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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau zur Eröffnung der 122. Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte e.V.

I.

Als erster Bundespräsident ist Theodor Heuss zu einer Versammlung der Deutschen Naturforscher und Ärzte gekommen. Das war im Jahr 1950, als Sie Ihre 96. Versammlung in München abgehalten haben. Heuss war zu diesem Zeitpunkt noch keine zwölf Monate im Amt und sah sich, wie er zu sagen pflegte, als "Bundespräsident in Ausbildung" - also lernbegierig einerseits, andererseits aber kaum weniger selbstbewusst als zuvor.

Nun ist der weite geisteswissenschaftliche Horizont von Theodor Heuss ja geradezu sprichwörtlich. Wie aber stand es um seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse?

Zu den Jüngeren im Saal bemerkte er damals: "Ich habe noch Glück gehabt. Ich bin im Physikunterricht gewesen, ehe es Einstein gab."

Für ihn stand außer Frage, dass Einstein - wie er sagte - auch bald für Studienräte reif sein und damit unausweichlich zum Thema in den Schulen werden würde - mit Folgen für die klassische Physik.

II.

Hat er recht behalten? Gehören die bewegenden und die grundsätzlichen Ergebnisse der Erforschung der Natur heute mehr zum Schul- und Alltagswissen als noch vor fünfzig Jahren?

Bewegt die Menschen, was die Naturforscher bewegt?

  • Es gibt Indizien, die dafür sprechen. Ich denke zum Beispiel an den Versuch, zwei große naturwissenschaftliche Theorien zu verbinden - nämlich die Relativitätstheorie und die Quantentheorie. Ein Buch mit diesem anspruchsvollen Inhalt eroberte sich in kürzester Zeit die Spitze der Bestsellerlisten. Sie kennen es: Stephen Hawking: "Eine kurze Geschichte der Zeit". Freilich: Ob aus allen Käufern auch Leser geworden sind? - das ist eine andere Frage.
  • Es gibt jedenfalls auch starke Indizien, die daran zweifeln lassen, dass eine solide naturwissenschaftliche Bildung inzwischen Teil unseres Alltagswissens geworden ist. Ich denke zum Beispiel an einen anderen Bestseller, der mit dem verheißungsvollen Titel lockt: "Bildung - Alles was man wissen muss". Dietrich Schwanitz sagt darin über die Bedeutung einer naturwissenschaftlichen Bildung: "So bedauerlich es manchem erscheinen mag: Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht."

Was gilt also? Wurde das Defizit zum Maßstab? Trägt man naturwissenschaftliche Bildungslücken heute mit Stolz? Solcher Koketterie begegnet man ja gelegentlich.

Sympathischer ist mir allerdings das Understatement jenes Nobelpreisträgers, der bemerkt haben soll: "Es gibt zwar Naturforscher, die nicht alles über Shakespeare wissen, aber sie sind wenigstens nicht stolz darauf"?

Naturwissenschaftliches Wissen zähle nicht zur Bildung - stimmt diese These? Oder ist sie falsch? Oder müssen wir einen dritten Weg wählen und dialektisch antworten: Die These ist falschundrichtig. Was wäre aber dann die Synthese?

Viele Fragen. Ich glaube jedenfalls, dass wir uns - gerade nachdem so viel von PISA die Rede war - davor hüten sollten, die Bildungsdiskussion eindimensional zu führen. Die Aufgabe ist komplex und auch vielfältig: Wir brauchen die Geisteswissenschaftenunddie Naturwissenschaften - aber eine Schule ohne musische Bildung und körperliche Betätigung wäre gewiss auch nicht der menschengemäße Lern- und Lebensraum, den ich mir für junge Menschen und unsere ganze Gesellschaft wünsche.

III.

Naturwissenschaftliches Wissen prägt unsere Welt. Viel mehr, als das vielen bewusst sein mag und auch viel mehr als die meisten von uns das erfassen und fassen können.

Die meisten Menschen fühlen sich im naturwissenschaftlichen Wissen nicht zuhause. Die Naturwissenschaften erscheinen vielen Menschen schwierig, geheimnisvoll und undurchdringlich. Elementare Sachverhalte der Physik und der Astronomie, der Geologie und der Optik, der Medizin, der Biologie oder der Chemie sind ihnen nicht vertraut.

Das muss nicht so sein und das sollte auch nicht so bleiben. Unser Wissen um die Gesetze der Natur ist wichtig.

Ich bin zu Ihnen nach Halle gekommen, weil ich auch in dieser Frage große Hoffnungen mit dem Engagement und der Arbeit der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte verbinde.

