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Rede von Bundespräsident Johannes Rau beim Abendessen für die Freunde der Universität Haifa

An einem solchen Abend fällt mir viel ein zu den Gästen, auf deren Kommen wir uns gefreut haben.

Wir waren in Moskau, als Iris Berben den Leo Baeck-Preis bekam, den auch ich vor einigen Jahren entgegennehmen konnte und bei dem ich ab und zu schon die Laudatio habe halten dürfen.

Hans Koschnik sitzt am selben Tisch. Er und ich waren mit anderen in Israel, als der Golf-Krieg auf seinem Höhepunkt war. Und als wir mit Yizhak Rabin und Shimon Peres zusammensaßen, kam ein Angriff. Wir bekamen Gasmasken, gingen in einen Raum und sahen die Rakete auf dem Fernsehschirm. Das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man selber zu der Generation gehört, die den Krieg in Deutschland erlebt hat und viele Nächte im Luftschutzbunker verbracht hat, dass man auf einmal sieht, wie ein Volk gefährdet ist durch Raketen. Das ist jetzt elf Jahre her.

Mein erster Besuch in Haifa ist viel, viel länger her. Es war, wenn ich nicht irre, die Eröffnung des Gustav-Heinemann-Instituts, das als erstes den Dialog zwischen jüdischen und arabischen Studenten zu seiner Sache machte. Wie oft ich in Haifa gewesen bin, das weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß schon noch, wie es mich bewegt hat, dass ich als erster Deutscher einen Ehrendoktor in Haifa entgegennehmen durfte und dass ich später auf meinen Freund Klaus Schütz eine Laudatio halten durfte, den ich natürlich auch in seiner Botschafterzeit erlebt habe.

Ich will Ihnen sagen, dass viele in Deutschland - auch ich - mit ihren Gedanken und Gefühlen bei Israel sind, bei diesem nun 54 Jahre alten Staat, der mit der deutschen Geschichte auf eine ganz schmerzhafte Weise verbunden ist und verbunden bleibt. Sie sollen wissen: Es gibt genug Menschen in Deutschland, denen die Sicherheit Israels in anerkannten Grenzen ein wichtiges Anliegen ist und bleibt. Auch wenn es gelegentlich Kritik an israelischer Politik geben mag, wird das unverändert bleiben, denn das gehört mit zu einem Fundament, das unsere neu gewachsene Demokratie in Deutschland trägt.

Wir leben im Augenblick hier in unruhigen Zeiten: Wahlkampf mit allem, was dazugehört, Auseinandersetzungen um viele Themen. Aber das ist alles nichts gegen das, was Israel und seine Nachbarn nun seit Jahrzehnten erleben: ein täglicher Kampf um Sicherheit und Frieden, um die Sicherung demokratischer Rechte für alle in der Region. Da ist die einzige Demokratie im Nahen Osten wahrlich von einem unschätzbaren Wert für uns.

Ich gehöre zu denen, die das Miteinander von Israelis und Palästinensern seit vielen Jahre zu fördern versucht haben und die keine andere Alternative dazu sehen, dass zwei souveräne Staaten miteinander leben. Aber auch diese oft ins Schwanken geratene und geratende Überzeugung nimmt nichts weg von der besonderen Solidarität, die wir Deutschen Israel schuldig sind und schuldig bleiben.

Dass Haifa dabei eine Stadt ist, die in besonderer Weise das Miteinander fördert, das ist für mich immer wieder ein Anlass zu Freude. Ich denke an die Wege, die ich mit den unterschiedlichen Bürgermeistern durch die Stadt gemacht habe in den letzten zwei, drei Jahrzehnten. Ich denke an den Blick auf den Bahai-Tempel, ich denke an den hohen Anteil arabischer Studenten an der Universität, ich denke mit einem gewissen Schmunzeln daran, dass Haifa die einzige mir bekannte Stadt ist, in der noch ein Denkmal für Wilhelm II. steht. Das haben wir in Deutschland, glaube ich, nicht mehr. Aber wenn man sich daran erinnert, wie er seine erste Reise machte vor nunmehr gut hundert Jahren und wenn man dann weiter nach Jerusalem kommt, auf die Spuren von Auguste Viktoria stößt, dann wird einem deutlich: Wir haben nicht nur eine gemeinsame Geschichte dieser Jahrzehnte seit der Gründung des Staates Israel, sondern wir haben eine lange, lange gemeinsame Tradition. Und wer Theodor Herzl gelesen hat, der weiß von seinen Berichten nach Deutschland zu der Zeit, als Israel noch ein Traum war. Wir wünschen uns, dass dieser Traum Wirklichkeit bleibt und Israel in gesicherten Grenzen existieren kann. Wir wünschen uns, dass die deutsch-israelischen Beziehungen gestärkt und vertrieft werden und ich bin froh darüber, dass alle Bundesregierungen seit Konrad Adenauer und seit seinen Gesprächen mit Ben Gurion das auf jeweils ihre Weise zu tun versucht haben.

Sie sollen alle sich hier zu Hause fühlen. Ich habe nun nicht alle erwähnt, die gekommen sind und mit denen ich mich verbunden weiß, aber ich will doch zwei Dinge noch sagen. Ich will erstens Herrn Blumenthal sagen, wie froh wir darüber sind, dass das Jüdische Museum eine solche Resonanz findet. Wir, die Zugereisten aus dem Rheinland, bekommen viel Besuch. Es ist keiner dabei, der nicht sagt: "...und dann will ich ins Jüdische Museum". Das finde ich sehr, sehr schön und der Abend, an dem wir das Museum eröffnen durften, bleibt unvergessen und Ihre Leistung für dieses Museum, die ein Lebenswerk krönt, finde ich besonders bemerkenswert. Und immer, wenn ich nach Oranienburg komme, denke ich auch an Sie, und ich komme viel und gern nach Oranienburg.

Ich freue mich, dass an diesem Abend Michael Jansen, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung "Erinnerung, Versöhnung, Zukunft", unser Gast ist. Dass die Stiftung in der nächsten Woche die eine millionste Zahlung machen kann, dass das innerhalb eines Jahres gelungen ist, das finde ich ist ein herrliches Geschenk. Wie viele Gespräche habe ich geführt, bis die Zwangsarbeiterentschädigungsfrage so weit kommen konnte, wie sie kam. Wie viele Stunden habe ich mit Graf Lambsdorff und mit vielen anderen zusammengesessen, natürlich auch mit den amerikanischen Freunden. Es ist schön, dass das auf den Weg gebracht ist. Und als wir in der vergangenen Woche in Moskau waren, haben wir davon gehört, wie gut das in Russland angenommen und aufgenommen wird.