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Rede von Bundespräsident Johannes Rau für den Festakt beim 1. Konvent der Baukultur

Ich gestehe, meine Damen und Herren, die Versuchung ist groß, aufzugreifen, was offenbar Frau Staatsministerin Weiß heute Nachmittag und Peter Conradi und die Oberbürgermeisterin eben angesprochen haben, nämlich die Geschichte dieses Raumes, dieses Saales, mit dem mich unendlich viel verbindet: Schönes und weniger Schönes, viele Debatten, an denen ich hier mitgewirkt habe, in einer anderen Funktion und unter anderem auch eine ganz schwierige Stunde: 1999 war es nämlich so, dass man noch an den Folgen des Umzugsbeschlusses arbeitete. Deshalb kam die Entscheidung zustande, dass der Bundespräsident gewählt wurde in Berlin und die Antrittsrede hielt in Bonn. Das war sehr klug gedacht. Ich wurde dann auch gewählt, sinnvollerweise in Berlin, und dann musste ich hier die Antrittsrede halten am 1. Juli. Was man dabei nicht bedacht hat war, dass dem am gleichen Tag die Abschiedsplenarsitzung vorausging. Als ich hier ankam mit gewichtigem Text, da hatten die schon acht Stunden geredet und man merkte jede Minute, sie fanden gut, was ich sagte, aber es wäre ihnen lieber gewesen, ich hätte es nicht gesagt, weil sie es nicht mehr hören konnten. Ich hoffe, dass Ihnen das heute bei dem, was ich zu sagen versuche, nicht so geht, denn Bauen und Kultur: Das ist eine Begriffskombination, von der in den Medien wenig zu lesen, wenig zu hören und wenig zu sehen ist.

I.

Wenn vom Bauen und von Gebäuden die Rede ist, dann stehen meist andere Themen im Vordergrund:
  • Die Dauerkrise der Bauwirtschaft, die illegale Beschäftigung von Bauarbeitern;
  • große Projekte, vor allem öffentliche Gebäude, die viel mehr kosten als ursprünglich geplant und beschlossen;
  • da ist die Rede von Asbestsanierung, von Baumängeln und Leerständen;
  • da wird darüber berichtet, dass politische Parteien und Interessengruppen sich streiten über die staatliche Förderung des sozialen Wohnungsbaus und über die steuerliche Begünstigung des privaten Wohnungsbaus;
  • da wird berichtet von Konflikten über den Sinn und den Nutzen von neuen Autobahntrassen und von Umgehungsstraßen.

Von Baukultur ist nur ganz selten die Rede und wenn, dann nicht auf den ersten Seiten der Zeitungen, sondern im Feuilleton, nicht zu den guten Sendezeiten im Fernsehen, sondern spät am Abend oder gar zur Geisterstunde.

II.

Wenn ich es richtig verstehe, meine Damen und Herren, dann wollen Sie genau das ändern. Sie sind heute zum ersten Mal zusammengekommen als Konvent der Baukultur, und dieser Konvent soll eine ständige Einrichtung werden, und für seinen Sitz haben Sie schon Vorschläge gehört. Die Initiative zu diesem Ereignis geht von einem Gründerkreis von etwa einhundertzwanzig Persönlichkeiten aus, die sich seit langem für Fragen der Baukultur engagieren und die sich auf ganz unterschiedliche Weise um gutes Bauen verdient gemacht haben.Diese Initiative zur Förderung der Baukultur ist ein Zeichen für Defizite, für Unzufriedenheit mit dem, was ist, und zugleich ein Zeichen für den Willen, sich damit nicht abzufinden. Alle, die sich für diese Initiative engagieren, haben sich eine sehr anspruchsvolle Aufgabe gesetzt. Sie ist anspruchsvoll in doppelter Weise: Inhaltlich geht es darum, eine neue gesellschaftliche Selbstverständigung darüber zu bewirken, was gutes Bauen zu Beginn des 21. Jahrhunderts bedeuten kann und bedeuten sollte.Wenn ich den Impetus richtig verstehe, dann geht es um Qualität auf allen Feldern des Bauens. Sie wollen sich also nicht damit begnügen, mit einigen Leuchttürmen zu zeigen, was heute die Kunst des Bauens ist. Dass Sie sich damit nicht begnügen wollen, das macht Ihre Aufgabe gewiss nicht leichter.

