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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau auf der Gründungsfeier der Schering-Stiftung

I.

Als Herr Dr. Erlen und Herr Dr. Vita mich eingeladen haben, hierher zu kommen, da habe ich spontan zugesagt, sehr zum Ärger der Wächter über meinen Terminkalender und der Sachkundigen im Bundespräsidialamt. Die haben gesagt, das ist nicht üblich. Üblich wäre, dass der Bundespräsident zu Stiftungen geht, wenn sie eine langjährige, erfolgreiche Arbeit nachweisen können. Das sei, so haben sie mir aufgeschrieben, bei einer Gründungsfeier naturgemäß eher schwierig.Ich bin dennoch gekommen, denn das Neugeborene, das wir heute feiern scheint proper und wohl geraten zu sein. Zwanzig Millionen Euro sind ihm in die Wiege gelegt, und auf seinem Geburtsschein steht, es wolle Gutes tun, sein Leben lang. Ich denke, zu einem solchen Kind kann man gern gratulieren und man sollte das schon bei der Geburt tun.

II.

Die Stiftungen in Deutschland sind ein vitales und ein unverzichtbares Element unserer Gesellschaft. Wenn diese Gesellschaft um ein Mitglied reicher wird, dann ist das Anlass zur Freude.In der vergangenen Woche hatte ich den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zu Gast, da habe ich einmal darzustellen versucht, an wie vielen Stiftungsterminen wir jeweils beteiligt sind, weil wir gerne möchten, dass der Gedanke der Stiftungen mehr Platz greift in unserer Gesellschaft. Stiftungen leisten einen bedeutenden Beitrag zum Gemeinwohl.In letzter Zeit habe ich gelegentlich den Eindruck, der Gedanke des Gemeinwohls gerate in Vergessenheit. Eigennutz sei das alles beherrschenden Motiv geworden. Wir sollten uns aber immer wieder bewusst machen, dass überall im Leben - und auch im Wirtschaftsleben - Menschen in ihrem Handeln Verantwortung übernehmen, für andere Menschen und für die Mitwelt. Die Wirtschaft ist kein verantwortungsfreier Raum. Darum müssen ökonomische Rationalität und mitmenschliche Solidarität zusammenfinden und zusammengeführt werden. Wirtschaftliche Interessen, die Freiheit zu persönlicher und gesellschaftlicher Lebensgestaltung und die Verpflichtung auf das Gemeinwohl müssen miteinander verbunden werden. Dafür den richtigen Rahmen zu setzen, das ist die Aufgabe des Staates, neben vielen anderen Aufgaben.Manch einer scheint inzwischen zu glauben, das Gemeinwohl sei ausschließlich Sache des Staates. Das ist ja auch ganz schön einfach, das zu glauben. Wofür, so wird dann gefragt, zahle ich denn Steuern? Das muss doch reichen. Das reicht aber nicht. Steuern, meine Damen und Herren, sind kein Ablasszettel auf das Gemeinwohl.Der Staat wäre überfordert, wenn man ihm allein die Aufgabe überließe, für das Gemeinwohl zu sorgen. Wir brauchen die private Initiative für die Kunst, für die Kultur, für den Sport, für die Wissenschaft und für viele soziale Aufgaben in unserer Gesellschaft. Freilich sind Stiftungen nicht dazu da, staatliche Aufgaben zu ersetzen; das wäre ein Missverständnis. Sie sind zuständig für das Zusätzliche, für das zwar Nützliche, aber vom Staat in vielen Bereichen nicht zu Leistende.Ich sehe mit großer Freude, dass sich immer mehr Unternehmen zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bekennen. Wenn Unternehmen eine Stiftung gründen oder sich auf andere Weise für das Gemeinwohl einsetzen, dann ist das nicht gegen die ökonomische Vernunft und auch nicht gegen die betriebliche Kostenrechnung. Solche segensreiche Tätigkeit ist eine langfristige Investition in das gesellschaftliche Umfeld, und an einem stabilen gesellschaftlichen Umfeld muss auch jedes Unternehmen großes Interesse haben.Wir haben in Deutschland inzwischen eine große und vielfältige Stiftungslandschaft. Inzwischen spricht man von rund 11.000 Stiftungen, die genaue Zahl kennt niemand. Darunter sind ganz kleine, ganz große und weltbekannte, darunter sind uralte und ganz junge. Darunter sind äußerst professionell geführte und auch Ein-Mann-Unternehmen, die aber deswegen nicht weniger wichtig sind. Privates Mäzenatentum tut unserem Land gut. Und von Stiftungen geht Segen aus.

III.

Ich bin froh darüber, dass die Schering AG, die schon in den vergangenen Jahren viel Geld gegeben hat, damit Gutes getan werden kann, vor allem im Feld von Wissenschaft und Kultur, nun diese Stiftung gründet. Ganz besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist das keine Selbstverständlichkeit. Solidarität und Mitmenschlichkeit dürfen aber nicht zu einem Luxusartikel werden, den man sich je nach Aktienkurs leisten kann oder nicht.

Mit der Schering-Stiftung gibt es nun ein Dach, unter dem die mäzenatischen Leistungen von Schering gebündelt werden und, wie wir gehört haben, damit neue entwickelt werden. Darüber freue ich mich und dazu gratuliere ich, denn damit wird das gesellschaftliche Engagement Ihres Unternehmens auch ein Stück selbständiger, unabhängiger und vielleicht auch öffentlich noch mehr erkennbarer. Wenn dann noch ein bisschen mehr Geld für gute Zwecke dabei herumkommt, dann wäre das auch nicht schlecht.

Ich will allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern danken, auch allen Aktionären, die mitgeholfen haben, dass diese Stiftung entstehen kann und die Verantwortung dafür tragen, dass sie ihre Rolle als verantwortungsvolle Kraft ernstnehmen und ein Vorbild geben kann.

Nun bin ich einfach gespannt darauf, was Jürgen Mittelstraß und gleich zu den Aufgaben und zur Philosophie der Schering-Stiftung sagen wird. Ich wünsche ihr alles Gute, und ich wünsche uns allen, dass sich das Stiftungskapital im Interesse vieler guter Projekte für uns alle auch rentiert. Herzlichen Glückwunsch.