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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Jahresbilanzveranstaltung der Initiative schulpartnerschaften.de

I.

Alle meine Reden fangen an mit den Worten: Herzlich willkommen im Schloss Bellevue, aber dieses Mal geht das nicht, denn Sie sind ja schon länger hier und Sie haben ja schon in Arbeitsgruppen miteinander getagt.

Ich habe ein paar Zahlen: Zwei, 118, 500 - keine Gewinnzahlen eines neuen Lottospiels, sondern die Bilanzdaten der Initiative schulpartnerschaften.de.

Vor einem Jahr, als ich das Internet-Portal freigeschaltet habe - so heißt das - haben zwei Schulen aus Erfurt und Mainz den Anfang gemacht und sich da als erste angemeldet. Bei der Zwischenbilanz nach 100 Tagen waren es schon 118 Schulen, und nach dem jüngsten Stand sind 500 Schulen aus Ost und West auf der website registriert.

Ich weiß nicht mal, ob in diesen Zahlen schon der Brief ist, den ich heute Morgen vom Regierenden Bürgermeister von Berlin gekriegt habe. Der schreibt: 46 in Berlin, davon 26 innerhalb Berlins Ost-West; ob die da drin sind, weiß ich nicht. Diese Zahlen zeigen: Das Interesse an innerdeutschen Schulpartnerschaften ist nach wie vor hoch und es war richtig, das Medium Internet zu wählen, um Partnerschaften zwischen Schulen aus den alten und neuen Ländern noch besser zu fördern.

Ein wichtiges Ziel der Initiative ist es, bestehende Schulpartnerschaften zu dokumentieren und dadurch den Abschluss neuer Partnerschaften anzuregen.

In diesem Punkt stellt mich die Bilanz noch nicht ganz zufrieden. Längst nicht alle Schulen, die Partnerschaften haben oder auf der website registriert sind, nutzen die Möglichkeit, ihr Projekt da auch mit Fotos und Texten zu präsentieren.

Dabei finde ich es wichtig, gute Partnerschaften vorzustellen, denn das gute Beispiel soll ja - im besten Sinne des Wortes - Schule machen. Darum möchte ich die Vertreter der hier anwesenden Schulen herzlich bitten: Wenn es noch nicht geschehen ist, dann lassen Sie sich nicht nur registrieren, sondern dokumentieren Sie gemeinsam mit ihrer Partnerschule Ihr Projekt auf schulpartnerschaften.de.

II.

Eine Grundlage für Schulpartnerschaften können schon bestehende Städte- und Gemeindepartnerschaften sein. Deshalb gehören auch die kommunalen Spitzenverbände zu meinen Partnern bei dem Projekt, und viele Bürgermeister und Landräte haben mir Unterstützung zugesagt.

Ich will mal zwischendurch erzählen: Als ich mit meiner Frau während der Flutkatastrophe in Döbeln war, bei Leipzig, habe ich zwei, die da schippten gefragt, woher sie kämen. Der eine kam aus Unna, der andere kam aus Heilbronn oder Freudenstadt. Da habe ich gefragt: "Wie kommen Sie hierher?" Einer sagte: "Wir haben eine Städtepartnerschaft und als wir das gestern gehört haben, sind wir einfach hierher gefahren." Das finde ich ein ganz bemerkenswertes Beispiel. Die haben nicht vorher einen Reisekostenantrag gestellt oder eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen, sondern sind einfach nach Döbeln gefahren. Und so wünsche ich mir, dass die Partnerschaften zwischen Städten sich auswirken, dann auch auf die Schulen. Ich bin froh darüber, dass viele Bürgermeister und Landräte mir berichtet haben, welche Schulpartnerschaften es schon gibt und wie sie die fördern.

Zwei Reaktionen möchte ich besonders erwähnen, weil sie eine interessante Tendenz aufzeigen: Ein Landrat aus Norddeutschland, den ich nach innerdeutschen Ost-West-Partnerschaften gefragt hatte, schrieb ganz stolz, dass eine Schule seines Kreises eine Partnerschaft mit einer Schule in Polen hat.

Aus Sachsen-Anhalt schrieb mir ein Landrat, mancher Kontakt in die alten Länder, wie sie Anfang der 90er Jahre hergestellt worden seien, sei zwar eingeschlafen, aber dafür richteten viele Schulen in seinem Kreis ihr Augenmerk heute verstärkt auf Partnerschaften mit Schulen in ganz Europa.Das zeigt: Der Prozess des Zusammenwachsens zwischen Ost und West hat längst auch eine europäische Dimension. Die Schulen in den neuen Ländern ziehen jetzt mit den westlichen Schulen gleich und pflegen freundschaftliche Kontakte mit Schulen aus Frankreich oder etwa aus England. Gemeinsam strecken Schulen aus ganz Deutschland ihre Fühler weiter nach Osten aus und schließen Freundschaft mit polnischen und tschechischen Nachbarn.

Ich freue mich sehr über diese Entwicklung und sage trotzdem: Wenn wir in einem vereinten Kontinent gute Europäer sein wollen, dann müssen wir auch das Trennende im eigenen Land überwinden. Auch im zwölften Jahr der Deutschen Einheit gibt es immer noch Unkenntnis und Vorurteile, die das Zusammenwachsen behindern. Darum bleiben innerdeutsche Schulpartnerschaften und darum bleibt das gegenseitige Kennen lernen so wichtig.

Ich habe gehört, dass es schon Partnerschaften gibt, bei denen zwei Schulen aus Ost- und Westdeutschland zusammen einen europäischen Nachbarn entdecken. Ich kann mir gut vorstellen, dass gerade solche Projekte mithelfen, nationale und europäische Gemeinsamkeiten erlebbar zu machen.

III.

Die Reaktionen auf meine Aufforderung, nach einem Jahr schulpartnerschaften.de eine Bilanz zu ziehen, zeigen viele hervorragende Beispiele der Begegnung. Es gibt aber auch noch Defizite: Lehrer beklagen bürokratische Hemmnisse bei der Organisation. Die bestehenden Förderprogramme sind nicht immer hinreichend bekannt. Kommunalvertreter verweisen in ihren Briefen auf knappe Kassen, wenn es um finanzielle Unterstützung geht.

Wenn es darum geht, diese Hindernisse zu beseitigen, dann braucht man Hilfe. Das kennen Sie ja von den "Gelben Seiten": Fragen Sie mal jemanden, der sich mit so etwas auskennt!

Besonders gut mit der Organisation und der Förderung von Schulprojekten kennen sich zwei Stiftungen aus: Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Beide haben eigene Programme in die Initiative schulpartnerschaften.de eingebracht und dadurch schon über 150 Schulen aus Ost- und Westdeutschland zusammengeführt.

Auch bei der finanziellen Unterstützung haben wir neue Förderer gewinnen können: Die Deutsche Bahn AG hat einen Sondertarif eingerichtet und die Bundeszentrale für politische Bildung hat einen Fonds für Fahrtkostenzuschüsse geschaffen. All das sind erfreuliche Resultate und ich will dafür denen, die das geleistet haben für dieses Engagement herzlich danken.

Jetzt bin ich gespannt darauf, zu hören, welche Ergebnisse die Diskussionen in den Arbeitsgruppen erbracht haben und welche Bilanz Sie ziehen bei schulpartnerschaften.de.

Ganz herzlichen Dank!