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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Festaktes "125 Jahre Verband der Chemischen Industrie"

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich gratuliere herzlich zu einem bedeutsamen Jubiläum und so wie der zitierte Helmut Kohl aus Ludwigshafen mit BASF verbunden ist, so bin ich jemand, der aus dem Wuppertal kommt und der unmittelbar an der Bayer Fabrikationsanlage lebte und arbeitete, 68 Jahre. In den zwei Jahrzehnten, in denen ich in Nordrhein-Westfalen Verantwortung tragen durfte, habe ich viele Kontakte zum Verband der Chemischen Industrie und zu den Unternehmen gehabt und gesucht. Ich bin mit ihnen der Überzeugung, dass ein Leben ohne Chemie und ein Leben ohne chemische Industrie nicht denkbar ist.

Der Nobelpreis für Chemie, den gibt es seit 1901. Genauso wie den für Physik, für Medizin und für Literatur. In keiner anderen Disziplin haben so viele Deutsche den Nobelpreis bekommen.

Deutschland scheint für die forschungsintensive chemische Industrie ein gutes Pflaster zu sein. Natürlich bleiben immer wieder Wünsche offen und es stimmt auch, dass der letzte Chemie-Nobelpreis für einen Deutschen schon vierzehn Jahre zurück liegt.

Es stimmt aber auch, dass die chemische Industrie nach wie vor und zum Glück eine der wichtigsten Branchen in unserem Land ist. Mehr als 470.000 Menschen gibt sie in unserem Land Arbeit und Brot. Damit ist die deutsche chemische Industrie der drittgrößte Chemieproduzent der Welt. Sie ist eng verbunden mit anderen Wirtschaftszweigen und sie ist eng eingebunden in die Weltwirtschaft.

In diesem Jahr feiern Sie das einhundertfünfundzwanzigjährige Jubiläum. Im nächsten Jahr ist der zweihundertste Geburtstag Justus von Liebigs. Er wusste schon zu berichten von dem wahren Geist, der einen Chemiker beseelt.

In seiner berühmten Wissenschaftskolumne in der Augsburger Allgemeinen Zeitung schrieb er:
"Um zu den chemischen Kenntnissen zu gelangen, über die wir heute verfügen, war es nöthig, dass Tausende von Männern, mit allem Wissen ihrer Zeit ausgerüstet, von einer unbezwinglichen, in ihrer Heftigkeit an Raserei grenzenden Leidenschaft erfüllt, ihr Leben und Vermögen und alle ihre Kräfte daransetzten, um die Erde nach allen Richtungen zu durchwühlen, dass sie, ohne müde zu werden und zu erlahmen, alle bekannten Körper und Materien, organische und unorganische, auf die verschiedenartigste und mannichfaltigste Weise miteinander in Berührung brachten; es war erforderlich, dass dies fünfzehn Jahrhunderte hindurch geschah... Es war das Streben nach irdischer Glückseligkeit."

Soweit Justus von Liebig vor über 150 Jahren. Seitdem hat die chemische und die pharmazeutische Industrie bemerkenswerte Fortschritte gemacht.

Wir finden Produkte der chemischen Industrie in allen Lebensbereichen. Genau das ist natürlich der Grund dafür, dass die chemische Industrie umstritten ist. PVC und Asbest sind nur zwei Stichworte dafür.

Lange Zeit sind die ökologischen Folgeprobleme chemischer Herstellungsverfahren und chemischer Produkte verdrängt oder nicht erkannt worden.

Hier hat ein Umdenken eingesetzt. Vieles ist besser geworden, manches kann noch besser werden. Dazu gibt es viele Vorschläge, auch von seiten der Europäischen Union. Über die muss gesprochen und auch gestritten werden. Ich kenne die Vorbehalte der chemischen Industrie gegen Ökosteuer und Emissionshandel, gegen die Verschärfung der Seveso II-Richtlinie und gegen das Abwasserabgabengesetz. Ich glaube, dass in allen Diskussionen über Ökonomie und Ökologie ein Grundsatz immer gelten muss: Oberste Priorität hat der Schutz menschlichen Lebens und der menschlichen Gesundheit.

