Navigation und Service

Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Verleihung des Georg Büchner-Preises 2002 an Wolfgang Hilbig im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt

I.

Sie, Herr Professor Meier geben ein Amt ab, dass Sie jahrelang innegehabt haben, und ich denke, es ist richtig, wenn ich Ihnen herzlich danke für das, was Sie in diesen Jahren der Akademie an Prägung gegeben haben. Sie haben es ja eben erlebt: Bequem ist das nicht immer, was Sie sagen, aber Ihr Verzicht auf Schleiflackformulierungen, die Präzision und die Klarheit dessen, was Sie zu Ihrer Sache machen, haben mir immer besonderen Eindruck gemacht. Darum sage ich Ihnen heute herzlichen Dank und gute Wünsche für den Weg, der jetzt vor Ihnen liegt und der ganz gewiss ein Weg mit großen Herausforderungen sein wird. Ich wünsche auch Ihrem Nachfolger, der heute seine Arbeit beginnt, alles Gute.

Wahrscheinlich ist es einigen von Ihnen so gegangen wie mir, dass Sie auf der Fahrt hierher erfahren haben, dass Siegfried Unseld gestorben ist. Wie oft hat er auch hier in der Akademie bei der Büchner-Preisverleihung gesessen, wie hat er nicht nur den Suhrkamp-Verlag sondern die Nachkriegsgeschichte der Deutschen Literatur geprägt, sehr eigenwillig, oft umstritten und mit einer großen Spannbreite: Von der sorgsamen Pflege Hermann Hesses bis zu der Leidenschaft für Emigrations- und Exilliteratur, die er in all den Jahrzehnten gepflegt, bekannt gemacht, oft durchgesetzt hat.

Ich glaube, dass es gut ist, bei einer solchen Veranstaltung wie der heutigen in der Akademie voller Respekt und Dankbarkeit an Siegfried Unseld zu denken, der nach langer Krankheit heute gestorben ist.

II.

In Deutschland werden in jedem Jahr viele Preise verliehen. Einige ragen aus dieser Fülle und Vielfalt heraus. Keiner ragt so heraus, wie der Georg-Büchner-Preis hier in Darmstadt.

Ich gratuliere ganz herzlich Wolfgang Hilbig, der in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis bekommt.

Die Akademie, die diesen Preis verleiht, trägt ihr Programm im Namen: Sie will Sprache und Dichtung pflegen und fördern.

Die Akademie weiß, dass es im technischen Zeitalter nicht genügt, einen großartigen Romancier, eine grandiose Lyrikerin oder einen herausragenden Dramatiker zu ehren. Wer die deutsche Sprache fördern will, der muss auch an den Essay und an die literarische Kritik denken und daran, dass es auch bei der wissenschaftlichen Prosa gute und schlechte Texte gibt.

Deshalb verleiht die Deutsche Akademie heute Professor Volker Klotz den Johann-Heinrich-Merck-Preis und Professor Klaus Heinrich den Sigmund-Freud-Preis. Auch Ihnen beiden gratuliere ich sehr herzlich.

III.

Die Akademie ist von Beginn an eng mit Darmstadt verbunden. Ihr Ansehen, ihr Ruf geht aber weit über den Raum der deutschsprachigen Literatur hinaus.

Die Namen der Preisträgerinnen und Preisträger kann man lesen wie eine Liste von Merkposten zur deutschen Geschichte seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Die Akademie hat sich bei ihren Entscheidungen - wenn ich es richtig sehe - immer nur von einem Kriterium leiten lassen: Der Qualität. Das hat zu ganz unterschiedlichen Preisträgerinnen und Preisträgern geführt. Manche sind früh geehrt und damit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht worden. Für andere war der Preis die Anerkennung, nachdem sie bei Lesern und Kritikern schon Erfolg gehabt hatten.

Die Reden der Büchner-Preisträger aus den vergangenen Jahrzehnten sind selber wichtige literarische und literaturwissenschaftliche Dokumente.

IV.

Georg Büchner ist ein ganz besonderer unter den deutschen Schriftstellern: Er hat nur wenige Texte geschrieben, aber bis heute außerordentliche Wirkung. Er hat nur ein kurzes Leben gehabt, aber er hat viel gemacht in diesem Leben. Er war Arzt und Dramatiker. Er war Soldat und Pamphletist. Als Naturwissenschaftler ging es ihm auch sprachlich um möglichst große Eindeutigkeit. Als Autor faszinierte ihn die unerschöpfliche Welt der sprachlichen Bilder.

Ich denke dabei ganz besonders an zwei Szenen, an eine aus dem "Woyzeck"" und an eine aus "Leonce und Lena".

