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Gedächtnisvorlesung von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass des sechzigsten Jahrestags der Hinrichtung der Mitglieder der "Weißen Rose"

I.

In diesem Jahr ist es sechzig Jahre her, dass hier in München die beiden ersten Prozesse gegen Mitglieder der "Weißen Rose" geführt wurden. Der Volksgerichtshof mit seinem Präsidenten Roland Freisler war dafür aus Berlin nach München gekommen.

Angeklagt waren eine Studentin der Biologie und Philosophie, vier Studenten der Medizin und ein Professor für Psychologie an der Universität München.

Die Angeklagten hatten seit dem Sommer 1942 eine Reihe von Flugblättern geschrieben, per Post in verschiedene Städte geschickt und in der Münchner Universität ausgelegt. Einige von ihnen hatten Parolen an die Wände von Häusern und der Universität geschrieben: "Freiheit" oder "Nieder mit Adolf Hitler!"

Als Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 das sechste Flugblatt der Gruppe in der Universität ausgelegt hatten, warfen sie den Rest in den Lichthof der Universität. Warum die Beiden das getan haben, werden wir nie mit Gewissheit sagen können.

Sophie Scholl sagte dazu im Verhör: "In meinem Übermut oder meiner Dummheit habe ich den Fehler begangen, etwa 80 bis 100 solcher Flugblätter vom 2. Stockwerk der Universität in den Lichthof herunter zu werfen, wodurch mein Bruder und ich entdeckt wurden."

Hans Scholl sagte dagegen: "Wir gingen von da weg zum 2. Stock (linke Seite), wo ich, über die Brüstung weg, den Rest meiner Flugblätter in den Lichthof geschüttet habe."

Jedenfalls hatte sie dabei der Pedell der Universität, Jakob Schmid, beobachtet. Er entschloss sich zu handeln. Er hielt die beiden fest. Hans Scholl versuchte vergeblich zu fliehen.

Gemeinsam mit dem Hausverwalter der Universität, Albert Scheithammer, brachte der Pedell die Geschwister ins Büro des Universitätssyndikus. Dr. Ernst Haeffner war Abwehr-beauftragter der Universität, ihr Verbindungsmann zur Gestapo. So handelte er.

Er informierte die Kripo und den Rektor der Universität, Professor Walter Wüst. Der war Inhaber eines Lehrstuhls für "Arische Kultur und Sprachwissenschaft" und "Kurator des Ahnenerbes" und außerdem war er SS-Standartenführer. So handelte auch er. Er ließ die Universität sofort abriegeln und die Gestapo holen.

Ob die Gestapo zu diesem Zeitpunkt durch einen Spitzel bereits über die Hauptakteure der "Weißen Rose" im Bilde war oder nicht: Diese vier Menschen setzten am 18. Februar die Maschinerie in Gang, die zur Zerschlagung der "Weißen Rose" führte: Am 22. Februar und am 19. April verurteilte der Volksgerichtshof sechs der Angeklagten wegen Hochverrats zum Tode. Die anderen wurden zu langen Haftstrafen verurteilt.

Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst wurden am 22. Februar 1943 enthauptet, Alexander Schmorell und Kurt Huber am 13. Juli, Willi Graf am 12. Oktober. Wenige Monate vor Kriegsende wurde auch Hans Leipelt hingerichtet.

Professor Huber war 49 Jahre alt, die anderen Hingerichteten waren junge Menschen zwischen 21 und 25 Jahren.

Die Zerschlagung und die Verfolgung der "Weißen Rose" traf auch ihre Familien, ihre Freunde und ihre Bekannten. Sie wurden schikaniert und drangsaliert. Sie mussten Verhöre und Verhaftung ertragen, manche, so die Familie Scholl, auch monatelang "Sippenhaft", wie das damals genannt wurde.

Sie mussten erleben, dass manche Bekannten und Freunde sie nicht mehr zu kennen schienen, sie mieden oder sogar offen schnitten.