Besonders die pharmazeutische Industrie verdient unseren Dank dafür, dass ihre Medikamente helfen, viele Menschenleben zu retten. Dennoch müssen wir uns immer wieder der Frage stellen, was in der Forschung und in der Produktion erlaubt ist und wo die ökologischen und die ethischen Grenzen liegen. Über das, was vertretbar und was sinnvoll ist, brauchen wir einen stetigen Diskurs; der wird nie abgeschlossen sein. Es darf nicht der Eindruck entstehen und es darf erst recht nicht so sein, dass der ökonomische Gewinn Vorrang vor ethischen Werten hat. Wirtschaftliche Erfolgschancen, so nötig sie sind, können kein Ersatz für Ethik sein. Diese notwendige Balance immer wieder zu erreichen und zu halten, das ist auch eine wichtige Voraussetzung für dauerhaften unternehmerischen Erfolg. Dabei weiß ich, dass es in unserer Gesellschaft unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was ethisch geboten oder verboten ist. Diese Auseinandersetzung ist nötig. Wir sollten sie mit heißem Herzen und kühlem Kopf führen.

II.

Die chemische Industrie, meine Damen und Herren, gehört zu den besonders innovativen und zu den forschungsintensiven Sektoren der Wirtschaft. Die chemische Industrie bringt technologische Spitzenleistungen und sie ist angewiesen auf Spitzenkräfte. Auch das ist ein Grund dafür, dass wir mehr in die Bildung investieren müssen. Ich halte es zum Beispiel für den falschen Weg, den Hochschulzugang so zu beschränken, dass die Zahl der Bewerber mit den heutigen Kapazitäten an den Hochschulen übereinkommt. Das stellte die Maßstäbe auf den Kopf! Damit schüfen wir künstliche Grenzen, damit schöpften wir das vorhandene intellektuelle Potential nicht aus, zum Schaden unserer Wirtschaft, zum Schaden unserer Gesellschaft, und zum Schaden vieler einzelner. Das wäre grundverkehrt.

Wir müssen unsere Bildungseinrichtungen so einrichten, dass möglichst viele in ihrer vollen Leistungsfähigkeit gefordert und gefördert werden können. Wer vor dem Diplom aussteigt, der sollte zumindest einen qualifizierten Abschluss mitnehmen können. Diesem Ziel dient die Einführung neuer Abschlüsse wie Bachelor oder Master.

Übrigens und zum Schluss: Justus von Liebig konnte ohne Abitur studieren. Das hat sich als ein Segen für uns alle herausgestellt. Er hat allerdings nicht ganz freiwillig auf das Abitur verzichtet.

Mit 15 Jahren musste der Gymnasiast Justus von Liebig die Schule verlassen, weil er sie fast in die Luft gesprengt hätte bei dem Versuch, Knallpulver herzustellen. Da ist der ungebändigte Forschergeist wohl mit ihm durchgegangen.

III.

Meine Damen und Herren, ein Forschungsfeld wird in Zukunft noch für viel Unruhe und Diskussionen sorgen: Die Gentechnik. Vor zwei Jahren habe ich dazu hier in Berlin, in der Staatsbibliothek, eine Rede gehalten. Das will ich hier nicht wieder tun, schließlich warten wir alle gespannt auf den Festvortrag von Hubert Markl, der mir damals heftig und fröhlich widersprochen hat, nach der Berliner Rede, und mit dem ich in einem ständigen Diskurs über solche Fragen bin.

125 Jahre Verband der Chemischen Industrie: Das ist ein Grund zum Feiern und zur Gratulation. Für mich ist es auch ein Grund, den Mitgliedsunternehmen für die Zukunft alles Gute zu wünschen, all denen, die in diesen Unternehmen tätig sind. Ich hoffe, dass Sie Ihre Arbeit tun können im Dienste unserer Gesellschaft und sage Ihnen ein herzliches Glück auf.