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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Festakademie zur Eröffnung des Internationalen Meister-Eckhart-Gedenkens

I.

Wie ich Ihnen allen protokollarisch gerecht werden soll, das weiß ich nicht. Also versuche ich es mit dem evangelischem Kirchengesangbuch, in dem es heißt: "Propheten schön und Patriarchen groß, auch Christen insgemein" - seien Sie alle herzlich begrüßt.

Ich bin immer wieder gerne in Erfurt, - eine Stadt, in der ich vor sechzig Jahren in die Schule gegangen bin. Zum letzten Mal war ich hier beim siebzigsten Geburtstag des Ministerpräsidenten. Gewissermaßen bin ich bei ihm jetzt wieder zu Gast, denn er ist ja der Schirmherr des Meister Eckhart-Gedenkens.

Heute bin ich wegen Meister Eckhart hier, wegen eines Mannes, der die Geschichte der Mystik eingeleitet hat; eine Geschichte, die dann über Gerhard Tersteegen und über Matthias Claudius bis zu Kurt Marti geht. Da meine ich, am Anfang sollte in diesen Tagen doch ein Wort von Matthias Claudius stehen: "'s ist Krieg! 's ist Krieg! O Engel Gottes wehre,/und rede du darein! 's ist leider Krieg - und ich begehre/ nicht schuld daran zu sein!"

Damals konnte man sagen: "Ich begehre, nicht schuld daran zu sein". Heute fragt man sich, was sind wir schuldig geblieben? Wie sind wir schuldig geworden, so dass es zum Krieg gekommen ist? Das geht bei mir mit in allen Gedanken, auch in allen Gedanken über Meister Eckhart, diesen Unbekannten aus dem Hochmittelalter, von dem viele schon einmal gehört haben, über den die wenigsten aber viel sagen können.

Soviel kann man sagen: Er war mit Erfurt eng verbunden. Darum haben sich viele zusammengetan, um an diesen Erfurter Meister zu erinnern, an diesen weitgereisten Dominikaner. Ich habe eine Einladung bekommen vom Evangelischen Ministerium Erfurt - das hat mich erst verwirrt. Es ist eine Nebenfrucht der Vorbereitung auf den heutigen Tag, dass ich erfahren habe, dass es so etwas überhaupt gibt! Dass das Evangelische Ministerium Erfurt also und die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, das katholische Bistum Erfurt, die Stadt und das Land und viele andere miteinander diesen Meister Eckhart feiern, das war Anlass und ist Anlass zum Besuch.

II.

Wer war dieser Meister Eckhart? Wir kennen viele bedeutende und bedeutsame Texte von ihm, aber eine Lebensgeschichte, die man von Anfang bis zum Ende erzählen könnte, kennen wir nicht.

Wir wissen, dass er um 1260 geboren wurde, vermutlich in Hochheim bei Gotha; dass er in Paris und Köln studiert hat, bevor er nach Erfurt zurückkam. Er wird Prior des Erfurter Dominikanerklosters und Vikar der Dominikaner in Thüringen. Vor 700 Jahren wird er zum Provinzial der Ordensprovinz Saxonia ernannt - mit Sitz in Erfurt. Er geht für den Orden in den folgenden Jahren erst nach Paris, dann nach Straßburg. Dort kümmerte er sich besonders um die oberdeutschen Dominikanerinnenklöster. Dann wird er Leiter des Generalstudiums der Dominikaner in Köln.

In den Klöstern hat Eckhart gelehrt und gepredigt. Er wollte wissenschaftliche Theologie in persönliche Spiritualität umsetzen. Er wollte Mönche und Nonnen zu einem "Glaubensweg nach Innen" führen. Das Lesen und das Sprechen der biblischen Texte sollte Glaubens-Erlebnisse schaffen - nicht scholastische Glaubens-Sätze.

III.

Die Kirche, die Hüterin des Glaubens, erkannte den großen Gelehrten an. Seine Lehren und die einiger Zeitgenossen hat sie aber auch mit Misstrauen beobachtet. Sogenannte "Ketzerrichter" verfolgten und bestraften unbarmherzig alles, was sie für Häresie hielten.

