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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau beim Staatsbankett für den König des Haschemitischen Königreichs von Jordanien, Abdullah II. Bin Al-Hussein und Königin Rania

Mit Ihnen, Majestät, kommt das Staatsoberhaupt eines jungen Staates mit langer Geschichte zu uns. Zwischen dem Zwei-Strom-Land und dem historischen Palästina gelegen, an der Grenze zwischen Mittelmeerraum und Arabischer Halbinsel, gehören die Landschaften, die heute Jordanien bilden, zu den Stätten frühester menschlicher Kultur und Zivilisation.

Viele Denkmäler und Bauwerke zeugen bis heute davon. Jordanien ist eine Schatzkammer, nicht nur für Archäologen. Jedes Jahr begeistern sich viele Menschen aus aller Welt an der atemberaubenden Schönheit Petras, der Nabatäerstadt am Nordende der Weihrauchstraße. Genauso groß ist die Anziehungskraft des Amphitheaters in Amman, dem römischen Philadelphia, oder von Gerasa und die der christlichen Kirchen aus byzantinischer Zeit. Es war übrigens der Oldenburger Ulrich Jasper Seetzen, der im Jahre 1806 das antike Gerasa entdeckte. Der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt, der in Leipzig und Göttingen studiert hat, hat im August 1812 als erster Reisender der Neuzeit die Hauptstadt des Nabatäer-Reiches besucht.

Die Dynastie der Haschemiten führt sich bis auf den Urgroßvater des Propheten Mohammed zurück. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Tradition und Moderne keine Gegensätze sein müssen. Die lange Geschichte Ihrer Familie hindert Sie keineswegs daran, moderne Politik zu betreiben. Jordanien ist ein Staat, in dem eine moderne Zivilgesellschaft entsteht. Die jordanische Verfassung garantiert die Glaubens- und Gewissensfreiheit. In Jordanien haben die Frauen seit 1974 das aktive und passive Wahlrecht. Sie, Königin Rania, leiten die Menschenrechtskommission Jordaniens.

Die deutsch-jordanischen Beziehungen sind eng und freundschaftlich. Das gilt für alle Bereiche. Besonders fruchtbar ist die Zusammenarbeit auf dem Gebiet von Kultur und Wissenschaft. Ich kann an dieser Stelle nur ein Beispiel erwähnen: Deutsche und jordanische

Wissenschaftler arbeiten gemeinsam daran, die Altertümer in Petra zu konservieren. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung dieses Teils unseres Weltkulturerbes.

Als wir uns, Majestät, vor fast genau einem Jahr, am 11. Oktober 2001, zu einem Gespräch getroffen haben, da habe ich Sie mit den Worten begrüßt, dass Sie in schwierigen Zeiten kommen, dass Ihr Land aber gezeigt habe, wie man mit Schwierigkeiten umgehen kann.

Die Zeiten, Majestät, sind leider nicht einfacher geworden. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat weitere Opfer gefordert, darunter so viele Kinder. Nun droht mit der Auseinandersetzung um den Irak eine weitere Krise in unmittelbarer Nachbarschaft Jordaniens. Unsere beiden Länder wissen sich darin einig, dass eine dauerhafte Lösung für beide Konflikte nur eine politische Lösung sein kann.

Die Staatengemeinschaft ist jetzt gefordert, durch entschlossenes Vorgehen im Rahmen der Vereinten Nationen dem Regime im Irak unmissverständlich deutlich zu machen, dass es nun alle seine Zusagen ohne Abstriche einlösen muss. Die uneingeschränkte und bedingungslose Wiederzulassung der Waffeninspekteure und die vollständige und unverzügliche Umsetzung aller einschlägigen Resolutionen der Vereinten Nationen sind unverhandelbare Forderungen der Staatengemeinschaft.

Die Bilder von Terror und militärischer Gewalt, von Tod und Vernichtung, die uns aus israelischen und palästinensischen Städten täglich erreichen, bedrücken uns alle. Wir fragen uns: Wann wird das Töten ein Ende haben?

Bei unserem Gespräch im Oktober vergangenen Jahres haben Sie, Majestät, gesagt, dass es mutiger Entscheidungen auf beiden Seiten bedürfe, damit aus der "Asche einer schrecklichen Tragödie", wie Sie sich ausdrückten, der Friedensprozess wiederbelebt werden könne. Wir beide, Jordanien und mein Land, die Regierungen beider Staaten, wir glauben - trotz allem Schrecklichem - immer noch daran, dass Friede möglich ist. Wir sind davon überzeugt: Vor die Alternative gestellt, zwischen der Fortsetzung des Kampfes und einem normalen Alltagsleben, frei von Furcht und Terror, wählen zu können, würde sich die überwältigende Mehrheit der Menschen in Israel und in den Palästinensischen Gebieten für den Frieden entscheiden.

Sie wissen, Majestät, und Sie verstehen sehr gut, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Staat Israel besonderer Natur sind. Für deutsche Politiker ist es moralische Verpflichtung und persönliches Anliegen zugleich, eine besondere Verantwortung gegenüber dem Staat Israel und seinen Bürgern wahrzunehmen. Israel hat ein Recht darauf, in Frieden und Sicherheit in international anerkannten Grenzen zu leben. Dieses Recht haben die Vereinten Nationen in vielen Resolutionen bekräftigt. Diese Resolutionen sprechen aber auch davon, dass zwei Staaten in der nahöstlichen Region zusammen existieren müssen. In der Tat: Friede und Sicherheit für alle Menschen im Nahen Osten kann es nur geben, wenn die arabischen Staaten durch eine glaubwürdige Politik unumkehrbare Tatsachen schaffen. Friede und Sicherheit kann es aber auch nur geben, wenn die fünfunddreißigjährige Besetzung der Palästinensischen Gebiete beendet wird und wenn die Palästinenser die Erfahrung machen, dass sie in einem eigenen demokratischen und lebensfähigen Staat zu Hause sind und dass die Menschen dort in Würde leben können.

Sie, Majestät, sind Soldat, aber Sie sind ein Soldat, der kein höheres Ziel kennt, als Krieg zu verhindern und Frieden zu schaffen. Sie stehen damit in der Tradition Ihrer Familie. Wir alle bewundern den Mut der haschemitischen Könige. Ihr Urgroßvater, Abdullah Ibn Hussein, fiel 1951 einem feigen Attentat im Felsendom zum Opfer. Wir wissen, welche politischen Risiken Ihr verstorbener Vater, der unvergessene König Hussein, mit seiner Politik eingegangen ist. Ihr Vater, den ich im März 1995 in Amman getroffen habe, wagte trotzdem den Frieden der Mutigen. In wenigen Tagen, am 26. Oktober, jährt sich zum achten Mal die Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Israel und Jordanien.Die konstruktive und engagierte jordanische Politik im Nahen Osten verdient Respekt und Anerkennung. Wir wissen die wichtige Rolle zu würdigen, die Sie, Majestät, bei dem Zustandekommen der Arabischen Friedensinitiative gespielt haben. Der in Beirut im März dieses Jahres gefasste Beschluss der Arabischen Liga ist eine historische Entscheidung für den Frieden in der Region. Mit dem Angebot einer Normalisierung der Beziehungen zu Israel unter der Voraussetzung, dass Israel sich aus den Palästinensischen Gebieten zurückzieht, ist der Weg vorgezeichnet, auf dem sich alle gegenwärtigen und zukünftigen Bemühungen zum Frieden hin bewegen werden.

Ich hoffe, dass unsere gemeinsamen Anstrengungen erfolgreich sein werden.