Navigation und Service

Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau beim Abendessen zu Ehren von Frau Staatsministerin a.D. Dr. h.c. Liselotte Funcke

I.

Vom römischen Dichter Ennius stammt das Wort: "Unser Gemeinwesen ruht auf den guten alten Sitten und entsprechenden Männern."

Das würde heutzutage gewiss so kein verständiger Mensch mehr ausdrücken. Vielleicht kannte Ennius einfach keine Frauen wie Liselotte Funcke.

Sie, liebe Frau Funcke, zählen zu den renommiertesten Politikerinnen, die zur guten Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland beigetragen haben. Ihr Streben galt nie irgendwelchen Ämtern und Posten um ihrer selbst willen, sondern Sie wollten für Ihre Mitmenschen etwas zum Besseren verändern. Sie wollten eine freiheitliche und zugleich sozial verantwortungsvolle Ordnung des Zusammenlebens, und dafür haben Sie den Einfluss eingesetzt, den Sie sich erarbeitet haben.

Von Ihren Anfängen in der Kommunalpolitik bis hin in hohe Ämter auf der Landes- und auf der Bundesebene, vom Engagement für die Gleichstellung der Frau bis zur Sorge um gute Staatsfinanzen, von der souveränen Leitung des Deutschen Bundestags bis zur Vermittlungsarbeit zwischen Deutschen und Ausländern in Deutschland - stets sind Sie sich treu geblieben, haben die Sache vornan gestellt und haben mit hoher Sachkunde und intellektueller Redlichkeit für Ihre Ziele und Überzeugungen geworben und gewirkt.

In diesem Jahr vollenden Sie das fünfundachtzigste Lebensjahr, und dann darf und dann wird herzlich gratuliert werden. Ich wollte mit der heutigen Einladung ins Schloss Bellevue aber bewusst ein wenig vom Dezimalsystem abweichen, weil ich so noch stärker einen inhaltlichen Akzent setzen kann. Dieser Abend für Liselotte Funcke fällt ja in eine Zeit, in der sich hoffentlich endlich entscheidet, dass Deutschland eine vernünftige gesetzliche Grundlage zur Regelung und Steuerung der Zuwanderung in unser Land findet. Sie ist längst überfällig, und ich hoffe sehr, dass sie nun bald gelingt. Daran, dass der Boden dafür bereitet ist, hat Liselotte Funcke besonders großen Anteil. Darum wollte ich Sie gerade in diesen Wochen gerne hier im Schloss Bellevue zu Gast haben, und darum habe ich dazu auch viele Ihrer Weggefährten und Gesprächspartner zur Ausländer- und Integrationspolitik eingeladen. Ein herzliches Willkommen Ihnen allen!

II.

Dass Liselotte Funcke aus Hagen in Westfalen es in der Politik einmal weit bringen würde, das zeigten schon ihre Anfänge auf diesem Gebiet: Kaum in die FDP eingetreten (1946), wurde sie schon in den nordrhein-westfälischen Landesvorstand der Partei gewählt (1947) und schrieb an Partei- und Grundsatzprogrammen mit. Kaum kandidierte sie erstmals für den Landtag, auf einem als hoffnungslos geltenden Listenplatz, da verdoppelten die Liberalen ihre Mandatszahl und Frau Funcke war Landtagsabgeordnete (1950).

Als solche machte sie sich für ihre Partei schnell unentbehrlich. Sie selber hat darüber einmal gesagt: "Wenn Frauen einmal in einem Gremium sind und mitarbeiten, werden sie viel leichter wiedergewählt als möglicherweise Männer." Freilich: "Sie müssen einfach mehr bringen, sonst sind sie schnell abgehakt." Daran ist wohl leider viel Wahres; aber Liselotte Funcke brauchte auch solch erschwerte Bedingungen nicht zu fürchten, denn sie war nach Herkunft und Talenten und nach ihrer Entschlossenheit, daraus auch etwas zu machen, auf jeden Leistungswettbewerb bestens vorbereitet.