Zu der inhaltlichen Aufgabe kommt eine zweite: Sie wollen in unserer Gesellschaft mehr Interesse dafür wecken und mehr Bewusstsein dafür schaffen, wie sehr Gebäude und wie sehr die Gestaltung von öffentlichen Räumen das Gesicht unserer Städte und unser Zusammenleben beeinflussen. Dafür genügen keine Papiere, dafür reichen Kongresse nicht aus. Reden allein werden das nicht schaffen. Es ist mehr nötig, und die erste Aufgabe ist es gewiss, möglichst viele von denen zu erreichen, die mit Bauen zu tun haben, mit dem Entwerfen und dem Planen, mit dem Bauen und dem Verkaufen, mit dem Mieten und dem Kaufen. Der Konvent der Baukultur kann und sollte dafür ein wichtiger Ideen- und Impulsgeber werden. Wie schnell und wie stark das gelingen kann, das hängt zunächst vom Engagement jedes einzelnen von Ihnen ab. Sie haben die Berufung in den Konvent der Baukultur angenommen. Das zeigt mir, dass Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst und dass sie bereit sind, über berufsständische Interessen hinaus einen Dienst für unsere ganze Gesellschaft zu leisten.

In Deutschland gibt es, wenn ich es richtig sehe, derzeit rund einhundert Preise, mit denen herausragende Beiträge zur Baukultur, zum guten Bauen ausgezeichnet werden. Die Preisträgerinnen und Preisträger, die Jurymitglieder, die Bauherren und die Einrichtungen, die die rund vierzig Preise mit bundesweiter Ausstrahlung vergeben, sind heute hier versammelt. Ihnen sage ich meinen besonderen Dank und meine Anerkennung.

Sie wollen immer wieder über Maßstäbe und Qualitätskriterien für gutes Bauen beraten. Damit fördern und damit fordern Sie die Fachwelt und die öffentliche Diskussion. Das trägt dazu bei, Orientierung zu finden auf einem Feld, das zu oft beliebig und ohne Qualitätsbewusstsein bestellt wird.

Baukultur ist gewiss ein Luxus, aber sie ist ein Luxus, auf den ein reiches Land nicht verzichten sollte, das den Anspruch hat, auch eine Kulturnation zu sein. Baukultur darf nicht missverstanden werden als Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Wenn von Baukultur die Rede ist, dann meinen Sie ja nicht nur die ganz wenigen Picassos, Mackes oder Beckmanns der Architektur.

Es lohnt sich dafür zu arbeiten, dass gute Qualität beim Bauen nicht die Ausnahme von der Regel ist, sondern die Norm wird.

III.

Politik und Architektur, das ist aller Erfahrung nach eine komplizierte Beziehung. Ich habe mich gelegentlich darüber geäußert. Politiker verwenden ja gerne Sprachbilder, die aus dem Bereich des Bauens kommen, wenn sie ihre Arbeit darstellen wollen. Sie sprechen vom Umbau der Industriegesellschaft, vom Aufbau der neuen Länder, warnen vor dem Abbau des Sozialstaats, sie werben für den Bau des europäischen Hauses.

In der Geschichte hat es oft politisch Verantwortliche gegeben, die sich Denkmäler haben setzen lassen, die sich die Architektur dienstbar zu machen versucht haben. Viele große Städte legen davon Zeugnis ab. Da entsteht meist eine Architektur, die frei ist von humanen Akzenten. Da entsteht eine Architektur, die nicht danach fragt, wie Menschen leben und wohnen, wie Menschen arbeiten, sondern die danach trachtet, Größe und Stärke und Pracht darzustellen oder das, was die jeweils Mächtigen dafür halten.

