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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau zur Verleihung des Piepenbrock-Preises für Skulptur 2002 an den Bildhauer Tony Cragg

Herr Professor Schuster hat schon so viele Stichworte genannt, speziell zu Nordrhein-Westfalen und zu Wuppertal, dass ich mir Mühe geben muss, Ergänzungen zu finden. Ich bin auch dankbar für das, was er weggelassen hat: Zum Beispiel meine Auseinandersetzungen mit Joseph Beuys vor dreißig Jahren, als ich an der Seite von Norbert Kricke, dem damaligen Direktor der Kunstakademie Düsseldorf, den Streit mit Josef Beuys austragen musste. Wenn ich heute sehe, dass die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen darum kämpft, die Beuys-Werke als Dauerleihgabe behalten zu dürfen, ist das für mich ein Feld vieler Erinnerungen und vieler Hoffnungen.

Aber ich kann ja nicht über alles sprechen, sondern will über Anthony Cragg sprechen und will ihn grüßen. Ein Bundespräsident muss natürlich immer auch an Daten denken: Was gibt es heute noch? Und heute gibt es noch etwas: Heute ist Goethes Geburtstag. Und der Sohn von Anthony Cragg, John Cragg, wird heute fünfzehn und ist hier: Herzlichen Glückwunsch!

Sie haben es schon deutlich gemacht, Herr Professor Schuster: Wenn es die Piepenbrocks nicht gäbe, wenn es den "Piepenbrock Preis für Skulptur" und den "Piepenbrock Nachwuchspreis für Bildhauerei" nicht gäbe, man müsste sie erfinden! Selbst dann, wenn man zugeben muss, dass Osnabrück eigentlich in Niedersachsen liegt. Da Ministerpräsident Gabriel und der Bundeskanzler nicht hier sind, füge ich hinzu, dass das eigentlich nicht zählt, denn an sich liegt Osnabrück auf westfälischem Gebiet. Der Westfälische Friede hat die alten Grenzen verändert, und nun sind wir ein Volk guter Nachbarn - in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Berlin, wo wir uns jetzt alle miteinander wohlfühlen.

Ich bin kein Kunsthistoriker. Ich kann weder das Werk von Cragg noch von Rentmeister fachlich beurteilen. Deshalb bin ich froh darüber, dass dies Herr Brockhaus tun wird, dem ich seit vielen Jahren verbunden bin. Ich bin auch kein Experte für moderne Skulptur, und darum will ich nur ein paar persönliche Worte zu Anthony Cragg und seinem Werk sagen: Als ich seine Arbeiten vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal gesehen habe, war ich irritiert. Ich sah an den Wänden und auf dem Boden Ansammlungen aus Plastikteilen, Abfällen und Müll. Aus blauen Wegwerfartikeln, Plastikscherben und anderen alltäglichen Gegenständen setzte sich das Bild eines Polizisten zusammen. Die roten Gegenstände, zu denen auch ein Bumerang und Plastik-Campingteller gehörten, bildeten die Figur eines Indianers. Der Lastenträger, der unter seinem schweren Sack fast zusammenbrach, war eine Anhäufung von bunten Fundstücken.

Diese neue, andere Sicht auf die Dinge hat - so glaube ich - nicht nur mich zunächst verstört. Das passte gar nicht zu meinen Vorstellungen von Plastiken. Aber meine Neugier war geweckt, und ich habe seitdem den Werdegang von Anthony Cragg mit Interesse verfolgt - und das nicht nur, weil wir beide Wuppertaler sind und wir lange in Düsseldorf gearbeitet haben, und auch nicht nur, weil meine Frau sogar schon einmal Bestandteil einer Anthony-Cragg-Ausstellung gewesen ist. Ihr Besuch in der Wuppertaler Ausstellung wurde gefilmt. Und diesen Film hat Irmgard Mössinger, die das Werk Tony Craggs erstmals in den neuen Ländern vorstellte, im vergangenen Jahr in der Cragg-Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz gezeigt, in der Stadt, in der ich als Evakuierungskind in die Schule gegangen bin.