Die Namen Funcke und Osthaus haben in Hagen von jeher einen ausgezeichneten Klang. Die Funckes gründeten ihre Schraubenfabrik 1844 und stellten noch im selben Jahr die erste Dampfmaschine der Stadt auf und im Jahr 1860 den ersten Riemenfallhammer Deutschlands, das Staunen der Stadt. Sie waren bei alldem nicht etwa Manchester-Kapitalisten, sondern verantwortungsbewusste Unternehmer. Ihre betriebliche Sozialpolitik war vorbildlich - von der Betriebskrankenkasse 1855 über die Arbeitersparkasse 1869 bis zum Arbeiterwohnungsbau und Konsumverein.

Die Familie Osthaus widmete sich dem Bankgeschäft, und auch sie erwirtschaftete die Renditen nicht um ihrer selbst willen. Davon künden in Hagen noch heute das Karl-Ernst-Osthaus-Museum und die Osthaus-Grundschule und in Essen die reichen Bestände des Museums Folkwang, die auf das private Folkwang-Museum von Karl Ernst Osthaus in Hagen zurückgehen.

Übrigens: Vielleicht hätte ich noch mehr aus der eindrucksvollen Familiengeschichte berichten können, aber das Bundespräsidialamt konnte sich die von der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv verlangten Kopiergebühren nicht leisten (50 Cent pro DIN A 4-Seite plus Entlohnung der Bearbeitungszeit - lippische Verhältnisse!).

Auch das politische Engagement lag durchaus in der Familie - der Name Ihres Vaters Oscar Funcke steht mit für den Neubeginn liberaler Politik nach 1945.

Sie haben in Einklang mit der Familientradition eine kaufmännische Ausbildung in Dortmund und dann das Studium der Betriebswirtschaft in Berlin absolviert und anschließend bei einem Wirtschaftsprüfer in Wuppertal gearbeitet. Das war von 1942 bis 1944, und damals hätten Sie dort durchaus einem zwölf-, dreizehnjährigen Jungen namens Johannes Rau begegnen können. Wir haben uns freilich später, als Landtagskollegen, einer solchen frühen Begegnung nicht entsinnen können.

Nach dem Krieg haben Sie sich dann zuallererst auf kommunaler Ebene engagiert - eine andere gab es ja zunächst auch kaum -, und Sie sind Ihrer Heimatstadt Hagen immer verbunden geblieben. Sie haben sogar ein Buch herausgegeben mit dem vielversprechenden Titel: "Hagener Straßen erzählen Gesichte(n)". Es hat schon zwei Auflagen erlebt.

III.

Doch zurück zu Ihrer politischen Karriere: Vom Landesvorstand der Liberalen in Nordrhein-Westfalen und vom nordrhein-westfälischen Landtag ging es für Sie weiter in den Bundestag. Dort haben Sie sich besonders mit kulturpolitischen Fragen, mit dem Verhältnis von Staat und Kirche, mit der Gleichstellung der Frau in Beruf und Gesellschaft und mit der Finanzpolitik beschäftigt. In allen diesen Bereichen war Ihre Handschrift unverwechselbar, und überall haben Sie die Dinge im guten Sinne vorangebracht. Besonders wichtig war freilich wohl Ihre Arbeit in der Finanzpolitik.

Im Deutschen Bundestag dominierten zumindest damals numerisch und erst recht dem Körpergewicht nach in gewissem Umfang die Männer. Im Deutschen Bundestag gibt es nur einen Finanzausschuss und nur einen Vorsitz im Finanzausschuss. Es gibt stets nicht wenige Männer, die sich diesen Vorsitz zutrauen. Anvertraut hat man diesen Posten von 1972 bis 1979 jedoch Liselotte Funcke - das spricht für sich.

