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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Abendessens zu Ehren von Präsident Václav Havel und Frau Dagmar Havlová

I.

Lieber Vaclav Havel,

liebe Frau Havlová,

meine Damen und Herren,

Präsident Havel in Deutschland zu ehren, das ist kein leichtes Vorhaben. Es gibt in unserem Land kaum einen wichtigen Preis und fast keine besondere Auszeichnung, die Ihnen, lieber Vaclav Havel, nicht schon zuteil geworden wären. Sie haben den Karlspreis erhalten und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Sie haben vor dem Bundestag und zum 3. Oktober gesprochen, und Sie haben den höchsten deutschen Orden verliehen bekommen. Alles zu Recht.

Meiner Frau und mir war es ein wirklicher Herzenswunsch, Sie und Ihre liebe Frau - wenige Wochen bevor Ihre Amtszeit als tschechischer Präsident zu Ende geht - nach Berlin einzuladen, damit wir Ihnen danke sagen können. Danke für all das, was Sie für die Freiheit, für unser Land und für Europa getan haben. Ich bin sicher, dass sich viele Menschen in Deutschland diesem Dank aus vollem Herzen anschließen.

Leider können wir nicht alle einladen, die Ihnen wohlgesonnen sind. Dazu hätten wir viele Schlösser gebraucht. Wir haben daher heute Abend eine Auswahl getroffen und Menschen eingeladen, die Sie kennen und die Sie ein Stück auf Ihrem Weg begleitet haben. Darunter sind Vertreter der hohen Politik, der Kunst und des Widerstandes in der DDR. Wir hoffen, dass das Wiedersehen Ihnen Freude macht.

II.

Sie sind, lieber Vaclav Havel, in Deutschland so populär wie kaum ein anderer ausländischer Politiker. Das hat bestimmt auch damit zu tun, dass Sie mehr sind als ein Politiker, denn Popularität und Politik hängen ja nicht notwendigerweise zusammen. Sie waren den Menschen in Deutschland schon vor vielen Jahren als Dissident und als Dramatiker bekannt und vertraut. Die Menschen haben in schweren Zeiten mit Ihnen gelitten und sie haben sich mit dem Menschen Vaclav Havel identifiziert.

Als Schriftsteller sind Sie hart mit den Machthabern des kommunistischen Regimes in Ihrem Land ins Gericht gegangen. Sie wurden ein Stachel im Fleisch des Totalitarismus. Auch Repression und jahrelange Haft haben Sie nicht mundtot machen können. Im Gegenteil - Ihre im Gefängnis geschriebenen "Briefe an Olga" gehören zu den eindrücklichsten und bewegendsten Stücken Widerstandsliteratur, die ich kenne.

Ihr rückhaltloser Einsatz für die Freiheit des Individuums gründet auf der Überzeugung, dass jeder Mensch eine tiefere Verantwortung für sein Handeln trägt, eine Verantwortung, wie Kant sie in seinem kategorischen Imperativ formuliert hat. Diese Verantwortung jedes Einzelnen besteht gegenüber den Mitmenschen, gegenüber seiner Umgebung und gegenüber der Gesellschaft als ganzer. Sie haben sich dieser Verantwortung immer gestellt und sich ihr nie durch den bequemen Rückzug in den Elfenbeinturm des Künstlers und Philosophen entzogen.

Die "Charta 77", die Sie mitbegründet haben, ist schnell zu einer der bekanntesten und wirkungsmächtigsten Bürgerbewegungen im damaligen Ostblock geworden. Sie haben die KSZE-Schlussakte von Helsinki beim Wort genommen und verlangt, dass die dort garantierten Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten auch in der CSSR umgesetzt werden.

Der kommunistische Machtapparat schlug unerbittlich zurück, Ihre Haftbedingungen wurden verschärft, Ihre Gesundheit wurde schwer geschädigt. Damit wurden Sie aber endgültig zur Symbolfigur eines Kampfes für Freiheit und Demokratie.

Zugleich waren Sie in dieser Zeit immer mehr das unbestechliche Gewissen und die moralische Instanz für Ihre Landsleute. Das sind Sie heute noch. Sie waren der Katalysator für den Prozess der Veränderungen, der sich wie ein Flächenbrand auf alle Staaten des früheren Ostblocks ausbreitete und der zum Kollaps des politischen und gesellschaftlichen Systems dieser Länder führte.

Vaclav Havel, das war immer jemand, der sich von einem totalitären System nicht hat niederringen lassen, der nicht zum Schweigen gebracht werden konnte, der Widerstand geleistet und der Hoffnung gemacht hat. Sie stehen damit auch in einer guten tschechisch-böhmischen Tradition, die wir in Deutschland seit dem "braven Soldaten Schwejk" bewundern und lieben: Das Menschliche auch in einer grausamen Umwelt zu bewahren, die Hoffnung nicht aufzugeben und die Perspektiven nicht zu verlieren.

III.

