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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau beim Abendessen für den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

Herzlich willkommen im Schloss Bellevue!

Für die wenigsten von Ihnen dürfte der heutige Besuch eine Premiere sein, doch ich hoffe, es geht Ihnen so wie mir: Die Begegnungen mit dem Stifterverband zählen stets zu meinen besonders anregenden und schönen Terminen.

Im vergangenen Juni habe ich auf Ihrer Jahresversammlung in Potsdam gesprochen und den Stifterverband nach Kräften gewürdigt und gelobt. Meist bedeutet das für die Gelobten: "Das war's für die laufende Amtszeit".

Aber bei Ihnen ist es anders: Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und seine Themen begleiten mich durchs ganze Jahr, und darum mangelt es mir nie an Gesprächsstoff und an weiterer Anregung zum Thema Stifterverband.

Ich möchte dafür einige Beispiele nennen: Bald nach Ihrer Jahresversammlung war ich in Halle an der Saale zu Gast bei der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Sie hatte ihren Kongress unter das Generalthema "Kosmos, Erde, Leben" gestellt. Damit spannte sie im Jahr der Geowissenschaften eine Brücke auch zu den vorangegangenen Jahren der Lebenswissenschaften (2001) und der Physik (2000).

Ihnen muss ich nicht sagen, dass die Naturforscher und Ärzte damit auch eine Brücke zum Stifterverband bauten, denn er war es schließlich, der die Initiative "Wissenschaft im Dialog" und ihre "Wissenschaftsjahre" so erfolgreich mit auf den Weg gebracht hat.

Ein weiteres Beispiel: Als ich mich darauf vorbereitete, im November an der Dreihundertjahrfeier der Universität Breslau teilzunehmen und wenige Tage später an der Einweihung der Andrássy-Universität in Budapest, da hörte ich viel darüber, wie vorbildlich sich der Stifterverband seit 1989 für die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Mittel- und Osteuropa einsetzt und wie viel Gutes auch die "Stiftungsinitiative Johann Gottfried Herder" bewirkt, an der wiederum der Stifterverband maßgeblich beteiligt ist.

Dieser nachhaltige Beitrag zur Zusammenarbeit und zum Austausch in Wissenschaft und Kultur ist auch mit Blick auf die anstehende Erweiterung der Europäischen Union von unschätzbarem Wert.

Ich blättere in Gedanken noch ein wenig in meinem Kalender und stelle fest, lieber Herr Dr. Oetker, dass uns jüngst auch der Deutsche Zukunftspreis wieder einmal zusammengebracht hat - von der Preisverleihung, die Sie freundlicherweise für mich übernommen haben, weil ich mit einer scheußlichen Grippe geschlagen war, bis zur Kuratoriumssitzung in der vergangenen Woche, von der mir natürlich berichtet wurde.

Übrigens ist auf dieser Kuratoriumssitzung beschlossen worden, noch mehr Unternehmen für eine finanzielle Förderung des Deutschen Zukunftspreises zu gewinnen. Ich erwähne das mit Bedacht, denn erstens möchte vielleicht einer der Anwesenden gleich heute sein Interesse bekunden - melden Sie sich einfach an Tisch 1! - und zweitens wird im Lauf des Jahres das Kuratorium des Deutschen Zukunftspreises auf den einen oder anderen von Ihnen noch einmal gesondert zukommen. Es wäre schön, wenn noch mehr Unternehmen das wichtige Anliegen des Zukunftspreises - ein besseres gesellschaftliches Klima für Wissenschaft und Innovation - mittrügen.

Doch zurück zu meinem Terminkalender: Ich blättere weiter und finde, dass ich in der nächsten Woche Taufpate bei der Schering-Stiftung bin. Die Familie der Stiftungen wächst also weiter, und - ich sage das in aller Schicklichkeit - an diesen überaus erfreulichen Nachwuchszahlen im deutschen Stiftungswesen hat gerade der Stifterverband großen Anteil. Das zeigt immer wieder auch der Stiftertag - dessen Teilnehmer empfange ich übrigens Mitte September hier im Schloss Bellevue.

Davor begegne ich auch noch dem einen oder anderen Mitglied und Mitstreiter des Stifterver­bands - zum Beispiel bei der gemeinsamen Geburtstags- und Gründungsfeier mit Frau Dr. Vero­ni­ca Carstens und der "Karl und Veronika Carstens-Stiftung" Mitte Juni und dann beim "50-jährigen" der Alexander-von-Humboldt-Stiftung.

Sie merken schon: Mein Kalender ist voll von Stiftungsterminen. Das ist ein gutes Zeichen, denn es unterstreicht die Vielfalt und die Bedeutung dessen, was Stifter und Stiftungen in unserem Land für das Gemeinwohl leisten.

Im vergangenen Jahr hatte das Thema Bildung in Deutschland Konjunktur. Die PISA-Studie und die Befunde der OECD haben wohl jeden von uns alarmiert. Das hat Reformbestrebungen wie etwa denen des Forums Bildung zusätzliche Aufmerksamkeit und hoffentlich auch größere Durchsetzungschancen verschafft.

Jetzt ist wichtig, dass die vielen guten Ansätze weder erlahmen noch im Kreuzfeuer der alten bildungspolitischen Grabenkämpfe liegen bleiben. Wir können uns nicht länger ein Bildungs­wesen leisten,

  • das Erfolgschancen nach sozialer Herkunft verteilt,
  • das den einzelnen viel zu wenig fördert,
  • das nur einer Minderheit die Freude am Lesen vermittelt -

ein Bildungswesen, in dem sich anscheinend weder die meisten Schüler wohl und anerkannt fühlen noch die meisten Lehrer.

Darum plädiere ich dafür, den Worten und Beschlüssen nun Taten folgen zu lassen. Dem Stifterverband brauche ich das allerdings nicht zu sagen, denn der handelt bereits: Ich habe mit großem Interesse von dem Aktionsprogramm zur Reform der Lehrerausbildung gehört, das der Stifterverband und die Mercator-Stiftung für 2003 angekündigt haben.

Ich könnte nun noch einiges zu den Themen Hochschulreform und Hochschulpolitik - das ist nicht unbedingt dasselbe - und zu den Rahmenbedingungen für Wissenschaft und Forschung sagen, doch dazu werden gewiss Sie, Herr Dr. Oetker und Herr Professor Gruss, gleich noch Vieles beisteuern.

Darum erwähne ich eher für das Protokoll, dass der Stifterverband natürlich gerade auf diesen Feldern zu den großen Anregern und gelegentlich auch zu den konstruktiven Provokateuren zählt.

Bei Montesquieu heißt es in den "Perserbriefen": "Die Universität von Paris ist die älteste Tochter der Könige von Frankreich (...), sie hat" - Montesquieu zählt ab der sagenhaften Gründung durch Karl den Großen - "sie hat mehr als neunhundert Jahre auf dem Buckel. Manchmal ist sie auch schon ein wenig geistesabwesend."

In diesen Zustand können auch jüngere Universitäten sinken. Die deutschen Hochschulen haben es insofern ganz gut: Wenn die in einen leichten Dämmerzustand geraten, dann kommt vom Stifterverband prompt der Weckruf!