In einem solchen Klima konnte selbst ein so angesehener Prediger und Priester wie Meister Eckhart Schwierigkeiten bekommen. Heinrich II. von Virneburg, Erzbischof von Köln, hat einen Prozess gegen ihn eingeleitet. Papst Johannes XXII. erklärte in einer Bulle eine Reihe von Eckharts Thesen "als häretisch verstehbar"; zum Glück wurde das Urteil erst nach Meister Eckharts Tod ausgesprochen und nur im Erzbistum Köln verbreitet.

IV.

Warum erinnern wir uns sieben Jahrhunderte später an diesen Mann? Nicht seiner Ämter wegen.

Vielleicht deshalb, weil das Thema, das sein Leben bestimmte, auch heute noch aktuell ist. Damals wie heute suchten und suchen Menschen nach dem rechten Glauben und der rechten Lehre. Gerade in unsicheren Zeiten erleben wir, wie sehr Menschen nach Orientierung suchen und wie sich nach verlässlicher Gewissheit sehnen. Wir erleben dann, wie sich alle möglichen Gruppen als Heilsbringer anbieten und viele sich tatsächlich im Besitz der allein seligmachenden Lehre glauben.

Dafür gibt es ganz verschiedene Ausdrucksformen. Das reicht von esoterischen Modetrends bis hin zu kuriosen - und manchmal obskuren - Sekten. Aus der Sehnsucht nach letzter Wahrheit erwächst aber auch Schlimmeres - zur Zeit Eckharts genauso wie heute. Ich spreche vom Fundamentalismus - einem Fundamentalismus, der unfähig ist zum Dialog, der kompromisslos ist und mehr vom Hass geprägt als vom Glauben. Fundamentalismus, so meine ich, ist in Wirklichkeit der ärgste Feind des Glaubens.

Meister Eckhart war ein Mann der Kirche; aber er hatte eine neue, eine ganz eigene Vorstellung vom persönlichen Glauben, vom Verhältnis zwischen dem Menschen und Gott. Er hat das Vorrecht der Kirche, alleinige Vermittlerin der Wahrheit zu sein, in Frage gestellt. Er hat allen Menschen einen Weg zu zeigen versucht, wie sie den Abstand zu Gott überwinden und ihren ganz persönlichen Zugang finden könnten. Er war kein Träumer, er war nicht weltfremd oder weltabgewandt. Er war ein leidenschaftlicher Ordensmann, ein engagierter Lehrer, ein begabter Pädagoge und ein begnadeter Prediger. Er war ein Mann auf der Suche nach neuen Wegen zum Glauben.

Darin erinnert er mich an einen anderen berühmten Mann, der nicht in Erfurt geboren ist, aber der hier Mönch wurde - an Martin Luther, der seine theologische Laufbahn als Augustinermönch in Erfurt begann...

Diese beiden haben, jeder auf seine Weise, Gewissheiten in Frage gestellt und Zweifel gesät. Sie haben vor allem die Freiheit und die Verantwortung jedes einzelnen Menschen in den Vordergrund gestellt.

V.

Jeder Mensch trage einen göttlichen Funken in sich, sagt Meister Eckhart.

"Jede Vermittlung ist Gott fremd", schreibt er in seinem "Traktat vom edlen Menschen".

Mit dieser radikalen Betonung der Innerlichkeit hat Eckhart sich all die zum Feinde gemacht, die sich im alleinigen Besitz der Wahrheit wähnten - und genau das macht ihn heute noch so interessant.

Auch ein Wort wie "Mystik" erscheint da in einem neuen Zusammenhang. Eckhart wird ja häufig als der Begründer der deutschen Mystik genannt. Ich weiß nicht, ob diese Zuschreibung richtig ist. Ich glaube aber, dass Eckhart auf Gott und auf die Erfahrung von Gottes Nähe neugierig machen wollte.

Was heißt Mystik? Ist gemeint, dass wir religiöse Erfahrung im theologischen Denken berücksichtigen? Ist gemeint, die Überwindung des Gegensatzes zwischen Gott und Mensch?

