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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Festveranstaltung anlässlich des 100. Geburtstages von Bischof Kurt Scharf

Dieser Oktober mutet uns viel zu. Vor zwei Tagen war ich hier im Französischen Dom mit der Witwe von Hans-Martin Schleyer, mit der Witwe von Jürgen Ponto und der Witwe des Flugkapitäns Schumann, der die Landshut flog, die am 18. Oktober vor fünfundzwanzig Jahren von der GSG 9 in Mogadischu gestürmt wurde. Hier in der Französischen Friedrichstadtkirche haben wir über die RAF gesprochen, über ihr unmenschliches Morden, über ihre Verbohrtheit.

Heute - zwei Tage später - stehe ich hier und rede über den Mann, der im Oktober 1974 Morddrohungen bekam, weil er Ulrike Meinhof im Gefängnis besucht hatte, um sie vom Hungerstreik abzubringen. So ist der Spannungsbogen, mit dem jedenfalls ich es zu tun habe und der sicher viele Menschen bewegt.

Kurt Scharf gehört zu den Menschen, von denen es zu wenige gibt, als dass man ihrer nicht gedenken dürfte. Ich weiß nicht mehr, wann ich ihm zuerst begegnet bin, aber ich bin ihm oft begegnet - einmal wochenlang. Er kam nach dem Studium nach ersten Pfarrstellen nach Sachsenhausen. In der Geschichte der Bekennenden Kirche hat er zwar keine Schlagzeilen gemacht, aber er hat eine wichtige Rolle gespielt.

Hausdurchsuchungen waren für ihn Alltag, fünfzehn Mal "Schutzhaft", immer wieder das Eintreten für die, die in den Gefängnissen einsaßen oder in den KZ, für Paul Schneider-Dickenschied und für Martin Niemöller.

Später war er in den Berliner kirchlichen Funktionen, die für einen rheinischen Christen ziemlich unbegreiflich sind. Was ist da ein Präses, was ist bei uns ein Präses? Was ist hier ein Propst? Wir kennen das gar nicht, aber Kurt Scharf kannten wir. Kurt Scharf, dieser gerade Mann, der den aufrechten Gang nicht zu üben brauchte, war wirklich wie ein Wunder vor unseren Augen.

Ich will von einer Begegnung erzählen:

Der nordrhein-westfälische Landtagspräsident lud gelegentlich offizielle Vertreter der Kirchen zu Staatsbesuchen ein. Bei einer Gelegenheit fiel die Wahl auf den damaligen Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Josef Kardinal Frings. Wie üblich war alles sehr feierlich: Roter Teppich, mit Sekt - Hausmarke. Einige bemerkten, es müsse aber auch der Evangelische eingeladen werden. Da fiel die Wahl auf den gerade zum Ratsvorsitzenden gewählten Kurt Scharf.

Nun stellen Sie sich das bitte vor: Kurt Scharf in Düsseldorf auf einem roten Teppich. Die Augenbrauen wurden immer länger. Man merkte ihm an, wie fremd, wie unheimlich ihm diese Situation war. Er antwortete darauf mit der Klarheit seiner Rede, die eine Predigt war. So hatte sich der Landtagspräsident das gar nicht vorgestellt. Es war ein guter Tag.

Eine andere Begegnung will ich erzählen. Sie ist heute für junge Menschen kaum noch begreiflich. Anfang September 1961 - ich war der jüngste Landtagsabgeordnete in Nordrhein-Westfalen, freigegeben zur Besichtigung durch Jugendgruppen und Frauenhilfen - kam ein Anruf, ich möge nach Berlin kommen. Ich fuhr nach Berlin, ausgestattet mit dem Privileg eines Ausweises für Landtagsabgeordnete. Ich bekam den Auftrag, die Wohnung von Kurt Scharf leer zu räumen. Scharf durfte nicht zurück in den Ostteil der Stadt.

Von da ab bin ich einige Wochen jeden Morgen über die Friedrichstraße oder über den Checkpoint Charlie oder über die Heinrich-Heine-Straße in die Wohnung von Kurt Scharf gefahren und habe Koffer gepackt. Auf dem Rückweg habe ich versucht, den Volkspolizisten zu erzählen, wieso das gerade meine Sachen wären, die ich da mitbrächte.

Abends kam ich gegen zehn, vielleicht um halb elf, in Dahlem zum "Hirschsprung" und gab die Koffer ab. Kurt Scharf und ich sprachen über Vermisste und Gesuchte.

Solche Wochen wie die Septemberwochen 1961 prägen ein Leben. So etwas vergisst man nicht. Ich denke daran, wenn ich jetzt als Bürger von Dahlem auf den Friedhof gehe und das Grab von Kurt Scharf sehe. In der Nähe liegt Gertrud Staewen, diese legendäre Gefängnisseelsorgerin, die immer sagte: "Kommt zu meinem Geburtstag, die Knackis sind auch alle da". Neben ihr liegt Rudi Dutschke; auch Helmut und Brigitte Gollwitzer haben da ihre letzte Ruhe gefunden.

Ob Kurt Scharf ein großer Theologe war, das weiß ich nicht. Das kann ich viel zu wenig beurteilen. Ich weiß aber, dass Kurt Scharf in meiner Bibel vorkommt, und zwar schon im Alten Testament, wo von denen die Rede ist, bei denen "sogar ihre Füße lieblich sind", weil sie den Frieden verkündigen. Wenn von denen die Rede ist, von denen die Schrift sagt: "Ihre Lehrer werden leuchten, wie des Himmels Glanz.", dann denke ich auch an Kurt Scharf.

Seinen letzten Weg in der Straßenbahn machte Kurt Scharf zu Senta Maria Klatt. Auch die ist natürlich unvergesslich. Strenger war nie jemand mit mir als sie, aber es heißt ja dann nicht nur, dass wir ihren Geburtstag nachfeiern sollen, sondern es heißt: "Und folget ihrem Glauben nach." Das fände ich schön, wenn uns das gelänge: Aus Gründen des Glaubens so aufrecht gehen zu können, so wenig zwiespältig zu sein, so erkennbar, so profiliert, so anstößig, wie es Kurt Scharf gewesen ist.

Er war keiner, der Jünger sammelte, aber um ihn haben sich Menschen gesammelt, weil seine Botschaft unmissverständlich war; ärgerlich, manchen eine Torheit, aber eben auch eine Kraft, die selig macht die, die daran glauben.