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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Festakt zum hundertjährigen Bestehen des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe

Hinweis:Die Rede wurde von Herrn Staatssekretär Rüdiger Frohn, Chef des Bundespräsidialamts, verlesen, weil der Bundespräsident an der Teilnahme an dem Festakt verhindert war.

I.

Sehr geehrte Damen und Herren,

einer meiner Vorgänger im Amt hat einmal bemerkt, dem Bundespräsidenten stehe für sein politisches Wirken vor allem "das scharfe Schwert der Festrede" zu Gebote. Auch dieses Instrument wird freilich bei zu häufigem Gebrauch stumpf. Darum unterliegt die Auswahl der Redeanlässe seit jeher einem strengen Maßstab. Im Vertrauen: Jubiläen von Berufsverbänden haben da eher geringe Chancen, denn es gibt so erfreulich viele Berufsverbände und so erfreulich viele Jubiläen, dass der Bundespräsident einerseits nicht alle besuchen kann und andererseits nicht einzelne grundlos bevorzugen darf.

Warum also bin ich gerade zu Ihnen doch gekommen? Aus zwei Gründen:

  • Zuallererst, um all denen Anerkennung und Hochachtung zu zollen, die in den pflegerischen Berufen unter oft schwierigen Bedingungen gute Arbeit tun: Was sie leisten, ist für alle unverzichtbar. Dafür danke ich allen von Herzen!
  • Ich bin außerdem zu Ihnen gekommen, weil ich auch von dieser Stelle auf die enorme und ständig wachsende Bedeutung der Alten-, Kranken- und Behindertenpflege hinweisen möchte. Unser Land steht auf diesem Feld vor Aufgaben, die noch längst nicht alle erkannt und verstanden haben. Darum ist es mir besonders wichtig, diese Herausforderungen immer wieder beim Namen zu nennen.

II.

Wie wichtig gute Pflege ist, das erkennt wahrscheinlich der am leichtesten, der sie selber oder für einen nahstehenden Menschen braucht: Pflegerische Sachkunde, gepaart mit menschlicher Zuwendung, sind durch nichts zu ersetzen. Darum sind auch die Strukturen so wichtig, durch die gute Pflege erst möglich wird: vom Ausbildungswesen bis zur Pflegesatzverordnung.

Richtig verstandene Pflege ist fast immer ein wechselseitiges Geben. Sie bereichert beide, den Pflegebedürftigen wie den Pflegenden. Sie stiftet Vertrauen und Vertrautheit und entscheidet oft über Lebensfreude, ja über Lebensmut.

Ich weiß aus Gesprächen mit Fachleuten und aus vielen Briefen, wie sehr zum Beispiel bei Demenzkranken alles davon abhängt, dass sie sich angenommen fühlen, und wie befriedigend es für die Pflegekräfte ist, wenn sie diese Nähe geben und erleben können.

Heute weiß man, dass selbst Menschen, die schwer an Demenz erkrankt sind, noch über eine Reihe von Fähigkeiten verfügen und emotional auf mitmenschlichen Kontakt genau so angewiesen sind wie jeder Gesunde.

Es kommt darauf an, diese emotionale Empfänglichkeit wach zu halten oder neu zu wecken. Wo das gelingt, da gibt das den Kranken und ihren Angehörigen neue Kraft und hellt selbst tiefste Verzweiflung auf.

Alle Pflegebedürftigen haben Anspruch darauf, dass angemessen für sie gesorgt wird. Das macht einen Teil ihrer unveräußerlichen Menschenwürde aus. Auch am Zustand des Pflegewesens lässt sich die Humanität einer Gesellschaft ablesen!

Darum brauchen wir in den Pflegeheimen und für die häusliche Pflege genügend gut ausgebildete, engagierte und hochmotivierte Pflegekräfte.

III.

