Navigation und Service

Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau zur Verleihung des Otto Pankok-Preises der "Stiftung zugunsten des Romavolks e.V."

I

Vor fünfzig Jahren habe ich eine meiner ersten Auslandsreisen gemacht. Ich war in Südfrankreich und konnte kein Französisch weil ich Latein gelernt hatte und lief ziemlich heimatlos durch die Cevennen. Da traf ich ein Ehepaar, das sprach Deutsch. Ich bin auf sie zugegangen. Es war Otto Pankok mit seiner Frau.

Vor fünfzig Jahren - nicht in Düsseldorf, wo er viele Jahre gewirkt hat, wo er Günter Grass' Lehrer gewesen ist - in den Cevennen habe ich ihn kennen gelernt und habe ich seine Bilder, seine Holzschnitte gesehen, in denen er auch das Schicksal der Sinti und Roma zum Gegenstand der künstlerischen Durchsicht und des Durchscheinens gemacht hat. Darum bin ich sehr froh darüber, dass dieser Preis, den Günter und Ute Grass gestiftet haben, nach Otto Pankok heißt, der einer der ganz Großen ist und der nach meiner Meinung in vielen deutschen Kunstgeschichten der Gegenwart zu Unrecht übersehen oder nur beiläufig behandelt wird.

Nun gibt es eine Stiftung zu Gunsten des Roma Volkes. Sie haben es gehört, seit fünf Jahren. Ute und Günter Grass haben sie ins Leben gerufen und ich danke

  • für den unternehmerischen Geist, ohne den eine solche Stiftung nicht gelingt,
  • für die Bereitschaft, Probleme unserer Gesellschaft anzupacken und sich dabei nicht entmutigen zu lassen
  • und für die Idee, uns alle zur hier zur Preisverleihung nach Lübeck zusammenzutrommeln.

Mein Glückwunsch gilt den Preisträgern, die zu uns gekommen sind. Aber da will ich nicht vorgreifen. Ich freue mich besonders darüber, dass wir, wenn wir uns an Redezeiten halten, gleich noch ein bisschen Zeit zum Gespräch haben. Mir ist es wichtig, von den Sinti und Roma selber zu hören, was Sie bewegt, was Sie erleben.

Ich möchte mit meinem Besuch unterstreichen: Der Bundespräsident ist auch der Bundespräsident der deutschen Sinti und Roma. Ich sage das ausdrücklich nicht an Ihre Adresse, denn für Sie ist das eine Selbstverständlichkeit.Aber manche Selbstverständlichkeit muss man gelegentlich wieder öffentlich aussprechen, damit niemand sie vergisst.

Nicht alle wissen ja, dass Sinti und Roma seit vielen Jahrhunderten in Deutschland leben und deutsche Staatsbürger sind. Und ich möchte denen, die heute nach Lübeck gekommen sind, den deutschen Sinti und Roma und all denjenigen, die sie unterstützen, sagen:

  • Ich habe Respekt vor Ihrer Kultur und der Art, wie sie leben wollen,
  • Sie haben meine Solidarität und Anerkennung,
  • Sie haben meine Fürsprache, wo immer es darum geht, Vorurteile abzubauen und sie vor ungerechter Behandlung in Schutz zu nehmen.

II.

Frau Ministerpräsidentin Simonis hat schon festgestellt: Wir müssen allmählich die Stiftungen von Günter Grass durchnummerieren. Das tun nicht nur die "fürsorglich vor Leichtsinn bewahrten Erben", wie Sie zitiert haben, sondern ich gehöre zu denen, die dankbar sind für jeden der mit diesen Stiftungen gesetzten Akzente.
  • Alfred Döblin und der nach ihm genannte Preis soll Autorinnen und Autoren weiter helfen, die, wie Günter Grass es gelegentlich gesagt und vielleicht auch früher einmal selbst erlebt hat, "im Manuskript festsitzen".

