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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Eröffnung der 54. Spielwarenmesse Nürnberg

I.

Ich habe einmal nachgesehen, wann der Bundespräsident das letzte Mal die Spielwarenmesse eröffnet hat. Das war am 2. Februar 1974, also vor fast dreißig Jahren. Es war also höchste Zeit, dass ich es Gustav Heinemann nachtue. So bin ich denn heute gerne hierher nach Nürnberg gekommen, um bei der Eröffnung der größten Spielwarenmesse der Welt dabei zu sein.

Gustav Heinemann besuchte 1974 fünfzehn Aussteller. Dafür braucht man auch damals schon viel Zeit. Die Zeiten waren wohl auch beschaulicher und das Spielzeug war einfacher. Heute gerät man ins Staunen darüber, wie kompliziert sogenanntes Spielzeug sein kann. Nasa und Europäische Raumfahrtagentur wären noch vor wenigen Jahren stolz darauf gewesen, wenn sie die technischen Raffinessen beherrscht hätten, die heute in vielen Spielzeugen stecken.

II.

Die Spielwarenmesse Nürnberg ist die führende Spielwarenmesse der Welt. Die Anfänge im Jahr 1949 waren schwierig und der Erfolg war ungewiss. Im Laufe der Jahre mussten viele wichtige Entscheidungen getroffen werden: über die bauliche und die fachliche Erweiterung der Messe, über die Zahl der Messetage und über die Öffnung für ausländische Aussteller.

Im Zeitalter der Globalisierung braucht man über diese Öffnung wohl kaum zu sprechen. Interessant ist allerdings, dass sie auf den Druck von Ludwig Erhard zurückzuführen ist. Der hatte 1957 angekündigt, er werde nie mehr wiederkommen, wenn es eine rein nationale Messe bleibe. Manchmal kann die Politik eben auch der Wirtschaft neue und richtige Wege weisen. Großen Beifall hat die Politik dafür damals nicht geerntet. Auch daran hat sich eigentlich wenig geändert.

III.

Ich will jetzt nicht eingehen auf Umsatzzahlen der Spielwarenindustrie, auf das vergangene Weihnachtsgeschäft und auf das kommende Ostergeschäft. Verlässliche Zahlen über das vergangene Jahr gibt es wohl noch nicht; so habe ich gehört. Schwierig ist die derzeitige konjunkturelle Lage für fast alle Unternehmen. Die Exporte liefen im vergangenen Jahr aber ausgezeichnet. Noch nie haben deutsche Unternehmen so viel in andere Länder verkauft wie im Jahr 2002. Das dürfte sich auch auf die Spielwarenindustrie ausgewirkt haben.

Ein Blick in die Statistik zeigt heute ein Bild, das man wohl nur in ganz wenigen Branchen findet: Die Exportwerte sind höher als die Produktionswerte. Das heißt, dass ein guter Teil der importierten Spielwaren reexportiert wird. Das zeigt, dass Spielwaren aus Deutschland einen ausgezeichneten Ruf genießen und dass sie international konkurrenzfähig sind.

Das ist eine gute Nachricht. Es gibt noch andere gute Nachrichten vom Wirtschaftsstandort Deutschland, die es trotz aller Schwierigkeiten gibt. Man liest das Positive leider nur zu selten.

  • Wer weiß denn schon, dass die Grenzsteuerlast einer Kapitalgesellschaft in Deutschland weit niedriger ist als in den USA, Japan oder Frankreich?
  • Wer weiß denn schon, dass die Telefonkosten in Deutschland niedriger sind als in den USA?
  • Wer weiß denn schon, dass die Industriestrompreise in Deutschland weit niedriger sind als in Japan, Großbritannien und auch niedriger als in den USA?
  • Wer weiß schon, dass Deutschland im Handel mit hochtechnologischen Waren weltweit an dritter Stelle steht, nur knapp hinter Japan?
  • Wer weiß schon, dass die Arbeitslosigkeit in den USA seit 1985 wesentlich stärker gestiegen ist als in Deutschland?

All diese Zahlen entnehme ich übrigens der Broschüre "Deutschland im globalen Wettbewerb" vom Institut der deutschen Wirtschaft.

Natürlich ist es immer eine Frage der Absicht, mit der man Zahlen nennt. Es gibt ohne Zweifel schlechte Zahlen und es gibt Reformbedarf. Es gibt aber auch viele Lichtblicke. Wer aber Licht am Ende des Tunnels sieht und gleich nach einem neuen Stück Tunnel ruft, der ist nicht sehr hilfreich.

Es gibt keinen Königsweg, der uns herausführt aus der schwierigen konjunkturellen Lage und aus der schwierigen Lage der Sozialsysteme. Über den richtigen Weg muss seriös und ernsthaft gesprochen und gestritten werden. Wer nur die schnelle Schlagzeile liebt, der trägt zur Verunsicherung bei. Ich bin zuversichtlich: Wir können die Aufgaben, die vor uns liegen, meistern. Wir können die Reformen einleiten, die unser Land braucht: Im Bildungswesen, im Steuersystem und in den Sozialsystemen. Wir können all das schaffen, wenn wir unsere Kräfte bündeln und sie nicht mit gegenseitigen Vorwürfen vergeuden.

Ich weiß natürlich auch, dass gerade die Lage der kleinen Einzelhändler besonders schwierig ist. Die Konkurrenz durch Discounter und inzwischen auch durch Baumärkte ist drückend, manchmal sogar erdrückend. Gegen Konkurrenz ist nichts einzuwenden, aber sie muss fair sein. Ich höre verschiedentlich, dass die Einkaufspreise für kleine Einzelhändler wesentlich schlechter sein sollen als für die großen Discounter. Das halte ich nicht für gut, denn es sind die kleinen Geschäfte, die viele Arbeitsplätze schaffen und die Leben in die Innenstädte bringen. Ohne diese kleinen Geschäfte aus ganz vielen verschiedenen Branchen würden die Innenstädte veröden und trostlos werden. Das darf so nicht kommen. Da ist auch die Politik gefordert.

IV.

Messen sind ja Marktplätze, ganz besondere Marktplätze. Wenn man aber etwas über den besonderen Reiz von Spielwaren erfahren will, dann muss man Kindern zuschauen. Wer kennt nicht das Leuchten in ihren Augen, wenn sie in der Vorweihnachtszeit einen kleinen Blick ins Paradies der Spielzeuggeschäfte werfen? Hinter ihnen stehen Väter und Mütter und werfen nostalgische Blicke auf Modellbahnen, auf Käthe-Kruse-Puppen und auf Steiff-Tiere.

Spielzeug übt eine besondere Faszination aus, auf alle Altersgruppen, und daran wird sich zum Glück nie etwas ändern. So sehe ich mit Zuversicht die Zukunft der Nürnberger Spielwarenmesse und die Zukunft der Spielwarenhersteller.