diese Zeit gründete Herrmann Meyer das erste deutsche Handelshaus in Korea, die Firma Meyer & Co. Johannes Bolljahn wurde 1898 zum Direktor der Kaiserlich Deutschen Sprachschule in Seoul ernannt. Baron von Möllendorff war in den Jahren 1882 bis 1885 zeitweise sogar Vizeaußenminister von Korea.

1885 war es aber noch so, dass ein Abgeordneter im Reichstag sagte, dass es ihm schon schwer genug falle, für Korea ein Konsulat zu bewilligen, dass er allerdings kein Verständnis dafür habe, "für den einen Meyer zu dem Konsul noch einen Generalkonsul hinzusetzen." Das ist schon lange Vergangenheit.

Spätestens nach dem Koreakrieg, nach dem einsetzenden Wirtschaftsaufschwung in Deutschland und schließlich nach dem Wirtschaftswunder am Han-Fluss haben sich die Beziehungen unserer Länder deutlich ausgeweitet und kontinuierlich vertieft. Das Forum, das wir heute aus der Taufe heben, soll Ort und Gelegenheit bieten, über alle Themen zu sprechen, die für Koreaner und Deutsche heute wichtig sind. Im Forum soll - ohne jede Einschränkung - offen und, wo nötig, auch kontrovers über alle Facetten unserer Beziehungen gesprochen werden. Lassen sie mich ein paar Felder nennen, an die man dabei denken könnte.

II.

Ein wichtiges Thema bilden gewiss die Wirtschaftsbeziehungen zwischen unseren beiden Ländern. Gerade in der Asienkrise haben sie sich als tragfähig erwiesen. Deutschland ist für Korea ein verlässlicher Partner geblieben. Der bilaterale Handel wurde zwar nicht von Einbußen verschont, zeigte sich aber robust. Der Handelsaustausch hat inzwischen wieder ein Volumen von über zehn Milliarden Euro erreicht. Deutschland ist Koreas wichtigster europäischer Handelspartner, weltweit stehen wir an Nummer fünf. Die Europäische Union ist der Hauptinvestor in Korea - nicht Japan und nicht die USA. Unter den europäischen Investoren rangiert Deutschland hinter den Niederlanden auf Rang zwei. Das ist übrigens keine Einbahnstraße, ganz im Gegenteil: Der Handelsaustausch ist ausgeglichen und auch koreanische Unternehmen investieren in großem Umfang in Deutschland.

Auch die kulturellen und wissenschaftlichen Bindungen zwischen unseren beiden Ländern sind eng. Sie werden getragen durch das fortbestehende koreanische Interesse an deutscher Kultur und Wissenschaft. Davon zeugen die vielen koreanisch-deutschen Kulturgesellschaften und die große Zahl koreanischer Studenten, die in Deutschland studieren und studiert haben.

Ich war beeindruckt, als ich hörte, wie viele Koreaner Deutsch gelernt haben und lernen. Die Zahlen sind allerdings rückläufig. Auch in Korea lernt man heute lieber Englisch. Umso mehr müssen wir für ein breites Interesse an deutscher Sprache und Kultur werben. Alle Beziehungen, ob wirtschaftlich, kulturell oder ganz privat, erfordern ja, dass wir uns zumindest sprachlich verständigen können.

Die Arbeit des Goethe-Instituts wird auch in Zukunft eine besonders wichtige Rolle spielen. Deshalb begleitet mich auch Herr Sötje, der zuständige Vorstand des Goethe Institutes Inter Nationes auf dieser Reise. Ich freue mich deshalb auch darüber, dass der Leiter des Instituts hier in Seoul, Herr Dr. Schmelter, heute unter uns ist. Mit großem Interesse habe ich mir von Ihren ersten Erfolge bei der kulturellen Zusammenarbeit mit Nordkorea berichten lassen und ich bin gespannt, wie Sie damit weiter vorankommen werden.

Wenn wir darüber nachdenken, wie wir die kulturellen und wissenschaftlichen Bindungen zwischen unseren beiden Ländern weiter ausbauen können, dann geht es selbstverständlich auch um die Frage, wie in Deutschland das Interesse an der koreanischen Kultur noch weiter verstärkt werden kann. Die Fußballweltmeisterschaft hat viel öffentliche Aufmerksamkeit auf Korea gelenkt. Wie lässt sich diese Aufmerksamkeit in echtes, dauerhaftes Interesse umwandeln? Auch das sollte eine Frage sein, die das Forum beschäftigen könnte.

Neben den wirtschaftlichen gehören natürlich auch die politischen Beziehungen zwischen Korea und Deutschland - ebenso wie weltpolitische Themen, die unsere beiden Länder betreffen - auf die Tagesordnung des Forums. Unsere Länder verbindet, auch über die weite Entfernung hinweg, die gemeinsame Erfahrung ungewollter Teilung. Deutsche und Koreaner haben erfahren müssen, dass Menschen entwurzelt und Familien getrennt wurden, dass beide Teile des Landes sich tief verbunden bleiben, die Beziehungen aber von Misstrauen geprägt sind. Deutsche und Koreaner haben die Wechselbäder von Resignation und neuer Hoffnung durchlebt. Es sind solche und andere, ähnliche Erfahrungen, die unsere Länder verbinden. Entsprechend lebhaft ist der politische Austausch. Die Deutsch-Koreanische Parlamentariergruppe des Bundestages kommt regelmäßig nach Korea. Ihr Vorsitzender, der Abgeordnete Koschyk, ist heute ebenfalls hier.

III.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin sicher, dass es für das Deutsch-Koreanische Dialogforum genug Themen gibt, über die sich der regelmäßige Austausch lohnt. Ich bin überzeugt davon, dass das Forum eine gute Zukunft hat. Dafür spricht ja allein schon das Engagement der Sponsoren! Das Forum wird seinem Anspruch gerecht werden; dessen bin ich mir sicher.

Lassen Sie mich zum Schluss all denjenigen danken, die dazu ihren Beitrag geleistet haben - intellektuell wie finanziell. Meine besondere Anerkennung gilt

  • den beiden Vorsitzenden, Herrn Prof. Koh und Herrn Dr. Theo Sommer,
  • den Förderern von beiden Seiten, ohne die das Forum nicht existieren könnte,
  • und all jenen, die von der ersten Idee bis zum heutigen Treffen bei der Umsetzung mitgeholfen haben. Hier nenne ich vor allem den Präsidenten der Koreanisch-Deutschen Gesellschaft, Herrn Dr. Huh, und Herrn Prof. Choi.
Ich wünsche Ihnen allen fruchtbare Gespräche und dem Deutsch-Koreanischen Dialogforum eine gute Zukunft!