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Rede von Bundespräsident Johannes Rau verlesen durch Frau Rau anlässlich der Eröffnung des Alfried Krupp-Wissenschaftskollegs Greifswald

I.

Als mein Mann und ich und vor drei Jahren Greifswald besuchten, waren wir auch im Dom zu Gast. Mein Mann hat damals keine Festrede gehalten. Er hat mich gebeten, heute die Festrede zur Eröffnung des Alfried Krupp-Wissenschaftskollegs Greifswald zu übernehmen, da er, wie Sie wissen, erkrankt ist.

Ich tue das gern, weil auch Sie, sehr geehrter Herr Professor Beitz, mich darum gebeten haben. Bei unserem damaligen Besuch in Greifswald hörten wir hier im Dom Dompfarrer Gürtler zu. Er erzählte über die aufwändige Außenrestaurierung des Doms und über seine schöne Glocke. Er erzählte auch von der Fußbodenheizung des Doms !

Spätestens seitdem Sie, sehr geehrter Herr Professor Beitz, diese Fußbodenheizung für den Dom gestiftet haben, sind Sie und Ihr Sinn für das Praktische beiallenGreifswaldern bekannt. Sie sollen damals gesagt haben: "Mit kalten Füßen glaubt es sich schlecht".

Ich freue mich deshalb besonders darüber, dass so viele Bürgerinnen und Bürger der Stadt Greifswald in den Dom gekommen sind, um "ihr" Wissenschaftskolleg einzuweihen und als ein weiteres Schmuckstück im Stadtbild willkommen zu heißen. Bei meinem Rundgang durch das Kolleg und die "Alte Apotheke" konnte ich erleben, wie schön und geschlossen das historische Bauensemble geworden ist.

Ich danke der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, dem Land Mecklenburg-Vorpommern und der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, die gemeinsam das Alfried Krupp-Wissenschaftskolleg ins Leben gerufen haben. Ich danke allen, die dazu beitragen, dass es zu einer Stätte des wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs für die Region Vorpommern und für den ganzen Ostseeraum wird.

II.

Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ist der Region Vorpommern und Greifswald schon seit Jahren durch großzügige Förderung verbunden.

Das Engagement wurzelt tief im Gemeinwohlauftrag des Stifters und in der Heimatverbundenheit von Berthold Beitz mit diesem Landstrich, in dem es nach seinen Worten früher "nur Salz und Hering gab." Die Wurzeln dieser Verbundenheit reichen zurück bis ins Jahr 1913 und nach Zemmin, einem kleinen Dorf im Kreis Demmin.

Mittlerweile zeigen über sechzig von der Stiftung geförderte Vorhaben für die Universität Greifswald und für die Stadt, wie fruchtbringend und segensreich sich die Stiftung ihrem Auftrag widmet. Genannt sei nur das ebenso unkonventionelle wie spektakuläre Soforthilfeprogramm für die Krankenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern, das noch weit vor dem Mauerfall begonnen worden ist.

Ich nenne den Neubau der Klinik für Hämatologie und Onkologie für das Universitäts-klinikum Greifswald, der 1998 übergeben werden konnte. Ich nenne das Neurologische Rehabilitationszentrum, das Jugendsozialzentrum und die Stadtmonographie der Hansestadt Greifswald - alles Beispiele für Hilfe, die weit über die geförderten Projekte hinaus positive Wirkungen hat.

Die Greifswalder wissen all das gut zu schätzen. Hier lebt ein Menschenschlag, der nicht leicht zu beeindrucken ist, der nicht zur Heldenverehrung neigt und bei dem schon ein halblautes "geht so" ein ziemlich großes Lob ist.

Es hier - und noch dazu ja in einer Hansestadt mit ihrer spezifischen Zurückhaltung bei öffentlichen Ehrungen - es hier also zum Ehrendoktor, Ehrensenator und Ehrenbürger gebracht zu haben, lieber Herr Beitz, das zählt mehr als ein großer Berg Buntmetall von hochmögenden Lobveranstaltungen.

III.

Sie, sehr geehrter Herr Professor Beitz, haben als Laureat bei der Verleihung der Ehren-senatorwürde im Jahre 1991 gesagt: "Die Geschichte wiederholt sich nicht, auch wenn sich die Bilder gleichen."

Sie gingen damals auf die Erwartungen der hier lebenden Menschen in einer schwierigen Umbruchsituation ein. Sie erinnerten daran, dass die Umbruchsituation und die Anstrengungen der Menschen hier durchaus vergleichbar sind, mit dem, was man einst das deutsche Wirtschaftswunder nannte.