Ein Buch kann man zuschlagen und weglegen. Musik kann man abschalten, und niemand ist gezwungen ein Bild aufzuhängen, das ihm nicht gefällt. An einem Haus aber oder an einem anderen Gebäude kann man nicht vorbei gehen, ohne es zu sehen. Architektur hat die größte sichtbare gesellschaftliche Wirkung.

Gebäude prägen nicht nur Stadtviertel und Städte. Sie prägen unsere Gesellschaft, und das kann Konsequenzen haben, die weit reichen. Wir wissen ja, was Hans Magnus Enzensberger meint, wenn er einmal sehr pointiert formuliert hat:

"Jeder Städtebewohner weiß, dass die Architektur, im Gegensatz zur Poesie, eine terroristische Kunst ist."

IV.

Meine Damen und Herren,

wie gebaut wird, das hat etwas mit der Lebensqualität von Menschen zu tun. Das hat zu tun mit sich wohlfühlen, mit sich zuhausefühlen. Häuser und Fabrikgebäude, Rathäuser und Museumsgebäude sind genauso Teil des kulturellen Erbes eines Landes wie Malerei, Literatur und Musik.

Wer als Architekt und als Baumeister sein Handwerk professionell versteht, der steht immer auch in einer gesellschaftlichen Verantwortung. Diese Verantwortung gilt auch jenseits von Angebot und Nachfrage für das Feld des Sozialen und der Ökologie.

Was für die Formgebung von alltäglichen Gegenständen bis hin zu teuren, langlebigen Gütern gilt, das gilt erst recht für die Architektur: Noch so gelungene Baukunst ist nicht zweckfrei. Sie ist eben kein Kunstersatz, und sie ist keine Ersatzkunst, sondern sie ist von dem Zweck bestimmt, dass Menschen in Wohnungen und Häusern möglichst gut leben und dass sie in Büros und in Fabrikhallen möglichst zufrieden und erfolgreich arbeiten können.

Ein Haus, in dem Menschen sich nicht wohl fühlen, ist ein schlechtes Haus. Es mag ästhetisch noch so eindrucksvoll, ja hinreißend sein, Baukultur und gutes Bauen ist es nicht.

V.

In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland hatten die Bauinvestitionen entscheidende Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung. Anfang der sechziger Jahre lag der Anteil der realen Bauinvestitionen bei fast einem Fünftel des Bruttoinlandsprodukts. Bis zum Jahr 1990, dem Jahr der deutschen Einheit, ging der Anteil auf rund zwölf Prozent zurück. Nachdem die Sonderkonjunktur der deutschen Einheit vorbei war, sank der Anteil im Jahr 2001 auf 11,5 Prozent. Wir alle wissen: Dieser starke Rückgang ist Ausdruck wirtschaftlichen Strukturwandels. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten so viele Wohnungen und gewerbliche Immobilien, so viele Straßen und öffentliche Gebäude gebaut wie noch nie in der bisherigen Geschichte Deutschlands.

Wir sind inzwischen auf manchen Feldern und in manchen Regionen so weit, dass fast alles gebaut ist, was wir brauchen. Da und dort gibt es schon zu viel. Darum beginnen wir uns an ein neues Wort zu gewöhnen: an das Wort Rückbau. Wir alle kennen Regionen in Deutschland, in denen es ein Überangebot an Wohnungen gibt, und es gibt auch kommunale Einrichtungen, die schlecht ausgelastet sind. Für unsere gebaute Umwelt, in der Stadt und in der Landschaft, heißt das, dass die kontinuierliche Stadterweiterung in vielen Bereichen abgeschlossen sein wird, die auf den Beginn der Industrialisierung zu Anfang des 19. Jahrhunderts zurückreicht.

