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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich eines Abendessens gegeben von Staatspräsident Dr. APJ Abdul Kalam

I.

Wir freuen uns über das Wiedersehen mit Indien und darüber, dass der lange geplante Besuch - trotz der international gespannten Lage - nun endlich stattfindet. Ja, es ist ein Wiedersehen: Vor gut 15 Jahren waren meine Frau und ich schon einmal in Indien. Mein Gespräch mit Ministerpräsident Gandhi und das Treffen meiner Frau mit Mutter Teresa in Kalkutta haben uns einen tiefen Eindruck hinterlassen.

II.

Wir Deutschen waren immer schon von Indien und seiner Kultur fasziniert. Der große Indienforscher Max Müller hat einmal eine Vorlesungsreihe unter die Überschrift gestellt: "Was kann uns Indien lehren?" Sein Resümee lautete: "Wenn ich gefragt würde, unter welchem Himmel der menschliche Geist einige seiner erlesensten Gaben am vollsten entwickelt hätte [...], dann würde ich auf Indien weisen." Ein anderer Landsmann von mir hat geurteilt: "Indien besitzt das Gold der Weisheit und das Silber der Beredsamkeit und die Edelsteine aller Tugenden in ausreichendem Maße". Dieses Zitat ist etwas älter - genauer gesagt 1.200 Jahre. Es stammt von dem großen Kleriker und Lehrer Rhabanus Maurus.

III.

Indien hat auch in jüngster Zeit eine historische Leistung erbracht, die in Deutschland und in der ganzen Welt Anerkennung findet. Nach Ihrer Unabhängigkeit ist es Ihnen gelungen, Ihre Bürgerinnen und Bürger in einem demokratischen Staat zu vereinen. Aus diesem Subkontinent mit ganz unterschiedlichen Völkern, Sprachen, Kulturen und Religionen haben Sie eine moderne Nation geformt. Zu dem 50. Geburtstag Ihres Parlaments vor wenigen Wochen gratuliere ich Ihnen von Herzen.

Die Beziehungen zwischen Indien und Deutschland waren stets freundschaftlich und vertrauensvoll. Indien ist unser bevorzugter Partner in Südasien. Die Wirtschaftsbeziehungen sind stabil, der wissenschaftliche Austausch ist beispielhaft. Jährlich trifft sich die deutsch-indische Beratungsgruppe, im vergangenen September habe ich sie im Schloss Bellevue empfangen.

IV.

Wir arbeiten nicht nur zusammen, wir stehen auch gemeinsam vor internationalen Herausforderungen. Langjährige Konflikte sind noch immer ungelöst. Jederzeit können sie sich gewaltsam entladen. Eine besonders akute Gefahr ist die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Der Terrorismus ist zu einer weltweiten Bedrohung geworden. Wir müssen ihn bekämpfen, aber auch die Ursachen dafür beseitigen, dass er Sympathie und Unterstützung erfährt. Es geht um Hunger und Armut, um Bildung und Gerechtigkeit, es geht um die Angst vor kultureller Überfremdung, aber auch um die vielen ungelösten politischen Konflikte, die Hass erzeugen und diesen mit zunehmenden Opfern auch vermehren.

V.

Wir alle blicken seit Wochen mit großer Sorge zum Mittleren Osten. Saddam Hussein muss an der Herstellung und an dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen gehindert werden. In diesem Ziel sind sich alle Staaten völlig einig. Allerdings differieren wir in der Frage, wie wir dieses Ziel am besten erreichen. Das kollektive Gedächtnis der Deutschen ist geprägt von der Erinnerung an zwei Weltkriege, die eine Katastrophe für die Europäer bedeutet haben. Wir haben bitter erfahren müssen, dass kriegerische Auseinandersetzungen eine Eigendynamik entfalten und oft genug doch nur Leid und Verderben bringen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir erlebt, dass Stabilität und Sicherheit - und nicht zuletzt auch Wohlstand - nur durch friedliche Zusammenarbeit erreicht werden können. Das bedeutet nicht, dass wir nicht wüssten, dass man in letzter Instanz auch bereit sein muss, für Frieden und Freiheit Opfer zu bringen. Wir haben das durch unsere Beteiligung am Friedenseinsatz der Vereinten Nationen in Afghanistan bewiesen. Aber wir sind zutiefst davon überzeugt, dass Krieg wirklich nur das allerletzte Mittel sein kann und nicht zwingend sein muss. Alle anderen Mittel müssen vorher ausgeschöpft sein. Zu schrecklich sind Folgen jedes Krieges für die Menschen, aber auch für die Stabilität und den Wohlstand einer Region. Diese Überzeugung leitet unsere Politik in diesen schweren Wochen, und wir glauben, damit im Interesse aller zu handeln.

Wir haben die historische Erfahrung machen dürfen, dass Deutschland, als Ergebnis der Politik der Zusammenarbeit und des friedlichen Ausgleichs, heute nur noch von Freunden umgeben ist. Wir können daher alle nur ermutigen, mit ihren Nachbarn im Dialog friedliche, politische Lösungen zu suchen - ganz im Sinne Mahatma Gandhis, der gesagt hat: "Was durch Hass erlangt wird, ist in Wahrheit eine Last, denn es erhöht den Hass."

VI.

Herr Präsident, schon die zwei Tage, die wir in Neu Delhi und in Jaipur mit seinem märchenhaften Zauber verbringen durften, haben uns verstehen lassen, warum so viele Menschen von Indien, vom Indien-Mythos, fasziniert sind. Einer von ihnen war der deutsche Dichter Hermann Hesse, der gesagt hat: "Wer einmal nicht nur mit den Augen [...], sondern mit der Seele in Indien gewesen ist, dem bleibt es ein Heimwehland [...]".

Das gilt für meine Frau und mich, und ich bin überzeugt davon, dass es auch für alle gilt, die mich auf diesem Besuch begleiten.

Herr Präsident, ich wünsche Ihnen, dass Ihre Vision von einem blühenden Indien Wirklichkeit wird, das mit seinen Nachbarn friedlich zusammenlebt.

Meine Damen und Herren, ich erhebe mein Glas auf das Wohlergehen von Präsident Kalam, auf eine glückliche und friedliche Zukunft des indischen Volkes und auf die Freundschaft zwischen Deutschland und Indien.