II.

Der Widerstand der "Weißen Rose" wurde in Deutschland nach dem Krieg ungewöhnlich früh anerkannt. Das offizielle Gedenken begann schon im November 1945: Damals fand hier in der Universität die erste Gedenkstunde statt.

Das war die eine Seite der Erfahrungen, die Angehörige und die überlebenden Mitglieder der "Weißen Rose" machten. Das ändert aber nichts daran, dass Angehörige und Überlebende für immer mit ihrem Verlust und mit der Last der Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse leben mussten und müssen.

Immer wieder waren sie gezwungen, sich gegen Legenden über die Ziele und die Absichten der "Weißen Rose" zu wehren. Vor allem aber machten sie die Erfahrung, dass die, die die Maschinerie des Todes in Gang gesetzt hatten, ihre Schuld nie eingestanden und sich erst recht nicht entschuldigt haben. Nach allem, was wir wissen, wurden nur zwei von ihnen juristisch zur Rechenschaft gezogen.

Der Pedell Jakob Schmid bekam 1943 eine Belohnung von insgesamt 3000 Mark und wurde vom Arbeiter zum Angestellten befördert. 1946 wurde er in einem Spruchkammerverfahren als Hauptbelasteter eingestuft und zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Er verlor seinen Anspruch auf öffentliche Bezüge und das Recht, ein öffentliches Amt auszuüben.

Schmid legte gegen seine Verurteilung zweimal Berufung ein mit der Begründung, er habe ja nur "seine Pflicht getan": Das Verteilen von Flugblättern in der Universität sei nun einmal verboten gewesen. Der Inhalt habe ihn gar nicht interessiert. Seine Berufung blieb im wesentlichen erfolglos. Er wurde aber vorzeitig aus dem Arbeitslager entlassen und 1951 wurde der Verlust des Anspruchs auf Rente aufgehoben.

Albert Scheithammer, der Hausverwalter, wurde 1946 zu einer Geldstrafe von 2000 Mark verurteilt.

Der Rektor der Universität musste sich wegen seiner aktiven Zugehörigkeit zu nationalsozialistischen Organisationen 1949 vor einer Spruchkammer verantworten. Er wurde als "Aktivist" der nationalsozialistischen Bewegung eingestuft und zu drei Jahren Arbeitslager, Einzug der Hälfte seines Vermögens und zehn Jahren Berufsverbot verurteilt. Eine "unmittelbare Schuld" am Tod von Sophie und Hans Scholl konnte ihm, so hieß es, nicht nachgewiesen werden.

Der Syndikus der Universität konnte nach 1945 an der Universität München bleiben. Soweit wir wissen, musste er sich für sein Handeln nicht verantworten.

Ich weiß von Robert Scholl, dem Vater der Geschwister Scholl und von Inge Aicher-Scholl dass das sie und andere Angehörige und Überlebende der "Weißen Rose" sehr beschäftigt hat.

Noch schmerzlicher war aber für viele von ihnen, wie die damals in der Justiz Verantwortlichen in den öffentlichen Dienst der Bundesrepublik übernommen wurden und wie viele Jahrzehnte die Urteile gegen die "Weiße Rose" Bestand hatten.

Seit 1945 erinnern wir an die "Weiße Rose". Erst 1985 aber hat der Deutsche Bundestag nach langen und quälenden Diskussionen festgestellt, dass der Volksgerichtshof, von dem auch die Mitglieder der "Weißen Rose" verurteilt worden sind, von Anfang an ein "Terrorinstrument zum Machterhalt des NS-Regimes" gewesen ist.

Weitere dreizehn Jahre hat es dann noch gedauert, bis der Bundestag endlich alle Urteile des Volksgerichtshofs für von Anfang an ungültig und für aufgehoben erklärt hat. Das war am
19. August 1998, dreiundfünfzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Diese richtige Entscheidung ist viele Jahrzehnte zu spät getroffen worden.

III.

Zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gehören heute nicht mehr nur die Jahre bis 1945. Wir müssen uns auch damit beschäftigen, wie wir in den beiden deutschen Staaten nach 1945 mit dem umgegangen sind, was damals geschehen ist: mit den Tätern und mit den Opfern, mit denen, die Widerstand geleistet haben und mit denen, die Verfolgte versteckt oder ihnen zur Flucht verholfen haben, aber auch mit all denen, die dem Regime gegenüber kritische Distanz gewahrt haben. Auch das war damals nicht leicht.

Ich finde es wichtig, dass wir genau hinsehen und unterscheiden zwischen persönlicher Schuld und Verstrickung einzelner und der Anpassung und Zustimmung einer großen Mehrheit im "Dritten Reich". Wir müssen genau hinsehen, weil es eine Kollektivschuld aller Deutschen nicht gibt, weil es wohl aber eine kollektive Scham geben sollte, wie das schon Theodor Heuss gesagt hat.

Unser Verhältnis zur Geschichte des "Dritten Reichs" ist heute aus vielen Gründen offener und ehrlicher als je zuvor. Das haben auch die durchaus kontroversen Debatten um die erste Fassung der Wehrmachtsausstellung deutlich gemacht. Auch die meisten Kritiker und Gegner haben ja nicht mehr den Versuch unternommen, die Legende aufrecht zu erhalten von der "sauberen Wehrmacht", die am Völkermord nicht beteiligt gewesen sei.

In weiten Kreisen unserer Gesellschaft hatte sich diese Legende ja bis in die frühen neunziger Jahre gehalten. Ähnliche Legenden gab es für Mediziner und Juristen. Diskussionen über die Täterschaft und Mittäterschaft von Polizei und Finanzverwaltung, von Unternehmen und Versicherungen, wurden lange Jahre mit dem Hinweis abgetan, man habe damals nur seine Pflicht erfüllt.

Manchen ging es dabei nicht in erster Linie darum, zu verbergen, was im "Dritten Reich" geschehen war. Man befürchtete vielmehr, dass Diskussionen über die Rolle von gesellschaftlichen Institutionen, aber auch von Einzelnen die gesellschaftliche Stabilität der jungen Demokratie und die Gemeinsamkeit der Demokraten gefährden könnten.

Darum gehört heute zu einem ehrlichen Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus auch die Auseinandersetzung mit der Frage, warum nach 1945 Täterschaft vielfach lange geleugnet, Opfer nur widerwillig entschädigt und manche, die Widerstand geleistet haben, so lange ignoriert oder sogar diffamiert worden sind.

Margarete und Alexander Mitscherlich haben vor mehr als dreißig Jahren über "Die Unfähigkeit zu trauern" geschrieben. Sie machten uns darauf aufmerksam, welche Folgen es hat, wenn eine Gesellschaft versucht, sich der eigenen Geschichte durch Schweigen zu entziehen.

Vielen Deutschen ist es nach 1945 schwer gefallen, sich der Tatsache zu stellen, dass sie unter einem verbrecherischen Regime gelebt hatten, das die große Mehrheit unterstützt hatte. Sie meinten, die Zukunft nur dadurch gewinnen zu können, dass sie die Vergangenheit verdrängten oder leugneten. Trauer über Schuld, Trauer über Verstrickung und Wegschauen schien der Zukunft im Wege zu stehen.

Trauer ist aber auch nötig, um sich von Vergangenem zu lösen, nicht um es zu vergessen oder zu verdrängen, sondern in dem Bestreben, es als Bestandteil des eigenen Lebens anzunehmen. Nur dann kann das Vergangene uns nicht auf Dauer beherrschen, weder bewusst noch unbewusst.

Solidarität mit Opfern und mit Überlebenden verlangt, dass man klar Position gegenüber dem Unrecht bezieht, das ihnen geschehen ist. Daran hat es trotz allen Gedenkens oft gemangelt.