  • Dann gewann der Stifterwille Gestalt, Deutsche und Polen möchten einander näherkommen, indem sie gemeinsam die große aufklärerische Kraft neu entdecken oder wieder entdecken, die von Graphiken und Lithographien ausgeht, die in Radierungen und Zeichnungen steckt. Der Stiftungspreis trägt den Namen des Frühaufklärers und Graphikers Daniel Chodowiecki und fördert die Arbeit polnischer Künstler. Wo Deutsche und Polen dergestalt einander näher gebracht werden, da zielt die gute Nachbarschaft auch auf ein geeintes Europa.

  • Und dann ist da - seit nunmehr fünf Jahren - die Stiftung, die Ute und Günter Grass zugunsten des Romavolkes ins Leben gerufen haben. Sie ist verbunden mit einem Preis, der den Namen des Düsseldorfers Otto Pankok trägt. Seine Holzschnitte und Kohlezeichnungen erzählen viel von dem Leben und dem Leiden jener, die manche geringschätzend, andere heute aber auch ganz bewusst und mit Respekt Zigeuner nennen.

Wer zum Stifter wird, der hat eine Idee und den Wunsch, sich für andere zu engagieren und mehr oder weniger Geld, das man dafür braucht. Eine Demokratie braucht dieses Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger.

Ich freue mich darüber, dass in unserem Land Stiftungen in diesen Jahren einen regelrechten Boom erleben. Sie sind ein vitales Element unserer Gesellschaft, ein wichtiger Beitrag zum Gemeinwohl.

Sie dürfen aber weder missverstanden noch missbraucht werden:

Stiftungen sind nicht die Ausfallbürgen des Staates, sie sind nicht dazu da, das zu tun, was eigentlich des Staates wäre.

  • Doch wir brauchen sie, weil sie auf Feldern arbeiten, die vom Staat nicht oder zu wenig bestellt werden oder auch bestellt werden können, Felder, auf denen Initiativen Raum greifen, die wir dem Staat ganz bewusst nicht auferlegen wollen oder zumuten sollten.

  • Wir brauchen Stifter aber auch - und in manchen Zeiten sogar besonders - weil sie unserer Gesellschaft neue Impulse geben können, weil sie Anstöße geben und Dinge ins Rollen bringen, die manche lieber unangetastet ließen.
Mit einem solchen Stiftungs-Fall, so meine ich, haben wir es heute zu tun.III

Sinti und Roma sind Opfer der nationalsozialistischen Rassenpolitik geworden. Ihnen ist in einem bis dahin undenkbaren Ausmaß Unrecht widerfahren.

Sinti und Roma begegnen bis heute Misstrauen und Feindseligkeit, Verfolgung und Benachteiligung gehören für viele von ihnen zum Alltag.

Bis heute ist es um das Verständnis für die Traditionen und für die Lebensweise der Sinti und Roma nicht gut bestellt.

Wir brauchen in unserer Gesellschaft mehr Verständnis für die Eigenarten des Romavolkes. Wir können Vorurteile und Ängste dann abbauen, wenn wir über die kulturellen Traditionen und die soziale Lage der Sinti und Roma mehr wissen.

Dafür leistet die Stiftung von Ute und Günter Grass einen wichtigen Beitrag.

Wie steht es um dieses Wissen in der Wirklichkeit?Wie viele Menschen wissen, dass die Sinti und Roma schon über tausend Jahre in Europa leben?

Die erste urkundliche Erwähnung findet sich in Hildesheim und stammt aus dem Jahre 1392. Ihren Lebensunterhalt haben sie sich verdient als Schmiede und Werkzeugmacher, als Kesselflicker und Scherenschleifer, als Korbflechter und Pferdehändler, als Künstler und Musikanten. Haushaltswaren und Service, Autohäuser und Kultur nennen wir das heute.

Eindrücklich ist der Zusammenhalt der Familien über die Generationen hinweg. Ich meine: Für unsere schnelllebige Gesellschaft der Singles und Kleinfamilien wäre ein solches Familienbewusstsein oft genug vorbildlich und heilsam. Manchmal verweist der Name einer Familie auf ganz verschiedene europäische Regionen und Profile.

Ich erinnere nur an die großen Musiker Django und Schnuckenack Reinhardt.

