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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau bei der Trauerfeier für Herbert Riehl-Heyse

I.

Wenn man sich erinnert an einen Menschen, den es nicht mehr gibt und der einem nahe stand, dann gibt es immer Eigenschaften, die einem sofort einfallen. In den vergangenen Jahren sind manche von uns gegangen, große Journalisten: Marion Gräfin Dönhoff etwa - ich denke an ihr preußisches Pflichtbewusstsein, an ihren aufrechten Gang. Henri Nannen - wer erinnert sich nicht an seine hanseatische Noblesse? Rudolf Augstein - den Unbeugsamen, den seine journalistische Beharrlichkeit sogar ins Gefängnis brachte.

Und nun nehmen wir Abschied von Herbert Riehl-Heyse. Viel Bewegendes haben wir in den letzten Tagen über ihn gelesen. Vieles davon möchte man unterstreichen, manches ergänzen, manches sogar vorlesen. Das würde den Rahmen unseres Zusammenseins jedoch sprengen.

Was fällt uns also zunächst ein zu Herbert Riehl-Heyse? Eine Edelfeder. Ein journalistisches Vorbild. Das Streiflicht, die Süddeutsche. Sein Stil hat eine ganze Generation von Journalisten geprägt. Viele haben seine Ironie geliebt, manche haben sie gefürchtet. Da war kein Verlautbarungsjournalismus, kein Pathos: Der Leser sollte seine Schlüsse selber ziehen. Wozu bedarf es Journalisten, hat er einmal gefragt. Seine Antwort lautete: "Weil sie über ihre traditionelle Halb- und Zehntelbildung verfügen, und vor allem über den unglaublichen Mut, an der Fülle der Erkenntnisse ihre Leser täglich aufs Neue teilhaben zu lassen."

Jemand, der so ehrlich, so humorvoll und mit solch einem Understatement schrieb, der muss die Menschen gemocht und verstanden haben. Vielleicht kann man das ganz einfach sagen: Er hat sich nicht so sehr für Geschichten interessiert, sondern für Menschen. Er suchte das Menschliche und fand es in den alltäglichen Geschichten des Lebens, und von denen gibt es viele. Manche hat er aufgeschrieben.

Und das ist es dann auch, an das ich zuallererst denke, wenn ich den Namen Herbert Riehl-Heyse höre. Ich denke an einen Menschen, in dessen Nähe man sich wohl fühlte.

Ich erinnere mich an viele gute Gespräche mit ihm. Ich denke an unsere Fahrt durch Deutschland im Wahl-Sonderzug 1986. Ich denke an eine Reise nach China 1988, an Begegnungen in Düsseldorf und in Bonn, später dann in Schloss Bellevue. Ich fühlte mich verstanden auch dann, wenn er meine Meinung nicht teilte. Wo "der Riehl", wie wir alle ihn nannten, war, da war unbefangene Fröhlichkeit, da war jemand, der Missfallen, Streit und Anbiedereien anderer in Lachen auflösen konnte.

II.

Herbert Riehl-Heyse hat nach den Klammern gesucht, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Dinge, über die man spricht, am Arbeitsplatz, beim Abendbrot, in der Kneipe. Dinge, die jeder versteht. Der Sport war für ihn so eine Klammer, das Fernsehen so eine. Er hatte Angst vor der Explosion der Medienangebote- und er hielt es für wichtig, dass die Leute morgens über das sprachen, was sie am Vorabend im Fernsehen gesehen hatten. Und er hielt es für wichtig, dem Heer von Experten, Spezialisten und Besserwissern seine sogenannte Zehntelbildung entgegenzusetzen. Er wollte verstehen - und deshalb konnte er auch erklären.

Herbert Riehl-Heyse hat in der Süddeutschen Zeitung seinen Lesern die Politik und deren Protagonisten beschrieben und kommentiert, immer der Vernunft zugewandt, niemals infam. Das gibt es im Journalismus nicht mehr so häufig: dass einer diejenigen, die Gegenstand seiner Betrachtung und Bewertung sind, behandelt, wie er selbst behandelt werden möchte: fair und vornehm möchte ich es nennen.

