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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Festveranstaltung zum 50. Jahrestag der Gründung der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tokyo

Ich empfinde es als einen Glücksfall, dass mein Besuch in Japan mit dem 50-jährigen Jubiläum der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tokyo zusammenfällt.

Die deutsch-japanischen Beziehungen sind traditionell eng und freundschaftlich. Sie können sich auf ein breites und solides Fundament stützen, das schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts durch die intensive Zusammenarbeit im Rechtswesen, in Medizin und Naturwissenschaft entstanden ist.

Die Freundschaft zwischen unseren Ländern und Völkern hat aber eine noch tiefere Dimension. Man kann wohl sagen, dass Deutschland und Japan ein besonderes kulturelles Verständnis und Interesse miteinander verbindet - um nicht zu sagen: eine Wahlverwandtschaft.

In meinen Begegnungen mit Japanern habe ich immer wieder feststellen können, dass sie sich emotional mit keinem anderen Land so verbunden fühlen wie mit Deutschland. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut sich viele unserer japanischen Freunde in der klassischen deutschen Literatur und in der deutschen Philosophie auskennen und wie viele Liebhaber klassischer deutscher Musik es in Ihrem Lande gibt.

Ich befürchte allerdings, dass wir in Zukunft nicht mehr wie selbstverständlich auf diese besonderen Bindungen bauen können. Ein deutliches Warnsignal dafür erscheint mir, dass das Interesse junger Japaner spürbar zurück geht, die deutsche Sprache zu erlernen. Dafür gibt es Gründe. An den meisten Universitäten in Japan ist die Pflicht zum Erlernen einer zweiten Fremdsprache seit einigen Jahren entfallen. Gleichzeitig wächst das Interesse junger Japaner an den asiatischen Nachbarländern und deren Sprache und Kultur. Das finde ich verständlich.

Auch die weltweite Dominanz amerikanischer Leitbilder und das scheinbar unaufhaltsame Vordringen des Englischen als globale lingua franca machen es immer schwieriger, junge Menschen in Japan und in Deutschland füreinander und für die Kultur und Sprache des jeweils anderen Landes zu interessieren. Das ist aber unsere wichtigste Aufgabe, wenn wir die deutsch-japanischen Beziehungen so eng und so lebendig erhalten wollen, wie sie das seit einem Jahrhundert gewesen sind. Hier sehe ich auch eine wichtige Aufgabe für die Japanisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaften.

Natürlich weiß ich, dass die Japanisch-Deutsche Gesellschaft Tokyo, deren Geburtstag wir heute feiern, diese Herausforderung erkannt und angenommen hat - genauso wie viele andere Japanisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaften in diesem Land. Das zeigen die von Ihnen organisierten Programme und Veranstaltungen wie Redewettbewerbe oder der Austausch von Schülern und Praktikanten.

Ich möchte Sie zu diesen Aktivitäten beglückwünschen und ich möchte Sie ermutigen, auf diesem Wege weiter zu gehen. Entscheidend für den Erfolg Ihrer Arbeit wird es gewiss sein, den jungen Leuten in Japan klar zu machen, dass es nach wie vor lohnt, sich mit Deutschland zu beschäftigen. Dafür gibt es ja, wie Sie wissen, wirklich gute Argumente:

  • Die Probleme und Herausforderungen, vor denen Deutschland und Japan stehen, sind in vielem vergleichbar.
  • Immer wieder gibt es daher Anlass, sich auszutauschen und voneinander zu lernen: In der Forschungspolitik, im Umweltschutz, bei den sozialen Sicherungssystemen, bei der Teilnahme an friedenserhaltenden Missionen der Vereinten Nationen, um nur einige Beispiele zu nennen.
  • Deutschland spielt eine zentrale Rolle im Prozess der europäischen Integration, Japan in den Bemühungen um regionale Zusammenarbeit in Asien.
Darüber hinaus haben Deutschland und Japan viele gemeinsame Interessen:
  • Wir wollen den freien Welthandel sichern, weiter entwickeln und einen klaren Ordnungsrahmen setzen.
  • Wir setzen uns für eine Reform der Vereinten Nationen ein.
  • Und wir wollen mehr für den Schutz der Umwelt tun - das Kyoto-Protokoll ist das jüngste Beispiele dafür.
  • In der Krise um Afghanistan haben die Konferenz auf dem Petersberg und die Wiederaufbau-Konferenz in Tokyo gezeigt, wie erfolgreich Deutschland und Japan sich ergänzen können, wenn es darum geht, den Frieden durch intelligente Lösungen jenseits des Einsatzes militärischer Mittel zu sichern.

Kurzum: Junge Japaner, die später einmal wichtige Positionen in Ihrer Gesellschaft einnehmen wollen, sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder in Wissenschaft und Kultur, werden immer wieder auf Deutschland als einen für Japan besonders wichtigen Partner stoßen.

Ich greife wohl nicht zu hoch, wenn ich sage: Ihre wichtige und wertvolle Arbeit dient seit fünfzig Jahren der Völkerverständigung. Es waren bewegte 50 Jahre, in denen sich die deutsch-japanische Freundschaft bewährt hat.

1952 waren die Verwüstungen des Krieges in unseren beiden Ländern noch allgegenwärtig. Beiden Ländern hat eine großzügige Siegernation die Hand zu wirtschaftlicher Hilfe und zur Versöhnung ausgestreckt. Beide Länder mobilisierten alle ihre Kräfte und ihre Intelligenz für den Wiederaufbau und für die Verwirklichung von Frieden, Demokratie und Freiheit. Das führte zu den sogenannten "Wirtschaftswundern" in Deutschland und in Japan und zur Rückkehr in die Staatengemeinschaft. Unsere beiden Länder haben beide die Erfahrung gemacht, dass wir uns auf dem neuen Wohlstand und Status nicht ausruhen können, sondern dass sich die Frage immer wieder stellt, wie Freiheit des einzelnen und soziale Gerechtigkeit am besten gesichert und gefördert werden können. Ich bin sicher, dass wir mit den Erfahrungen dieser letzten 50 Jahre getrost die Herausforderungen der nächsten 50 Jahre annehmen können. Die Japanisch-Deutschen Gesellschaften werden ihren Teil dazu beitragen.

Ich danke Ihrer Gesellschaft und allen ihren Mitgliedern und auch den Mitgliedern aller anderen Japanisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaften ganz herzlich für die Mühe und für die Freude, mit denen Sie den Austausch zwischen unseren beiden Ländern und die Freundschaft zwischen Deutschen und Japanern fördern. Für die kommenden 50 Jahre und für noch viele mehr wünsche ich Ihnen Erfolg und gutes Gelingen.