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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Verleihung des Deutschen Designpreises

Gestern Abend war ich in einer Ausstellung mit 120 erlesenen Bildern flämischen Stilllebens aus der Zeit des Barock, aus den Jahren des dreißigjährigen Krieges. Ich habe die Farben und die Figuren und die Bilder und die tiefen Wirkungen noch im Sinn, wenn ich jetzt zum Design und zum Designpreis spreche.

Auch heute geht es um schöne Dinge, allerdings um schöne Gebrauchsgegenstände. Darum bin ich gerne hierher gekommen. Mir fiel beim Thema Design ein Satz ein, den Bettina von Arnim aufgeschrieben hat: "Unser Signum ist die Fahne der Freiheit, die verbreitet hellen Glanz mitten in den Zeiten der Nacht." Ich glaube, das ist es, was auch jedem Designer vorschwebt: Ein helles Zeichen zu setzen im Grau des Alltags.

Gutes Design ist die gelungene Symbiose von Funktion und Ästhetik. Wenn Farbe, Form und Material so zusammengefügt werden, dass sie nicht nur praktisch sind, sondern die Sinne ansprechen, auf eine Weise, die der Zeit entspricht, in der wir leben, dann rückt der Erfolg eines Produktes ein gutes Stück näher.

Design, ich glaube, dass sich darin die Fachwelt einig ist, ist nicht Kunst, denn Design ist ja nie zweckfrei, aber dem guten Designer gelingen Kunststücke.Wer an die Geschichte des Designs in Deutschland denkt, der denkt natürlich an den Deutschen Werkbund, an Walter Gropius und das Bauhaus und nach dem Zweiten Weltkrieg an die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Wenn wir an gelungene Formgebung denken, die Geschichte geschrieben hat, dann fallen uns natürlich auch aus den letzten Jahrzehnten gleich viele Namen und Produkte ein: In den neuen Ländern denkt man vielleicht an VERITAS-Nähmaschinen ein oder an MZ-Motorräder. Die haben einen hohen Wiedererkennungswert.In den alten Ländern fallen uns Stereoanlagen und Haushaltsgeräte aber auch Feuerzeuge und Rasierapparate von Braun ein. Der Porsche 911 oder das Bobby-Car aus Fürth, das vor kurzem seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag hatte und mit dem Millionen Menschen eigenständige Mobilität sinnlich erfahren haben - Millionen Kinder. Manche Eltern haben um ihre Designer-Möbel gefürchtet, wenn dies Car durch die Wohnung fuhr. Es fällt einem natürlich auch ein, was Bauknecht alles weiß...Sie sehen, meine Damen und Herren, gutes Design muss nicht aus Italien stammen, das gibt es auch in Deutschland. Es ist ein längst widerlegtes Vorurteil, dass deutscher Formgebung der Geruch von schwerem Maschinenöl anhaftet, von funktionaler Perfektion in langweiliger Verpackung. "Design aus Germany": Dafür stehen auch die Produkte, die heute ausgezeichnet werden und die schon andere Preise gewonnen haben.Wir haben von der Globalisierung der Wirtschaft schon gehört, in dem, was Herr von Zitzewitz und Herr Lübke uns gesagt haben. Diese Globalisierung macht es heute möglich, dass technisch ähnliche und gleichwertige Produkte in vielen Ländern der Welt hergestellt werden können. Darum wird die Formgebung immer wichtiger, sie macht Produkte unverwechselbar und sie wird nicht selten zum internationalen Markenzeichen eines Herstellers. Das Design muss regionale und kulturelle Vorlieben berücksichtigen, es muss gleichzeitig ein Produkt aus der Masse weltweit verfügbarer Güter herausheben. Darum fordert die Globalisierung der Wirtschaft Kreativität der Formgeber.Der Erfolg eines Produktes auf dem globalen Markt hängt heute wesentlich vom Design ab. Darum braucht eine international wettbewerbsfähige Wirtschaft kreative Designer, die aus der Funktion