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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Veranstaltung "Hilfe für Verfolgte in der NS-Zeit"

"Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt" - das steht auf der Einladung für den heutigen Abend. Das Zitat stammt aus dem Talmud.

Manche von Ihnen werden sich gefragt haben, ob es nicht vermessen ist, mit diesem Zitat an Menschen zu erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland Verfolgten geholfen haben.

Ist die Zahl der Helfer und Retter verglichen mit der Zahl der Täter und Zuschauer nicht viel zu klein? Ist die Zahl der Geretteten verglichen mit der Zahl der Ermordeten nicht viel zu gering? Mehr noch: Der Holocaust hat doch wirklich eine ganze Welt, die Jahrtausende alte Welt des europäischen Judentums, unwiederbringlich vernichtet.

All das stimmt, und all das kann und das soll nicht relativiert und schon gar nicht "ausgeglichen" werden durch den Satz: "Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt". Dieser Satz sagt uns etwas über die jüdisch-religiöse Weltsicht. Danach ist das, was dem jüdischen Volk in seiner Gesamtheit und in seiner ganzen Geschichte widerfahren ist, jedem einzelnen Juden widerfahren: "Was meinen Vätern und Müttern geschehen ist, das ist auch mir geschehen."

In diesem Sinne gehört auch der Holocaust zur persönlichen Erfahrung aller Juden - unabhängig davon, ob sie persönlich betroffen waren oder ob sie Nachgeborene sind.

Diese Sicht gilt nicht nur für die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands. Sie gilt auch für die Hilfe, die Juden damals erfahren haben. Diesem Geschichtsverständnis entspricht es, dass Yad Vashem eine gemeinsame Gedenkstätte für Opfer und Retter ist, eine Gedenkstätte, in der schon früh Männer und Frauen als "Gerechte unter den Völkern" geehrt worden sind, die verfolgte Juden unterstützt und gerettet haben.

Gedenkstätten in Deutschland gibt es in ehemaligen Konzentrationslagern. Es gibt das "Haus der Wannseekonferenz". Es gibt die "Gedenkstätte deutscher Widerstand", um nur einige Beispiele zu nennen. Sie haben eine andere Aufgabe. Sie erinnern an die Opfer und an die Täter.

Was es bis heute nicht gibt, ist eine Gedenkstätte für die Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus unter Einsatz ihres eigenen Lebens Verfolgten geholfen und Menschen gerettet haben.

Hier in Berlin gibt es einen Ort, der sich in besonderer Weise für eine solche Gedenkstätte eignet. Dieser Ort liegt nicht weit von hier, in der Nähe der Synagoge in der Oranienburger Straße, in der Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte.

Dort hat Otto Weidt in seiner Besen- und Bürstenbinderei viele Juden vor der Deportation bewahrt, weil er sie als Arbeitskräfte für kriegswichtige Produktion angefordert hat. Zu den Menschen, die er gerettet hat, gehört Inge Deutschkron, die heute Abend hier bei uns ist.

II.

Inge Deutschkron hat sich schon früh dafür eingesetzt, dass wir auch in Deutschland die Menschen ehren, die in der Zeit des Nationalsozialismus Verfolgten geholfen haben. Sie hat das gegen viele Widerstände getan. Sie hat immer wieder gefragt, warum wir diesen Menschen nicht die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdienen.

Diese Frage stellen heute auch viele, gerade junge Menschen. Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten.

Jungen Menschen leuchtet ein, dass es den meisten Deutschen nach dem Krieg zunächst schwer gefallen ist, sich damit auseinander zu setzen, dass die Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus von Deutschen begangen worden sind und nicht nur im "deutschen Namen", wie es lange hieß.

Viel schwerer zu verstehen, das erlebe ich immer wieder in Gesprächen, ist die Tatsache, dass wir uns als Gesellschaft so lange schwer damit getan haben, die Menschen zu ehren, die damals weder zu den Tätern noch zu den Mitläufern gehört haben.

Junge Menschen verstehen oft nicht, warum in Deutschland, - anders als in anderen Ländern - nicht viele Menschen versucht haben, sich selber nachträglich als heimliche oder offene Widerstandskämpfer darzustellen. Sie verstehen nicht, warum die, die tatsächlich Widerstand geleistet haben, so wenig beachtet und geachtet worden sind.

Für diesen Widerstand gegen das Erinnern an den Widerstand gibt es viele Gründe. Der wichtigste Grund scheint mir der zu sein, dass all die Menschen, die damals Widerstand geleistet und Verfolgten geholfen haben, uns an eine unbequeme Wahrheit erinnern: Sie erinnern uns daran, dass es selbst in Deutschlands dunkelster Zeit eine Alternative zum Mitmachen und zum Wegschauen gegeben hat. Sie erinnern uns daran, dass es selbst damals Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume gegeben hat.

III.

Die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten und an die jüngeren Generationen weiterzugeben, das gehört zu den Grundlagen jeder Gesellschaft. Dazu gehört in Deutschland auch die Erinnerung an die Opfer und an die Täter der NS-Zeit. Dazu gehört aber auch die Erinnerung daran, dass es zwischen 1933 und 1945 Menschen gegeben hat, die sich in ihrer Achtung vor der Würde des Menschen, vor der Würde jedes einzelnen Menschen, nicht haben beirren lassen.

Da war die Schülerin und Studentin, die jüdische Nachbarn heimlich mit Lebensmitteln versorgt hat. Da war der Offizier, der auf einem Genesungsurlaub vier Menschen trifft, die sich ihm als Juden zu erkennen geben und der sie deshalb versteckt hat. Da war der Friedhofswärter, der Juden auf dem Friedhof versteckt hat. Da war die Frau, die ein jüdisches Mädchen als ihr uneheliches Kind ausgegeben hat. Da war der Druckereibesitzer, der Juden mit falschen Papieren versorgt hat.

