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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Festakt "525 Jahre Universität Tübingen"

Herr Rektor,
hochansehnliche Festversammlung,

als heute Morgen festgestellt wurde: "Starke Bronchitis aufgrund der Klimaunterschiede in drei asiatischen Ländern, besser sagte man ab", da fiel mir das Wort eines britischen Konservativen ein, eines Wissenschaftlers, der wissenschaftlich erwiesen hat, dass jedenfalls in England durch Grußworte mehr Arbeitszeit verloren geht als durch Streiks. Da habe ich in der Tat eine Zeitlang überlegt, ob ich mich Ihnen ersparen sollte. Hätte ich in Tübingen Theologie studiert, dann wäre das vielleicht gegangen, wegen des lutherischen Akzentes, aber ein Calvinist aus dem Bergischen ist selbst dann noch pflichtgetreu, wenn er nach Tübingen nur mit lauter Hochachtung und Respekt blickt, und davon will ich in der Tat zu Ihnen sprechen.

Sie haben am Donnerstag gefeiert, das Jubiläum des Landes Baden-Württemberg, an dessen Feierstunde ich wiederum in Stuttgart habe teilnehmen können. Sie haben heute das 525-jährige Jubiläum Ihrer Universität. Ich habe mich über die Doppelung gewundert und dann in einem Interview mit Ihnen, Herr Rektor, gelesen, Sie wollten den Tübingern das Feiern nicht abgewöhnen. So steht es in einer attempto-Äußerung von Ihnen. Also feiern wir eine der großartigsten Universitäten des Landes, feiern wir etwas, was über die Landesgeschichte hinaus weit zurückreicht, feiern wir die älteste Landesuniversität Württembergs, die das Land seit jeher stark mitgeprägt hat. Ich gratuliere der Universität ganz herzlich.

Viele Namen werden in solchem Zusammenhang genannt, und die Auswahl ist immer sehr subjektiv. Mit Recht ist schon der Gründer der Universität genannt worden. Sprechen wir vom Neugründer, dann dürfen wir Carlo Schmid nicht vergessen, der, als er noch Kultusminister war, diese Universität entdeckt hat als Vorsitzender des Landesdirektoriums von Württemberg-Hohenzollern. Der setzte sich dafür ein, dass bedeutende Wissenschaftler nach Tübingen kamen: Eduard Spranger, Hans Rothfels, Helmuth von Glasenapp, Helmut Thielicke, Adolf Butenandt und andere. Mit ihnen konnte die Universität schnell an ihre alte Tradition und ihren guten akademischen Ruf anknüpfen. Er selber, Carlo Schmid, wurde 1946 Professor in Tübingen und übernahm den Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Völkerrecht; er hatte ihn bis 1953 inne.


II.

Seine Bereitschaft, sich für den Wiederaufbau Deutschlands in Europa einzusetzen, ist für Tübingen und Baden-Württemberg und für unser Volk ein Glücksfall gewesen. Carlo Schmid war kein Einzelfall mit seinem Engagement. Es ist Tatsache, das immer wieder Gelehrte der Universität sich öffentlich zu Wort gemeldet haben und sich von der kleinen Stadt im Südwesten aus in die Geschicke des Landes eingemischt haben. Dafür gibt es eine Fülle von Beispielen. Sicher gehört Theodor Eschenburg zu den bedeutendsten dieser Beispiele. Er hat von Tübingen aus die Politik nicht nur wissenschaftlich begleitet - er bekleidete den ersten Lehrstuhl für "wissenschaftliche Politik" -, sondern sich auch in aktuellen politischen Debatten immer wieder zu Wort gemeldet.

Die Liste derer, die mit kritischer Sympathie aus der Distanz die Politik des Landes, des Bundes, der Welt begleitet haben, die ist lang. Als Eschenburg Professor war, wurde Ernst Bloch berufen, und wie Ernst Bloch, so auch Walter Jens. Natürlich muss man Hans Küng nennen, und man muss Hans Mayer nennen, auch wenn der erst nach seiner Emeritierung Honorarprofessor hier in Tübingen wurde. Sie sind allesamt streitbare Köpfe gewesen, die wichtige Diskussionen angestoßen und das öffentliche Bewusstsein nachhaltig geprägt haben. In ihnen hatten und haben wir kritische Weggefährten, die immer wieder zur offenen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, mit fremden Traditionen und mit neuen Entwicklungen mahnen und ermuntern.

