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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich seines Staatsbesuchs im Königreich Spanien

I.

Ich danke Ihnen, Majestät, für Ihre freundlichen Worte und für den herzlichen Empfang, den Sie, die Königin und Ihre Landsleute uns bereitet haben.

Ein spanisches Sprichwort sagt von Madrid: "So schön und spannend ist diese Stadt, dass man sich wohl selbst im Himmel noch ein kleines Loch wünschte, um auf Madrid hinuntersehen zu können." Deshalb freue ich mich besonders darüber, dass wir während unseres Staatsbesuchs in Spanien so viel von Ihrer schönen Hauptstadt sehen können. Schon die ersten Eindrücke, die ich gewinnen konnte, haben mir gezeigt, wie treffend dieses Sprichwort ist.

Meine Frau und ich hatten heute schon die Freude und das Vergnügen, mit Ihnen, Majestät, Königin Sofia und Mitgliedern der königlichen Familie gemeinsam zu Mittag zu essen. Haben Sie vielen Dank für die so freundschaftliche und familiäre Atmosphäre, in der Sie uns im Königreich Spanien willkommen heißen.

Heute Abend sind es einige Gäste mehr, wie ich an der festlichen Tafel sehe.Der Königspalast mit seinen beeindruckenden und prunkvollen Sälen zeigt den Reichtum Spaniens, der seit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus im 15. und 16. Jahrhundert einen Höhepunkt erreicht hat. Die Beziehungen des Königreichs Spanien zur Neuen Welt, die damals geknüpft wurden, sind heute zwar anderer Art, aber die Brücken zu Lateinamerika, die Spanien gebaut hat, bestehen auch heute noch. Und von diesen besonderen Bindungen profitiert nicht nur Spanien, sondern ganz Europa.

II.

1925 sagte der deutsche AußenministerGustav Stresemannim Deutschen Reichstag: "Unsere Beziehungen zu Spanien tragen den Charakter einer seit Jahrhunderten durch nichts getrübten Freundschaft mit diesem Lande, von dem aus uns keinerlei politische Gegensätze trennen, mit dem uns zahlreiche kulturelle Interessen verbinden."Das, was Stresemann 1925 gesagt hat, kann auch ich heute sagen.

Spanien ist das beliebteste Ferienland der Deutschen im Süden Europas. Die spanische Kultur übt große Faszination auf die Deutschen aus. Spanischer Wein und spanische Küche, spanische Musik und spanische Sänger, die Begeisterung für spanische Maler wie Picasso und Miró, für Regisseure oder für die Bücher von Javier Marías - all das ist mittlerweile zum Bestandteil des Lebens in Deutschland geworden. Dazu haben sicherlich auch die vielen spanischen Gastarbeiter beigetragen, die vor etwa dreißig Jahren zu uns gekommen sind. 130.000 Spanier leben heute bei uns in Deutschland.

III.

Mit großer Sympathie und Anteilnahme haben die Deutschen in den siebziger Jahren Spaniens Weg zurück zur Demokratie verfolgt. Wo das möglich war, wurde auch geholfen. Und es gab in Deutschland keinen Zweifel daran: Spanien gehört zur Europäischen Union.

Sie, Majestät, haben sich bei der Sicherung der Demokratie und bei Spaniens europäischer Orientierung ganz besondere Verdienste erworben. Das hat Ihnen große Hochachtung eingetragen, auch außerhalb Ihres Landes,und auch bei uns in Deutschland.

Wir werden in Deutschland nicht vergessen, dass Spanien das erste europäische Land war, das spontan und ohne Vorbehalte den Prozess begrüßt hat, der 1990 zur deutschen Einheit führte.

Besonders freue ich mich darüber, dass die deutsch-spanischen Beziehungen ständig weiter vertieft und dass sie von vielen Menschen in beiden Ländern getragen werden. Heute habe ich in Madrid die "Deutsche Buchwoche" eröffnet. Außerdem ist, Sie haben es erwähnt, heute das "Deutsch-Spanische Forum", die Idee von Javier Solana, Wirklichkeit geworden. Ich wünsche mir, dass davon neue Impulse für die deutsch-spanische Zusammenarbeit ausgehen.

IV.

Seit bald siebzehn Jahre ist Spanien ein engagiertes Mitglied der Europäischen Union. Sie blicken auf eine erfolgreiche Präsidentschaft zurück, in der unter anderem die Position der Europäischen Union im Nahostkonflikt als "Mitspieler im Quartett" stärker zur Geltung kam. Es bedrückt uns alle, dass dieser Konflikt nach wie vor von einer Lösung weit entfernt zu sein scheint - trotz großer Bemühungen. Die entscheidende Rolle bei der Lösung des Konflikts müssen die Vereinten Nationen spielen. Sie müssen nach Kräften unterstützt und gestärkt werden. Dazu können und wollen wir gemeinsam beitragen, wenn Spanien und Deutschland vom 1. Januar an Mitglieder im Sicherheitsrat sein werden.

Der Prozess der europäischen Einigung ist in einer entscheidenden Phase. Die bevorstehende Erweiterung der EU und ihre Vertiefung sind aufs Engste miteinander verbunden.Spanien und Deutschland haben sich früh und klar für die Erweiterung ausgesprochen. Wir wissen: Sie entspricht unserem gemeinsamen Interesse. Sie eröffnet nicht allein große wirtschaftliche Chancen für uns alle. Wir wollen auch die Länder wieder endgültig nach Europa zurückholen, die in den Jahrzehnten nach dem Krieg von der freiheitlichen Entwicklung im übrigen Europa abgeschnitten waren. Sie müssen die Chance haben, die auch Spanien so erfolgreich genutzt hat. Es ist historische Verpflichtung und ein Gebot der Solidarität zugleich, diese Staaten an der Stabilität und am Wohlstand im übrigen Europa teilhaben zu lassen.

Parallel zur Erweiterung müssen wir die Union so reformieren, dass sie auch als Gemeinschaft von fünfundzwanzig und mehr Mitgliedsstaaten handlungsfähig bleibt.

Die Arbeiten im Konvent kommen gut voran und lassen uns hoffen, dass uns das gelingen kann. Spanien und Deutschland kommt dabei eine wichtige Aufgabe zu: Uns verbindet die historische Erfahrung, dass die Stärke in der Einheit und der Reichtum in der Vielfalt liegen - in unseren Ländern und auf unserem Kontinent.

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie nun, Ihr Glas zu erheben und mit mir auf das Wohl Ihrer Majestäten König Juan Carlos und Königin Sofia zu trinken, auf das Wohl ihrer Familie und auf die guten und freundschaftlichen Beziehungen unserer beiden Länder im geeinten Europa.