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Rede von Bundespräsident Johannes Rau beim Festakt "150 Jahre Germanisches Nationalmuseum Nürnberg"

"Nie werde ich den entsetzlichen Anblick dieser einst so wundervollen Stadt vergessen, als ich sie wiedersah im Herbst des Jahres 1946. Von Frankfurt kommend, starr und fast blicklos durch die Ruinen von Würzburg fahrend, erfreut beim Wiederanblick der roten Sandsteinmauern der Freien Reichsstadt Nürnberg. Aber dann sah man, was sich hinter dem Mauerring versteckt hatte".

Hans Mayer, der große Literaturwissenschaftler, der deutsche Jude und Emigrant, beschreibt so seine Begegnung mit dem zerstörten Nürnberg. Er tat das hier in Nürnberg selber, vor fünfundzwanzig Jahren, beim 125-jährigen Jubiläum des Germanischen Nationalmuseums. Der Anblick, den er beschreibt, das Wechselspiel von Innen und Außen, von Erhaltung und Zerstörung, ist wie ein Sinnbild für den Blick auf die deutsche Geschichte insgesamt. So wie Nürnberg selber als ein Sinnbild für die Widersprüche, für Glanz und Elend der deutschen Geschichte stehen kann.

Wie schwierig der Blick auf die deutsche Geschichte ist, weiß man kaum irgendwo besser als hier in Nürnberg. Vor weniger als einem Jahr war ich dabei, als hier das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände eröffnet wurde. Dabei haben wir an die dunklen Jahre Nürnbergs erinnert, die Jahre der Diktatur, und auch an die Nürnberger Prozesse, in denen mit den Verbrechen dieser Diktatur abgerechnet wurde.

Der Name Nürnbergs steht aber auch für die glanzvollen Zeiten der alten Freien Reichsstadt, eine der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkte des "Alten Reiches". Und schließlich steht Nürnberg für ein bestimmtes Bild von Deutschland, ein Bild von selbstbewusster städtischer Bürgergesinnung, von Erfindungsgeist, von Liebe zur Kunst.

Es scheint mir nur eine folgerichtige Fügung der Geschichte zu sein, dass ausgerechnet in dieser Stadt diejenige Institution zu Hause ist, die in Deutschland vielleicht am besten den Blick immer wieder öffnen kann auf die ganze deutsche Geschichte.

Diese Institution hat einen Namen, der heute für viele merkwürdig, ja altertümlich fremd klingt: "Germanisches National-Museum". Was sich wohl Fünfzehnjährige, die das Wort zum ersten Mal hören oder lesen, darunter vorstellen mögen?

Gewiss: Das "Germanische" in diesem Namen hat nichts mit Met und Bärenfell zu tun, sondern war und ist so gemeint wie die "Germanistik" bei Jakob und Wilhelm Grimm, nämlich als die umfassende Sammlung, ungeachtet aller politischen Grenzen, dessen, was deutsch ist. Kann man also das "germanische" einigermaßen plausibel erklären, so tun sich viele mit dem Begriff der Nation noch immer schwer.

Das Museum selber ist so etwas wie eine Antwort genau auf diese Schwierigkeiten. Wurde es doch gegründet - vier Jahre nach 1848 - nicht zuletzt aus der Empfindung einer doppelten Niederlage heraus: der Niederlage der deutschen Demokratiebewegung und der Niederlage, die es bedeutete, die Einheit der Nation unter demokratischen Vorzeichen nicht erreicht zu haben.

An diese Niederlagen - und nicht zuletzt an die tiefste Niederlage Deutschlands, die Kapitulation von 1945 - haben die Festredner hier in Nürnberg stets erinnert. So vor fünfzig Jahren Theodor Heuss, der übrigens auch während seiner Amtszeit als Bundespräsident ganz bewusst der Verwaltungsratsvorsitzende des Museums blieb; und vor 25 Jahren Hans Mayer. Seine Rede, die sich ausführlich mit der Frage der deutschen Nation auseinander setzte, war ein einziges Plädoyer gegen "die Missachtung des eigenen Seins und Herkommens", wie er es nannte. Sie ist damals besonders beachtet worden - und sie verdient, so meine ich, diese Beachtung noch heute.