Der Fleiß, der Einfallsreichtum und die Mitmenschlichkeit der Menschen hier haben inzwischen zu einer beispiellosen Veränderungsgeschwindigkeit und zum wirtschaftlichen Gedeihen einer Region geführt, die fast einmal ins Hintertreffen zu geraten drohte.

Sie, lieber Herr Beitz, haben mit pommerscher Beharrlichkeit dafür gesorgt, dass die Förderung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung stets da ansetzte, wo sie am wirksamsten sein konnte. Es ging und geht der Stiftung stets darum:

  • effektive Hilfe zu leisten, die schnell und unbürokratisch wirkt und vielen Menschen zugute kommt.

  • einen Beitrag zur Strukturförderung in den östlichen Ländern zu leisten. Die Förderung einer Universität ist eine erstrangige Maßnahme regionaler Strukturpolitik.

  • möglichst viele junge Menschen zu erreichen und zu unterstützen, um deren Kreativität und besondere Begabungen, aber auch Eigenverantwortung und Engagement für das Gemeinwohl zu fördern.

IV.

Das Alfried Krupp-Wissenschaftskolleg vereint alle diese Ziele. Es ist zugleich das bisher größte Förderprojekt der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Greifswald; und soweit ich informiert bin, auch das größte privat finanzierte Wissenschaftskolleg in Deutschland.

Es dient den Menschen, es steht für die Strukturförderung in Greifswald und in der Ostseeregion und es dient ganz besonders der jungen Generation.

Besonders gefallen hat mir deshalb das Logo, mit dem sich das Alfried Krupp-Wissenschaftskolleg schmückt. Sie können es auf Ihrer Einladung und in den heute ausliegenden Pressemappen sehen. Es ist in Stahl gegossen auch am Eingang des Wissenschaftskollegs zu sehen:

Es zeigt einen Kreis mit einem Vogel, wobei der Kreis nach oben offen ist. Der Vogel ist der Greifvogel - das Wahrzeichen Ihrer Stadt. Die Kreisöffnung weist nach Nord-Osten - also in Richtung Ostseeregion und baltischer Ostseeraum. Der Kreis steht für das globale Denken. Er steht auch für die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die die Stadt und die Ostseeregion und vor allem die junge Generation hier im Wissenschaftskolleg miteinander verbindet.

V.

Die Menschen von Greifswald erhalten mit der gelungenen Restaurierung der "Alten Apotheke" ihr ältestes und schönstes Fachwerkhaus zurück. Altstadtsanierung ist immer auch ein Stück Strukturförderung, weil sie viele Besucher und Touristen in die Städte lockt. Die funktionale Verbindung mit dem Neubau des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs zeigt, wie man eine stadthistorisch sensible, denkmalgeschützte Bebauung erhalten und dabei noch vervollkommnen kann. Sie zeigt, wie man Altes und Neues, Barock und Neogotik mit moderner funktionaler Architektur zusammenbringen kann.

Die Greifswalder und ihre Gäste werden sich am Anblick des Bauensembles erfreuen. Sie bekommen zugleich ein nahezu baulich in sich geschlossenes Zentrum für Wissenschaft, das die innerstädtische Achse zwischen Universität und Rathaus und das Areal zum Ostchor des Doms miteinander verbindet und zugleich Offenheit und Einladung signalisiert. Die Bürgerinnen und Bürger und die Gäste dieser Stadt sind herzlich eingeladen, ins Alfried Krupp-Wissenschaftskolleg zu kommen.

VI.

Die Universität erhält mit dem Alfried Krupp-Wissenschaftskolleg ein Forum, damit Greifs-wald seine alte Rolle als eines der geistigen Zentren des Ostseeraums zurückgewinnen kann.

Die Universität besitzt gute Voraussetzungen für eine Brücken- und Vermittlungsfunktion im Ostseeraum. Sie bringt in diese Vermittlungsfunktion ihre Partnerschaften mit den Universitäten in Dänemark, Finnland , Schweden, Estland, Lettland, Litauen, Polen und Russland ein - und eine schon fast ein Jahrhundert gepflegte Expertise in den Skandinavien-Wissenschaften.

Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung stärkt diese Brückenfunktion durch ihre reiche Erfahrung in der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Polen und mit den baltischen Staaten. Auch das ist von unschätzbarem Wert.

VII.

Die junge Generation wird im Alfried Krupp-Wissenschaftskolleg in die wissenschaftliche Debatte und den Gedankenaustausch zwischen den Ostsseeanrainerstaaten maßgeblich einbezogen.

