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Begrüßungsworte von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Auftaktveranstaltung des Bundeswettbewerbes "Jugend debattiert"

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

Herzlich willkommen im Schloss Bellevue. Heute beginnt ein großer neuer Wettbewerb für junge Menschen: Der Bundeswettbewerb "Jugend debattiert".

Worum soll es dabei gehen?

Es geht um zwei Ziele:

  • Einmal soll der Wettbewerb die Bereitschaft und die Fähigkeit junger Menschen fördern, sich gesellschaftlich und politisch zu engagieren.
  • Und er soll dazu beitragen, dass junge Menschen ihre Meinung in Diskussionen und im Streitgespräch überzeugend darstellen, also:
  • Argumente statt Vorurteile;
  • gute Sprachbilder statt Reproduktionen aus der Klischeefabrik,
  • eigene Gedanken statt Schlagworten:

Das ist das Ziel des Wettbewerbs.

Vor zwei Jahren hat sich in unserem Land eine spontane und breite Bewegung zusammengefunden, die hat eindrucksvoll demonstriert: Hass und Gewalt dürfen kein Mittel der Politik sein. Viele junge Menschen haben diese Aktion unterstützt. Sie dulden es nicht, dass Menschen in Furcht leben müssen, nur weil sie anders aussehen oder anders denken.

Es ist wichtig, dass Demokraten sich bestimmten politischen Fehlentwicklungen in den Weg stellen. Wichtig ist aber auch,füretwas einzutreten. Vor allem jungen Menschen müssen gezeigt bekommen und wir müssen ihnen vorleben, wofür es sich lohnt einzutreten und wie das möglich ist. Die Demokratie ist kein Projekt, das begonnen und dann zu Ende gebracht wird, keine Sache, die wir gefällig beobachten und nur gelegentlich zu korrigieren brauchen. Nein, die Demokratie ist ein spannender Fortsetzungsroman, der jeden Tag ein Stück weitergeschrieben werden muss - und zwar von uns allen.

Nun höre ich immer wieder die Befürchtung, die Bereitschaft junger Menschen, sich zu engagieren sei geringer als früher. Mangelnde Einsatzbereitschaft, wenig Solidarität, das seien typische Kennzeichen einer Spaßgeneration. Wer das für zutreffend hält, der musste sich spätestens im Sommer eines besseren belehren lassen: Denn wie sich junge Menschen bei der Flutkatastrophe eingesetzt haben, das war. für mich jedenfalls, ein Anlass zu heller Freude. Sie haben das ganz selbstverständlich getan, oft bis zur Erschöpfung und ohne die Ermunterung durch Erwachsene abzuwarten.

Nein, die Bereitschaft junger Menschen sich gesellschaftlich zu engagieren, ist ungebrochen.

Sorgen macht mir allerdings, dass die Bereitschaft zumpolitischenEngagement zurückgeht. kürzlich ist eine Untersuchung vorgestellt worden, nach der sich nur noch vierunddreißig Prozent der Jugendlichen politisch interessiert nennen; 1991 waren es noch siebenundfünfzig Prozent.

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Zu denen gehört gewiss eine verbreitete Unzufriedenheit mit dem politischen Betrieb und mit den politischen Parteien.

Aber dazu gehört sicher auch das Gefühl: "Man kann ja doch nichts ändern."

Genau hier setzt der Bundeswettbewerb "Jugend debattiert" an. Er will jungen Menschen die Fähigkeit und die Erfahrung vermitteln, dass es sich lohnt, für seine Überzeugungen zu streiten - mit Argumenten, an der Sache orientiert und rhetorisch gekonnt. Junge Menschen sollen lernen, dass man andere überzeugen kann, wenn man die eigene Position gut und gewinnend vorträgt, wenn man begreift, dass Überzeugen nicht Überreden heißt, sondern Zuhören und Antworten.

Wer diese Erfahrung macht, der wird viel eher bereit sein, sich für die eigenen Anliegen einzusetzen, aber auch für die "öffentliche Sache", für die "res publica": in der Schule und im Verein, in der Gewerkschaft, in der Bürgerinitiative, in der Kirchengemeinde, in einer politischen Partei. Eben überall da, wo Politik entsteht und wo Politik gemacht wird.

Der Bundeswettbewerb "Jugend debattiert" besteht aus zwei Teilen: Training und Wettbewerb. Im Training werden die rhetorischen Fertigkeiten vermittelt, die man braucht, wenn man die eigene Meinung im Streit mit anderen erfolgreich vertreten will. Im Training geht es genauso um politische Bildung: Welche Auswirkungen hat es auf unsere politische Ordnung, wenn ich für bestimmte Änderungen eintrete? Was heißt es zum Beispiel, wenn ich eine Videoüberwachung aller öffentlichen Plätze fordere: Ist das bloß eine Ordnungsmaßnahme oder hat das weitergehende, gesellschaftliche und politische Konsequenzen?

Im Wettbewerb sollen die jungen Menschen nach festgelegten Regeln die Debatte üben und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen. Wie das praktisch aussieht, dazu werden wir gleich noch etwas hören.

