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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Ratstagung des Lutherischen Weltbundes im historischen Katharinensaal zu Wittenberg am 10. September 2002

Verehrter Herr Landesbischof Krause,

hochansehnliche Versammlung,

ich bin sehr dankbar dafür, dass ich heute hier bei Ihnen in Wittenberg sein kann und dass ich die Mitglieder des Rates des Lutherischen Weltbundes begrüßen darf.

Ich freue mich darüber, dass Sie wieder einmal in unserem Land sind - allerdings ist der Grund für die Wahl Wittenbergs als Tagungsort nicht nur ein fröhlicher: Sie hatten sich vorgenommen, Ihre Zusammenkunft in Jerusalem abzuhalten, und das ist nun schon das zweite Jahr in Folge nicht möglich.

Umso dankbarer bin ich dafür, dass Sie hier in die Lutherstadt Wittenberg gekommen sind - zu den Wurzeln Ihres Namensgebers. Ich denke, Dr. Martinus würde staunen, wenn er in die Runde blickte und wenn er sähe, in wie vielen und in welchen Ländern der Welt sein Name eine Bedeutung hat!

Im vergangenen Jahr habe ich das Ökumenische Zentrum in Genf besucht. Dabei habe ich Sie, Herr Generalsekretär Dr. Noko treffen können. Reverend Nyomi vom Reformierten Weltbund und Reverend Clement von der Konferenz Europäischer Kirchen habe ich bei der Gelegenheit wiedergesehen.

Sie haben es ja schon offenbart, Herr Landesbischof: Ich selber bin reformiert. Die zum Teil aufregenden ökumenischen Debatten der letzten Monate und Jahre habe ich mit Interesse verfolgt.

Dem Lutherischen Weltbund ist besonders zu danken für die Debatte, die vor dem Reformationstag 1999 geführt worden ist und die zur Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre geführt hat. Gewiss: Wer sich das genau ansieht, der weiß: Es ist nicht alles erreicht, was man sich wünschen kann, aber die Bilder von Christian Krause und Kardinal Cassidy in Augsburg gehören doch zum kirchenpolitisch Bewegendsten, an das ich mich in letzter Zeit erinnere. Christian Krause hat sich nicht zuletzt mit dem entschiedenen Vorantreiben dieses Vorhabens große Verdienste erworben. Jetzt geht es darum, dass das auf dem Papier Erreichte mit Leben erfüllt wird. Wir erwarten in Deutschland im Mai des nächsten Jahres mit großer Spannung den ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin.

Wenn Sie hier nach Wittenberg gekommen sind, dann hat vielleicht der eine oder andere von Ihnen auch Bilder Wittenbergs mitgebracht, die nicht Jahrhunderte alt sind, die nicht 1517 aufgenommen worden sind, sondern 2002, als hier die Flut kam. Diese Flutkatastrophe hat in Deutschland über vier Millionen Menschen betroffen. Tausende haben ihr Hab und Gut verloren. Diese Katastrophe hat unendliches Leid gebracht. Viele Menschen konnten gerade noch ihr nacktes Leben retten.

In manchen Ländern, aus denen Sie kommen, geschehen solche Flutkatastrophen häufiger. Ich denke da nicht nur an Bangladesh. Nur wenige wissen: Der Lutherische Weltbund ist auch eine internationale Hilfsorganisation. Über 5000 Männer und Frauen sind im Außendienst, in der Flüchtlings- und Nothilfe tätig. Ich gestehe Ihnen: Ich war bewegt, als mir gestern in Bonn beim vierzigjährigen Jubiläum der kirchlichen Zentralstellen für Entwicklungshilfe der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz Südamerikas einen Scheck für deutsche Flutopfer übergab, eine Kollekte, die in Honduras gesammelt worden ist. Ich war auch zu Beginn der letzten Woche bewegt über das Geld, das ich in Moskau entgegengenommen habe. Ich finde es bewegend, dass es in Amerika und in England und in Russland Konten gibt, auf die Bürger Hilfen für Flutopfer in Deutschland spenden.