Das ist einer der vielen Gründe dafür, warum es keinen Schlussstrich unter dieses Kapitel der deutschen Geschichte geben kann - um der Opfer willen, aber auch um unserer selber willen.

Darum ist es richtig, dass die Universität München vor kurzem beschlossen hat, ihre Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus erforschen zu lassen. Viele hätten sich das viel früher gewünscht - gerade hier an der Universität von Sophie und Hans Scholl.

Ich freue mich auch darüber, dass am 22. Februar, ihrem Todestag, eine Büste von Sophie Scholl in der "Walhalla", der Ruhmeshalle der Deutschen, aufgestellt wird - zusammen mit einer Gedenktafel für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

IV.

Die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Vergangenheit ist uns in beiden deutschen Staaten lange Jahre schwer gefallen.

In der DDR sollte man den Eindruck haben, dort lebten fast ausschließlich "Antifaschisten", ehemalige Widerstandskämpfer, keine Täter. Wir wissen nicht erst heute, dass das nicht so war. Auch in der alten Bundesrepublik schien es kaum Täter zu geben. Vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren neigten viele dazu, in den Nationalsozialisten eine Art fremder Besatzungsmacht zu sehen, deren erstes Opfer das eigentlich "gute" Deutschland gewesen sei.

Über die meisten Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft - über Juden, Sinti und Roma, Zwangsarbeiter, über Homosexuelle, über die Opfer medizinischer Experimente, über die Opfer der Euthanasie - wurde in der Nachkriegszeit wenig oder gar nicht gesprochen. Das ist wahr, und heute sagt sich das leicht. Aber ist es so unverständlich, wenn Menschen in Not zunächst an sich selber und an ihr Leid denken?

Viele Überlebende wurden entwürdigend behandelt: von Behörden, von Gerichten, von ihren Mitmenschen. Denken wir nur daran, dass es Jahrzehnte gedauert hat, bis Zwangsarbeitern endlich eine Entschädigung zuerkannt und auch ausgezahlt wurde.

Nicht viel anders erging es lange Zeit den Frauen und Männern, die während der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand geleistet hatten, ob organisiert: im militärischen, im christlichen, im konservativen, im gewerkschaftlichen, im sozialdemokratischen und im kommunistischen Widerstand, oder als Einzelne wie Georg Elser. Ich bin froh darüber, dass auch er endlich öffentlich so gewürdigt wird, wie er es verdient, und ich unterstütze das ausdrücklich. Ich bin all denen dankbar, die solche Menschen vor dem Vergessenwerden bewahren.

Auch die Menschen, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Verfolgten geholfen haben, haben wir lange Zeit viel zu wenig zur Kenntnis genommen. Wo solche Frauen und Männer geehrt wurden, so in Berlin in den fünfziger Jahren, blieb das ohne großes Echo in der Öffentlichkeit.

Gewiss: In der DDR wurde kommunistischer, gewerkschaftlicher und sozialdemokratischer Widerstand gewürdigt, aber christlichen, konservativen und militärischen Widerstand und auch das mutige Handeln Einzelner überging man.

In der alten Bundesrepublik mussten sich viele ehemalige Widerstandskämpfer, vor allem die, die im Exil und in den Streitkräften der Alliierten gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatten, bis in die siebziger Jahre immer wieder als "Vaterlandsverräter" beschimpfen lassen. So ging es nicht nur Willy Brandt und Herbert Wehner.

Der Widerstand des 20. Juli ist heute allgemein akzeptiert. Wie lange aber hat es gedauert, bis die Frage eindeutig und uneingeschränkt bejaht wurde, dass das Verhalten der beteiligten Offiziere kein Bruch ihres militärischen Eides gewesen ist.

Heute können die meisten von uns kaum fassen, dass in der frühen Bundesrepublik viele Loyalität gegenüber einem Regime forderten, das Terror von Staats wegen betrieben und die Menschenwürde außer Kraft gesetzt hatte.

