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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau auf der Jahrestagung der Diakonie Neuendettelsau

Sehr geehrter Herr Rektor, meine Damen und Herren, ich will nun die protokollarische Möglichkeit nicht wahrnehmen, alle so zu begrüßen, wie sie es verdient hätten. Sie haben ja einen Teil dessen auch schon vorweggenommen, Herr Rektor. Ich sage es also mit dem Gesangbuch-Vers "Propheten groß und Patriarchen schön, auch Christen insgemein", ich freue mich, dass sie da sind.

Ich bin in diesem europäischen Jahr, in dem wir an die Behinderten erinnern, in die Diakonie Neuendettelsau gekommen, weil ich es falsch finde, weil ich es für gefährlich halte, unser Leben so darzustellen, wie die Werbung es tut - als seien wir alle nur strahlend, gesund und fröhlich, als seien wir alle Menschen, die in Wirklichkeit nur als Verbraucher interessant sind.

Das Jahr der Behinderten kann uns daran erinnern, dass wir es zu tun haben mit einer Welt unterschiedlicher Qualitäten. In dieser Welt gibt es nicht nur Linke und Rechte, in der gibt es nicht nur Konservative und Progressive, sondern in der gibt es Fröhliche und Traurige, Gesunde und Kranke, Einsame und Gesellige. Wir sind eine Gesellschaft, in der jeder seinen Anspruch auf menschenwürdiges leben realisieren können muss.

Herr Rektor, Sie haben mir soeben, als wir in der Werkstatt waren, ein Buch überreicht, das erinnert an die Tatsache, dass Menschen mit Behinderung weggebracht, getötet wurden. Sie haben mir das überreicht am 70. Jahrestag der "Machtergreifung". Heute vor 70 Jahren ist Adolf Hitler Reichskanzler geworden. Heute vor 70 Jahren hat die schrecklichste Phase deutscher und europäischer Geschichte begonnen. Wir werden noch lange brauchen, bis wir aufgearbeitet haben, was damals geschehen ist in Deutschland, in Rumänien, in Polen, in ganz Europa, nicht in deutschem Namen, sondern von Deutschen. Ich denke, an solch einen Tag zu erinnern, das macht Sinn.Wenn man mein Alter erreicht hat, dann hat das den Vorteil, dass man eine lange Geschichte, auch eine lange politische Geschichte hat. Es ist mehr als vier Jahrzehnte her, da war ich als junger Abgeordneter im nordrhein-westfälischen Landtag Berichterstatter für den Bereich "Behinderte" im Schulgesetz. Ich war ziemlich gut. Ich habe alles gelesen, was man darüber lesen konnte, ich habe eine Fülle von Gesprächen geführt und ich habe, wie ich fand, eindrucksvolle Landtagsreden gehalten. Eines Tages geschieht es mir, dass ein Kind auf mich zukommt, ein sogenanntes "Contergan-Kind", und gibt mir die an die Schulter gewachsene Hand und sagt: "Du, wir haben zusammen Geburtstag. Wollen wir das nicht mal zusammen feiern?" Auf einmal fällt alles von mir ab, was ich gelernt und gelesen und geredet habe. Ich stelle auf einmal fest, ich, der Experte meiner Fraktion für Behindertenpädagogik, bin hilflos gegenüber einer Behinderten, weil mir das noch nicht begegnet ist, weil ich nicht weiß, wie gehe ich mit dieser Hand um, wie gehe ich mit diesem Menschen um? Auf einmal hatte ich den Eindruck, hier bin ich der Behinderte, hier bin ich derjenige, der nicht zurecht kommt mit seinem Leben.Für mich hat diese Begegnung mit der damals vielleicht achtjährigen Caroline mein Leben völlig verändert. Ich habe auf einmal gespürt und gemerkt, wenn es uns nicht gelingt, miteinander zu leben statt gegeneinander, wenn es uns nicht gelingt, dass Behinderte und Nicht-Behinderte, Begabte und Unbegabte, Gesellige und Einsame, das Miteinander des Alltags finden, dann haben wir unser Leben verfehlt. Darum ist es so wichtig, dass es in allen gesellschaftlichen Bereichen, auch und gerade in den Kirchen, die Arbeit der Diakonie und der Caritas gibt, dass es Zuwendung gibt, die nicht von oben herab kommt und die die Frage "Wer ist denn dein Nächster?" beantwortet, indem wir miteinander barmherzig leben und nicht danach fragen, wer als erster ans Ziel kommt. Konkurrenz und Wettbewerb muss es geben in der Wirtschaft, die muss es geben im Leben einer Industrie-Region, aber beides dürfen wir nicht übertragen auf unseren Alltag und unser mitmenschliches Leben.Das ist mir wichtig und darum versuche ich in jedem Jahr, auch in einem Jahr, das nicht so heißt, Behinderten-Werkstätten aufzusuchen, um Rückenwind zu geben, Öffentlichkeit zu schaffen und Menschen darauf hinzuweisen: Wir brauchen uns keine heile Welt vorzugaukeln und vorzumalen. Die Welt ist nicht heil, aber diese Welt ist auch nicht einfach dem Unheil anheim gegeben, sondern wir können sie verändern und verbessern. Wir müssen uns nur ein Stück weit selber einsetzen, mehr als unsere Sachkunde, mehr als unsere Literaturkenntnisse. Wir müssen etwas von uns selber geben, damit diese Gesellschaft menschlicher wird als sie ist, und damit wir selber menschlicher werden als wir oft wirken.

Ich wünsche Ihnen allen, vor allen Dingen denen, die hier ihre Arbeit tun, dass sie Geduld und Beharrlichkeit und Freude an ihrem Tun haben, weil sie spüren und wissen, dass das Wort aus dem Alten Testament nach wie vor gilt: "Seid getrost, tut eure Hände nicht ab, denn euer Werk hat seinen Lohn."