Sein "Woyzeck" will etwas Bedrohliches, etwas für ihn Unfassbares in Worte fassen. Er kämpft um seine Stellung in der Gesellschaft, um sein Ansehen, um seinen Ruf. Und als sei es nicht schlimm genug, dass er seine Braut verliert, da ist noch etwas anderes, etwas Unheimliches, dass er nicht greifen kann. Die Menschen begegnen ihm nicht offen, nicht aufrichtig. Nach seinem Eindruck verstecken sie sich hinter gesellschaftlichen und sprachlichen Konventionen. Sie verstehen ihn nicht. Sie nehmen nicht wahr, was er empfindet: Das Unheimliche, das Untergründige.

"Siehst Du den lichten Streif da über das Gras hin, wo die Schwämme so nachwachsen? Da rollt abends der Kopf." Es schüttelt ihn. Und dann ein neuer, ein anderer Versuch: "Andres, das waren die Freimaurer! Ich hab's, die Freimaurer!" Er klopft den Boden ab. "Hohl, hörst Du? Alles hohl da unten! Die Freimaurer!"

Woyzeck sucht nach Worten, nach Begriffen, die wenigstens beschwören sollen, was unbenannt noch bedrohlicher wäre, als es ist. Mit Worten versucht er sich an das heranzutasten, was er empfindet. Worte für Gefühle zu finden, das braucht er, damit er wieder Boden unter den Füssen gewinnt.

Auch in "Leonce und Lena" geht es um ähnliche Fragen. Valerio, der Diener von Prinz Leonce ist ein schlauer und ein sensibler Mann und melancholisch obendrein. Sie alle kennen wahrscheinlich sein Gespräch mit König Peter. Der fragt ihn: "Wer seid ihr?" Valerio spielt mit Masken, die er sich abwechselnd vor das Gesicht hält. Er sagt: "Weiß ich´s?" Er nimmt langsam eine Maske nach der anderen in die Hand. "Bin ich das? Oder das? Oder das? Wahrhaftig, ich bekomme Angst, ich könnte mich so ganz auseinander schälen und blättern."

V.

In der Religion stellt sich der Mensch von altersher die Frage, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht. Man braucht aber kein gläubiger Mensch zu sein, um diese Fragen zu stellen. Darum ist das ein Thema, mit dem sich die Literatur immer wieder beschäftigt.

Ich kenne viele Menschen, für die bestimmte Bücher eine existentielle Bedeutung hatten und haben.

Bücher können so wichtig wie gute Freunde sein. Sie sagen uns Dinge, die wir von uns selber nicht wissen. Sie sagen sie treffender und aufrichtiger, als wir selber es könnten. Bücher helfen uns, andere Welten zu entdecken. Bücher lassen uns teilhaben an den Erfahrungen, an den Entscheidungen und den Gefühlen erdachter oder historischer Personen. Wir lernen Menschen kennen, denen wir in unserem Leben nie begegnet wären.

In Büchern gehen Menschen auf die Suche nach Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens, auf die, die scheinbar unnütz und auf die, die nicht zu beantworten sind. Darum sind Bücher so wichtig. Für mich gehören Bücher zu den Grundnahrungsmitteln.

VI.

Ich weiß, dass das Jahr 2002 für die meisten Verleger und Buchhändler ein besonders schwieriges Jahr ist. Ich kenne auch die Klage, dass die Menschen immer weniger lesen. Es stimmt: Die elektronischen Medien, vor allem das Fernsehen, aber immer mehr auch die vielfältigen Angebote im Internet nehmen im Tagesablauf vieler Menschen einen großen Platz ein. Wer heute etwas lesen will, der braucht kein Buch, keine Zeitschrift oder keine Zeitung aufzuschlagen. Die Texte kommen frei Haus. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass Bücher gegen manche Unkenrufe nie altmodisch werden.

Es wird ja nach wie vor viel gelesen. Täglich erscheinen ungezählte Bücher. Die Literaturkritik findet große öffentliche Aufmerksamkeit. Ob es dabei immer nur um die Bücher geht, das steht auf einem anderen Blatt.

Wer sich der Aufgabe stellt, die Sprache zu pflegen und die Literatur zu fördern, der hat also gewiss viele Anlässe zur Kritik, aber keinen Grund zu Kleinmut oder gar Resignation.

Sprache und Dichtung zu pflegen und zu fördern: Das ist ein Auftrag, der weit über die Akademie hinausreicht. Darum muss sich die ganze Gesellschaft bemühen, und zwar in ihrem ureigenen Interesse. Manchen scheint das unzeitgemäß. Wer hat etwas davon, höre ich fragen. Worin besteht der Nutzen? Was bringt das? Wer nur nach der Nützlichkeit fragt, der setzt Werte aufs Spiel, die in keiner Bilanz vorkommen, ohne die menschliches Zusammenleben aber undenkbar ist.

