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Rede von Bundespräsident Johannes Rau auf der Dankesveranstaltung für die Helfer der Flutkatastrophe

Man hat sich das am ersten Tag der Flutkatastrophe nicht vorstellen können: Es war das schlimmste Ereignis der Nachkriegszeit. Häuser und Straßen, Schienen und Brücken, Stromleitungen sind von der Flut hinweggerissen worden. Viele Kulturschätze und Archive wurden zerstört - es gab 13 Todesopfer.

Viele sind obdachlos geworden; Zehntausende waren evakuiert. Erst jetzt merken manche Menschen: Vieles, was gerade neu aufgebaut worden war, ist dahin. Viele Firmen und Geschäftsleute stehen vor dem Nichts. Aber es sind auch Biografien zerstört worden, Briefe von Eltern und Großeltern, Hochzeitsfotos, Kinderbilder, Zeugnisse und Urkunden.

Aber da, wo die Flut ganze Dörfer und Stadtteile hat verschwinden lassen, ist vielleicht unerwartet etwas anderes sichtbar geworden - wir haben es schon gehört: Solidarität, Hilfsbereitschaft, selbstloser Einsatz für andere.

Ja, man kann es mit einem alten Wort sagen: das war spontane Nächstenliebe, und das ist wirklich ein Anlass für Freude und Dank und für ein Fest der Dankbarkeit. Mehr als 40.000 Soldaten waren im Einsatz, heute sind 12.000 hier. Es gab Flugtransporte, es gab Deichüberwachung und Deichverstärkung und Deichschutz. Es wurden Luftaufnahmen gemacht, und Personen waren zu retten. Es gab Patiententransporte.

Ich war in der vergangenen Woche im Kosovo, da haben mir unsere Soldaten vom KFOR-Kontingent in Prizren eine Spende gegeben, die sie gesammelt haben. 52.800 Euro für die Flutopfer - das ist ein Beispiel für die große Spendenbereitschaft überall. Aber auch Feuerwehrleute, die Frauen und Männern vom Technischen Hilfswerk - fast 24.000 - davon die allermeisten ehrenamtliche Helfer waren im Einsatz. Aus ganz Deutschland sind mehr als 1.000 Mitarbeiter der Bahn, die nicht von der Katastrophe betroffen waren, spontan angereist und haben geholfen, den Bahnverkehr, so gut es ging, aufrechtzuerhalten und wieder herzustellen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes haben Deiche gesichert und wo nötig, rechtzeitig die Polder geöffnet.

Viel wichtige Hilfe ist abseits von Fernsehkameras und unbemerkt von Politikerbesuchen geleistet worden. Ich meine die Hilfe im rückwärtigen Bereich: die ärztliche Versorgung, die Kantinendienste, die Transporte, das Rote Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt, die Johanniter und die Malteser, man kann sie gar nicht alle nennen, aber man kann sagen, alle haben Bewunderungswürdiges geleistet. Die professionellen Helfer, die Soldaten, die Polizisten, die Feuerwehrleute haben bis an die Grenzen der Erschöpfung gearbeitet. Und auch wenn sie manchmal enttäuscht sehen mussten, dass ein Deich nicht zu halten oder ein Stadtteil nicht mehr zu schützen war - ohne ihre Hilfe wäre gewiss alles noch viel schlimmer gekommen.

Besonders haben mich die vielen Tausenden Freiwilligen beeindruckt, die Nichtprofis - teils aus der Umgebung, teils von weither aus ganz Deutschland. Sie haben Großartiges geleistet: Sandsäcke füllen, Sandsack-Ketten bilden, Getränke heranschleppen, Brot schmieren, Essen kochen, Anwesenheitslisten in den Notunterkünften, in den Hallen und Zelten erstellen, Kontakte zu Vermissten herzustellen versuchen, tröstende Worte finden - besonders für die Kranken und für die alten Menschen. Jeder hat auf seine Weise mit geholfen, das Unheil so weit wie möglich in Grenzen zu halten.

Und darum sage ich: Besonders eindrucksvoll war der Einsatz junger Menschen. Da machen sich spontan 50 Schüler aus Lilienthal bei Bremen auf den Weg nach Dessau, als sie von der Katastrophe hören - aufräumen, entrümpeln, Anteil nehmen. Niemand musste sie dazu auffordern, und das ist tausendfach passiert. Das widerlegt die verbreiteten Vorurteile gegen junge Menschen in Deutschland.

Junge Menschen können und sollen Spaß haben im Leben, und Sie sollen heute auch Spaß haben. Aber wenn es drauf ankommt, zu helfen, dann wissen sie genau, was zu tun ist.

Wir haben die Flut eine nationale Katastrophe genannt. Das trifft gewiss zu, aber die nationale Katastrophe wurde auch ein Zeichen nationaler Solidarität, ganz Deutschland fühlte sich mit betroffen. Das zeigen die riesigen Spenden, das zeigen aber vor allem die Menschen, die von überall her zum Helfen gekommen sind.

Die Not hat gezeigt, wir sind ein solidarisches Volk.

Auch die Spenden und die Hilfen von Menschen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind und bei uns leben: auch sie haben ihre Zugehörigkeit zu dem Land, in dem sie leben, jetzt bewiesen, und es hat sich gezeigt, wir sind kein Volk von Egoisten.

Wenn es darauf ankommt, helfen wir einander, dann sind wir füreinander da, dann fragen wir nicht nach Reisekosten oder Vergütung.

Also sage ich an alle, die hier sind, großen, herzlichen Dank im Namen aller Deutschen.

Wir stehen zusammen, aber jetzt kommt es darauf an, dass wir miteinander lernen und einüben, dass die Erfahrung der Solidarität in der Not auch in Zukunft unseren Alltag bestimmen muss.

Herzlichen Dank.