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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums der GEMA im Konzerthaus am Gendarmenmarkt

I.

Verehrter Herr Professor Kreile,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ein Jubiläum, ein hundertjähriges, ist eine feierliche, eine festliche Angelegenheit. Man versucht sich einzustimmen auf den Jubilar und fragt sich: Wie macht man das? Gelegentlich bekommt man auch unernste Gedanken, vor allen Dingen, wenn man zu vielen Jubiläen muss. Und so habe ich überlegt, wie bringe ich Urheberrecht und meine Grußworte miteinander in Verbindung. Wie bringe ich die GEMA dazwischen und dann habe ich nachgedacht, was wäre, wenn ich mein Grußwort nicht spräche, sondern sänge? Welche urheberrechtlichen Konsequenzen hätte das, zumal ich nicht mehr ganz sicher bin, ob ich eigentlich für meine Rolle in der Oper vom Fuchs das Honorar bekommen habe, als ich die Rolle zweimal gesprochen habe.

Erschrecken Sie nicht! Ich werde nicht singen. Es spräche zu vieles dagegen. Erstens, dass der Kreis der Freunde des Gesangs hier in diesem Saal sofort abnähme. Zweitens die Lärmschutzverordnung. Denn meine stimmlichen Möglichkeiten stehen ein wenig im Widerspruch zur der großen Freude, die ich selber am Singen habe.

Aber es wäre schon interessant, einmal zu überlegen, welche urheberrechtlichen Folgen hätte ein gesungenes präsidiales Grußwort. Wäre es genehmigungs- oder auch gebührenpflichtig? Und was sagt die Verfassung dazu?

Als Richard Strauss, der schon Zitierte und der schon Gehörte, und andere Kreative vor hundert Jahren den Grundstein dafür gelegt haben, ihre Rechte und Interessen gemeinschaftlich wahrzunehmen, da hatten sie auf diesem Gebiet in Deutschland Pionierarbeit vor sich.

Wenn wir heute an Richard Strauss denken, an Paul Linke, an Humperdinck oder auch an Gustav Mahler, dann werden für uns Partituren zum musikalischen Erlebnis, ob im Konzertsaal, in der Oper oder zu Hause oder auf der CD.

Wer käme da auf die Idee, an Geld zu denken?

Aber es gibt ein Zitat von Karl Valentin, das weist schon ein wenig in die Richtung: "Kunst ist schön", hat er gesagt, "macht aber viel Arbeit".

Wer an der kreativen Arbeit anderer auf eine so schöne Weise teil haben darf, soll nicht nur nehmen, sondern auch geben. Denn auch das, Herr Professor Kreile, steht in der Bibel. Geben ist seliger, denn nehmen. Und dass sie die feine Formulierung "Der Arbeiter ist seines Lohnes wert" der Bibel entnommen haben, habe ich als freundlich empfunden. Denn im gleichen Buch heißt es an anderer Stelle: "Man soll dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden."

Ich will also jetzt nicht so weit gehen, Geben und Nehmen als die Wiege des Urheberrechts-Gedankens und der Verwertungsgesellschaft darzustellen. Aber um Bezahlungsgerechtigkeit, um Teilhabe und damit um die sichtbare materielle Wertschätzung von Kreativität ging es damals - und geht es auch heute.

Hier in Berlin muss man Wolfgang Neuss zitieren, der wollte irgendwann nicht mehr Kabarettist sein. Er blieb es in der Erinnerung doch immer. Er hat einmal gesagt: "Lieber weniger Lorbeeren, aber mehr Vorschuss". Dem werden viele Künstler zustimmen.

Vor hundert Jahren hat die Frage, die sich die Genossenschaft deutscher Komponisten gestellt hat, ja noch sehr fundamentaler geklungen: Wie schafft man eine gerechte Beteiligung derjenigen, die dafür sorgen, dass man überhaupt Werke aufführen kann? Als künstlerische Ich-AG wären sie wirkungslos geblieben. Aber gemeinsam haben Sie es geschafft.

Komponisten, Textdichter und Musikverleger haben deshalb den richtigen Weg gewählt, die Vertretung ihrer Interessen zu treuen Händen zu geben. Das ist für die Verwertungsgesellschaft eine große Verantwortung und heute - angesichts einer sich mit Hochgeschwindigkeit verändernden Welt - auch eine tägliche Herausforderung. Richard Strauss hatte zu seiner Zeit die Schellackplatte als Tonträger. Die digitale Welt von heute verlangt andere Antworten.