Beachtung verdient zuerst der Redner selber, Hans Mayer, der ausdrücklich als Nazi-Verfolgter, als Exilant und als Jude über Deutschland und die deutsche Nation spricht; und es ist der Sozialist, der - Jahre zuvor aus Leipzig nach Hannover und Tübingen vertrieben - 1977 über die deutsche Einheit nachdenkt, zu einer Zeit, als viele sich mit der Existenz zweier deutscher Staaten abgefunden hatten

Dann die Gedanken, die ich heute in Erinnerung rufen möchte, weil sie aktuell bleiben. Er warnt das "deutsche Selbstempfinden", wie er es nennt, vor der "Verachtung der eigenen Herkunft, Landschaft und Überlieferung". Gerade weil Hans Mayer jeglicher Art von Nationalismus unverdächtig ist, sollten wir seine Mahnung ernst und uns zu Herzen nehmen. Er prangert eine "entschiedene Geschichtsfeindlichkeit" an, die er sogar für "eigentümlich deutsch" hält. Geschichtsfeindlichkeit - das ist vielleicht ein etwas hartes Wort. Aber es gibt eine Geschichtsvergessenheit, die tatsächlich schädlich ist, schädlich für unser eigenes Selbstverständnis. Wir sind ja nicht nur von heute. Wir kommen von weit her. Unsere Geschichte bestimmt unsere Regionen und Städte, unsere Bewegungen und sozialen Gruppen, unser ganzes Land und unsere deutsche Nation.

Viele in unserem Land empfinden, wie gesagt, Unbehagen, wenn sie das Wort "Nation" hören oder wenn von unserer "nationalen Geschichte" die Rede ist. Ich kann das verstehen. Das hängt auch damit zusammen, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts manche im Namen der nationalen Einheit die Demokratie verhindert und Demokraten bekämpft haben.

Eine der vielen Ursachen der ersten großen Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, des Ersten Weltkriegs, war, dass es in allen westlichen Nationen Massenbewegungen gab, die glaubten, ihre eigene Nation sei allen anderen überlegen.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass Nation und Demokratie ihre gemeinsame Geburtsstunde in der Französischen Revolution von 1789 hatten. Der entrechtete "Dritte Stand", um dessen Freiheit es ging, wurde als die Nation begriffen, die sich gegen das alte Regime durchsetzen musste.

Darum dürfen wir Patriotismus und Nationalismus nicht miteinander verwechseln. Nationalisten verachten die Vaterländer aller anderen. Patrioten lieben ihr Vaterland und verstehen deshalb gut, wenn andere das ihre lieben.

Wenn wir diesen Unterschied verstehen - und auf ihm bestehen - , dann können wir uns auf unsere nationale Geschichte als eine der Quellen unserer Identität besinnen. Dazu gehört selbstverständlich die Erinnerung an unsere gesamte Geschichte mit ihren hellen und mit ihren dunklen Kapiteln.

Wenn wir einen offenen Begriff von Nationalgeschichte haben, einen Begriff, der die Geschichte aller einschließt, die zu dieser Nationalgeschichte beigetragen haben - ich erinnere an die ganz unterschiedlichen Gruppen von Einwanderern, an religiöse und kulturelle Minderheiten, dann können wir im Sinne Hans Mayers die eigene "Herkunft, Landschaft und Überlieferung" als unser Erbe annehmen und pflegen.

Wenn das Museum im Jahre 1852 aus dem "enttäuschten Sinn der Nation" gegründet wurde, wie es Theodor Heuss ausgedrückt hat, dann können wir heute gelassen mit der Vorstellung umgehen, dass die Geschichte der deutschen Nation sich auch jenseits der staatlichen Grenzen des heutigen Deutschland abgespielt hat. Wenn heutzutage hier an Königsberg, Breslau und Danzig erinnert wird, dann ohne jeden falschen Ton. Es wäre falsch, diese Orte zu vergessen - und damit auch die großen Persönlichkeiten und die kulturellen Schöpfungen, die mit ihnen verbunden sind.

Gewiss ist es nicht leicht, die berühmten Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Gewiss wird uns das nicht gelingen, wenn wir mit diesen Lehren aus der Geschichte immer nur auf die Zeit des Dritten Reiches abzielen. Diese Zeit muss immer in unserem Bewusstsein bleiben. Vielleicht ist es auch deshalb gut, dass das Germanische Nationalmuseum hier in Nürnberg steht. Gerade hier aber, in diesem Museum, wird doch deutlich, dass die Wurzeln, aus denen wir leben, weiter reichen, dass sie zahlreicher und vielfältiger sind, dass sie längst nicht nur Schreckliches, sondern auch viel Bewahrenswertes und Erinnernswertes bedeuten.