Herbert Riehl-Heyse war wahrlich ein meinungsfreudiger Journalist, aber er war doch zugleich einer, der, wenn er uns Politiker beobachtete und beschrieb, seine Meinung nicht zum allein gültigen Maßstab machte. Er schien, so ist mein Eindruck, tatsächlich die Begabung des unvoreingenommenen Betrachtens und Prüfens zu besitzen. Das war nicht Naivität. Es war die Überzeugung, dass eine der Konstanten seines Berufs darin bestehen müsse, den Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass er schon gelegentlich verzweifeln wollte an dem Hang seines Berufsstandes zum schnellen, undifferenzierten Urteil - an einer Mentalität der Bedenkenlosigkeit im Mediengeschäft, die ja vielleicht nur einfach Gedankenlosigkeit ist.

Glücklich schätzen konnte sich mit ihm seine Zeitung, für deren Leser er etwas war, was man im Fernsehen einen "anchor-man" nennt. So etwas findet man nicht häufig in der schreibenden Zunft, in der es ja darauf ankommt, durch die Kunst zu überzeugen, durch den Inhalt, nicht durch den flott-eleganten Auftritt. Es gibt noch Zeitungen, die ihrer herausragenden Autoren wegen gelesen werden. Eine solche Zeitung ist die Süddeutsche. Und ein solcher Autor war Herbert Riehl-Heyse.

Er hat, wenn ich das richtig beobachtet habe, versucht, seine Vorstellungen von Qualität in seinem Metier weiterzureichen, an Jüngere zu vermitteln - unverdrossen oder auch eigensinnig. Er versuchte es gegen einen Zeitgeist, der Qualität für eine höchst merkwürdige Kategorie hält, die es jedenfalls immer schwerer hat, sich in der Konkurrenz mit anderen Erfolgskriterien des Zeitungsmachens durchzusetzen.

III.

Wir vermissen den Menschen Riehl.

Wir vermissen einen Menschen, der keiner dieser allzeit dynamischen Macher-Typen war, sondern ein Mann der sanften Töne.

Einer, dem Menschen wichtig waren, einer, der Freundschaften wirklich pflegte.

Einen Menschen, der, wie er einmal nicht ohne Stolz anmerkte, der 16. Oberbayrische Waldlaufmeister der B-Jugend war. Und Vizemeister des Tennisclubs Eichenau bei den Jungsenioren. Auch solche Dinge hat er sehr ernst genommen, auch wenn er das zuweilen hinter seiner ironischen Art versteckt hat.

Noch können wir kaum fassen, dass dieser Mensch nun nicht mehr da sein soll. Wir vermissen Herbert Riehl-Heyse.

Wir vermissen jemanden, der versucht hat, gerecht mit Menschen umzugehen. Er war sich immer des Privilegs bewusst, als Journalist öffentlich tätig sein zu können, und er wusste um die Verantwortung, die damit verbunden ist.

Herbert Riehl-Heyse war ein Journalist, der seinen Beruf geliebt hat, der die kritisch-ironische Distanz zum Beruf und zu sich selber aber immer gewahrt hat.

Jemand, der in Zeiten der Krise von seinen Kollegen Solidarität einforderte und voller Sorge um den journalistischen Nachwuchs war, dessen er sich annahm wie nur wenige seines Standes.

Sein Tod ist für uns alle ein schwerer Verlust. Unsere Trauer und unser Mitgefühl sind jetzt bei Ihnen, Frau Riehl, bei Ihren Kindern und ihren Angehörigen. Wir wollen das Leid um den Tod Ihres Mannes, aber auch die fortlebende Erinnerung an ihn mit Ihnen teilen.

Was bleibt, ist der Dank.

Dank, der einem erfüllten, doch zu kurzen Leben gilt. Einem Leben, das sich leicht anfühlte und doch von unermesslicher Tiefe war.

Das schwer war und nie oberflächlich.

Wir nehmen Abschied von Herbert Riehl-Heyse in großer Dankbarkeit für sein Leben.