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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau zum Auftakt der Veranstaltung fairlink.de für Toleranz und Fairplay im Internet

I.

Zunächst: noch einmal herzlich willkommen im Schloss Bellevue! Ich freue mich darauf, heute mehr über die Erfolgsgeschichte von fairlink.de zu erfahren.

Es war keine Kutschfahrt bis hierher, das wissen Sie selber am besten. Fast zwei Jahre Arbeit an vierzehn Projekten und an den gemeinsamen Texten, die Treffen der Projektteams, viele Gespräche mit den beratenden Experten, und all das zusätzlich zur Schule, zur Ausbildung, zum Job - keine Kutschfahrt eben. Aber Ihre Arbeit ist wichtig, und sie hat sich gelohnt.

Ich danke allen, die dazu beigetragen haben - allen voran Ihnen, Frau Lahnstein, aber auch all den vielen Ratgebern und Gesprächspartnern, und last not least den ideellen und materiellen Förderern bis heute - beim Wort "heute", so steht es in meinem Manuskript, soll ich besonders Ihnen als Vertreter der ZEIT-Stiftung freundlich zuzwinkern, Herr Professor Göring.

II.

Das Projekt fairlink.de ist wichtig, weil auf Toleranz und Fairplay auch das Internet angewiesen ist. Wir dürfen es nicht denen überlassen, die es als Informationsquelle vergiften und die in ihm statt geistiger Nahrung Hass anbieten.

Leider ist die Zahl fremdenfeindlicher, antisemitischer und gewaltverherrlichender Internetseiten in deutscher Sprache im vergangenen Jahrzehnt explosionsartig gestiegen. Heute gibt es mindestens tausend davon. Sie operieren aus dem In- und Ausland und benutzen als Plattform oft ganz seriöse Internet-Anbieter. Diese Seiten quellen über von Hass, sie schwelgen in Lügen und Geschichtsklitterung, ja es gibt auf ihnen sogar Mordaufrufe und Anleitungen zum Bombenbau und Massenmord.

Das alles ist ekelerregend und unakzeptabel. Es muss international geächtet, verboten und bekämpft werden. Das Internet ist schließlich weit mehr als eine virtuelle Welt ohne Bezug zur Wirk­lich­keit. Es ist für Menschen gemacht und kann ihr Denken und Tun mindestens so tief beeinflussen wie Flugblätter, Bücher und Filme, und was die anrichten können, wenn sie Hass und Vernichtung predigen, das wissen wir alle nur zu gut.

III.

Die Frage, wie wir dem Missbrauch des Internets durch Extremisten wirksam entgegentreten können, beschäftigt mich schon seit langem. Ich bin davon überzeugt, dass es dazu der An­stren­gung aller Beteiligten bedarf:

Die Staaten müssen in ihren Gesetzen und in internationalen Vereinbarungen fest­legen, welche Inhalte (auch) im Internet nichts zu suchen haben. Die entsprechenden Regeln und Verbote müssen dann konsequent angewendet und durchgesetzt werden.

Die Internet-Anbieter müssen ihre freiwilligen Kontrollen des Netzinhalts weiter verstärken.

Auch die Internetnutzer können darauf hinwirken, dass extremistische Internetangebote boykottiert und aus dem Netz gedrängt werden - beispielsweise durch die Selbstverpflichtung, Anbieter und Websites zu meiden, die Botschaften des Hasses Platz bieten.

In allen diesen Richtungen sind wir in letzter Zeit erkennbar vorangekommen, aber die Fortschritte halten mit der Expansion des Netzes und mit der Findigkeit derer, die Hass säen, noch längst nicht Schritt. Außerdem: So gut die Kontrolle durch staatliches Handeln und durch die Eigenverantwortung der Anbieter und Nutzer auch gelingen mag - die Feinde der Freiheit, der Demokratie und der Menschenwürde werden sich nie ganz aus dem Internet vertreiben lassen.

IV.

Umso wichtiger ist es, den Internetnutzern Hinweise für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet zu geben und sie auf die geistige Auseinandersetzung mit extremistischen Inhalten vorzubereiten.

Dieser Aufgabe hat sich fairlink.de gewidmet, und diese Arbeit hat sich gelohnt.

Natürlich weiß ich noch nicht alle Einzelheiten dessen, was Sie gemeinsam entwickelt haben - Ihre Präsentation hier auf der Bühne und mein Ausstellungsrundgang kommen ja erst noch; aber ich habe mich über Ihre Arbeitsfortschritte auf dem laufenden halten lassen und kenne darum schon so manches Ihrer Zwischenergebnisse. Ich will nur zwei Gesichtspunkte besonders hervorheben, die mich daran beeindruckt haben:

Junge Leute sind auch nur Menschen. Sie sind darum so wenig wie alle anderen gegen die Versuchung gefeit, den pädagogischen Zeigefinger auszufahren, ihn belehrend zu erheben und Verbote und Vorschriften aller Art auf ihre Mitmenschen herunterprasseln zu lassen.

Fairlink.de tut das nicht. Die Tipps von Fairlink sind ein aus sehr viel Erfahrung entwickeltes Angebot, nicht mehr und nicht weniger. Man kann es prüfen und annehmen und wird gut damit fahren, aber aufgedrängt wird es niemandem. Das empfinde sogar ich als wohltuend, obwohl längst niemand mehr versucht, an mir herumzuerziehen. Um wie viel angenehmer muss das Angebot von fairlink.de da erst auf junge Leute wirken!

Fairlink.de macht auf einen entscheidenden Aspekt aufmerksam, den ich schon kurz erwähnt habe: Das Internet ist keine "Welt für sich". Was im Internet steht und geschieht, geschieht wirklich und hat Bedeutung für unser Zusammenleben. Man kann nicht online über ausländerfeindliche Witze grinsen oder gewaltverherrlichende Seiten aufregend finden und glauben, offline bleibe man doch derselbe tolerante und gute Mensch. Man kann nicht zu Gemeinheiten im Chatroom schweigen, denen man im Freundeskreis schon aus Selbstachtung widersprechen würde. Wer im Internet niedrige Gesinnung verrät, der hat auch dann ein höchst reales Charakterproblem, wenn er dabei seinen Namen nicht preisgibt.

Andererseits: Wer gelernt hat, sich mit Extremismus und mit Konflikten aktiv und kreativ auseinander zu setzen, der kann auch im Internet den bösen Geistern Paroli bieten, kann eigene Ideen und Projekte im Netz verwirklichen und kann dazu beitragen, das Internet zu dem zu machen, was es seinem Ursprung nach sein sollte: zu einer positiven Kraft, die die Menschen verbindet.

Das Internet stellt uns also auf die Probe, jeden einzelnen und alle. Je mehr diese Probe bestehen, um so weniger werden sich Hass und Gemeinheit im Internet halten können. Darum kommt es auf jede und auf jeden von uns an - und darum wünsche ich fairlink.de auch weiterhin viel Erfolg.