Leider liegt da einiges im Argen. Das wissen Sie selber am besten. In vielen Heimen fehlt es an ausreichend ausgebildetem Personal, und dem Personal fehlt es an Zeit für die Zuwendung zur wachsenden Zahl der Pflegebedürftigen. Ich will diese drei Aspekte ganz kurz vertiefen:

  • Bei einer Anhörung im Deutschen Bundestag im vergangenen Jahr war von einem der großen deutschen Leistungsträger zu hören, in seinen Altenheimen gebe es beim Pflegepersonal ein Defizit von "mindestens 15 %" gegenüber dem, was wünschenswert und geboten ist.
  • Vor zwei Wochen erst sind wir durch Berichte über eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover und durch Befunde des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen aufgeschreckt worden. Jeder siebte von 17.000 untersuchten Fällen weise Anzeichen für unsachgemäße Pflege auf. Von 150 niedersächsischen Alten- und Pflegeheimen habe ein Drittel Anlass zur Beanstandung gegeben.

Ich füge sogleich hinzu: Die übergroße Mehrheit der Pflegeheime und Hunderttausende von Menschen in den Pflegeberufen leisten hervorragende, unersetzliche Arbeit. Ich bleibe aber bei dem, was ich schon zum vierzigjährigen Bestehen des Kuratoriums Deutsche Altershilfe gesagt habe: Jeder Missstand ist einer zu viel!

  • Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst aufgrund der demographischen Entwicklung rapide: Die durchschnittliche Lebenserwartung hat gottlob in den letzten hundert Jahren um Jahrzehnte zugenommen und sie wird weiter steigen. Zur Nachtseite hohen Alters gehört jedoch das Risiko, wegen Gebrechlichkeit oder wegen alterstypischer Krankheiten wie Alzheimer und Demenz besonders intensiver Pflege und Anteilnahme zu bedürfen.

In letzter Zeit wächst das öffentliche Bewusstsein für die Herausforderungen und Belastungen, die damit verbunden sind. Literatur, Film und Fernsehen nehmen sich dieses Themas an und finden immer mehr Beachtung. Beispiele dafür sind die Bücher von John Bayley über die Erkrankung seiner Frau, der Philosophin Iris Murdoch, das Buch "Die Korrekturen" von Jonathan Franzen und auch ein bewegender Bericht der Tochter des Musikers Helmut Zacharias über den Lebensabend ihres Vaters, und erst jüngst waren Götz George und Klaus Johannes Behrendt in einem eindringlichen Fernsehfilm über das Schicksal eines Alzheimerkranken und seiner Familie zu sehen. Alle diese Beiträge sind wichtig, weil sie die öffentliche Wahrnehmung für diese Erkrankung schärfen, die immer mehr Menschen betrifft.

Nach meinem Eindruck tun sich freilich unsere Pflegesysteme bis jetzt mit der angemessenen Sorge gerade für Demenzkranke oft schwer. Auf diesem Feld brauchen wir große Anstrengungen, um neue Antworten zu finden. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass mehr als die Hälfte der Aufnahmen in Pflegeheime auf Demenzerkrankungen zurückzuführen sind. Wir brauchen darum nicht allein mit Blick auf Demenzkranke und ihre besonderen Bedürfnisse, aber ganz gewiss dort besonders erheblich mehr qualifiziertes Pflegepersonal.

Beim jetzigen Stand der Dinge im gesamten Pflegebereich jedoch quittieren eher noch viele Pflegekräfte nach einigen Jahren ihren Dienst, weil sie die Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen und die durch mancherlei bürokratische Auflagen erschwert werden, nicht länger mit ihrem Berufsethos vereinbaren können. Das ist ein Alarmsignal, das nicht ignoriert werden darf!

IV.

Eine gute Ausbildung und Fortbildung, gute Arbeitsbedingungen, eine leistungsgerechte Entlohnung, gesellschaftliche Anerkennung und ein hochqualifiziertes Management - das ist es, was die Pflegekräfte und die Pflegebedürftigen in unser aller Interesse brauchen.

Alles das hat sich auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe auf die Fahne geschrieben. Er tritt für diese Ziele seit nunmehr hundert Jahren mit Sachkunde und mit Augenmaß ein. Ich sehe Ihr Engagement mit Sympathie und voller Anerkennung, und ich finde, dass auf den Berufsverband für Pflegeberufe das geflügelte Wort aus der Werbung bestens passt:

"Nie war er so wertvoll wie heute."