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Grußbotschaft von Bundespräsident Johannes Rau zum 25-jährigen Jubiläum der deutschen Oikocredit-Förderkreise

"Vom Geld reden, heißt theologisch reden." Wer sich angesichts einer solchen Behauptung für religiös unmusikalisch erklären möchte, der wird doch nicht die eigenwillige Diktion leugnen können, mit der bei uns das Geld zur Sprache kommt.

Am Anfang steht die "Geldschöpfung", dem Glauben entspricht der Gläubiger, der Schuld ein Schuldner, dem Credo ein Kredit, der Offenbarung ein Offenbarungseid - und einen "Bankers Trust" soll es auch geben.

Unsere Rede vom Geld ist religiös geprägt. Gerade darum ist es nötig, dass Christen hier nicht wegsehen, sondern mitmischen, sich ums Geld kümmern, sich Rechenschaft ablegen über das, was sie davon halten.

Bereits die ersten christlichen Gemeinden haben Kollekten gesammelt. Sie wollten, dass man die Kirche nicht nur an ihrer Botschaft erkenne, sondern auch an ihrem Umgang mit dem Geld, am finanziellen Ausgleich zwischen arm und reich.

Oikocredit macht das Geld als Geldanlage, als Kapital zum Thema der Gemeinden. Damit steht diese Genossenschaft in einer langen kirchlichen Tradition - trotz ihres jugendlichen Alters.

Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen, die anfangs in Deutschland geführt worden sind, nachdem 1975 vom Ökumenischen Rat der Kirchen und vom Niederländischen Kirchenrat die ökumenische Entwicklungsgenossenschaft EDCS gegründet worden war. Die Globalisierung war damals noch nicht als Wort präsent - aber der Sache nach war in der weltweiten Ökumene längst erkannt, dass, wer sich um die Gerechtigkeit in der Welt kümmern will, am Geld so wenig vorbeikommt, wie an der Frage nach Werten und Strukturen, die gelten sollen.

Als im Mai 1978 in Esslingen der erste deutsche Förderkreis gegründet wurde, da spürte manch Engagierter bereits das Ende seiner Geduld nahen, da warnten selbst die Wohlgesonnenen vor unkalkulierbar hohen Risiken für die eingelegten Gelder.

Die ersten Mitglieder der Förderkreise galten in den Kirchen als "enfants terribles", bestenfalls als weltfremde Idealisten. Wo in die Fonds dann doch ein wenig eingezahlt wurde, da wurde der Verlust als Spende gleich einkalkuliert. Als dann wider Erwarten die ersten Dividenden eintrafen, da wussten manche Organisationen gar nicht, wie sie die verbuchen sollten.

Fünfundzwanzig Jahre später werden bei denen, die schon früh dabei waren, Freude und Erleichterung überwiegen. Die deutschen Förderkreise können mit Dankbarkeit auf das Erreichte zurückblicken. So manche schlechte Prognose, so manche Ängstlichkeit wurde da Makulatur. Die Jahresberichte zeugen über die Jahre hinweg von eindrücklichen und erfolgreichen Projekten und davon, dass Rückschläge gemeinsam überwunden werden können.

Die deutschen Förderkreise haben in diesen Jahren eine wichtige aufklärende Arbeit geleistet. Oikocredit hat mit Geld segensreich wirken können. Nach fünfundzwanzig Jahren ist die Arbeit keinesfalls am Ende - eher noch am Anfang.

Heute gratuliere ich Oikocredit zu dem bereits Erreichten. Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement. Ich wünsche mir, dass Ihre Arbeit in den Kirchen und weit darüber hinaus weitere Kreise zieht.

Und persönlich hoffe ich auf eine große Lücke in meinem Kalender - bei Ihrem nächsten Fest.

Ihr

Johannes Rau