Übernommen haben Sie den Vorsitz damals übrigens von dem hochan­gese­henen "Dr. Otto Schmidt (Wuppertal)", einem Verwandten von mir, dem wir, wie die Leute sagen, die Mehrwertsteuer verdanken. Sie galten als wirklich beispielhafte Politikerin - ich könnte Zitate von Persönlichkeiten wie Herbert Wehner und Walter Scheel beibringen, und die haben selber kein kleines Ego. Ihr hoher Sachverstand und Ihr politischer Stil - mitunter etwas kühl wirkend, doch stets fair und jedem guten Argument und jedem vernünftigen Kompromiss aufgeschlossen - gewann Ihnen Respekt und Anerkennung über die Parteigrenzen hinweg. Dieser Stil war Ausdruck Ihrer Überzeugung, dass die Verpflichtung auf das Gemeinwohl für alle Abgeordneten die Pflicht bedeutet, im Interesse des ganzen Landes zusammenzuarbeiten und dabei das parteipolitische Kalkül zurückzustellen.

Mit dieser Haltung haben Sie auch Ihr Amt als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages (1969-1979) ausgeübt. Dieses Amt war vielleicht auch die Krönung Ihres frauenpolitischen Engagements.

In der Ausgabe 35 vom 2. September 1978 der Zeitung "Das Parlament" gibt es auf Seite 7 einen Artikel der Vizepräsidentin Funcke zum Selbstverständnis des Bundestages. Dem Artikel ist ein Bild beigegeben, das die Vizepräsidentin beim Präsidieren zeigt, flankiert von den Schriftführerinnen Dr. Helga Timm und Maria Stommel und mit der Bundesministerin Käthe Strobel am Rednerpult.

Das Bild dieses Quartetts sagte mehr als tausend Worte: Das politische Leben der Bundesrepublik Deutschland hatte sich ganz erfreulich von Ennius zu Funcke entwickelt. Zwar gibt es noch immer keine Parität von Frauen und Männern in politischen Leitungsfunktionen, aber was bis heute erreicht ist, das verdanken wir dem guten Vorbild, das nicht nur, doch besonders glänzend Sie gegeben haben, liebe Frau Funcke.

IV.

Schließlich wurden Sie als Ministerin für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr meine Kabinettskollegin in Düsseldorf.

Davon erzählen manche der damaligen Ministerialbeamten noch heute. Die Ministerin Funcke führte neue, ganz unerhörte Verfahren ein. Hatte sie zum Beispiel zu einer Vorlage eine Frage, so griff sie einfach selber zum Telefon und rief den Verfasser an, statt die Prozession vom Staatssekretär zum Abteilungsleiter, vom Abteilungsleiter zum Referenten und vom Referenten zum Hilfsreferenten in Gang zu setzen. Das sorgte im Haus anfangs für helle Aufregung, dabei entsprach es einfach Liselotte Funckes Stil, die Dinge möglichst schnörkellos und möglichst gut zu erledigen. Sie selber hat sich übrigens gelegentlich darüber gewundert, dass das Frauen leichter zu fallen scheint als Männern - die müssten zu allem immer erst eine Philosophie entwickeln und vergäßen darüber gelegentlich das Handeln.

Die FDP hatte dann eine parlamentarische Durststrecke zu überstehen, sie scheiterte 1980 an der Fünf-Prozent-Hürde. Das hatte mit dem besonders hohen Wahlerfolg der SPD zu tun, es war aber - das gebe ich hier ausdrücklich zu Protokoll - mit Blick auf Frau Funcke von dem damaligen Ministerpräsidenten so nicht beabsichtigt. In der FDP stürzten nach der Niederlage je nach Naturell manche zu den Ausgängen und verabschiedeten sich auf die Bundesebene. Manche andere indes nahmen die Arbeit für den Wiedereinzug in den Landtag auf. An die Spitze der FDP-APO stellte sich Frau Funcke, und nicht zuletzt dank ihrer Arbeit gelang der Wiederaufstieg der FDP, und zwar ganz ohne "Projekt 18".