Es geht also darum, politisches Engagement zu fördern - aber es geht auch darum, der Verkümmerung der Sprache entgegenzuwirken, die wir auf vielen Feldern beobachten können. Natürlich ist unsere Sprache kein geschlossenes, fertiges System, sie ist lebendig, sie wächst und verändert sich - mit den historischen und gesellschaftlichen Verhältnissen.

Wir alle nehmen die Welt in Sprache und durch Sprache wahr, und nur so können wir sie gestalten. Heute wird unsere Sprache nach meinem Eindruck oft lieblos behandelt. Wenn wir unsere eigene Kultur schätzen, müsste man das auch daran ablesen können, wie wir mit unserer eigenen Sprache umgehen.

Ludwig Wittgenstein hat einmal gesagt: "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt." Wer also lernt, sich richtig und passend auszudrücken, wer die Horizonte und Grenzen seiner Sprache erweitert, dessen Welt wird größer und reicher und bunter.

"Jugend debattiert" fördert eine lebendige, gesprochene Sprache und will damit ein Gegengewicht sein zur Verkürzung, zur Verarmung und zur Verballhornung, wie sie uns in der Werbung oder in den modernen Medien begegnet: Etwa in der "Mail" oder im "Chat". Beide haben ihre Berechtigung, aber sie können den Austausch von Meinungen in der politischen, in der persönlichen Begegnung nicht ersetzen.

Es geht aber nicht nur um die Verarmung der Sprache. Die Sprache kann auch ausgrenzen oder ein schlechtes Gewissen erzeugen: weil man nicht versteht, was der englische Ausdruck in der Werbung meint, die ein ach so wichtiges Produkt anpreist oder weil man nicht versteht, was die fremden Begriffe bedeuten - beim Buchen der Urlaubsreise oder bei der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle.

Sprache dient oft auch der Verschleierung: Da, wo sie ungenau oder vermeintlich neutral und wissenschaftlich daher kommt und in Wirklichkeit doch bestimmte Gedankengebäude oder politische Programme transportiert. Da ist dann von "Entwicklung" die Rede und von "Effizienz", von "freisetzen" oder "optimieren". Oder es wird einfach gesagt, etwas sei "unabweislich", "unbestreitbar" oder "ohne Alternative".

Genau da muss die Debatte ansetzen: Sprache kann verschleiern, aber auch aufdecken. "Jugend debattiert" ist ein politisches Projekt, das neues Bewusstsein dafür schaffen will, wie wichtig es ist, dass man sich gut ausdrücken und dass man angemessen formulieren kann.

Und damit ist "Jugend debattiert" ein großes Vorhaben, vielleicht das größte privat finanzierte Vorhaben der politischen Bildung, das bislang in Deutschland angestoßen worden ist. Die beteiligten Partner stellen fünf Millionen Euro in den ersten drei Jahren dafür zur Verfügung. Mehr als 400 Schulen in allen sechzehn Ländern werden daran teilnehmen.

Der Wettbewerb "Jugend debattiert" ließe sich nicht verwirklichen ohne großzügige Unterstützung:

  • Die Kultus- und Bildungsminister aller Länder unterstützen das Projekt genau so wie die Kultusministerkonferenz. Ihre Vorsitzende, Frau Ministerin Professor Schipanski, darf ich besonders herzlich begrüßen.
  • Durchgeführt wird das Projekt von der Gemeinnützigen Hertie Stiftung. Ich darf den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Dr. Endres, sehr herzlich begrüßen.
  • Weitere Stiftungen unterstützten das Projekt: Die Robert Bosch Stiftung, die Stiftung Mercator, die Heinz Nixdorf Stiftung. Auch deren Vertreter heiße ich herzlich willkommen.
  • Ich habe eine Reihe sachkundiger und sprachgewandter Persönlichkeiten eingeladen, ein Kuratorium für den Bundeswettbewerb "Jugend debattiert" zu bilden. Ich freue mich sehr darüber, dass mehrere Kuratoren heute anwesend sind: Bettina Gaus von der "taz", Professor Harald Weinrich vom Collège de France, Professor Ulrich von Alemann von der Universität Düsseldorf und Konrad Beikircher. Von ihm werden wir noch hören ...
  • Das Konzept für einen solchen Wettbewerb existiert schon seit längerem. Vor zehn Jahren hat sich ein Verein "Jugend streitet" gebildet. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die sprachliche und politische Bildung junger Menschen zu verbessern und damit die demokratische Kultur unseres Landes zu stärken. Das ist ein herausragendes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement. Ich freue mich sehr darüber, dass der Ideengeber und Vorsitzende des Vereins, Herr Loring Sittler heute ebenfalls hier sein kann.

"Jugend streitet" und die Hertie-Stiftung haben schon erste Pilot-Wettbewerbe auf Landesebene durchgeführt. Heute soll der Wettbewerb auf Bundesebene starten. Dazu wünsche ich von Herzen viel Erfolg!