V.

Woran lag es, dass in der Bundesrepublik Widerstand gegen den Nationalsozialismus - bis auf Ausnahmen - so lange ignoriert oder sogar diskriminiert worden ist? Dafür gibt es viele Gründe. Der Kalte Krieg und die Interessenpolitik der Alliierten in beiden Machtblöcken haben da gewiss eine große Rolle gespielt.

Ein anderer Grund ist der, dass in beiden deutschen Staaten Funktionsträger des nationalsozialistischen Regimes nicht schnell und nicht konsequent genug zur Rechenschaft gezogen worden sind.

Die Auseinandersetzung mit der Zeit des "Dritten Reichs" hat in der Bundesrepublik auch darunter gelitten, dass in Wirtschaft und Verwaltung, in Justiz und Politik vielerorts schnell wieder dieselben Entscheidungsträger saßen wie vor 1945. Sie zeigten wenig Neigung, sich mit ihrer eigenen Rolle im Dritten Reich kritisch auseinander zu setzen.

Ein weiterer Grund für das Ignorieren, für die Diskriminierung von Widerstand und von Hilfe für Verfolgte lag wohl darin, dass Widerstand und Hilfe eine oft benutzte Rechtfertigung unbrauchbar machten: Wegen des Terrors der Nazis habe, von Helden abgesehen, niemand die Wahl gehabt: Alle hätten mitmachen müssen.

All die Menschen, die damals auf unterschiedliche Weise nicht "mitgemacht" haben, und sei es nur, in dem sie sich ihr eigenständiges Denken bewahrt haben, haben gezeigt, dass es sehr wohl eine Alternative zum Mitmachen und erst recht zur aktiven Unterstützung gab, auf die die Nationalsozialisten leider bis zum Ende zählen konnten. Diese Frauen und Männer haben gezeigt, dass es neben den Tätern und Mitläufern auch andere Deutsche gab.

Darum dürfen wir heute auch niemanden aus unserer Erinnerung ausgrenzen, der damals Widerstand geleistet oder auf andere Weise nicht "mitgemacht" hat, gleich welche Vorstellung von einer künftigen Gesellschaftsordnung er hatte.

Viele Menschen haben aus ganz unterschiedlichen Überzeugungen gegen eine gemeinsame Bedrohung gekämpft. Manche ihrer politischen Vorstellungen teilen wir durchaus nicht. Ihr Widerstand ist deswegen nicht weniger wertvoll. Er verdient unsere ehrende Erinnerung.

Das ist mir deshalb besonders wichtig, weil vier Jahrzehnte lang in den beiden deutschen Staaten der Widerstand ganz unterschiedlich wahr genommen und gewürdigt worden ist.

In der DDR wurde der Widerstand der Kommunisten herausgestellt. Jeder weiß warum. Ihr Einsatz wird aber nicht dadurch entwertet, dass die meisten von ihnen eine Gesellschaftsordnung anstrebten, die sich an der Sowjetunion orientierte und auch nicht dadurch, dass sie in der DDR politisch instrumentalisiert worden sind.

In der alten Bundesrepublik konzentrierte sich das offizielle Erinnern an den Widerstand auf den 20. Juli. Für viele war er noch am leichtesten zu verstehen. Das hat den Blick darauf verstellt, dass manche der Beteiligten Vorstellungen von einer gesellschaftlichen Ordnung Deutschlands hatten, die weit entfernt waren von politischer und sozialer Demokratie. Das ändert aber doch nichts am aufrichtigen Widerstand dieser Männer.

VI.

Was aber ist mit Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, wie Martin Niemöller, wie Clemens August Graf von Galen? Was ist mit der "Weißen Rose"? Sind sie alle nicht schon früh gewürdigt worden? Zeigen sie nicht, dass das Bild nicht so düster ist, wie ich es eben skizziert habe?