Der Ostseeraum hat das Potential, zu einer europäischen Modellregion und zu einer Lerngemeinschaft zu werden, zu einem Modell europäischer Möglichkeiten. Es kommt darauf an, eine vernetzte, an internationalen Standards in Forschung und Lehre ausgerichtete Zusammenarbeit aufzubauen.

Es gibt eine Reihe vielversprechender Ansätze, wie diese Zusammenarbeit im Hoch­schulbereich aussehen kann. Ich nenne nur die "Eurofakultät". Da geht es um den Austausch über moderne Wissenschaftsstrukturen und über moderne Lehr- und Forschungsmethoden durch Gastdozenten und junge Nachwuchswissenschaftler. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe, damit die Universitäten in den Ländern des östlichen Ostseeraums und in den baltischen Ostseestaaten Anschluss halten an den internationalen Wissenschaftswettbewerb.

Aus der Eurofakultät könnte ein Netzwerk der baltischen Universitäten entstehen. Das Alfried Krupp-Wissenschaftskolleg wird all dem zusätzlichen Schwung geben. Ich freue mich deshalb besonders darüber, dass heute auch Rektoren der Universitäten aus den Ostseeanrainerstaaten bei uns sind.

Es kommt darauf an, der Wissenschaftspolitik im Rahmen des Ostseerates künftig ein stärke­res Gewicht beizumessen. Wissenschaft und Forschung sollten dort nicht - wie bisher - allein im Zusammenhang mit andern Politikfeldern wie beispielsweise der Umweltpolitik oder der Infrastrukturpolitik gefördert werden. Sie sollten einen eigenen Schwerpunkt bilden.

Bis eine derartige, umfassende Wissenschaftspolitik im Ostseerat etabliert ist, sind gerade Projekte wie das Wissenschaftskolleg Greifswald und die Eurofakultät wichtige Schritte hin zu dem anspruchsvollen Ziel eines "Ostsee-Bildungsraums". Sie können den Erfolg und den Nutzen eines stärkeren Wissenschaftsaustausches sichtbar machen.

VIII.

Über die Probleme der Strukturförderung und der wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen Ländern ist viel Kluges gesagt worden, und es hat sich - trotz mancher Ungeduld angesichts des noch nicht Erreichten sollte man das nicht übersehen - auch viel Richtiges getan.

Das kann man in Greifswald sehen: Die Universität Greifswald gehört zu den kleineren unter den klassischen deutschen Universitäten. Sie präsentiert sich heute aber als gezielt international ausgerichtete Hochschule. Sie kann ihren Studenten Arbeitsbedingungen bieten, von denen andere nur träumen können.

Die Universität hat mit Hilfe des Engagements der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ein deutliches Profil im Bereich "Community Medicine", in der Molekularen Medizin und in den Neurowissenschaften gesetzt. Junge Stipendiaten des Modellklinikums "Community Medicine" erhalten die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen und dort Erfahrungen in diesem für Deutschland noch jungen Fachgebiet zu sammeln, das aufgrund seines gesund-heitsvorsorgenden Ansatzes immer mehr an Bedeutung für Städte und Gemeinden gewinnt.

Die Universität ist heute Großunternehmen und Hauptarbeitgeber für über dreitausend-fünfhundert Beschäftigte. Jeder fünfte Greifswalder Bürger ist inzwischen entweder als Student oder als Mitarbeiter eng mit der Universität verbunden! Dazu trägt auch bei, dass inzwischen mehr als doppelt so viele Studenten nach Greifswald kommen wie noch vor zehn Jahren. Das ist gewiss auch dem Engagement der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung zu danken.

Lieber Herr Beitz, Sie haben dies Engagement im Jahre 1983 noch als "ein Netz von Kooperationen zum Vorteil aller Beteiligten und als ein hilfreiches Aufeinander-Angewiesensein" beschrieben.

Sie haben einmal vor ganz langer Zeit gesagt: "Bei uns kann die Mark auch eine Mark zehn kosten, aber für diesen Groschen muss es etwas Besonderes sein."

Heute, fast zwanzig Jahre später, ist aus diesem Netz der Kooperationen ein Netz der Gemeinsamkeiten geworden. Die Stadt und die Universität und die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung leben heute im trauten Miteinander. Das Wissenschaftskolleg ist das besondere I-Tüpfelchen und es ist ein weiteres Forum der Begegnung.

Ich lade Sie herzlich ein, davon viel Gebrauch zu machen!