Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Eröffnung der Woche des deutschen Buches und der deutschen Literatur

I.

Ich bin sehr froh darüber, daß ich gemeinsam mit Frau Professor Limbach die Buchwoche eröffnen darf. Jeder von uns wird sich gelegentlich die Frage stellen, was er täte, wenn er mehr Zeit hätte oder freier über seine Zeit verfügen könnte. Für mich steht eine Antwort ganz im Vordergrund: Ich würde mehr Bücher lesen und ich würde häufiger in Buchhandlungen gehen.

Darum freue ich mich ganz besonders darüber, dass ich heute hier bei Ihnen sein darf, in diesem geschichtsträchtigen "Verein der schönen Künste", der in zwei Jahren sein 125-jähriges Jubiläum feiern kann. Das ist eine stolze Zahl, die auch die zentrale Bedeutung des Vereins für die spanische Kunstszene und seiner Bedeutung für die spanische Kulturgeschichte widerspiegelt. Vom "Circulo" sind immer wieder Impulse für das moderne Spanien ausgegangen, und über seine kulturelle Orientierung hinaus war hier auch ein politischer Zirkel, in dem frei und unabhängig die Themen der Zeit diskutiert werden konnten.

Darum finde ich es besonders schön, dass wir hier gemeinsam die "Woche des deutschen Buches und der deutschen Literatur" eröffnen. Bücher haben mein ganzes Leben begleitet: Als Volontär und als Lehrling in einem Verlag in meiner Heimatstadt Wuppertal, später zwei Jahrzehnte lang als Leiter eines Verlagshauses - aber ganz besonders aber als begeisterter Leser.

Als Verleger war ich Kaufmann - aber ich habe mich nie recht mit dem Gedanken anfreunden können, dass Bücher bloß eine Ware sind. Gewiss sind sie das auch, aber sie sind doch viel mehr. Bücher vermitteln und dokumentieren etwas von der Kultur einer Gesellschaft. Ein schön gemachtes Buch ist auch ein sinnliches Erlebnis - wenn man es in die Hand nimmt, wenn man darin blättert, wenn man die Sorgfalt spürt, mit der es hergestellt worden ist. Bücher können uns bereichern und ablenken, unterhalten und anregen.

Bücher können uns mitreißen, und sie können, wie Franz Kafka es gesagt hat, "die Axt sein für das gefrorene Meer in uns". Bücher können große Macht entfalten - auch deshalb sind sie immer wieder und zu allen Zeiten verboten oder gar verbrannt worden. Immer wieder haben Menschen allergrößte Mühe darauf verwandt, Ideen in gedruckter Form auch gegen Zensur, gegen Verfolgung und Unterdrückung zu verbreiten - denken wir nur an die Samisdat-Literatur im Zentral- und Osteuropa des Kalten Krieges.

II.

Die "Deutsche Buchwoche" will dazu beitragen, die deutsche Gegenwartsliteratur in Spanien bekannter zu machen. Sie will den spanischen Leserinnen und Lesern die Möglichkeit eröffnen, einen Eindruck vom heutigen Deutschland zu gewinnen und etwas darüber zu erfahren, wie wir in unserem Land leben und welche Themen, welche Fragen und welche Probleme uns bewegen.

Der kulturelle Austausch zwischen unseren Ländern hat Tradition. Vom schon zitierten Goethe wissen wir, dass er Cervantes, neben Shakespeare, unter allen Dichtern am höchsten schätzte. Und Hermann Hesse sagt über den "Don Quixote", es sei "(...) eines der grandiosesten und zugleich entzückendsten Bücher aller Zeiten (...)". Wer wollte ihm da nicht zustimmen!

Die moderne spanische Literatur hat in Deutschland viele Freunde. Und in Spanien wurde und wird die deutsche Kultur geschätzt. Viele Spanier haben in Deutschland studiert und sind dadurch zu wichtigen Mittlern zwischen unseren beiden Kulturkreisen geworden.