Gewiss, es hat in der Bundesrepublik von Anfang an Menschen gegeben, die auf den Widerstand im "Dritten Reich" hingewiesen und seine Mitglieder gewürdigt haben. Viele von ihnen haben das einzig und allein aus Respekt vor den Frauen und Männern getan, die ihrem Gewissen gefolgt sind.

Es hat aber auch Versuche gegeben, diese Menschen zu würdigen, um vom Schweigen anderer abzulenken. Die Würdigung von Frauen und Männern aus dem katholischen und dem evangelischen Widerstand hat manchen auch dazu gedient, vom Verhalten vieler Kirchenoberer in der Zeit des Nationalsozialismus abzulenken.

Der Vatikan hat zu den Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden und an der Ostfront zu lange geschwiegen. Die "Bekennende Kirche" sprach nur für eine Minderheit der evangelischen Christen. Die "Deutschen Christen" dagegen haben die Nationalsozialisten aktiv unterstützt.

Es gibt viele Beispiele dafür, wie Widerstandskämpfer instrumentalisiert worden sind. Dazu gehört auch die "Weiße Rose".

Wer das verstehen will, der muss sich vor Augen führen, dass Gedenken nicht nur dazu dienen kann, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Gedenken kann auch dazu missbraucht werden, diese Auseinandersetzung zu verhindern. Darum müssen wir auch die Motive, den Inhalt und die Form des Gedenkens immer wieder kritisch prüfen.

Überlebende Mitglieder der Weißen Rose haben immer wieder darauf hingewiesen, dass ihr Widerstand lange Zeit zugleich idealisiert und romantisiert worden ist. Das geschah zum Teil durchaus in guter Absicht. Damit ging aber auch eine Entpolitisierung ihrer Aktionen und vor allem ihrer politischen Zielsetzungen einher.

Thomas Mann nannte in einer Rundfunkansprache in der BBC am 27. Juni 1943 die Hinrichtung der Mitglieder der "Weißen Rose" einen "Märtyrertod unterm Beil". In ihren Flugschriften hätten Worte gestanden, "die vieles gut machen, was in gewissen Jahren an deutschen Universitäten gegen den Geist deutscher Freiheit gesündigt worden" sei.

In den Gedenkartikeln und Gedenkreden der ersten Jahrzehnte im Nachkriegsdeutschland findet sich immer wieder dieses Motiv vom "Märtyrertod" und vom "Sühnetod".

Häufig wurden die Mitglieder der Weißen Rose als "jugendliche Schwärmer" dargestellt, ohne politische Vorstellungen, ohne Bewusstsein für die Gefahren ihres Tuns. Ricarda Huch, die sich sehr früh und mit Sympathie mit der Weißen Rose beschäftigte, nannte sie "halbe Kinder".

Heroisierung und Verharmlosung: Beides wird dem Widerstand der "Weißen Rose" nicht gerecht. Beides konnte sogar als Beweis dafür gelesen werden, dass Widerstand im "Dritten Reich" eben von vornherein aussichtslos gewesen sei. Das konnte all die entlasten, die mitgemacht hatten, und manche wollten das auch.

Darüber hinaus führte das starke Interesse am engsten Kreis der "Weißen Rose", besonders an Sophie und Hans Scholl, dazu, dass die Bedeutung der "Weißen Rose" insgesamt unterschätzt worden ist.

Lange wurde versäumt, sich generell mit dem Widerstand junger Menschen im Dritten Reich auseinander zu setzen. Davon hat es mehr gegeben, als wir lange gewusst haben und wissen wollten. In den letzten beiden Jahrzehnten haben wir viel Neues darüber erfahren.

Ich bin froh darüber, dass wir uns inzwischen ein wesentlich besseres Bild vom Umfang, von den Motiven und von den Zielen des Widerstands der "Weißen Rose" machen können. Dazu haben die überlebenden Mitglieder und die Angehörigen entscheidend beigetragen.

VII.