Wenn manche glauben, auch bei Bildung und Erziehung komme es zu allererst auf Nützlichkeit und Effizienz an, dann brauchen wir mehr und mehr denn je die Literatur und die Schriftsteller als unverzichtbare Gegenkraft. Ohne sie büßten wir nicht nur das Gespür dafür ein, welche Möglichkeiten unsere Sprache bietet, ohne sie ginge uns auch das Wissen und das Fühlen dafür verloren, dass es eine Genauigkeit und eine Richtigkeit gibt, die sich nicht in Zahl und Formeln ausdrücken lassen.

Ohne Literatur, ohne Schriftsteller ginge uns eine wichtige Ebene der Verständigung und der Selbstverständigung verloren. Literatur und Dichtung bringen Menschen dazu, über sich selber nachzudenken und sich ihrer selbst zu vergewissern.

Wie arm würde unsere Sprache, wenn nicht immer wieder neue Bilder, ungewohnte Metaphern, ungehörte Andeutungen und Vieldeutigkeiten erfunden würden! Wer selber Kinder hat oder Kinder kennt, der weiß, wie viel Freude, ja wie viel Lust sie am Wörter erfinden, am Wörter verdrehen, am Neuen und Ungewohnten haben.

Darum ist es so wichtig, dass Kinder früh die Chance haben, mit Büchern zu leben.

VII.

Wolfgang Hilbig, der heute geehrt wird, hat jüngst in einem Interview gesagt: Wenn er sich gelegentlich Attacken von Selbstzerstörung und bedrohlichen Ängsten ausgesetzt sehe, dann müsse er schreiben. "Da fühle ich mich sicher", sagt er. Ihm helfe schon das Niederschreiben "einigermaßen ordentlicher Sätze".

Über ihn, über Wolfgang Hilbig, sein Leben und sein Werk, werden wir heute noch vieles hören. Ich will nur zwei Anmerkungen machen: In einem seiner Bücher, in dem wohl bekanntesten, dem Roman "Ich" aus dem Jahre 1993, schildert er, wie diesem "Ich" langsam jedes Gefühl von Sicherheit verloren geht. Wolfgang Hilbig berichtet von einem langsamen Ich-Verlust.

Die Hauptfigur seines Romans arbeitet als informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR und bespitzelt über lange Zeit einen Schriftstellerkollegen. Das hat Folgen auch für ihn selber. Wie Büchners Valerio beginnt er sich zu fragen: "Bin ich das? Bin ich das?" Während er im Laufe der Zeit eine Maske nach der anderen verliert, geht ihm mit seinem Namen auch das Gefühl verloren, "Ich" zu sagen. Er beginnt, von sich selber in der dritten Person zu sprechen. Schließlich verliert er seine Sprache und übernimmt den menschenverachtenden Jargon der Staatssicherheit.

Die Aufgaben eines informellen Mitarbeiters lesen sich dann so:

"Festlegung der durchzuführenden Zersetzungsmaßnahmen auf der Grundlage der exakten Einschätzung der erreichten Ergebnisse der Bearbeitung des jeweiligen operativen Vorgangs".

VIII.

Ich will nichts vorwegnehmen. Wir haben heute noch viel vor. Ich freue mich darüber, dass ich heute hier sein kann.

Die Akademie für Sprache und Dichtung hat weit über die Literatur hinaus Bedeutung.

Die freiheitliche Gesellschaft braucht Schriftsteller, sie braucht Leserinnen und Leser und das lebendige Gespräch über Literatur. Ein Staat, der bewusst darauf verzichtet, seinen Bürgern verbindlich Deutungen vorzugeben wie Diktaturen das tun, ein solcher Staat ist umso mehr darauf angewiesen, dass die Menschen sich untereinander und als Gesellschaft über verschiedene Deutungen der Wirklichkeit verständigen. Georg Büchner und Wolfgang Hilbig haben - jeder zu seiner Zeit - erfahren, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, die Deutungsmuster staatlich verordnet und durchzusetzen versucht.

Die freiheitliche Gesellschaft braucht, so hat es Professor Christian Meier, der Präsident Ihrer Akademie, einmal gesagt, "Phantasie, Distanz, Vorstellungsreichtum, Einblick auch in solche Möglichkeiten des Denkens und Handelns". Ich wünsche der Akademie und ich wünsche uns allen viele solche Stunden der Phantasie, der Distanz, des Vorstellungsreichtums, des Einblicks in viele Möglichkeiten des Denkens und Handelns, damit unser Menschsein Menschenwürde hat.