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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich eines Abendessens, gegeben zu Ehren der lettischen Staatspräsidentin, Frau Professor Dr. Vaira Viíe Freiberga

I.

Herzlich willkommen im Schloss Bellevue. Deutschland ist Ihnen wohlvertraut, Frau Präsidentin. Es war eine Etappe auf Ihrem Weg ins Exil, und auch später haben Sie unser Land oft besucht. Jetzt aber kommen Sie zum ersten Staatsbesuch eines lettischen Staatsoberhauptes, nachdem Ihr Land 1991 seine Unabhängigkeit wieder erlangt hat Das ist ein besonderer Anlass zur Freude.

II.

Deutsche und Letten blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück, auf Jahrhunderte fruchtbaren, aber manchmal auch schwierigen Miteinanders. Am Anfang stand die Gründung Rigas durch Bischof Albert von Bremen. Die deutschen Balten, die Jahrhunderte lang im Land längs der Düna gelebt haben, sind Lettland bis heute verbunden und bleiben eine Brücke zwischen unseren Ländern.

Die 800-Jahrfeier der Stadt Riga im August 2001 war für mich ein besonders schönes Erlebnis. Ich werde die vielen Menschen nicht vergessen, die fröhlich die Straßen und Plätze der Stadt füllten und denen die Freude über ihr Land und das Bewusstsein ihrer Geschichte anzusehen waren.

Wenn wir von kultureller Verbundenheit sprechen, dann denken wir an Richard Wagner, der dort Direktor am Theater war, an Johann Gottfried Herder, den die Stadt geprägt hat, an Werner Bergengruen, der in Riga geboren wurde und Ihrem Land sein Leben lang verbunden blieb, und den gut zu kennen ich die Freude hatte.

Wir dürfen aber auch die Tragödien in unserer gemeinsamen Geschichte nicht vergessen: Den Verrat des nationalsozialistischen Deutschland an Lettland und die Schrecken der deutschen Besatzungszeit.

Heute ist die deutsch-lettische Zusammenarbeit eng und vertrauensvoll. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Ihres Landes, und liegt auch bei den Investitionen vor Schweden an erster Stelle. Es gibt einen regen Austausch in Forschung und Lehre, erfreulich viele Städtepartnerschaften zeigen, dass die Menschen zusammenfinden.

Die Lyrikerin Vera von Sass hat in ihrem Gedicht "Heimatgefährten" das deutsch-lettische Zusammenfinden so beschrieben:

Tief in Schuld und Schmerz und Treue

Sind unlösbar wir versponnen.

Was uns trennte ist zerronnen:

Weggefährten wurden wir aufs neue.

III.

Ihr Land ist wie seine baltischen Nachbarn ein Land der Musik und der Poesie. Herder hat einmal geschrieben: "Die Dichtkunst der Letten ist besonders und zeugt von der Natur, die ihr Lehrmeister gewesen und noch ist".

Wir alle haben noch die "singende Revolution" im Ohr, diesen wunderbaren Weg in die Freiheit.

Die Zeit seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 gehört sicherlich zu den glücklichsten Kapiteln in der Geschichte Lettlands. Sie, Frau Präsidentin, waren eine integrierende und konsolidierende Kraft in Ihrem Land; seinen außenpolitischen Kurs haben Sie stark bestimmt. Ich erinnere mich gut an unsere Gespräche bei meinem Besuch in Riga, in denen Sie Ihre Vision skizziert haben: Lettland solle Mitglied in der Nordatlantischen Allianz und in der Europäischen Union werden. Heute stehen Sie am Ziel: In wenigen Tagen und Wochen werden das Protokoll, mit dem Sie dem Nordatlantikvertrag beitreten, unterzeichnet werden, und der Vertrag, der Sie in die Europäische Union führt.

Wir haben den europäischen Weg Lettlands von Anfang an mit großer Sympathie begleitet und die Beitrittswünsche Ihres Landes nach Kräften unterstützt. Jetzt freuen wir uns mit Ihnen!

IV.

Meine Damen und Herren, wir sind weit vorangekommen auf dem Weg zu einer immer engeren Zusammenarbeit in Europa - so wie die europäischen Gründungsväter sich das erhofft haben. Wir haben den Kalten Krieg überwunden und die Teilung unseres Kontinents. Europa ist heute ein Kontinent des Friedens und der Stabilität.

Dennoch: Wir sind längst nicht so weit gekommen, wie wir uns das wünschen, wie das richtig und notwendig wäre. Das gilt vor allem für die Gestaltung einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Die Krise auf dem Balkan, erst recht aber die globale Entwicklung seit dem 11. September 2001 haben das in aller Schärfe deutlich gemacht. Die Europäische Union muss innerhalb, aber auch außerhalb ihrer eigenen Grenzen mehr Verantwortung übernehmen und zu mehr gemeinsamen Handeln bereit sein.

Natürlich fällt das besonders schwer, wenn es, wie im Fall des Irak, um Frieden oder Krieg geht. Gerade heute wird uns das Schicksalhafte einer solchen Entscheidung besonders bewusst. Wir müssen akzeptieren, dass es in einer so wichtigen Frage unterschiedliche Auffassungen gibt - in der Europäischen Union und auch unter den zukünftigen Mitgliedstaaten, auch wenn wir uns im Blick auf Ziele unserer Politik gegenüber dem Irak alle einig sind.

Wir müssen aber mehr miteinander und nicht übereinander reden, und wir müssen einander besser zuhören. Vor allem aber dürfen wir nicht zulassen, dass eine Krise uns entzweit und die europäische Integration gefährdet.

Es gibt keine zwei Europas. Wir alle sind das alte Europa: mit seiner langen Geschichte, mit seinen Erfahrungen und seinen Katastrophen, aber auch mit seinem kulturellen Reichtum, seiner Weisheit und seiner großartigen Vielfalt. Und wir alle müssen das neue Europa sein, das Europa der Einigkeit und der Verantwortung, des Aufbruchs und der Moderne - und vor allem: das Europa der Zuversicht und der Hoffnung für so viele Menschen, weit über die Grenzen unseres Kontinents hinaus.

In diesem Geiste bitte ich Sie jetzt, mit mir anzustoßen auf das Wohl von Frau Präsidentin Vike Freiberga und Professor Freibergs , auf das Glück Lettlands, auf die deutsch-lettische Zusammenarbeit und auf unsere gemeinsame Heimat Europa.