Wir sollten daran denken, dass es auch eine Geschichte der Barmherzigkeit auf dieser Welt gibt. Der Lutherische Weltbund hat einmal als Organisation zur Flüchtlingshilfe begonnen, als er noch "Lutheran World Service" hieß. Damals haben deutsche Flüchtlinge in Amerika, in Kanada und in Australien besonders von diesem Service profitiert. Auch heute noch ist der Lutherische Weltbund eine Solidargemeinschaft. Er hat mitgeholfen, dass Christen in Zentraleuropa auch in den Zeiten des Blockdenkens wissen und spüren konnten, dass sie Teil der Weltgemeinschaft sind.

Sie bereiten sich in diesen Tagen - so hoffe ich und so habe ich gelesen - auf Ihre nächste Vollversammlung in Winnigpeg in Kanada vor. Und das Thema, das Sie sich gestellt haben, gefällt mir gut: "For the healing of the world" - "... dass die Welt heil werde...", so wird man das wohl in Lutherischer Tradition übersetzen dürfen. Die Wassermassen des letzten Monats haben uns gezeigt, was geschieht, wenn die Welt nicht "heil" ist. Sie haben gezeigt, was es bedeutet, wenn Flüsse zu gerade sind und wenn die Erde mit zuviel Beton bedeckt ist, wenn die Luft um uns herum nicht mehr "heil" ist, sondern verseucht durch Stickstoff und Kohlendioxyd.

Vor zwei Wochen haben wir in Berlin ein großes Fest gefeiert. Ich hatte gemeinsam mit einer großen Stiftung einen Wettbewerb ausgelobt. Dabei sollten Initiativen ausgezeichnet werden, die sich mit Erfolg um die Integration von Ausländern in Deutschland bemühen. Der Wettbewerb war überschrieben: "Auf Worte folgen Taten". Es war ein fröhliches Fest. Ich musste an eine der ausgezeichneten Gruppen besonders denken, als ich Ihr Thema über das "Heilwerden" las: Das ist die Gruppe "Dien Hong" aus Rostock, in der sich Menschen aus den verschiedensten Ländern zusammen geschlossen, Vietnamesen, Deutsche und viele andere. Sie haben damit auf den Brand in einem Heim für vietnamesische Asylbewerber vor zehn Jahren reagiert, den ausländerfeindliche Menschen gelegt hatten. Die Bevölkerung hatte damals zugeschaut und nicht eingegriffen. Als ich dieser Gruppe die Urkunde überreichte, sagte eine Frau: "Rostock ist heute eine andere Stadt. Etwas wie damals würde heute nicht wieder geschehen - oder die Menschen in Rostock würden anders darauf reagieren." Ich finde, die Arbeit einer solchen Gruppe hat auch etwas mit "Heilwerden" zu tun.

Ich bin heute aber gar nicht hier, um lange zu reden. Ich muss Ihnen zum Schluss noch etwas sagen, was Sie bestimmt schon wissen: Sie haben einen wunderbaren Präsidenten. Ich kenne ihn lange, er hat mich im Januar nach Südafrika und nach Mali begleitet. Landesbischof Krause ist nie der Versuchung erlegen, die Welt und ihre Kirchen nur aus der deutschen Perspektive zu sehen. Sein Herz schlägt für Afrika, er ist ein weitgereister Mann. Ich wünsche ihm ein gutes letztes Jahr seiner Amtszeit als Präsident, und ich bin sicher, dass wir auch danach noch viel von ihm hören werden.

Jetzt bleibt mir nur noch, in der schönen Stadt Wittenberg Ihnen allen fruchtbare Beratungen und gesegnete gemeinsame Gottesdienste zu wünschen.

Alles Gute - and God bless you.