Aus den Jahren, in denen ich in Nordrhein-Westfalen gelebt habe, kenne ich das großartige und erfolgreiche Roma-Theater "Pralipe". Im letzten Jahr hat dieses europaweit einzigartige Theaterprojekt sein zehnjähriges Bestehen in Mülheim an der Ruhr feiern können. Pralipe ist für die deutsche Theaterlandschaft eine vielbeachtete Bereicherung. Vor über dreißig Jahren ist "Pralipe" - das ist Romanes und bedeutet "Bruderschaft" - in Skopje, im damaligen Jugoslawien gegründet worden. Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben seitdem in ihren Stücken viele der verbreiteten Vorurteile aufgenommen und sie haben sie spielerisch entkräftet. Sie haben für Aha-Effekte gesorgt. Das nenne ich gelungene Integrationsarbeit.

Und doch sitzen in den Köpfen so vieler Menschen noch immer die festgefahrenen alten Bilder.Die zeigen entweder viel Negatives. Da wird dann gesagt: "Hängt die Wäsche von der Leine, die Musiker sind in der Stadt!"Oder aber sie malen das Leben der Roma und Sinti in den romantischsten Farben: "Die Wagen so bunt, die Pferde so zottig...". Das rührt viele an: die Gitarre am Lagerfeuer, rote Lippen, aber auch der Stehgeiger im Kaffeehaus und die sprichwörtliche Schönheit der Gesichter.IV

Wie viele von uns wissen, dass die Sinti und Roma mit achteinhalb Millionen Menschen Europas größte Minderheit sind?

Wir wollen ein Europa, das seine Stärke aus der gewachsenen Vielfalt gewinnt. Wir wollen ein Europa, in dem die Menschen keine Sorge haben müssen, dass kulturelle Unterschiede eingeebnet werden, dass ihre Traditionen und ihre regionalen und nationalen Besonderheiten verschwinden.

Die Sinti und Roma leben in fast allen Ländern Europas und sie haben die Kultur Europas in den unterschiedlichen Ländern in ganz verschiedener Weise bereichert. Sie sind ein Teil unserer großen europäischen Kultur.

Wir müssen auch die Erinnerung an das Leid wach halten, das den Sinti und Roma in Europa angetan worden ist. Wir müssen uns aber genauso vor dem Fehlschluss hüten, als sei diese Leidensgeschichte die Summe ihrer Geschichte.

Das darf nicht der Refrain der langen europäischen Geschichte von Roma und Sinti werden! Und wir dürfen nicht zulassen, dass Nationalismen und Vorurteile erneut die Melodie vorgeben und den Takt bestimmen.

Solchen Entwicklungen müssen wir entgegentreten: mit Aufklärung und Zivilcourage, mit Begegnungen und mit Erfahrungen, die Vorurteile, aber auch Ängste abbauen.

Gewiss, da ist auch bei uns noch viel zu tun. Es ist noch ein weiter Weg, bis wir sagen können, die Lebensbedingungen für die Sinti und Roma in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, sind gut.

Unser demokratischer Rechtsstaat bietet gute Mittel, Veränderungen in Gang zu setzen. Demokratie ist ein handfester Fortsetzungsroman. Sie lebt vom politischen Streit, der parlamentarischen Beratung und Gesetzgebung und vom Ringen um demokratische Mehrheiten - und der Rechtsweg ist nicht ausgeschlossen.

Es gibt gute Ansätze und Überlegungen, es gibt ermutigende Beispiele für gelungene Integration. Solche Beispiele müssen in der breiten Öffentlichkeit noch viel bekannter werden.

Der Europarat hat mit seiner Konvention zum Schutz von Minderheiten ein wichtiges Signal gesetzt. Die Konvention darf auch für die Roma nicht bloß bedrucktes Papier bleiben. Die Vereinbarungen müssen umgesetzt werden.

V

Dass das Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen und Religionen gelingt, das ist mir in meinem Amt besonders wichtig. Ich lege großen Wert darauf, mir bei den Besuchen im Ausland ein Bild von dem Leben der jeweiligen religiösen und ethnischen Minderheiten zu machen.