Für Meister Eckhart bedeutete mystische Theologie vor allem "Gelassenheit". Im Hören auf Gottes Wort in der Schrift können die Menschen, so sagt er, Gott erfahren, Gott teile sich ihnen mit - Eckhart spricht sogar von der "Geburt Gottes in der Seele".

Wer Gott auf diese Weise erfährt, der ist gefeit gegen selbsternannte Heilsbringer. Er misstraut deren Selbstgewissheit und er widersteht allen Formen von Fundamentalismus.

Ich glaube, dass Eckharts Mahnung zur Gelassenheit zeitlos aktuell ist. Nicht als modisches Motto für Managerkurse und Entspannungstechniken für Gestresste, nein, es geht im Wortsinn um das "Loslassen" von Dingen, an denen man sich zuvor festgehalten hat. Was wichtig schien und wichtig war, rückt plötzlich in weite Ferne. Eckhart zitiert aus dem Lukasevangelium (Lk 9,23): "Darum sagt unser Herr: Wer mein Jünger werden will, der muss sich selbst lassen; niemand kann mein Wort hören noch meine Lehre, er habe denn sich selbst gelassen."

Meister Eckhart sieht in diesem Sich-selber-Lassen-Können Befreiung und Freiheit für jeden einzelnen. Das ist ein Weg, der zu innerer Gewissheit führen kann, ohne dass die Fähigkeit zum Gespräch, ohne dass das Interesse an der Begegnung verloren geht.

Was das alles im Einzelnen heißen kann, das werden wir nachher, so hoffe ich, von Herrn Professor Kern erfahren.

VI.

Offenheit, die nichts mit Beliebigkeit zu tun hat, ist heute wichtiger denn je. In einer Welt, die zusammenwächst, in der sich unterschiedliche Kulturen und Religionen auf engstem Raum begegnen, können wir nur mit dieser Offenheit und mit der ehrlichen Bereitschaft zum Dialog überleben.

In Städten, die an großen Handelswegen liegen, hat man diese Erfahrung schon früh gemacht. Der Geist von Weltoffenheit und Toleranz war die Grundlage für den Aufstieg dieser Städte im Mittelalter, und er ist die Grundlage für unsere Zukunft in einer globalisierten Welt.

Sie alle kennen die Krämerbrücke in Erfurt, 1156 aus Holz, später aus Stein gebaut. Dicht gedrängt stehen die Häuser darauf, noch heute ist sie eine beliebte Einkaufsstraße. Früher war sie ein wichtiger Handelsknotenpunkt zwischen dem Westen und Russland bis nach China. Den Erfurtern ist diese Brücke durch die Jahrhunderte immer wichtig gewesen. Sie ist ein Symbol ihrer Stadt und ihrer Bedeutung für den internationalen Handel.

Erfurt ist ein Ort, an dem europäische Geschichte auf ganz unterschiedliche Weise zu spüren ist. Wenn hier in den kommenden Wochen und Monaten an Meister Eckhart erinnert wird, dann soll uns das auch sagen, dass Europa mehr ist als Handel und Kommerz, dass Europa von Menschen lebt, die reisen und berichten, von Menschen, die forschen, lehren und erzählen. Europa lebt von Menschen, die eine Idee haben, die sie in der Ferne ausprobieren und die sie in neuem Gewand in ihre Heimat zurückbringen.

Meister Eckhart hat auf seinen Reisen um die Menschen geworben. Mit unerhörter sprachschöpferischer Kraft hat er die Köpfe und die Herzen der Menschen erreicht, und er kann sie heute noch erreichen. Er war davon überzeugt, dass die Welt von Gott durchdrungen ist und er von ihr. Das wollte er verstehen, das war ihm wesentlich, davon wollte er sprechen. Er wollte nichts anordnen und niemandem etwas aufzwingen.

Darum sage ich meinen herzlichen Glückwunsch für die ziemlich unzeitgemäße Idee, einen zeitlos aktuellen Mystiker zu würdigen, der auch nach siebenhundert Jahren noch nicht in die Jahre gekommen ist.