eines Möbels oder eines technischen Geräts eine Form entwickeln, die für sich spricht.Die Formgebung ist ein Spiegel der Zeit, ein Spiegel der Lebensgefühle und der herrschenden Ideale und Werte. Das wirft, meine Damen und Herren, natürlich auch kritische Fragen auf. Manchmal wird der Designer-Mantel nur gekauft, weil er ein Designer-Mantel ist, nicht weil er wärmt und schützt. Manches Designer-Regal wird gekauft, auch wenn man kein einziges Buch darauf unterbringen kann. Das Logo des Designers scheint manchmal wichtiger zu werden als seine Funktion. Die Verpackung wird wichtiger als der Inhalt. Die Inszenierung ersetzt häufig die inhaltliche Auseinandersetzung. Ob sich auch in dieser Inszenierung der Zeitgeist spiegelt und das Lebensgefühl der Gesellschaft?Gutes Design, so war es früher gängige Auffassung, und ich glaube, sie gilt auch heute, muss aus der Funktion eines Produktes entwickelt werden.Ich habe den Eindruck, dass sich da gelegentlich die Akzente verschieben. Der Design-Begriff ist anders geworden. Design wird immer stärker als eigenständiges Produkt verstanden. Bei denjenigen, die statt von Design lieber von Formgebung oder von Formgestaltung sprechen, scheint das nicht der Fall zu sein. Vielleicht drückt sich in diesem sprachlichen Unterschied auch ein inhaltlicher aus. Ich bin froh darüber, dass zu der heutigen Veranstaltung der Rat für Formgebung eingeladen hat. Ich rede nicht einer nüchternen Funktionalität das Wort. Menschen haben unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse. Davon lebt die Wirtschaft, davon lebt der Markt, davon leben Formgeber und davon leben viele andere Menschen.Wer als Gestalter, als Entwerfer und Formgeber sein Handwerk professionell versteht, der steht immer auch in der gesellschaftlichen Verantwortung, wie jedes Unternehmen, das Güter herstellt oder Dienstleistungen anbietet. Diese Verantwortung erstreckt sich nicht nur auf Umsatz und Gewinn, sie erstreckt sich auch auf das Feld des Sozialen und der Ökologie. Seit einigen Jahren wird der Begriff der Nachhaltigkeit nahezu inflationär gebraucht, für nahezu alles und jedes. Dieser Begriff ist in Wirklichkeit aber ein Ausdruck für gesellschaftliche Verantwortung.Le Corbusier hat den alten Satz von Protagoras aus dem 4. Jh. v. Chr. aufgegriffen, das Wort vom "Maß der Dinge". Dabei hat das Maß einen doppelten Sinn: Es geht um Proportionen und es geht um die ethische Vorgabe. Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt der Welt, aber er muss sich für diese eine Welt verantwortlich verhalten.Vor zehn Jahren etwa hat Otl Aicher, der Gründer der Hochschule für Gestaltung in Ulm, geschrieben: "Ein Stuhl, auf dem man schlecht sitzt, ist ein schlechter Stuhl. Er kann vielleicht zu einem Kunstwerk werden, wenn man ihn an die Wand hängt, wo er eigentlich nicht hingehört, zu einer psychischen Requisite. Gutes Design wird er nie."Das heißt also, Design muss dem Menschen dienen, es muss den Menschen erfreuen, aber gelungenes Design ist eben kein Kunst-Ersatz und keine Ersatzkunst, sondern vom Zweck des Gegenstandes bestimmt. Ich wäre froh, wenn diese Vorstellung auch in den vielen Bereichen der Formgebung noch stärker Gewicht und noch größeren Raum gewönne. Wenn ich es richtig sehe, dann liegt dieser Gedanke auch der Jury des Deutschen Designpreises am Herzen.Nun eröffnet die Tendence ihre Tore mit der Vergabe des Designpreises. Ich möchte allen Ausstellern und allen Besuchern dieser größten internationalen Konsumgütermesse gute Geschäfte wünschen, faire Preise und dass Sie sich wohlfühlen in Frankfurt und hier auf der Messe. Seien Sie noch einmal herzlich gegrüßt.