Das hat Tübingen, wenn ich das richtig sehe, immer ausgezeichnet: Ein aufgeklärter und reformerischer Geist. Sehen Sie es mir nach, wenn ich dafür vor allem auf das Beispiel der Theologie blicke: Wer sich die Geschichte des Stifts ansieht, den Ferdinand Christian Baur und den großen Adolf Schlatter, der bis heute ganze Generationen nicht nur schwäbischer Pastoren geprägt hat, wer an Karl Heim denkt, an Ernst Käsemann, wer Jürgen Moltmanns weltweite Wirkung kennt und Eberhard Jüngels hohes, über die Fachgrenzen hinausgehendes Ansehen, der weiß, hier liegt ein Schatz, der ist nicht verborgen, der liegt offen zutage und wir müssen ihn anbieten und von ihm reden. Das gilt natürlich nicht nur für die evangelische Theologie. Auch die katholische theologische Fakultät, ich habe eben Hans Küng genannt, ich hätte Walter Kasper nennen können, und manchen, der nur kürzer hier war - Karl August Fink, auch Ratzinger. Windstille hat es hier nie gegeben, und das ist gut.

Theodor Eschenburg hat 1961 der Landesregierung einen Brief geschrieben, zur Berufung von Ernst Bloch, und er hatte gute Argumente. Er hat geschrieben, er teile ebenso wenig wie der Minister die politischen Ansichten Blochs, aber der sei ein brillanter Kopf, und die Universität brauche dringend frischen Wind. So ist damals Ernst Bloch hierher gekommen.


III.

Dass der Horizont unseres Landes so oft vom kleinen und beschaulichen Tübingen aus erweitert worden ist, das mag verwundern. Noch im Rückblick mutet es fast waghalsig an, dass Graf Eberhard Tübingen als Sitz "seiner" Landesuniversität wählte. Vielleicht hängt es mit dem "Attempto" ("Ich wag's") zusammen. Tübingen war damals, so hat Kurt Oesterle gesagt, eine "Kleinstadt mit Dorfcharakter" - wenig über dreitausend Seelen, kleinste Universitätsstadt in Deutschland. Ich finde, etwas davon ist bis heute spürbar. Obwohl - wenn ich eine Semesterarbeit zu schreiben hätte, schriebe ich die natürlich über die Auswirkungen der Universität auf Groß- und Einzelhandel der Stadt unter besonderer Berücksichtigung von Siebeck und Mohr und Heckenhauer und Osiander. Dann wäre natürlich auch noch interessant eine Untersuchung über die, die als Buchhandelslehrlinge in Tübingen zum Glück gescheitert sind - was hätten wir denn sonst heute von Hermann Hesse?

Also: Tübingen ist eine schwäbische Kleinstadt, bodenständig, beschaulich, wunderschön gelegen und von mittelalterlich-verwinkeltem Reiz. Es ist eine Stadt, die offenbar in sich ruht. Ganz anders die Tübinger Universität, die steckte immer voller schöpferischer Unruhe. Sie ist schon früh zu einer der wichtigsten geistigen Lehrstätten im Land geworden. Sie hat Forscher und Gelehrte aus aller Welt angezogen. Wie wirkt sich dieser Gegensatz von "Universitas" und schwäbischer Provinz aus? Offenbar nicht lähmend, vielleicht liegt hier sogar der Schlüssel zum Erfolg der Tübinger Universität. Vielleicht bietet Tübingen den Forschern und den Studierenden gerade wegen seiner Unaufgeregtheit in besonderem Maße Gelegenheit, sich dem fachlichen Diskurs wirklich zuzuwenden. Schließlich leben Universitäten davon, dass sie sich auf sich selbst und ihre eigene Arbeit besinnen können, dass sie sich nicht an fremden Zwecken orientieren müssen.


IV.

