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Grußwort aus Anlass der Einführung der von der Landessynode 2003 gewählten Mitglieder der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland und zur Verabschiedung von Präses Manfred Kock

Statt Mozart Rau, das ist ein tiefer Fall. Aber haben sie keine Sorge, ich singe nicht und ich spiele nicht, denn mir ist die Lärmschutzverordnung durchaus gegenwärtig.

Es gibt viele Gründe heute hier zu sein, nicht nur weil die Verabschiedung des Präses und die Einführung des neuen Präses hier in meiner Heimatstadt stattfindet, in der ich achtundsechzig Jahre lang gelebt habe; nicht nur weil die Synode, die die neue Kirchenleitung gewählt hat, ein Gremium ist, dem ich selber dreieinhalb Jahrzehnte habe angehören dürfen und nach dem ich mich immer noch gelegentlich sehne. Ich bin hier, weil es vielleicht gut ist, wenn man ein öffentliches Wort sagt über die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft und die Rolle der Evangelischen Kirche in der pluralen Gesellschaft.

Der Staat, für den ich eine Funktion wahrnehme, kann keine Sinnstiftung wahrnehmen. Sinnstiftung ist nicht Sache des pluralistischen Staates. Der pluralistische Staat steht im Augenblick in einer Bewährungsprobe, im Wettkampf - dem angeblichen Wettkampf der Kulturen und der Zivilisationen. Er wird auf seine Toleranz hin immer wieder geprüft, und er muss darauf achten, dass er in allen Fällen Toleranz übt - außer gegenüber der Intoleranz. Das ist für alle staatlichen Organe eine große Herausforderung.

Das ist für unsere Gesellschaft eine Herausforderung, aber auch für andere Gesellschaften und Gesellschaftssysteme. Der Staat selber muss aber darauf verzichten, Werte festzulegen. Das kann zu der Schlussfolgerung führen, die Demokratie komme ohne Werte aus. Ich halte das für einen enormen Trugschluss, und ich glaube, dass wir sehr darauf achten müssen, dass der Dialog der Kulturen und auch das Gespräch der Konfessionen nicht einhergeht mit Beliebigkeit als Ersatz für Sinnstiftung.

Weil das so ist, darum brauchen wir erkennbare Größen in unserer Welt, darum brauchen wir Menschen und Institutionen, die Maßstäbe nicht verordnen, sondern anbieten. Das geschieht heute anders als in früheren Zeiten, und es ist schwieriger als früher, denn der "Markt der Möglichkeiten" ist längst keine Veranstaltung auf dem Kirchentag mehr, sondern ist ein Angebot an alle, die sich dieser Sinnstiftung verpflichtet fühlen.

Weil das so ist, darum müssen die Maßstäbe erkennbar sein und darum muss erkennbar sein, woher man die Werte der Maßstäbe selber ableitet. Dabei ist nach meiner Überzeugung die Rolle der Kirchen heute stärker gefragt denn je. Darum möchte ich, wie ich es bei anderen Gelegenheiten getan habe, die Kirchen ermutigen, den Mut zu haben, auch Kirche zu sein: Unverwechselbar in der Botschaft, gelegentlich auch anstößig. Wer hätte das in den letzten Wochen und Monaten nicht erlebt und erfahren, dass das Berufen auf göttliche Weisung in dem einen Fall oder der Hinweis auf das Friedensgebot im anderen Fall zum Streit führt zwischen Menschen, auch zwischen Christenmenschen. Das ist also kein leichter Spaziergang sondern eine große Herausforderung.

Ich wünsche den Kirchen in unserem Land den Mut, diese Herausforderung anzunehmen, und darum bin ich gern gekommen zu dieser Veranstaltung, bei der der sechste Präses verabschiedet, der siebte eingeführt wird, und es nur acht Grußworte gibt. Ich finde, die Anderen und ich sollten bei unseren Grußworten daran denken, dass die Gedecke da liegen, damit wir kürzer reden.