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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Festveranstaltung zum 40jährigen Jubiläum des Theodor-Wolff-Preises

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

I.

Zunächst einmal möchte ich Sie ganz herzlich im Schloss Bellevue begrüßen. Ich sehe viele altbekannte Gesichter, Verleger, Chefredakteure, Preisträger der vergangenen Jahre. Lassen Sie mich einen Gast besonders hervorheben: Ich freue mich darüber, dass Ernst Maria Lang heute bei uns sein kann, Theodor Wolff-Preisträger aus dem Jahre 1966.

Ernst Maria Lang kannte und karikierte alle Persönlichkeiten, die in den letzten 50 Jahren in der Bundesrepublik wichtig waren oder sich für wichtig hielten. Manch ein Politiker war im Nachhinein - und wenn der schmunzelnde Ärger verklungen war - ein wenig stolz, wenn er sich in derSüddeutschenin der Karikatur mit dem großen "L" wiederfand.

Ich freue mich ganz besonders darüber, dass ich neben den "erfahrenen" Preisträgern auch die fünf Journalistinnen und Journalisten begrüßen kann, die heute mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet werden: Ich begrüße

  • die freie Journalistin Irena Brežna,
  • Wolfgang Büscher von der "Welt",
  • Lothar Häring von der "Schwäbischen Zeitung",
  • Peter Schwarz von der "Waiblinger Kreiszeitung"
  • und eine Kollegin, von der mir mein Sprecher Klaus Schrotthofer aus seiner vorhergehenden Tätigkeit schon viel Gutes berichtet hat: Regine Sylvester von der "Berliner Zeitung".

II.

Wir würdigen heute nicht nur fünf hervorragende Journalisten.

In diesem Jahr wird auch ein Preis 40 Jahre alt, der schnell zur bedeutendsten und begehrtesten Auszeichnung des deutschen Journalismus geworden ist.

Die Liste der Theodor-Wolff-Preisträger der vergangenen Jahrzehnte liest sich wie ein "Who is Who" des Journalismus in unserem Land. Von den mittlerweile über 300 Preisträgern haben viele Karriere gemacht - als Chefredakteure, als Ressortleiter, Herausgeber, Fernsehstars, Verleger und Intendanten.

Sie wurden ausgezeichnet für herausragende Zeitungsgeschichten: gut recherchiert, vorbildlich in Sprache, Stil und Form, und, wie es in den Richtlinien der Jury heißt, für das "Zeugnis einer demokratischen und gesellschaftspolitischen Verantwortung."

Demokratische und gesellschaftliche Verantwortung, das waren immer auch die Koordinaten im Wirken eines Mannes, an den wir uns heute erinnern wollen.

Theodor Wolff hat die erste Verleihung "seines" Preises nicht erleben können. Er starb vor fast auf den Tag genau 59 Jahren [23. September 1943] an den Qualen, die er in der Gestapo-Haft nach seiner Auslieferung aus dem Exil in Nizza erleiden musste.

Er war einer der profiliertesten, wenn nichtderJournalist schlechthin der Weimarer Republik. Sein "Berliner Tagblatt" zählte in der Zeit, als er Chefredakteur war, zu den besten Zeitungen Deutschlands.

Theodor Wolff regte seine Leser zum Nachdenken an. Er lehnte es ab, sie mit Bewertungen und Urteilen zu bedrängen.

In seiner Kolumne "lundi" warb er leidenschaftlich für Demokratie, Bürgerrechte und Toleranz. Am Ende der Weimarer Zeit stemmte der jüdische Deutsche Wolff sich beharrlich und engagiert wie nur wenige andere Publizisten gegen die demokratie- und menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus.

Theodor Wolffs Wirken ist nicht vergeblich gewesen.

Der Preis, der seinen Namen trägt, vor 40 Jahren von der "Stiftung Die Welt", jetzt vom Bund der Deutschen Zeitungsverleger gestiftet, schärft heute die Erinnerung an einen politisch unabhängigen Kopf, an einen europäisch denkenden Menschen, an einen klar urteilenden und glänzend schreibenden Journalisten. Ein Journalist, der Beispiel und Vorbild ist für alle Kolleginnen und Kollegen von heute.