Wir wissen heute, dass es Kreise der "Weißen Rose" in München und Ulm und auch in Hamburg gegeben hat. Insgesamt haben ihr wohl um die hundert Mitglieder angehört. Wir wissen, dass unter ihnen neben Studenten auch Schüler waren.

Wir wissen auch, dass sie geistige Mentoren unter Schriftstellern und Publizisten, unter Theologen und Professoren hatten, die in Deutschland geblieben waren. Auch die hat Michael Degen gemeint, als er seinem Buch den Titel gab: "Nicht alle waren Mörder".

Zu den geistigen Mentoren der "Weißen Rose" zählten die Schriftsteller Werner Bergengruen und Reinhold Schneider, der Philosoph und Publizist Carl Muth, der Naturwissenschaftler Heinrich Wieland, um nur einige zu nennen.

Die Hauptakteure der "Weißen Rose" waren Menschen mit klaren politischen Vorstellungen. Sie haben viel gelesen. Sie haben sich mit existentiellen Fragen auseinander gesetzt, im Gespräch, in Tagebüchern und in Briefen.

Sie waren sich der Gefahr bewusst, der sie sich aussetzten. Anders als vielfach dargestellt, konnten sie sehr wohl unterscheiden zwischen Denken und Handeln. Ja, sie handelten gerade, weil sie zu dem Schluss gekommen waren, dass in einer bestimmten Situation dem Denken das Handeln folgen muss.

All das macht deutlich, dass die Hauptakteure der "Weißen Rose" alles andere waren als "halbe Kinder" oder "jugendliche Schwärmer".

Diese Sichtweise ist allein schon aufgrund ihres Alters absurd: Anfang bis Mitte zwanzig, hatten sie nach dem Abitur ihren Arbeitsdienst und die jungen Männer auch ihren Wehrdienst geleistet. Hans Scholl und Hubert Furtwängler erlebten den Angriff auf Frankreich, Alexander Schmorell war beim deutschen Einmarsch in Österreich und im Saarland dabei, Willi Graf in Polen und beim Überfall auf die Sowjetunion.

Die Männer des engeren Kreises studierten alle Medizin. Die Ausbildung zum Sanitäter, die damals für Medizinstudenten vorgeschrieben war, absolvierten sie gemeinsam an der Ostfront im Sommer 1942.

Ihre Erfahrungen dort haben Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Hubert Furtwängler und Jürgen Wittenstein stark geprägt.

Diese Erfahrungen haben nach allem, was wir heute wissen, dazu beigetragen, dass sie sich zum aktiven Widerstand entschlossen haben.

Zunächst hatten sie im wesentlichen noch aufklären und zum passiven Widerstand aufrufen wollen, jetzt riefen sie zum Umsturz des Regimes auf.

Sie hatten klare Vorstellungen von der Gesellschaftsordnung eines neuen Deutschlands in einem neuen Europa. Sie plädierten für eine Nachkriegsordnung, die auf demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien beruhte. Im neuen Deutschland und Europa sollte die Würde des Menschen unantastbares Grundrecht sein.

Das unterschied sie fundamental von Widerstandsgruppen, die eine totalitäre oder eine eher konservativ-autoritäre Gesellschaftsordnung errichten wollten.

Es gab noch einen anderen wichtigen Unterschied: Die "Weiße Rose" ist die deutsche Widerstandsgruppe, für die der Mord an den europäischen Juden für ihr Handeln so wichtig gewesen ist wie für keine andere. Darauf hat Rahel Salamander an dieser Stelle vor drei Jahren hingewiesen.

Deswegen und wegen ihrer demokratischen Wertvorstellungen sind sie mit unserer heutigen Gesellschaftsordnung und mit unseren Werten stärker verbunden als andere, die im Widerstand waren, auch manche Männer des 20. Juli. Ich sage das, weil wir der "Weißen Rose" noch viel mehr Aufmerksamkeit schenken sollten, als das bisher geschieht.

VIII.