Der Reichtum des Germanischen National-Museums ist überwältigend. Er zeigt: Unsere Geschichte ist mehr als die politische Geschichte, mehr als die Geschichte der Herrschenden, der Kaiser, der Könige und der Politiker. Zu unserer Geschichte gehört die Geschichte der Kunst, der Sprache, der Musik. Zu ihr gehört die Geschichte des Glaubens und der Überzeugungen. Zu ihr gehört die Geschichte der Arzneimittel, des Spielzeugs und der wissenschaftlichen Instrumente. Es ist die Geschichte der Münzen, der Möbel - und auch der Waffen. Die Geschichte der Kleidung, des Werkzeugs und des Schmucks. Damit habe ich noch längst nicht alle Sammlungen des Museums erwähnt, aber ich denke, dass man sich von der Fülle eine Vorstellung machen kann. Vorbildlich war hier stets das Konzept, die Kunst und den Alltag nicht voneinander zu trennen, sondern zu zeigen, wie beides erst miteinander die ganze Geschichte ausmacht.

Alles, was in diesen Sammlungen ist, muss nicht nur gesammelt und erhalten werden. Die heute vielleicht wichtigste Aufgabe ist es, die Dinge den Menschen nahe zu bringen. Die Menschen dafür zu begeistern, sich auf eine Begegnung mit oft Fernem und Fremdem einzulassen, sich auseinander zu setzen mit der Kultur unserer Vorfahren, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt. An Ausstellungskonzepte und an Museumspädagogik werden heute große Anforderungen gestellt. Sie sind besonders wichtig und müssen gut überlegt werden - gerade in Zeiten, in denen wir durch die neuen Medien schnelle Bildwechsel gewohnt sind und in denen uns die Geduld als Tugend geradezu ausgetrieben wird. Historisches Sehen und Begreifen erfordern Zeit und Geduld. Wo schon das Wort "museal" zu einem Schimpfwort geworden ist, muss sich ein Museum heute viel einfallen lassen, um Neugier zu wecken, um Interesse wach zu halten und um die Lust an jener Geduld zu fördern, die die Voraussetzung für historisches Verstehen ist.

Ein wesentliches Fundament für den Erfolg dieses Museums - und ähnlicher historischer Museen und Ausstellungen - ist ein guter Geschichtsunterricht. Da geht es nicht nur um Fakten, Fakten, Fakten, sondern um Zusammenhänge, um Bedingungen, um Wechselwirkungen und Abhängigkeiten.

Vor allem aber sollte es um die Freude daran gehen, zu erfahren, woher wir kommen, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass es so ist, wie es heute ist, welche Wege und Irrwege die Menschen gegangen wind, welche fantastischen Leistungen und kulturellen Schöpfungen sie - auch in armen und bedrängten Zeiten - hervorgebracht haben. Zu erfahren, was das Christentum, was die bürgerliche Aufklärung, was die Arbeiterbewegung beigetragen haben zu jener Kultur, die wir die deutsche nennen. Zu erfahren, wie der Alltag aussah, in dem die Menschen zurechtkommen mussten und welche klugen oder nicht so klugen Lösungen sie dabei entwickelt haben. Ohne ein solches historisches Interesse und ohne historische Kenntnis fehlte Unternehmungen wie dem Germanische Nationalmuseum das tragfähige Fundament.

Kein Zweifel: Je schneller die Zeiten werden, je rascher die Moden und Produktzyklen wechseln, umso schneller werden wir uns auch selber historisch. Umso ferner werden uns erst recht die Zeiten der Grimm, der Dürer und der Meistersinger um Hans Sachs. Vielleicht wird es aber gerade deswegen umso wichtiger, sich unserer Wurzeln zu erinnern, nicht nur hier in Nürnberg.

Noch einmal, zum Schluss, will ich Hans Mayer das Wort geben: "Wenn wir die Vergangenheit von uns abtun wollen wie eine lästige Reminiszenz, so haben wir zugleich über die Vergessenheit entschieden, der auch wir recht bald anheimfallen würden."

Ich wünsche mir sehr, dass das Germanische Nationalmuseum seine Erfolgsgeschichte fortsetzt. Jeder in Deutschland sollte sagen: Da muss man einmal gewesen sein. Vielleicht auch zweimal.