Einen Studenten möchte ich besonders erwähnen: Ortega y Gasset. Anfang des 20. Jahrhunderts hat er in Berlin, in Leipzig und in Marburg Philosophie und Literatur studiert. In Spanien und im Exil ist er zum Botschafter für die deutsche Kultur geworden. Er wirkte aber auch nach Deutschland zurück: Nach dem Krieg hat er unser Land besucht, Vorträge in deutscher Sprache gehalten, und er trug viel zum Verständnis zwischen Deutschland und Spanien bei.

Spanien - das ist für die Deutschen nicht nur ein beliebtes Reiseland. Auch das Interesse an spanischer Lebensart und an spanischer Kultur ist groß: Viele junge - aber auch ältere - Menschen in Deutschland lernen die spanische Sprache. Spanische Kunst, Filme, Musik und Bücher werden außerordentlich positiv aufgenommen.

Ich wäre froh, wenn es der "Woche des deutschen Buches und der deutschen Literatur" gelänge, umgekehrt noch mehr Interesse für die deutsche Kultur in Spanien zu wecken. Die Veranstaltungen der Buchwoche sollen vor allem die deutsche Literatur nach der Überwindung der Teilung vorstellen. Sie wollen beleuchten, welche politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen sich in unserem Land in den letzten zwölf Jahren ereignet haben.

III.

Die Kultur eines anderen Landes kann am besten verstehen, wer die Sprache spricht, in der diese Kultur sich ausdrückt. Deshalb habe ich mich darüber gefreut zu erfahren, dass die Nachfrage nach Deutschkursen in Spanien beachtlich ist. Die Sprachabteilung des Goethe-Instituts in Madrid unterrichtet mehr Sprachschüler als jedes andere deutsche Kulturinstitut in der Welt. In den Regionen Spaniens gibt es ein großes Interesse am Erlernen der deutschen Sprache. Auch dort kann das Goethe-Institut mit seiner Erfahrung dabei helfen, den Deutschunterricht aufzubauen.

Die Sprache istderSchlüssel für den Zugang zu anderen Kulturen. Sie ist ja nicht nur ein Mittel der Verständigung, sondern sie dient auch dem gegenseitigen Verstehen. Der Reichtum unserer Sprachen ist Ausdruck historischer und kultureller Vielfalt in Europa. Sie wollen wir gerade auch dann bewahren, wenn wir uns auf unserem Kontinent - aus vielen guten Gründen - einander immer enger zusammenschließen.

IV.

Auch wenn wir fremde Sprachen lernen, werden wir immer auf Übersetzungen angewiesen sein - gerade auch, wenn wir die anspruchsvolle Literatur anderer Kulturkreise entdecken wollen. Eine gelungene, eine angemessene Übersetzung, das ist eine eigenständige kulturelle, ja künstlerische Leistung - keine einfache Technik, die sich mit einigen Sprachkenntnissen leicht erlernen ließe. Ich habe es oft bedauert, dass die Übersetzerinnen und Übersetzer unserer Bücher so wenig bekannt sind und dass sie kaum geehrt werden.

Deshalb freue ich mich besonders darüber, dass anlässlich dieser Buchwoche ein Übersetzerpreis gestiftet worden ist. Er soll heute erstmals verliehen werden. Der Preis ist von der "Fundación Goethe España" ausgelobt worden, dem Kultur-Förderkreis deutscher Wirtschaftsunternehmen in Spanien. Sie unterstützen auch andere Vorhaben der Goethe-Institute in Madrid und Barcelona auf großzügige Weise. Dafür möchte ich Ihnen sehr herzlich danken!

V.

Die "Deutsche Buchwoche" soll, so sehen es ihre Organisatoren, ein Neuanfang sein in dem Bemühen, deutsche Literatur in Spanien bekannt zu machen und zu vermitteln. Mancher mag an das deutsche Sprichwort denken: "Aller Anfang ist schwer". Hier in Spanien zitiere ich jedoch lieber ein spanisches Sprichwort: "Alles was gut beginnt, endet auch gut".

Und in diesem Sinne wünsche ich der "Deutschen Buchwoche" viel Erfolg, ich wünsche ihr ein reges Publikumsinteresse und der deutschen Literatur viele interessierte Leser.