Wer mit offenen Augen durch unsere Städte geht und fährt, der sieht allerdings auch, dass es in Schulen und Hochschulen, bei Verkehrswegen und Kanalnetzen einen immensen Bedarf an Reparatur und Erneuerung gibt. Viele öffentliche Gebäude sind in einem katastrophalen Zustand. Das gefährdet nicht nur die Bausubstanz. Das wirkt tiefer. Wenn der Putz von der Decke fällt, wenn Fenster nicht mehr richtig schließen, wenn ganze Gebäudeteile wegen Einsturzgefahr geschlossen werden müssen, dann vermittelt all das eine Botschaft:

Öffentliche Einrichtungen sind uns nichts wert. Das ist eine Botschaft, die rührt an die Fundamente unserer demokratischen Ordnung.

VI.

Die Bauwirtschaft, meine Damen und Herren, wird sich langfristig auf deutlich niedrigere Kapazitäten einstellen müssen und auf eine veränderte Struktur ihres Angebots.

Die öffentliche Förderung muss so umgestaltet werden, dass sie den veränderten Bedingungen entspricht. Wir dürfen auf dem Feld des Bauens nicht die Fehler wiederholen, die wir in der Agrarpolitik gerade mühsam zu korrigieren versuchen: Zuerst mit öffentlichen Subventionen Überkapazitäten schaffen, die anschließend mit öffentlichen Subventionen abgeschlachtet werden. Das darf nicht unsere Politik werden.

Rückbau, das Organisieren von Schrumpfungsprozessen und die Notwendigkeit, neue Nutzungsmöglichkeiten für bestehende Gebäude und für bestehende Infrastruktur zu finden: Das ist eine große Herausforderung für alle, die für das Bauen und die am Bau arbeiten.

Architektur und Städtebau müssen sich mit den demographischen und mit wirtschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen, die unsere ganze Gesellschaft in den kommenden Jahren tief prägen und in vielem verändern werden. Mit manchen anderen Gewissheiten des individuellen und des gesellschaftlichen Lebens ist auch, und nicht erst heute, die Architektur der Moderne in Frage gestellt.

Sie alle kennen die Provokation durch die Postmoderne und durch die De-Konstruktivisten. Viele fragen sich, ob wir diese gebauten Bilder und Figuren mit einem gewissen Abstand noch gut finden. Neue Kometen sind am Himmel der Architektur aufgetaucht. Ihr gemeinsames Kennzeichen sind die "freien Formen", die sich keiner Regel und keinem Stil unterwerfen. Sie wollen selber Markenzeichen werden, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und sie werden zum Markenzeichen, wenn man sie sich merken kann.

Der Ausbruch aus den Konventionen kann zu großer Popularität führen. Ich denke an das Guggenheim-Museum in Bilbao, das innerhalb kürzester Zeit weit über die Fachwelt hinaus zu einer Attraktion geworden ist. Das Jüdische Museum in Berlin, von dem Sie soeben gesprochen haben, war ja eine Sensation, lange bevor es eröffnet wurde. Das leere Gebäude selber wurde zu einem besichtigungswürdigen Ausstellungsstück.

International handelnde Immobilienunternehmen haben die Architektur als eine werbewirksame Marke für Standortwerbung und Kapitalrendite entdeckt. Jede größere Büroimmobilie möchte heute gern eine Landmarke sein, ein architektonisches Ausrufezeichen. So entstehen viele Türmchen, von denen jedes gerne ein Leuchtturm wäre.

Wenn ich es recht sehe, ist Ratlosigkeit eine bei vielen Architekten, bei vielen Kritikern und Freunden der Architektur weit verbreitete Haltung. Sie fragen:

  • Lohnt es sich überhaupt noch, die Prinzipien der modernen Architektur zeitgemäß auszuformen?
    Ist es vielleicht an der Zeit, dass die Architekten von ihrem hohen Ross kommen und sich stärker um den Geschmack der Bauherren kümmern und entsprechend bauen?
  • Kann es überhaupt noch eine von einer großen Mehrheit geteilte Auffassung vom Bauen geben, in einer Zeit, in der die Individualisierung der Lebensstile immer weiter fortschreitet und in der die Modezyklen immer kürzer werden?