V.

Im Januar 1981 gab es dann noch einmal eine deutliche Zäsur in Ihrer politischen Biographie. Sie wurden "Beauftragte der Bundesregierung für die Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familienangehörigen", und Sie haben sich dieser Aufgabe mit der Ihnen eigenen Energie und Konsequenz angenommen.

Der Einsatz für ein gutes Miteinander von Deutschen und Ausländern wurde für Sie zur Passion im doppelten Sinne. Sie waren bei den Menschen, die auf Zeit oder auf Dauer nach Deutschland gekommen waren, und Sie traten unermüdlich für deren berechtigte Belange ein. Sie erkannten, dass Deutschland für die Herausforderungen der Zuwanderung kläglich schlecht gerüstet war und darunter nicht allein die Zuwanderer und ihre Familien leiden mussten, sondern der ganze gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland.

Wer Ihre Reden und Schriften aus jener Zeit nachliest, der ist fasziniert, aber auch ein wenig bekümmert darüber, wie weit Sie dem Lernprozess in Politik und Gesellschaft damals voraus waren. Sie mahnten zum gegenseitigen Respekt und Dialog der Kulturen, Sie forderten von beiden Seiten viel stärkere Anstrengungen zur Integration, und Sie stellten klar, dass Integration nicht Assimilation bedeuten könne und dürfe.

Sie wiesen auch auf die Schlüsselbedeutung hin, die das Erlernen der deutschen Sprache für die Kinder von Zuwanderern, aber auch für deren Eltern hat, und forderten schon vor Jahren, nicht allein die Kindergarten- und Schulkinder brauchten Deutschunterricht, sondern auch ihre Mütter.

Deutschland ist Einwanderungsland - diese Erkenntnis versuchten Sie den Einheimischen und vor allem den politisch Verantwortlichen beizubringen. Doch Ihre Analysen und Vorschläge blieben leider allzu oft ohne ausreichende Resonanz. Zwar bat Sie Bundeskanzler Dr. Kohl 1982 ausdrücklich, das nach dem Regierungswechsel von Ihnen niedergelegte Amt wieder aufzunehmen, und Sie waren dann noch bis 1991 quasi die Beauftragte der Bundesregierung für Restvernunft in der Ausländerpolitik.

Sie konnten da manches Positive bewegen und viel Negatives verhindern, beispielsweise die geplante Absenkung des Nachzugsalters auf sage und schreibe sechs Jahre. Allzu oft aber, und das war die leidvolle Seite Ihrer Passion für die berechtigten Anliegen der Zuwanderer - kämpften Sie auf fast verlorenem Posten, weil man andernorts die Größe der Herausforderungen nicht erkennen konnte oder wollte.

Schließlich haben Sie Ihr Amt niedergelegt - nicht resigniert, aber doch enttäuscht über das mangelnde Vermögen der politisch Verantwortlichen, die Interessen des Landes zu erkennen. Auch wollten Sie niemals eine Alibifrau sein, auch nicht in Fragen der Ausländerpolitik.

VI.

Heute, liebe Liselotte Funcke, hat unser Land gottlob ein Gutteil des Lernweges absolviert, auf dem Sie schon vor Jahren vorangegangen sind. Das ist gewiss auch vielen derer zu verdanken, die heute hier zu Ihren Ehren versammelt sind.

Uns alle verbindet nun die Hoffnung auf eine baldige gute Gesetzgebung zur Regelung und Steuerung der Zuwanderung.

Den Kreis, der sich heute um Sie versammelt hat, verbindet ein Weiteres: die Hochachtung und die Wertschätzung, die wir für Sie empfinden.

Hochverehrte Frau Funcke, Sie haben sich um Deutschland und um alle hier lebenden Menschen verdient gemacht.