Auch das gehört zur Geschichte des "Dritten Reichs". Auch darüber müssen wir reden: nicht um aufzurechnen, sondern weil wir auch positive Beispiele brauchen, wenn heute junge Menschen zu guten Demokraten heranwachsen sollen. Wir alle wissen doch: Es genügt nicht, Zivilcourage zu proklamieren und zu beschwören. Zivilcourage braucht auch praktische Vorbilder.

IV.

Darum freue ich mich darüber, dass die Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus Verfolgten geholfen haben, in den letzten Jahren stärker in den Blick der wissenschaftlichen Forschung gerückt sind. Von diesen Menschen hat es viel weniger gegeben, als wir uns das wünschen würden, aber doch mehr, als den meisten von uns heute bewusst ist.

Da gibt es noch viel zu entdecken. Einige Beispiele finden Sie in dem Buch, das heute Abend hier vorgestellt wird. Der beste Text ersetzt aber nicht die persönliche Begegnung. Darum freue ich mich besonders darüber, dass heute Zeitzeuginnen und Zeitzeugen hier sind - auf dem Podium und im Publikum. Es sind Frauen und Männer hier, die verfolgt und gerettet worden sind, und es sind Männer und Frauen hier, die damals andere vor Verfolgung geschützt und ihnen das Leben gerettet haben.

Sie alle heiße ich ganz besonders herzlich willkommen. Einige von Ihnen sind weit gereist, um heute hier zu sein. Einige kommen aus den U.S.A., einige aus Litauen. Sie haben diese Mühe auf sich genommen, weil sie dazu beitragen möchten, dass wir in Deutschland endlich die Menschen gebührend ehren, die damals Verfolgten geholfen haben. Dafür möchte ich Ihnen meinen Dank und meinen Respekt sagen.

V.

Gewiss, Retter und Helfer sind im Nachkriegsdeutschland nicht völlig vergessen worden. Etwa dreihundertfünfzig von ihnen sind mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden; andere haben Auszeichnungen der Länder erhalten. Der Berliner Senat hat in den fünfziger Jahren Menschen, die während der NS-Zeit Juden gerettet haben, geehrt und materiell unterstützt, wenn sie in finanziell ungesicherten Verhältnissen lebten. Breite öffentliche Aufmerksamkeit hat all das nicht gefunden.

Das hat wohl damit zu tun, dass die meisten Retter und Helfer von ihren Taten kein Aufheben gemacht haben. Viele haben von sich aus nicht darüber gesprochen, und viele haben Ehrungen abgelehnt, weil sie ihrer Meinung nach etwas Selbstverständliches getan hatten.

Das hat auch damit zu tun, dass sie, um ihrer eigenen Sicherheit willen und der Sicherheit der von ihnen Beschützten willen, ihre Taten nicht belegen konnten. Darum brauchen wir die Spurensuche vor Ort. Wie fruchtbar die sein kann, das zeigen uns Beiträge zum Geschichtswettbewerb für Schüler, der unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Bundespräsidenten steht und den seit vielen Jahren die Körber-Stiftung organisiert. Herr Dr. Schmidt wird uns gleich mehr davon berichten.

VI.

Wenn wir über Retter und Helfer sprechen, dann fallen den meisten von uns Namen ein wie Oskar Schindler, Raoul Wallenberg und Bertold Beitz. Das ist gut und richtig, und wir dürfen sie nicht vergessen.

Genauso wichtig scheint mir aber, dass wir auch an Menschen erinnern, die bisher nur wenig oder gar nicht bekannt sind. Ich denke zum Beispiel an Otto Weidt. Ich denke an Ruth Held und Heinz Droßel, die heute stellvertretend für viele andere hier sind. Ihr Beispiel zeigt, dass man helfen konnte, auch ohne wirtschaftliche Macht und ohne gesellschaftlichen Einfluss.

Viele der Helfer haben ganz uneigennützig gehandelt. Andere haben auch eigene Interessen damit verbunden.

Wer wollte im Nachhinein Otto Weidt oder Oskar Schindler dafür anklagen, dass sie mit dem nationalsozialistischen Staat auch Geschäfte gemacht haben: Wie viele haben das damals getan, ohne Menschen zu retten! Wie viele haben auf Kosten anderer Menschen Geschäfte gemacht! Denken wir nur an die Zwangsarbeiter!

Wenn wir an Retter und Helfer erinnern, dann nicht, weil sie Übermenschen gewesen wären, sondern weil sie Menschen geblieben sind in einer Zeit, in der das allein eine Leistung war. Darum sollten wir an vielen Orten an sie erinnern.

Ich freue mich darüber, dass heute viele Botschafter hier sind, viele von ihnen aus Ländern, deren Menschen das nationalsozialistische Deutschland schlimmes Unrecht zugefügt hat. Ich freue mich auch darüber, dass so viele Vertreter von Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Bildungseinrichtungen und Medien hier sind. Sie wünsche ich mir als Botschafter im eigenen Land.

Meine Bitte an Sie alle: Erzählen Sie davon, dass es im nationalsozialistischen Deutschland Menschen gegeben hat, die die Werte der Menschlichkeit praktisch gelebt haben.

Berichten Sie darüber, dass es Menschen gegeben hat, die Bedrohten und Verfolgten geholfen und vielen das Leben gerettet haben.

Helfen Sie mit, dass diese Frauen und Männer einen Platz in unserer Erinnerung haben.