Da mag der eine oder andere von Ihnen einwenden, dass das gar nicht so sei und dass einem auch in Tübingen doch gelegentlich die Decke auf den Kopf fallen könne. Unbestritten ist aber, dass die Universität Tübingen das Ideal der "Universitas" verkörpert, so wie Sie, Herr Rektor, sie in Ihrer Positionsbeschreibung dargestellt haben, und dass sie dafür seit langem hoch angesehen ist.

Dies Ansehen hat sich die Tübinger Universität nicht zuletzt dadurch erworben, dass sie früh­zeitig neue Entwicklungen aufnahm, den Fächerkanon erweiterte und sich immer bemühte, einzig dem wissenschaftlichen Fortschritt zu dienen, und zwar auch gegen Widerstände.

Sie haben uns die Jahreszahl genannt, Herr Rektor: 1863 wurde in Tübingen nach langen Diskussionen die erste naturwissenschaftliche Fakultät an einer deutschen Universität eingerichtet. In Tübingen gründete Hoppe-Seyler in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts das erste biochemische Labor weltweit, und hier erforschte er den roten Blutfarbstoff. Die Naturwissenschaften und die Medizin haben wesentlich zum hohen Ansehen der Tübinger Universität beigetragen. Die naturwissenschaftlich-medizinische Forschung in Tübingen bewegt sich bis heute - in enger Zusammenarbeit mit den hier ansässigen Max-Planck-Instituten - auf wirklichem Weltklasseniveau.

Dennoch verdankt Tübingen seinen guten Ruf in allererster Linie den Geisteswissenschaften. Mit Tübingen verbinden sich Namen wie Friedrich Silcher, Ludwig Uhland, Friedrich Theodor Vischer und Wolfgang Schadewaldt. Natürlich auch die ganz Großen, die Stipendiaten des Tübinger Stifts: Hegel, Hölderlin, Schelling und viele mehr. Das Fortleben dieser Tradition hebt Tübingen aus dem Konzert der Universitäten heraus.

Die Geisteswissenschaften erschließen nicht nur Fachgebiete, die von wachsender Bedeutung sind - gerade sogenannte "Orchideenfächer" wie Orientalistik, Indologie und Religions-wissenschaften widmen sich Wissensfeldern, die immer wichtiger werden in einer Welt, die auf der Suche nach Orientierung ist. Sie arbeiten auch mit einer eigenen Methodik und mit einem anderen wissenschaftlichen Selbstverständnis als die Naturwissenschaften. Ein Text, eine Ausgrabung, ein historisches Ereignis müssen verstanden werden und das heißt, dass danach gefragt werden muss, was der Autor, was die Handelnden gemeint haben und vor welchem Hintergrund sie etwas sagten oder taten. Die Frage danach, was gemeint ist, das ist die Frage nach dem Sinn.

Wie wichtig solche Fragen auch für die Naturwissenschaften sind, zeigen die Debatten über den richtigen Umgang mit naturwissenschaftlich-technischen Entwicklungen. Um unsere Lebenswelt menschlich zu gestalten, müssen wir sie immer auch bewerten. Wir müssen unser Tun an Werten ausrichten.


V.

Heute werden immer öfter an die Universitäten neue Maßstäbe angelegt. Es wird nach dem Nutzen von Forschung und Lehre zunehmend auch unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Verwertbarkeit gefragt. Ich halte das für zulässig. Wir leben in einer Zeit, in der die Verfüg­barkeit von Wissen und der richtige Umgang mit diesem Wissen zu wichtigen Garanten wirt­schaftlicher Prosperität geworden sind. Da können sich die Universitäten nicht abschotten, da dürfen sie nicht in hermetisch abgeriegelte akademische Welten flüchten.

Das darf aber nicht bedeuten, dass nun den Universitäten und den Forschenden ständig von außen die Vorgabe gemacht wird, dass sich alles rechnen müsse und zwar möglichst schnell. Dann nämlich würden sich Forschung und Lehre an den Universitäten nur noch der Lösung praktischer Fragen widmen, sie würden aber keine neuen Fragen, keine neuen Probleme mehr aufwerfen. Kurz: Unser Wissen würde sich auf den Feldern vermehren, die es schon gibt, es würden aber keine neuen Wissensfelder mehr erschlossen.