Dass die unterschiedlichen Volksgruppen und Religionen friedlich zusammenleben können, das ist für Europa wieder zu einer Herausforderung geworden - besonders auf dem Balkan und in den Ländern des damaligen Jugoslawien. Auch dort hat der Krieg Vertreibung bedeutet und er hat eine Völkerwanderung ohnegleichen ausgelöst. Dabei sind gerade die Roma und Sinti, wie schon so oft in ihrer Geschichte, Opfer von Anfeindungen und Verfolgungen geworden. Hier sind wir gefordert, Partei zu ergreifen und Hilfe zu leisten.

Viele Roma mussten aus dem Kosovo fliehen und viele von ihnen leben seit einigen Jahren bei uns. Einige, die solche Verfolgung am eigenen Leibe erlebt haben, sind heute hier.

Die KFOR-Truppen, zu denen ein großes deutsches Kontingent gehört, bemühen sich gemeinsam mit der UN-Verwaltung darum, die Minderheiten im Kosovo zu schützen und die allgemeine Lebenssituation dauerhaft zu verbessern. Sie leisten gute Arbeit, unter ganz schwierigen Bedingungen.

Ich bin vor längerer Zeit in Bosnien Herzegowina gewesen und vor wenigen Tagen habe ich die deutschen Soldaten im Kosovo besucht. Ich habe mit den Soldaten, Polizeibeamten und mit Mitarbeitern verschiedener Nichtregierungsorganisationen gesprochen.

Sie haben mir übereinstimmend berichtet, dass ihnen die Situation im Kosovo zwar sicher erscheint, dass sie aber nicht stabil ist. Viele zweifeln daran, ob die Roma schon jetzt wieder sicher in ihrer alten Heimat leben können.

Wer vor einem Bürgerkrieg in seinem Lande fliehen muss, der findet bei uns in Deutschland Aufnahme. Das gilt, bis sich die Situation in seinem Land wieder normalisiert hat. Dazu müssen wir auch die hören, die vor Ort sind.

Für mich steht aber außer Frage:

  • Wer in Not zu uns flüchtet, der soll hier nicht nur verwaltet werden. Frauen, Männer und Kinder sollen bei uns Heimat auf Zeit finden. Sie sollen auf Menschen treffen, die sich um ihr Schicksal kümmern und die zuhören, was sie zu sagen haben.

  • Bei jeder Rückführung müssen wir ganz sicher sein, dass die Rückkehrer nicht erneut Opfer von Gewalt werden.

  • Es hieße der Politik der "ethnischen Säuberung" - wie der schreckliche Begriff heißt - zu einem späten Triumph zu verhelfen, wenn ethnische Minderheiten am Ende nur in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern die Lebensbedingungen fänden, die ihnen zustehen.

  • Das bedeutet auch, dass all jene Länder, die zur europäischen Union gehören wollen, die Minderheitenrechte gewähren müssen, die eine Grundvoraussetzung bleiben für ein geeintes und freiheitliches Europa.

  • Auch für den Kosovo muss gelten: Alle seine Bewohner haben in ihrem Land Heimatrecht. Das darf durch Gewalt nicht in Frage gestellt werden.

  • Ein multiethnischer Kosovo bleibt das Ziel. Das Gesetz zum Schutz nationaler Minderheiten, das das jugoslawische Parlament im Februar verabschiedet hat, muss es auch den Roma ermöglichen, öffentliche Ämter zu übernehmen, aktiv die Politik mitzugestalten, ihre Kultur zu praktizieren.

Vor diesem Hintergrund haben wir als Deutsche in Europa Verpflichtungen zu übernehmen, vor diesem Hintergrund müssen wir aber auch das anpacken, was bei uns in Deutschland noch zu tun ist.

Lassen Sie uns gemeinsam in unserem Land die Vorurteile und die Verunsicherung abbauen, die Begegnungen heute noch oft im Wege stehen.

Ich danke allen, die dafür ganz praktisch etwas tun: im Kleinen oder im Großen, scheinbar im Verborgenen, dort wo sie wohnen oder im Rampenlicht der Öffentlichkeit und der Medien.Ich ermuntere Sie, weiter zu machen. Mich haben Sie dabei an Ihrer Seite.