III.

Wo Medienschaffende oder Politiker heute über Medien sprechen, wird viel gemäkelt, gejammert und gejohlt - in einer Zeit, die für viele Zeitungen die schwierigste seit Jahrzehnten ist.

Es gibt sicherlich allen Grund, über das Selbstverständnis und die alltägliche Arbeit der deutschen Medien tiefgehender zu diskutieren.

Aber ich will auch sagen, dass wir in Deutschland immer noch eine Zeitungslandschaft haben, auf die wir zu Recht stolz sein können. Unsere Zeitungen sind im europäischen Vergleich absolute Spitze, was die Breite ihrer Berichterstattung, die Aktualität der Themen und die Tiefe ihrer Reportagen angeht. Das wissen zunehmend auch wieder die jüngeren Leser zu schätzen, wie ich mit Freude gelesen habe.

Gerade in diesen vom Wahlkampf geprägten Tagen zeigt sich die Stärke der Zeitung im Vergleich zu anderen Medien: Sie kann kompetent wie kein anderes Medium über verschiedene Parteiprogramme aufklären, Politiker nach Stärken und Schwächen analysieren.

Die meisten Zeitungen nutzen diese Möglichkeiten. Sie können so auch der Politikverdrossenheit entgegenwirken.

Theodor Wolff hat einmal gewarnt: "Ein journalistisches Zuhälterthum rast johlend, berauscht durch den Schrecken, den es verbreitet, über den öffentlichen Markt. Und während die Bedrohten zittern, reibt sich das große Publikum schadenfroh die Hände und sagt: 'Es geschieht ihnen ganz recht'."

Die Warnung, die Wolff formulierte, ist die Warnung vor der Entfremdung zwischen Wählern und ihren Repräsentanten, zwischen Bürgern und ihrer Demokratie - angefacht durch eine nach Sensationen und trivialen Enthüllungen lechzenden Medienlandschaft, die Politikverdrossenheit und Apathie gerne in Kauf nimmt, solange die Auflage stimmt.

Bei mancher sogenannten Affäre im Frühsommer diesen Jahres fühlte man sich kurzzeitig an Wolffs Ausspruch erinnert. Ich bin froh, dass jetzt auch wieder über wichtigere Dinge berichtet wird.

IV.

Ein besonderes Anliegen der Schöpfer des Theodor-Wolff-Preises war schon immer seine Ausgewogenheit in der Würdigung von überregionalem, regionalem und lokalem Journalismus.

Ich freue mich deshalb sehr darüber, heute auch viele Vertreter der Regional- und Lokalzeitungen hier begrüßen zu können.

Ich finde das sehr wichtig. Mein Eindruck ist nämlich, dass in jüngster Zeit zunehmend weniger Repräsentanten der regionalen und lokalen Medien über Einfluss und Ohren in der Hauptstadt verfügen. Das liegt sicher auch an der schwierigen Situation, in der viele Verlagshäuser gerade stecken.

Ich wünsche mir, dass diese Tendenz nicht anhält. Die Regionalzeitungen und regionalen Rundfunksender in Deutschland sind für viele Menschen die wichtigsten - im übrigen oft auch die einzigen - Informationsquellen. Sie sind zur Meinungsbildung unersetzbar, und deshalb ist ihre Präsenz mit eigenen Korrespondenten hier in Berlin so wichtig.

Lassen Sie mich abschließend nochmals auf Theodor Wolff zurückkommen, der einmal gesagt hat, dass "eine große politische Zeitung eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit hat, nicht nur im Dienste eines Unternehmens, sondern auch im Dienste allgemeiner Interessen und nicht ausschließlich nach den Grundsätzen irgendeines kaufmännischen Unternehmens geführt werden sollte."

In den vergangenen Jahren haben wir auf den Medien-, zunehmend auch auf den Seiten im Wirtschaftsteil viel über Konzentrationsbestrebungen großer deutscher Medienunternehmen gelesen.

Ich wünsche mir, dass alle Verleger, Manager und Unternehmer, die an diesem Übernahme- und Fusionskarussell beteiligt sind, sich Theodor Wolffs Ausspruch zu Herzen nehmen.

Vielen Dank.