Was hier in langer Tradition gedacht und angestoßen worden ist und wird, das ist für mich jene Verbindung von exakter Forschung und gesellschaftspolitischer Kärrnerarbeit auf die wir angewiesen sind, damit unser Wissen über unsere natürlichen Lebensgrundlagen sich verbessern und verbreiten. kann

Wissenschaft im Dienste der Gesellschaft - dafür steht ein Mann wie Rudolf Virchow, dessen Todestag sich gerade zum hundersten Mal gejährt hat. Er hat die Zelle erforscht ­- und daraus Rückschlüsse auf die Genesung der Gesellschaft gezogen. "Medizin", so sagte er, das ist "die höchste Form menschlicher Einsicht"; als "Mutter der Sozialwissenschaften" hat er sie geehrt, denn mit ihrer Hilfe wollte er die damals brennende soziale Frage lösen.

Ich wünschte mir, über das Denken und Wirken dieses großen Arztes, Naturforschers und Politikers wäre einer breiteren Öffentlichkeit mehr bekannt.

IV.

Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte will auf ihrer 122. Versammlung unter dem Generalthema "Kosmos, Erde, Leben" einen Beitrag zum Jahr der Geowissenschaften leisten.

Das Spektrum der Geowissenschaften ist denkbar weit. Es reicht vom Magma im Inneren der Erde bis zu den Magnetfeldern tief im Weltraum. Geowissenschaften können Entscheidendes für die Menschheit leisten: bei der Erkundung und Gewinnung von Rohstoffen, in der Prognostik, in der Versorgung mit sauberem Wasser, bei Fragen der Klimaentwicklung und der Erhaltung unserer Umwelt.Die Zusammenhänge und Prozesse des Systems Erde beeinflussen den Menschen, und der Mensch beeinflusst sie. Welche Folgerungen müssen wir daraus ziehen? Muss der Mensch sich vor den Gewalten der Natur hüten? Oder muss der Mensch sich eher vor sich selber hüten?

Die Verbindungen von Makro- und Mikrokosmos haben Sie in der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte nie als Glasperlenspiel gepflegt. Sie haben Forschungen stets geerdet und auf das Leben, das gute Leben auf dieser Erde hin bezogen.

Sie wollen wissenschaftliche Erkenntnisse immer in zwei Richtungen kommunizieren: zum einen zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Sektionen, zum anderen für die interessierte Öffentlichkeit. Damit stellen Sie sich einer wichtigen forschungs- und gesellschaftspolitischen Aufgabe. Ich freue mich darüber, dass Sie dabei in besonderer Weise die jungen Menschen ansprechen wollen.

V.

Wer die Geschichte der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte auch nur ein wenig kennt, der weiß, dass hier viele der entscheidenden, der grundlegenden und der bahnbrechenden Debatten der Naturwissenschaft geführt worden sind.

Hier wurde der offene, und das heißt dann eben auch: der grundsätzliche und derkritischeDialog gepflegt. Deutliche Worte, unabhängig vom Ansehen der Personen, sollten dem Fortschritt der Erkenntnis dienen. So hat etwa Karl Jaspers auf der 100. Versammlung dieser Gesellschaft missbilligend über Descartes, den Begründer des modernen Rationalismus, geurteilt. Einen "Verführer der Naturforscher" hat er ihn gescholten, nicht einmal den Galilei habe er verstanden.

An den Disputen der Naturforscher und Mediziner beteiligten sich Philosophen, Theologen und Historiker. Grundsatzfragen wurden aufgeworfen, die zum guten Teil bis heute nichts an Bedeutung verloren haben.

Präzise Forschung vertrug sich hier gleichermaßen mit Begeisterung und mit Bedachtsamkeit:

  • Da konnten die einen rufen: Wir wissen nichts und wir werden nichts wissen - denn sie sahen unüberwindbare Grenzen jeder menschlicher Naturerkenntnis.
  • In der Forschung Maß zu halten, das forderten wieder andere - denn sie sahen die Freiheit der Forschung dann gefährdet, wenn alles getan würde, was der Fortschritt dem Menschen erlaubt.
  • "Unverzagt wollen wir fortschreiten!" - so plädierten die dritten für einen unaufhaltsamen und unbegrenzten Fortschritt.

Das zeigt: In der Deutschen Gesellschaft der Naturforscher und Ärzte hat dasNachdenken über den Fortschritteine Heimat und inzwischen auch eine großartige Tradition. Hier übergreift die nachdenkliche Fortschrittlichkeit alle Disziplinen. Ich wünsche mir, dass Ihnen das stets gelinge: im Fortschritt nachdenklich zu bleiben und fortschrittlich in der Nachdenklichkeit.