Die GEMA wird heute wahrgenommen als ein engagierter Streiter und Anwalt der Interessen der Urheber. Sie ist gut vernetzt - wie man heute sagt - und sie pflegte die internationale Zusammenarbeit schon zu einer Zeit, als es das Wort Globalisierung noch gar nicht gab. Diebstahl kreativen Eigentums macht ja vor Ländergrenzen nicht Halt. Ich verstehe die Sorgen vieler - nicht nur hier im Saal -, und manche haben mir auch geschrieben, dass die technische Entwicklung die Hemmschwelle herabgesetzt hat, sich ungeniert geschützter Werke zu bedienen.

Aber nicht jeder Wanderverein, der auch singt, hat eine große Rechtsabteilung, die ihm das Urheberrecht in allen Verästelungen nahe bringt. Gewiss, das Interesse, Urheberrechte wahrzunehmen, ist berechtigt. Aber ich meine, auch Sensibilität sei ein guter Ratgeber, wenn es darum geht, sie durchzusetzen.

So wichtig es ist, an einem solchen Jubiläumstag auf das zurückzuschauen, was erfolgreich geleistet worden ist, so notwendig ist es, auch die Zukunft nicht aus dem Auge zu verlieren, was die Grundlage des Verwertungsgedankens ausmacht: Kreativität und schöpferische Phantasie.

Die fallen ja nicht vom Himmel. Sie sind auch das Ergebnis von Bildung und Förderung junger Menschen im Elternhaus und in der Familie, wenn Elternhaus und Familie versagen.

Wir diskutieren heute über die Folgen der demographischen Entwicklung für unsere sozialen Sicherungssysteme. Das ist nötig und das ist richtig. Genauso nötig ist es aber, darüber nachzudenken, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn es immer weniger junge Menschen gibt, die selber Musik machen, weil an Musikschulen oder an der musischen Bildung in den Schulen gespart wird.

Bei mancher Diskussion um Einsparungen in diesem Bereich habe ich die Sorge, dass wir uns in einigen Jahren verwundert die Augen reiben werden, wenn Kreativität oder Neugier auf Kreativität nicht mehr nachwachsen, oder wenn wir erkennen, dass Talente sich nicht haben entfalten können, wie sie es verdient hätten.

Darüber müssen wir öffentlich sprechen, damit kein Schade im Interesse unserer Kinder entsteht. Da geht es auch um die kulturelle Zukunftsfähigkeit unseres Landes.

Ich weiß mich mit vielen Institutionen und vielen Verbänden in diesem Ziel einig. Als ich mir vor einiger Zeit überlegt habe, was ich dazu beitragen könnte, dem Thema wieder den nötigen Rang zu verschaffen, ist die Idee eines Projekttages "Musik für Kinder" entstanden.

Ich lade für den 9. September musikalische Initiativen und Projekte ins Schloss Bellevue und in den Schlosspark ein. Sie sollen stellvertretend für viele andere dazu anstiften, dass Kinder und Jugendliche nicht nur Musik hören, sondern auch selber Musik machen.

Was ich schon heute vom Programm weiß, das zeigt mir, es kann mit ganz einfachen Mitteln gelingen, Kinder und Jugendliche zum musizieren anzustiften. Ich möchte die natürliche Bereitschaft, die Neugier fördern, zu singen oder ein Instrument zu spielen. Vielleicht entsteht daraus eine Aktion, die all denen hilft, die sich um musikalische Bildung und Erziehung in Deutschland kümmern und die damit zur Menschenfreundlichkeit, zur Lebensqualität und zur kulturellen Zukunftsfähigkeit unseres Landes beitragen.

Die GEMA hat zu den ersten gehört, die mich bei diesem Vorhaben unterstützen wollten. Dafür danke ich und darüber habe ich mich gefreut. Das zeugt auch von Weitblick, weil das Verwertungsrecht ja die Folge einer schöpferischen Tätigkeit ist. Die Folge und nicht die Ursache.

Die Musikerziehung in Deutschland muss - auch in Zeiten knapper Kassen - einen hohen Stellenwert behalten und sie muss ihn zurückgewinnen, wo sie ihn verloren hat.

Bildung ist mehr als Pisa. Musikalische Bildung erst recht. Wir brauchen Bildung und Erziehung auch jenseits von Nützlichkeit und Verwertbarkeit. Wir müssen den Boden bereiten für Kreativität. Und wenn daraus später einmal auch Erfolge im ökonomischen Sinne wachsen, Erfolge in Euro und in Cent, dann wird das meine Freude jedenfalls nicht schmälern.

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Jubiläum!