Die Wissenschaften leben aber davon, die Dinge nicht nur zunehmend differenzierter dar­stellen zu können, sondern sie immer wieder neu in den Blick zu nehmen und andere, bislang unbekannte Perspektiven zu erkennen und zu zeigen. Auf längere Sicht können Forschung und Lehre an den Universitäten gerade so der wirtschaftlichen Entwicklung in unserem Land neue Impulse geben.

Ich bin davon überzeugt, dass die Geisteswissenschaften auch die Aufgabe haben, diese Frei­heit der Wissenschaften, diesen zweckfreien, ja rücksichtslosen Blick zu verteidigen - für sich selber und auch für die Naturwissenschaften. Die Geisteswissenschaften stehen ja unter geringerem Erwartungsdruck, etwas unmittelbar Verwertbares zur Lösung praktischer Probleme beizutragen.

Daher sage ich hier - und ich meine niemanden besonders, sondern ich wende mich an alle, die in Deutschland Verantwortung tragen für unsere Hochschulen: Die verstärkte Förderung der Natur- und Lebenswissenschaften ist wichtig und sie ist richtig, denn die Entwicklungen vor allem in den Lebenswissenschaften vollziehen sich immer schneller und wenn die Forschung in Deutschland mit zur Spitze gehören will, dann sind dafür auch zusätzliche Mittel nötig.

Die Förderung der Lebenswissenschaften darf aber nicht einseitig zu Lasten der Geistes­wissenschaften erfolgen. Für kleinere Fächer, die ohnehin über wenig Mittel verfügen, können schon kleine Kürzungen große Folgen haben, bis hin zum Aus. Auch wenn sie in geschrumpfter Form weitermachen können, drohen Mittelkürzungen leicht zur existenziellen Gefahr für geisteswissenschaftliche Fächer zu werden. Das sollte niemand riskieren. Die Hochschulen dürfen nämlich nicht ihre eigenen Wurzeln kappen.

Die Geisteswissenschaften brauchen weiter besondere Förderung. Geisteswissenschaftler brauchen wenig Geld, aber sie brauchen viel Zeit. Geht zuviel von dieser Zeit für die Beschaffung von Forschungsgeldern drauf, fehlt die Muße, die man braucht, um bestehende Grenzen zu überschreiten - und darin besteht nach einem Wort von Ernst Bloch ja das Denken. Dann aber droht die Gefahr, dass die Geisteswissenschaftler zu bloßen Sach­verwaltern des Gewesenen und Gestrigen werden und dann wird - nicht einmal zu Unrecht - der Ruf laut, sie noch weniger zu fördern. Die Universitäten dürfen diese Entwicklung weder dulden noch selber betreiben.


VI.

Tübingen ist ein Ort des Dialogs zwischen den Disziplinen, zwischen den Fakultäten, zwischen den Lehrenden und Studierenden verschiedener Fächer. Das mag schon der Grund­riss der Stadt mit sich bringen, in der man sich viel leichter einmal über den Weg läuft als anderswo; vor allem wird der Kontakt aber institutionell gefördert: Ein gutes Beispiel dafür ist das "Interfakultäre Zentrum für Ethik in den Wissenschaften", an dem neben der medizinischen und der biologischen die beiden theologischen und die philosophische Fakultät beteiligt sind.

Den Dialog fördert auch das Studium Generale, das in Tübingen sehr vielseitig ist und von Mitgliedern der Universität ebenso wie von Bürgern der Stadt lebhaft besucht wird. Der gute Austausch zwischen den Fächern gibt für viele Wissenschaftler den Ausschlag, hierher zu kommen und hier zu bleiben. Das soll so bleiben - und ich bin zuversichtlich, es wird so bleiben.

Schwäbisch kann ich nicht, darum schließe ich meine Grußrede mit den Worten des Wahl-Tübingers Ernst Bloch: "Das Denken schafft selbst erst die Welt, in der verwandelt werden kann und nicht bloß gestümpert".

Ich wünsche der Universität Tübingen, dass sie auch in Zukunft nicht stümpert, sondern denkt. Ich grüße Sie alle von Herzen und gratuliere Ihnen zum Jubiläum dieser ganz besonderen Universität Tübingen.