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Tradition und Moderne: Zusammenleben nach dem 11. September - Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau auf einem Seminar des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin -

Die Ereignisse des 11. September und ihre Folgen sind das Thema Ihres Seminars. Ich danke dem Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin und der Zeitung Asahi für die Gelegenheit, einige Gedanken vorzustellen, die mich in den vergangenen Monaten immer wieder beschäftigt haben.

Viele Menschen fragen sich, und ich frage mich auch: Was bedeutet der 11. September und was bedeutet die andauernde Bedrohung durch den Terrorismus für das Zusammenleben der Menschen verschiedener Kulturen und verschiedener Religionen in dieser einen Welt?

I.

Wir werden den Terrorismus nur dann erfolgreich bekämpfen können, wenn wir seine Ursachen aufdecken. Wenn wir nach den Wurzeln suchen, bedeutet das nicht eine Rechtfertigung, dass den mörderischen Anschlägen in Amerika ein Sinn untergeschoben oder dass sie gar gerechtfertigt werden sollten. Täter und Anstifter waren und sind Mörder. Für einen Massenmord an unschuldigen Menschen gibt es keine mildernden Umstände, gibt es auch nicht den Ansatz des Verständnisses. Die Täter stehen nicht für ein Volk, sie stehen nicht für eine Religion, sie stehen nicht für eine Kultur. Sie stehen nicht für den Kampf um Gerechtigkeit. Sie stehen für den Hass an sich, für Fanatismus. Fanatismus zerstört jede Religion, jede Kultur, jedes vermeintlich gerechte Anliegen. Der Fundamentalismus ist nicht das Fundament des Glaubens, sondern der Feind des Glaubens - überall.

Es ist daher richtig, wenn der Terror polizeilich und militärisch bekämpft wird. Zugleich müssen wir aber weiter denken und wir müssen dem Terrorismus den Boden entziehen, auf dem er gedeiht. Es darf uns nicht gleichgültig lassen, dass so viele Menschen in vielen Ländern die terroristischen Aktionen billigen oder gar bejubeln. Der Nährboden des Terrorismus, das ist Armut, politische Entmündigung und kulturelle Überfremdung, das ist soziale Ungerechtigkeit und das ist der Verlust von Würde.

Ansatzpunkt dafür, eine Welt ohne Hass, Feindschaft und gewaltsame Auseinandersetzungen zu schaffen, ist es, überall auf der Welt grundlegende menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Damit sind keineswegs nur ökonomische Bedürfnisse gemeint.

Dazu gehören genauso Identität und Anerkennung, das Streben nach Sicherheit und nach Entwicklung. Armut und Ausbeutung, Elend und Rechtlosigkeit können Menschen verzweifeln lassen - und die Missachtung religiöser Gefühle und kultureller Traditionen nimmt Menschen Hoffnung und Würde.

Oft wird die Globalisierung nicht nur für wirtschaftliche Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht, sondern auch für die Angst vor dem Verlust von Werten und Kulturen - und damit indirekt für den Terrorismus. Ich glaube, dass die Globalisierung unendlich viele Vorteile bringt. Dass sie die Welt zusammenführt, dass sie Kommunikation und Handelsaustausch in unerhörtem Maße beschleunigt hat.

Aber ich weiß auch, dass es Schattenseiten gibt, die nicht übersehen werden dürfen: Die Globalisierung, zu deren bisherigen Gewinnern Deutschland und Japan gleichermaßen gehören, darf nicht dazu führen, dass ganze Regionen und Völker sich ein- für allemal abgehängt fühlen. Sie bedarf eines Ordnungsrahmens, der die Schwachen schützt, der die Chancengleichheit herstellt und der zu einem Ausgleich zwischen unterschiedlich reichen Regionen führt. Ganz so, wie wir das auch innerhalb unserer Länder zu leisten versuchen. Wirtschaftlich und politisch darf sich die Staatengemeinschaft keine Zonen der Gleichgültigkeit leisten, keine vergessenen Konflikte und keine abgeschriebenen Regionen. Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit und der Verantwortung und ein Gebot politischer Weitsicht.

II.

Manche reden davon, der Terrorismus, der sich am 11. September gezeigt hat, sei ein Aufstand der Vormoderne gegen die Moderne. Das ist allzu schematisch gedacht und falsch. Die Terroristen waren durchaus moderne Menschen, die bereit waren, die neuesten, modernen Techniken zu ihren verbrecherischen Zwecken zu nutzen. Ohne die modernen Kommunikationsmedien, ohne die Möglichkeiten elektronischer Finanztransaktionen, ohne Internet und Flugsimulatoren hätten die Anschläge weder geplant noch gesteuert noch durchgeführt werden können.

Wir sehen hier eher die Ambivalenz der Moderne selber. Die technologische Seite der Moderne bringt nicht automatisch auch die moralische oder humanistische hervor, von der die europäische Aufklärung am Anfang der Moderne so intensiv gehandelt hat.

Die Orientierung, die uns ein menschliches und faireres Zusammenleben ermöglicht, kann nicht aus den technischen Errungenschaften der Moderne gewonnen werden, auch wenn wir auf die mit Recht stolz sein können.