VII.

Ich frage: Welche Haltung nimmt in dieser Situation eine Initiative Baukultur ein? Woher bezieht sie ihre Maßstäbe für Qualität und mit welchem Anspruch vertritt sie diese Maßstäbe in der Fachdiskussion und in der breiten Öffentlichkeit?

  • Will die Initiative Baukultur hehre Prinzipien der Baukultur publizieren und erklären, damit das gemeine Volk allmählich lernt, was Qualität ist?
  • Hat sie einen pädagogischen Anspruch, will sie Fragen der Baukultur zum Gegenstand schulischer Bildung machen?
  • Oder will sie gar den Dialog über Nützlichkeit, über Qualität und Ästhetik mit möglichst vielen Menschen, vor allem mit den Bauherren, riskieren und sich auch auf das Risiko einlassen, dass sich am Ende Banales als kleinster gemeinsamer Nenner durchsetzt?

Dass es heute kein Stildiktat mehr gibt, das werden die allermeisten Menschen als befreiend und als wohltuend empfinden, und es gibt viele Beispiele dafür, wie die Vielfalt von Bauformen und die unterschiedlichen Auffassungen von Architektur das Bild unserer Städte bereichert haben.

Wir wissen aber auch, dass Vielfalt in Beliebigkeit und in Stillosigkeit umschlagen kann. Das wird sich gewiss nie ganz vermeiden lassen.

Damit Beliebigkeit und Stillosigkeit nicht zu einem prägenden Muster werden, brauchen wir Menschen, die die Fähigkeiten und die persönliche Autorität haben, Orientierungspunkte für gutes Bauen zu setzen und Qualitätsmerkmale zu definieren, hinter die niemand zurückfallen sollte. Darin sehe ich die Hauptaufgabe der Initiative Baukultur und dieses Konvents.

VIII.

Wenn man heute Menschen auf der Straße fragen würde, was sie von moderner Architektur halten, dann würde die Mehrheit vermutlich kein besonders freundliches Urteil fällen: Viele haben das Gefühl, dass mit neuen Bauten mehr Werte vergehen als hinzukommen:

Weniger Landschaft, weniger Erinnerung, weniger Schönheit, weniger Geborgenheit und Wohlbefinden auf Straßen und Plätzen und in den Gebäuden.

Sie alle wissen, dass es viel mehr Menschen gibt, die sich für Landschaftsschutz und für Denkmalschutz interessieren und engagieren als für moderne Architektur und Baukultur. Wir sollten das nicht als einen bedauerlichen Rückfall in die Gemütlichkeit und die Nostalgie abtun. Es muss doch zu denken geben, dass in neuen Städten nur wenige Menschen die öffentlichen Straßen und Plätze beleben, auch dann, wenn diese neuen Städte noch so gut nach den Regeln des modernen Städtebaus geplant sind. In der Nachbarschaft liegende alte Städte sind dagegen attraktiv, ganz besonders für junge Menschen mit modernen Lebensstilen.

Vielleicht kann man es auf eine ganz einfache Formel bringen: Wenn wir eine Baukultur haben möchten, die auf der Höhe der Zeit ist und in die Zukunft weist, dann wird das nur gelingen, wenn wir im Bewusstsein der Verletzlichkeit und der Erschöpfbarkeit unserer natürlichen Lebensgrundlagen handeln und nur dann, wenn Moderne für uns nicht nur ein anderes Wort ist für geschichtsvergessene und seelenlose Technokratie.

IX.

In Zeiten der Umorientierung und der Unsicherheit ist es besonders wichtig, sich in Grundfragen zu verständigen. So entsteht eine stabile Basis für Kreativität und Vielfalt auf allen gesellschaftlichen Feldern, auch in der Baukultur. Jedes Haus, jedes Gebäude ist ein Eingriff in die Natur. Boden wird überbaut, Flächen werden versiegelt, Rohstoffe und Energie in Anspruch genommen.