Ich möchte nicht lange über europäische Politik reden. Ich will aber sagen, dass Europa dreizehn Jahre nach dem Fall der Mauer und der samtenen Revolution anders aussähe, wenn es Vaclav Havel nicht gäbe.

Sie, lieber Freund, sind als Dichter, als Dramatiker, als unerschrockener Dissident und als wortmächtiger Präsident stets auch ein Visionär geblieben. Viele Ihrer Visionen sind inzwischen Realität. Sie haben als Präsident unermüdlich dafür gekämpft, dass die Mauern verschwinden und die Gräben in Europa zugeschüttet werden und dass unser Kontinent wieder eins wird.

Am Ende Ihrer Zeit als Präsident ist Ihr Land Mitglied in der Nordatlantischen Allianz und bald auch in der Europäischen Union. Der Europäische Rat in Kopenhagen hat die Aufnahme von zehn Staaten in die Europäische Union beschlossen und er hat Rumänien und Bulgarien ein klares Zeichen gegeben, dass auch sie bald dazu gehören werden. Damit ist die Teilung Europas endgültig überwunden.

Sie haben sich, Herr Präsident, um Europa verdient gemacht, um seine politische und kulturelle Einheit. Ich bin sicher, dass Ihr Name in Zukunft in einem Atemzug mit der zweiten Generation der Gründungsväter Europas genannt werden wird.

IV.

Ich brauche heute Abend auch nicht lange über die deutsch-tschechischen Beziehungen zu reden. Denn die sind, wie ich meine, ohnehin viel besser als ihr Ruf. Ich will und muss aber sagen, dass auch die deutsch-tschechischen Beziehungen anders aussähen, wenn es Vaclav Havel nicht gäbe.

Die Beziehungen waren vor dem Fall der Berliner Mauer und der samtenen Revolution im Kalten Krieg erstarrt; eine Diskussion über die Vergangenheit fand praktisch nicht statt. Aus Sicht der tschechoslowakischen Machthaber gab es damals das gute Deutschland, die DDR, mit der es keine aus der Vergangenheit stammenden Probleme geben durfte. Und es gab das böse Deutschland, den Klassenfeind Bundesrepublik, mit dem solche Probleme nicht diskutiert wurden.

Die Versöhnung mit dem wiedervereinten Deutschland lag Ihnen, Herr Präsident, besonders am Herzen. Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt führte Sie Ihre erste Auslandsreise als Präsident nach Deutschland. Sie haben seither durch viele Initiativen, Reden und Besuche immer wieder deutlich gemacht, dass Versöhnung nicht Vergessen bedeuten kann und Erinnern nicht die einseitige Aufrechnung von Schuld.

Sie haben dabei auch Verständnis gezeigt für das Leid und das Unrecht, das die fast drei Millionen Deutschen bei der Vertreibung aus Ihrem Land erlitten haben. Wie sehr die Wunden der Vergangenheit noch schmerzen, haben wir bei der auf beiden Seiten emotional geführten Debatte zu Beginn des vergangenen Jahres erlebt. Wie weit wir mit der Aussöhnung kommen können, das haben Sie, Herr Präsident, immer wieder gezeigt.

Mit dem Nachbarschaftsvertrag von 1992 und der gemeinsamen Erklärung von 1997 haben unsere beiden Länder die Grundlagen für eine gute Zusammenarbeit gelegt. Auf dieser Grundlage können wir uns auch offen mit den dunklen Kapiteln unserer Geschichte befassen und Lehren ziehen für unser künftiges Miteinander. Wir sind auf dem Weg schon ein gutes Stück vorangekommen. Ich bin davon überzeugt, dass unsere beiden Völker, die auf jahrhundertealte Gemeinsamkeiten zurückblicken, im vereinigten Europa noch enger zusammenwachsen werden.

Lieber Vaclav Havel, ich kann Ihnen keinen Orden mehr und keinen Preis verleihen. Ich kann Ihnen nur ganz einfach sagen: Danke, guter Freund. Sie haben sich um die deutsch-tschechische Zusammenarbeit verdient gemacht. Ich weiß, dass Sie gerne wieder als Dichter arbeiten möchten und dass Sie viele andere Pläne haben. Ich möchte Sie dennoch bitten, auch zukünftig nicht aufzuhören, zur Versöhnung und zur Freundschaft zwischen den Nachbarn Deutschland und Tschechien beizutragen. Unsere Länder brauchen Sie, um einander noch näher zu kommen.

V.

Darf ich Sie jetzt alle bitten, mit mir das Glas zu erheben und anzustoßen auf das Wohl eines großen Europäers, eines tschechischen Patrioten und eines Freundes der Deutschen. Ich wünsche Ihnen, lieber Vaclav Havel, auch weiterhin die Kraft und den Mut, die Ihren Lebensweg geprägt haben, und ich wünsche Ihnen und Ihrer lieben Frau gutes Gelingen bei allem was Sie beginnen werden. Meine Frau und ich freuen uns auf einen schönen und abwechslungsreichen Abend mit Ihnen und Ihrer Frau und allen unseren Gästen.