Warum haben diese jungen Menschen sich unter den schwierigen Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur anders verhalten als die meisten ihrer Altersgenossen? Wenn wir das verstehen, dann wissen wir auch, worauf es ankommt, damit junge Menschen heute überzeugte und überzeugende Demokraten werden.

Hans und Sophie Scholl hatten ja Führungspositionen in der örtlichen Hitlerjugend inne gehabt. Alle Mitglieder der "Weißen Rose" waren im Arbeitsdienst, die Männer in paramilitärischen Verbänden und an der Front derselben Propaganda ausgesetzt wie Hunderttausende ihrer Altersgenossen. Was hat sie von diesen unterschieden?

Oft ist darauf hingewiesen worden, dass fast alle Mitglieder der "Weißen Rose" aus dem Bildungsbürgertum kamen. Viele von ihnen waren in der bündischen Jugend aktiv, einige auch illegal nach deren Auflösung. Hans Scholl und Willi Graf waren deswegen schon 1938 von der Gestapo verhaftet und ins Gefängnis gebracht worden.

Der engere Kreis der "Weißen Rose" stammte aus stark religiös geprägten Elternhäusern. Seine Mitglieder haben sich intensiv mit philosophischen Fragen beschäftigt, und sie haben begeistert gelesen: die großen Klassiker und die großen zeitgenössischen Schriftsteller, deutsche und französische, englische und russische: Augustinus und Thomas Mann, Goethe und Bernanos, Shakespeare und Dostojewskij.

Das galt gewiss aber auch für viele, die fröhlich bei den Nationalsozialisten mitmachten. Religion, Bildung und Mitgliedschaft in der bündischen Jugend allein immunisierten gewiss nicht gegenüber der nationalsozialistischen Weltanschauung.

"Wir sind halt politisch erzogen worden", so hat Hans Scholl erklärt, was er gemeinsam mit anderen getan hat. Politisch erzogen: Damit meinte er offenbar eigenständiges Denken, die Fähigkeit zur Kritik und die Bereitschaft zur Selbstkritik.

Dazu gehören die Achtung und der Respekt vor dem Anderen. So unterschiedlich die Auffassungen der Mitglieder der "Weißen Rose" in manchem waren: Sie alle verband die Grundüberzeugung, dass jeder einzelne Mensch unvergleichlich und einzigartig ist.

Sie alle verband die Grundüberzeugung, dass keine Staatsmacht und keine Weltanschauung das Recht habe, die Würde auch nur eines Menschen anzutasten.

Diese Orientierung an grundlegenden Werten macht die "Weiße Rose" und ihren Widerstand gegen den Terror der Nationalsozialisten so wichtig und noch heute zukunftsweisend. Bei vielen Entscheidungen ist ja der innere Wertekompass mindestens genauso wichtig wie die so genannten objektiven Fakten.

Die Frauen und Männer der "Weißen Rose" rufen uns in Erinnerung: Jede noch so gute Ausbildung unserer Kinder, jede noch so moderne Bildung bleibt unvollständig, wenn wir uns nicht auch um eine klare ethische Orientierung bemühen.

Unsere Kinder müssen eine klare Vorstellung davon haben, dass es jenseits aller Grauzonen eindeutig Richtiges und eindeutig Falsches gibt, und sie müssen ermutigt werden, sich dazu zu bekennen.

Das ist die Voraussetzung dafür, dass unseren Kindern ihre Gegenwart und Zukunft nicht gleichgültig bleibt, dass sie an der Gestaltung unserer Zukunft aktiv und engagiert mitwirken und - wenn und wo das nötig ist - gegen den Strom schwimmen.

Die Mitglieder der "Weißen Rose" haben das unter ganz schwierigen Bedingungen getan. Ihr Widerstand hat einige von ihnen das Leben gekostet und Leid über viele gebracht. Trotzdem waren sie nicht erfolglos.

Sie haben mit ihrem Widerstand deutsche Geschichte geschrieben. Das bleibt ein Auftrag an uns alle.