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in letzter Zeit durch inflationäre Verwendung entwertet worden. Aber es stimmt, dass wir den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft organisieren müssen, und es stimmt auch, dass der Weg dahin noch sehr weit ist.

Zum nachhaltigen Bauen gehört gewiss, dass umweltverträgliche Materialien verwendet werden und dass der möglichst geringe Energiebedarf zu einem Teil am Haus oder auf dem Haus aus Sonnenenergie gewonnen wird. Zum nachhaltigen Bauen gehört gewiss auch, dass nicht nur die Baukosten beachtet werden, sondern auch die laufenden Kosten. In vielen Fällen wird auch die Möglichkeit, Gebäude unterschiedlich zu nutzen, ein Merkmal nachhaltigen Bauens sein.

Die Architekten, die Ingenieure und alle Baufachleute werden sich noch weit stärker als bisher mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie Bauwerke konstruiert sein müssen, die diesen Anforderungen genügen und die zudem nicht mehr mit dem Bulldozer abgerissen, sondern um- und abgebaut werden können, ohne dass dadurch die natürlichen Lebensgrundlagen beeinträchtigt werden.

Ich weiß, dass es immer noch viele Widerstände und auch tatsächliche Probleme gibt, nachhaltig zu bauen. Manche Probleme und manche Widerstände erweisen sich aber schnell als Potemkinsche Dörfer, wenn politisch vorausschauend gehandelt wird.

Vor einigen Jahren hat das Land Nordrhein-Westfalen, das ich ganz gut kenne, beschlossen, im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus nur noch den Bau von Häusern zu fördern, die dem Niedrigenergiestandard entsprechen. Kurzfristig gab es lauten Protest. Bald danach wurde mit dem Niedrigenergiestandard als Qualitätsmerkmal geworben.

X.

Meine Damen und Herren,

Geschichtsbewusstsein ist eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass Baukultur entstehen kann. Da geht es um mehr als um Denkmalschutz, und auch der Denkmalschutz darf sich nicht auf Schlösser und Patrizierhäuser beschränken, sondern er muss Bauwerke und Anlagen der Industriezeit einschließen.

Der Umgang mit dem gebauten Erbe ist in der Geschichte ganz unterschiedlich gewesen. Im Barock hat man unbekümmert abgerissen und umgestaltet. Es ist noch nicht lange her, dass in Deutschland viele herausragende Zeugnisse industrieller Baukultur und Arbeitersiedlungen den Räumkommandos zum Opfer gefallen sind. Daran hat sich erfreulicherweise in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel verändert. Noch heute ist aber viel schwerer Verständnis dafür zu gewinnen, dass ein relativ junges Gebäude erhalten wird als ein Jahrhunderte altes.

Ich meine, es ist ein großer Fortschritt, dass es inzwischen viele Beispiele dafür gibt, wie neues Leben in alte Gebäude gebracht werden kann. Erhaltende Stadterneuerung ist wohl ein treffender Begriff für diese Praxis. Für Architekten und für alle Bauleute sehe ich darin eine besondere Herausforderung. Ist es nicht so, dass die bedeutendsten Baumeister Herausragendes geschaffen haben in der respektvollen Auseinandersetzung zwischen Alt und Neu?

XI.

Baukultur wird sich nur schwerlich über normierbare Kriterien von Qualität und über fertige Endergebnisse definieren lassen. Um so wichtiger sind die Verfahren, die für die Baukultur förderlich sind. Da steht für mich an erster Stelle, Planungsverfahren und Abwägungsprozesse nicht zu verkürzen und unter sachfremde und populistisch unterlegte Pressionen zu stellen.