VI.

In der Wissenschaft im allgemeinen und in der Medizin im besonderen gehen Hoffnungen und Gefahren, Grenzüberschreitungen und neue Grenzen stets Hand in Hand. Immer öfter stößt gerade die Medizin an Grenzen, die nachdenklich machen: an Grenzen der Wirksamkeit, an Grenzen der Bezahlbarkeit und auch an Grenzen der Akzeptanz und besonders: an Grenzen der Ethik.

Bei aller Faszination über Fortschritte und Erfolge der medizinischen Wissenschaften dürfen diese Grenzen nicht aus dem Blick geraten. Die notwendige Debatte über die Medizin der Zukunft darf nie als Diskussion um der Medizin selbst willen geführt werden. Im Mittelpunkt aller Überlegungen muss der Mensch stehen. Er erwartet in gesundheitlicher Not jede mögliche Hilfe. Dabei spielen Erwartungen, Wünsche, auch Sehnsüchte eine Rolle, aber auch Befürchtungen und Ängste.

Die Menschen sollten ihre Ärztin oder ihren Arzt noch stärker wahrnehmen als jemanden, der Rat und Lebenshilfe gerade auch für die guten - das heißt für die gesunden - Tage geben kann. Ich glaube auch, dass Krankheit wieder stärker gesehen werden sollte als das, was sie eigentlich ist: ein Warnsignal dafür, dass etwas im Menschen nicht stimmt, aber auch ein Warnsignal dafür, dass etwas im Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt nicht stimmt, und möglicherweise auch dafür, dass etwas mit der Umwelt nicht stimmt. Diese Warnsignale dürfen wir nicht einfach medizinisch oder durch Medikamente unterdrücken. Wir müssen den Menschen helfen, dort, wo das angebracht ist, Krankheit auch wieder stärker als einen "Wink der Natur" zu verstehen für eine falsche Lebensweise.

VII.

Kein Wissenschaftler kann heute noch an mehreren Fronten stehen, wo das Unbekannte an das Bekannte stößt. Spezialisierung ist zum Schicksal der Wissenschaft geworden. Wir können es uns aber nicht leisten, dass aus institutionellen Grenzen Erkenntnisgrenzen werden!

Ortega y Gasset hat gelegentlich "die Barbarei derSpezialisierung" gegeißelt und gesagt, sie mache die moderne Naturforscher zu "gelernten Ignoranten", die über die innere Philosophie und die geschichtlichen Bedingungen ihrer Fächer nichts wüssten, und die daher nicht nur dem Fortschritt der Gesellschaft, sondern letzten Endes auch dem ihrer eigenen Disziplinen im Wege stünden.

Dass das nicht eintritt, dafür steht die traditionsreiche Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Der Name dieser Gesellschaft artikuliert eine Vision, in der Naturwissenschaft und Gesellschaftspolitik Geschwister sind:

  • Wer von der Nachhaltigkeit der Natur und von einer nachhaltigen Entwicklung spricht, der muss Ökonomie und Ökologie sinnvoll und heilsam verbinden können.
  • Wer die Ursachen von Orkanen und Fluten verstehen will, wer genötigt ist, über Treibhausgase und Klimaeffekte nachzudenken, der muss komplexe Zusammenhänge verstehen und respektieren lernen und entsprechend politisch handeln.
  • Wer die Kombination jener Naturgefahren zu verstehen sucht, die mit Hochwasser und Sturm, Hagel oder Erdbeben neuerdings verstärkt Unheil über die Menschen zu bringen scheinen, der merkt rasch: Einsicht lässt sich hier nur gewinnen, wenn verschiedene fachliche Kompetenzen dauerhaft zusammen wirken.
  • Wer den Mensch und die Vielfalt der Natur erforscht, der braucht eine Wissenschaft, die auch Grenzen reflektieren kann: Grenzen, die sie überschreiten will oder muss und Grenzen, die sie einhalten muss oder will.

Wir brauchen eine Forschung, die sich aus der Engführung der Disziplinen hinausbewegen kann. Eine Forschung, die wichtige Probleme auch Disziplin-unabhängig artikulieren und Disziplin-übergreifend lösen kann - das hat bedeutende Forschung schon immer ausgezeichnet.

Wir brauchen eine Forschung, die die Menschen als heilsam erleben: heilsam für den Einzelnen und heilend für das Zusammenspiel von Kosmos, Erde und Leben.

Ich wünsche mir, dass solche Forschung bei Ihnen weiter in guter Gesellschaft bleibt.