Die Antworten auf die Frage, wie wir leben sollen und wie wir zusammenleben sollen, kommen aus anderen Quellen. Es sind die Quellen der Weisheit und des Lebenswissens, die seit alters her unsere Kulturen prägen und die sie in langen Jahrhunderten geschaffen haben. Dazu gehören auch die religiösen Überzeugungen, die die Menschen in Ost und West formen und dazu gehören die moralischen Standards, auf die sich die Gesellschaften verpflichtet haben. Einige davon sind weltweit, wie die Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

Natürlich sind die Gesellschaften unterschiedlich. Wann hat man das besser gewusst als heute, in der globalisierten Welt, da wir uns alle näher rücken? Natürlich sind alle Kulturen von unterschiedlichen Traditionen geprägt und haben uns unterschiedliche Vorstellungen von Mensch und Welt mitgegeben. Deswegen ist es wichtig, dass die Kulturen sich begegnen, dass sie die Schätze, die sie für die Menschheit bedeuten können, miteinander teilen. Der Dialog der Kulturen ist eine wichtige Aufgabe auf allen Ebenen - auf der politischen, der akademischen und der künstlerischen. Sicher müssen sich auch die Religionen immer mehr einander begegnen.Voraussetzung ist, dass das mit dem Respekt vor dem Anderen und seiner Tradition geschieht, mit einer Toleranz, die nicht mit einer Beliebigkeit der Werte verwechselt werden darf. Dann werden nicht nur Unterschiede diskutiert und akzeptiert, sondern auch Gemeinsamkeiten gefunden werden.

III.

Im Dialog müssen wir herausfinden, was uns eint. Welches die Werte sind, auf die wir uns einigen können und müssen. Im Dialog werden wir auch erproben, welche Werte für uns unabdingbar sind. Und wir müssen lernen, Verschiedenheit auszuhalten. Immer neu müssen wir lernen, was Toleranz heißt und wie wir sie ganz praktisch leben können. Toleranz macht nicht alles gleich. Sie bedeutet Anerkennung der Unterschiede in Kenntnis der Unterschiede.

IV.

Es ist kein Naturgesetz, dass wirtschaftlicher Fortschritt mit der Preisgabe kultureller Identität, mit dem Verlust historisch gewachsener Bindungen und religiöser Überzeugungen einhergehen muss.

Gerade Japan ist ein Pionier der Modernisierung geworden und dennoch völlig gelassen in der eigenen Kultur geblieben. Und es hat die erstaunliche Fähigkeit bewiesen, von außen Aufgenommenes weiterzuentwickeln, bis es integraler Teil der eigenen Kultur wurde.

Ich frage: Warum war hier die Integration der Moderne so schnell und so beeindruckend erfolgreich, ohne Überzeugungs- und Religionskriege, wie wir sie in Europa und anderen Teilen der Welt erleben mussten?

Vielleicht deswegen, weil Japan das, was es neu kennen gelernt hat, nicht als Teufelszeug, sondern als Element der eigenen Fortentwicklung verstanden hat: sei es mit der Übernahme kultureller und religiöser Elemente aus China und Korea in den frühen Jahrhunderten, seien es moderne Techniken und Wirtschaftsformen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Bei allen Problemen, mit denen Japan in jüngster Zeit zu kämpfen hat, sollten wir diese historische Leistung nicht vergessen, die auf einer wohlüberlegten, sehr praktischen Einstellung beruht: Im Fremden nicht nur eine Bedrohung zu sehen, sondern auch eine Chance, das Eigene, das Althergebrachte zu verbessern, zu verfeinern, letztlich auch konkurrenzfähig zu machen.

Dazu gehört wohl ein weiterer Faktor, den ich mir auch für meine Landsleute beim Umgang mit der Globalisierung öfter wünschen würde: die Neugier. Bei aller wohlangebrachten Skepsis: Wer einmal erlebt hat, wie freundlich und zugleich hartnäckig, wie unbefangen und doch gründlich, wie offen und fast spielerisch sich Japaner dem Neuen zuwenden, der wird wissen, was ich meine. Der japanische Kulturwissenschaftler Kato hat das einmal so ausgedrückt: "In Japan kommt das Neue gleich nach dem Göttlichen." Aristoteles sagte es so: "Staunen ist der Anfang des Philosophierens."

Eine deutsche Wissenschaftlerin hat ihr Buch über das japanische Erziehungssystem so genannt: "Anleitung zur Neugier". Ich denke, dass sich hinter dieser einfachen Formel eine Menge Stoff zum Nachdenken verbirgt, zum Beispiel auch darüber, warum Japan in der PISA-Studie so viel besser als Deutschland abgeschnitten hat.

Japan hat uns offenbar in mancherlei Hinsicht etwas voraus. Wir können uns nur wünschen, dass es sich mit seinem historischen Erfahrungsschatz der Aneignung von Neuem, dass es sich mit seiner freundlichen Neugier gerade auch am interkulturellen Dialog intensiv beteiligt. Das würde uns alle bereichern.