Gegenwärtig wird leider zu oft das sachgerechte Abwägen unterschiedlicher Interessen und Belange mit dem Hinweis auf Arbeitsplätze und wirtschaftliche Notwendigkeit "erschlagen". Da heißt es dann: Wenn ein Bauwerk nicht so und nicht an dieser Stelle und nicht in dieser Zeit und nicht von diesem Bauherren erstellt wird, dann schaden wir der örtlichen Wirtschaft und stellen uns gegen neue Arbeitsplätze. Bei den meisten Bauvorhaben sticht diese Argumentation nicht. Eine Büroimmobilie an einem benachbarten Standort, der mit höherer Qualität erstellt wird, hat die gleichen, vielleicht sogar die besseren Auswirkungen auf den örtlichen oder den regionalen Arbeitsmarkt.

Ganz ähnlich ist es bei Fachmärkten und Verbrauchermärkten bis hin zu großen Einkaufsmärkten. Gleichgültig von welchem Investor, in welcher Bauform und an welchem Standort sie in einer Region erstellt werden, sie ziehen ihren Umsatz und ihre Wirtschaftlichkeit aus dem Konsumbudget einer regionalen Bevölkerung. Damit sind die Lösungen mit mehr oder weniger baulicher Qualität im Prinzip beschäftigungsneutral.

Für die Baukultur ist es nicht förderlich und es mindert das Vertrauen in demokratische Prozesse, wenn private Investoren Druck auf die rechtsstaatlichen Verfahren ausüben. Das wird dann besonders problematisch, wenn sich herausstellt, dass der private Investor auf das Projekt verzichtet, obwohl die öffentliche Hand sich diesem Druck gebeugt hatte. Solche Beispiele häufen sich gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wenn unseriös gerechnete Projekte in Wirklichkeit an der Kapitalbeschaffung scheitern. Dann werden öffentliche Ämter und Verfahren gerne zum Sündenbock gemacht.

XII.

Die öffentliche Hand, meine Damen und Herren, soll Vorbild für die Baukultur im Lande sein. Wahrscheinlich kann man auch sagen, dass die öffentlichen Bauherren rückblickend gesehen überdurchschnittlich gut gebaut haben, auch wenn man ihnen die eine oder andere Bausünde glaubt ankreiden zu müssen.

Trotz des Disputes über das Kanzleramt sage ich: Der Bund, die Länder und die Auslandsvertretungen der anderen Staaten haben sich in der Bundeshauptstadt Berlin für gute Architektur entschieden.

Bundesweites Aufsehen und große Resonanz weit über Deutschland hinaus haben die jüngsten Museumsbauten, allen voran das Jüdische Museum in Berlin und die Pinakothek in München, gefunden.

Nun wird befürchtet, dass dieser Impuls für die Baukultur schwach werden könnte, weil die öffentlichen Hände finanziell ausgetrocknet sind und bei Licht betrachtet das meiste von dem, was sie brauchen, gebaut haben.

Mir scheint diese Sicht zu eng. Dabei wird nämlich übersehen, dass der überwiegende Teil der gesamten Infrastruktur, die örtlichen Erschließungen bis hin zu den Bundesverkehrswegen, die Schienennetze und die Wasserstraßen, die Entsorgungsanlagen für Abwasser und Abfall, öffentlich sind oder unter öffentlichem Einfluss entstehen. Dazu gehören auch die ganz normalen Gewerbegebiete, die in beinahe jeder Gemeinde öffentlich geplant, erschlossen und zum Teil aus Mitteln der Wirtschaftsförderung der Europäischen Union, des Bundes und der Länder finanziert werden.

Was im Sprachgebrauch als "Ingenieurbauten" bezeichnet wird, ist ein weites Feld, das von dem Gedanken der Baukultur bisher kaum berührt ist.

XIII.

Die wichtigste öffentliche Aufgabe aber bleibt es, die richtigen planerischen Rahmenbedingungen für Städtebau und Baukultur zu setzen. Je weniger die öffentlichen Hände durch eigene Bautätigkeit auf die Lebensqualität unserer Städte und Landschaften Einfluss nehmen können, um so mehr müssen sie die Möglichkeiten von Bauplanung und Baugenehmigung nutzen.