Der Grund für mein Interesse ist der, dass Anthony Cragg für uns, die wir ihm auf seinen Wegen durch das weite Feld der Skulptur zu folgen versuchen, immer wieder Neues bereithält. Wenn man glaubt, seine Antworten und seine Arbeiten endlich zu "kennen", dann hält er in der nächsten Ausstellung schon wieder Überraschungen bereit. Davon haben sich schon Ausstellungsbesucher auf der ganzen Welt überzeugen können. Hier in Berlin, der Stadt Schinkels, hat er die Säulen zum Tanzen gebracht. Sie verzaubern jeden, der die britische Botschaft besucht. Jeder, der Cragg und seine Arbeit kennt, weiß auch, dass das noch lange kein Ende einer Entwicklung ist. Ich freue mich sehr darüber, dass wir nun auch vor dem Hamburger Bahnhof eine seiner tanzenden Säulen sehen können. Das war gar nicht so einfach. Ich weiß, dass das viele Nerven und viel Schweiß gekostet hat. Die Mühe hat sich aber gelohnt.

Auch organisatorisch hat Anthony Cragg für uns eine kleine Revolution vorbereitet. Seine Berufung als Professor für Bildhauerei an die Universität der Künste war der Anlass für die Errichtung eines neuen Ateliers. Dafür wurde erstmals eigens ein Planungsbüro in der Universität der Künste eingerichtet mit Mitgliedern aus allen Bereichen. Dieses "büro 1 : 1" hat von den ersten Ideen über die Planungs- und Genehmigungsphase bis zum Bau des Ateliers alles selber realisiert. Das passierte in der kurzen Zeit vom Mai 2001 bis April 2002. Wenn ich mir den Nordflügel des Schlosses Bellevue ansehe, wünschte ich mir ebensolche Bauzeiten!

Die Studenten der Klasse Cragg verdanken dieser Zusammenarbeit aller Beteiligten den schönsten Werk- und Studienraum in der Universität der Künste. Aber sie verdanken Anthony Cragg noch viel mehr. Denn wer von ihm als Künstler redet, muss von ihm auch als Lehrer sprechen. Und das tue ich besonders gern. Anthony Cragg hat einmal über die Deutschen sehr plastisch, sehr drastisch gesagt: "Die Leute hier in Deutschland haben oft das Gesicht auf den Knien". Wie geht er damit um, wenn er solche Anwandlungen bei seinen Studenten erlebt? "Babies, nehmt eure Arbeit ernst, aber eure Problemchen nicht", gibt er ihnen mit auf den Weg. Und wenn das auch nichts hilft, dann lässt er seine Studenten singen. Ja, Sie haben recht gehört: Eine Bildhauerklasse, in der manchmal gesungen wird. Singen lockert, Singen macht froh, Singen entkrampft. Das ist in bestimmten Fällen ein guter pädagogischer Ansatz - gerade in unserem Land. Ich finde, seine Studenten sind um einen solchen Lehrer zu beneiden.

Darum gratuliere ich von Herzen Anthony Cragg zum "Piepenbrock Preis für Skulptur". Und ich möchte auch Thomas Rentmeister zum "Piepenbrock Nachwuchspreis für Bildhauerei" gratulieren. Die Ausstellung mit den Arbeiten von Rentmeister ist seit vier Wochen hier im Hamburger Bahnhof zu sehen. Ich habe gehört, der Zuspruch sei groß, und es würden interessante Diskussionen ausgelöst. Warum das so ist, können wir gleich nach der Preisverleihung selber sehen. Ich freue mich, dass ich dabei sein kann.

Ich danke den Piepenbrocks, und ich gratuliere Cragg und Rentmeister - und uns zu allen Vieren.