In jüngerer Zeit wächst die Tendenz, Planung als bürokratisches Hemmnis zu brandmarken und für Deregulierung und mehr Baufreiheit einzutreten. Da ist gewiss vieles überzüchtet und überreguliert, auf das man gut verzichten kann. Das sollte man dann auch tun. Da mag Bürokratie den Sachverstand und die Führungsaufgabe von Stadtbauräten und Parlamentsgremien überwuchern. Vernünftige Planung bleibt aber die beste und unabdingbare Voraussetzung für Baukultur. Darum sind unsere Städte und Regionen gut beraten, wenn sie im Interesse ihrer städtebaulichen Qualität und ihrer Attraktivität die Rahmen setzende Planung und den Sachverstand ihrer Stadtbauräte hoch schätzen und öffentlich aufwerten.

Bauen ist nicht nur eine Angelegenheit von Bauherren und Architekten. Immer sitzt ein "öffentliches Interesse" mit am Tisch. Jenseits der Nützlichkeit eines Bauwerkes ist auch seine Tauglichkeit für das Zusammenleben in einer Stadt, für die Harmonie eines Stadtraumes und für die Wahrnehmung der Bürger zu bedenken. Das fordert gewissermaßen eine "dritte Kraft" im Planungs- und Bauprozess. Das unterscheidet die Kunst des Bauens wesentlich von der reinen Kunst, bei der Künstler und Kunstwerk zunächst einmal für sich stehen.

Baukultur bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen individueller Nützlichkeit und sozialer Brauchbarkeit. Baukultur muss dafür eintreten, dass die Orientierungsmarke in diesem Spannungsfeld die Schönheit ist. Sie ist keine Nebensache, und sie ist schon gar nicht gefällige Verpackung.

Ich gebe gerne zu, dass in der Praxis die Unterscheidung zwischen Schönheit und schönem Schein nicht immer leicht fällt und dass es häufig ganz unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was schön ist. Darum haben Wettbewerbe in Planung und Architektur aus gutem Grund eine große und alte Tradition. Nur aus der Kenntnis von Alternativen und im Wettbewerb um die besseren Ideen entsteht Baukultur. In solchen Verfahren ist es legitim, mir scheint es geradezu zwingend, dass unabhängiger Sachverstand als "dritte Kraft" sich in das Verhältnis von Bauherr und Architekt einmischt.

Im ersten Moment klingt es plausibel, wenn sich ein Bauherr dagegen wehrt, dass er seinen Architekten nicht frei wählen kann, sondern dass er ihn in einem Wettbewerb diktiert bekommt, der von einer Fachjury bestimmt wird. Die "Öffentlichkeit jedes Bauwerkes" gibt einem solchen Verfahren aber sein inneres Recht. Wenn man genauer hinschaut, dann führt alternatives Planen meist auch für den privaten Investor zu einem besseren Ergebnis.

XIV.

Meine Damen und Herren,

Baukultur bildet sich auf der Grundlage von Haltungen und Einstellungen. Baukultur braucht Qualitätsmaßstäbe. Die Kriterien für Qualität lassen sich nicht normieren und nicht reglementieren. Sie müssen im Dialog, im produktiven Streit immer wieder neu erarbeitet und im konkreten Fall abgewogen werden. Darum ist Baukultur keine Aufgabe, die sich allein an den Gesetzgeber delegieren lässt oder die man staatlichen Förderprogrammen überlassen dürfte.

Baukultur ist angewiesen auf Persönlichkeiten mit Autorität und unabhängigem Urteil, die sich im öffentlichen Interesse um das mühsame Formulieren von Maßstäben bemühen. Dazu gehört es auch, deutlich hörbar unsaubere Verfahren und schlechte Ergebnisse da zu kritisieren, wo das nötig ist.

Die Bundesregierung, so habe ich gehört, will für diese Aufgabe, gemeinsam mit den Bundesverbänden der Architektur und der Planung, eine Bundesstiftung Baukultur einrichten. Der Konvent soll dieser Einrichtung Autorität und Unabhängigkeit geben. Die sind nötig, damit in unserem Land besser, damit in unserem Land gut gebaut wird.