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Laudatio von Bundespräsident Johannes Rau auf Prof. Dr. Wolfgang Frühwald anlässlich der Übernahme der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur 2003

I.

Wie gerne würde ich jetzt über Mainz und die Johannes Gutenberg Universität sprechen, wie gerne erzählen von dem wissenschaftlichen Werk Frühwalds, wie gerne berichten von meiner Verbindung zu seinen bisherigen Studien. Mit Wolfgang Frühwald verbindet mich - nur soviel zur Speisefolge - dass wir beide Träger der "Goldenen Kartoffel" für den Abbau von Bürokratie in der Gesellschaft sind. Aber wenn ich Ihnen schon zumute, nur partiell hier zu sein - morgen bin ich in Lissabon, dazwischen noch in Berlin - will ich beginnen mit einem Ziatat von Albert Einstein: "Ein vielgestaltiger Bau ist er, der Tempel der Wissenschaft. Gar verschieden sind die darin wandelnden Menschen und die seelischen Kräfte, welche sie dem Tempel zugeführt haben."

Das sagte Albert Einstein zum 60. Geburtstags von Max Planck und er äußerte sich über den Wissenschaftsbetrieb. Mit Blick auf den Jubilar Max Planck fuhr er fort: "Gar mancher befasst sich mit der Wissenschaft im freudigen Gefühl seiner überlegenen Geisteskraft; ihm ist die Wissenschaft der ihm gemäße Sport, der kraftvolles Erleben und Befriedigung des Ehrgeizes bringen soll."

Mag sein, dass Einstein dann in die Runde der Festgäste aufgeschaut hat, jedenfalls fuhr er so fort: "Gar viele sind im Tempel der Wissenschaft zu finden, die nur um utilitaristischer Ziele Willen hier ihr Opfer an Gehirnschmalz darbringen. Käme ein Engel Gottes und vertriebe alle die Menschen aus dem Tempel, die zu diesen beiden Kategorien gehören, so würde er bedenklich geleert - aber es blieben doch noch Männer aus der Jetzt- und Vorzeit im Tempel drinnen." So weit Albert Einstein.

Um einen dieser Männer der Jetztzeit, die von dem von Einstein beschworenen Engel gewiss nicht vertrieben würden, geht es heute Abend. Gemeinsam wollen wir feiern, dass er die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur übernommen hat. In Mainz gehören zum Feiern, nicht nur Festredner wie Sie sehen, nicht nur die Festworte, sondern auch die Aussicht auf genügend Wein und gutes Essen.

In der Person von Wolfgang Frühwald kommt vieles zusammen: der Forscher und der Wissenschaftspolitiker, der Geisteswissenschaftler, der als erster seiner Zunft Präsident der Humboldtstiftung wird, der Präsident der Deutschen Forschungsgesellschaft und der Vorsitzende der Vereinigung der europäischen Wissenschaftsorganisationen, der Träger vieler bedeutender Auszeichnungen.

Wenn Wolfgang Frühwald seine Vorlesungsreihe unter den Titel stellt "Die zweite Evolution: Biowissenschaftlicher Fortschritt und der Wandel des Menschenbildes" - dann spüren wir, wie Vieles da mitschwingt: ein Horizont von Bildung und Forschung, von Natur- und Geisteswissenschaft, von Biowissenschaft und Anthropologie, von Markt und Politik, von aktuellen Fragen und langfristigen Folgen.

II.

Wissenschaft und Forschungspolitik sehen sich - nicht nur in Deutschland - immer stärker vor großen Herausforderungen:

  • Wissenschaftliche Experten entwickeln eigene Interessen im Blick auf die wirtschaftliche Verwertung ihres Wissens.

  • Wir sehen uns Forschungen und Techniken gegenüber, die zum Teil enorm riskant sind oder deren Folgen wir nicht oder nur schwer abschätzen können.

  • Noch vor einigen Jahrzehnten schien es vor allem in den Naturwissenschaften so, als könne "wissenschaftlich" und "unwissenschaftlich" eindeutig unterschieden werden. Heute erleben wir immer häufiger, dass Wissenschaftler gleicher Fachrichtung zum gleichen Thema ganz unterschiedliche, ja einander ausschließende Auffassungen vertreten. Dennoch kann man nicht sagen, der eine oder der andere verletze die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens.

  • Die Grenzen zwischen Forschung und Anwendung, zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sind offenbar unscharf geworden.

III.

Wenn wir diesen Wandel der Wissenschaft und die mit ihm verbundenen Folgen aufmerksam verfolgen und nachhaltig gestalten wollen, dann brauchen wir Menschen wie Wolfgang Frühwald, der als ausgewiesener Wissenschaftler auch die Spielregeln von Ökonomie und Politik beherrscht. Wir sind in einer Situation, in der die Wissenschaft wirtschaftsnäher, aber auch politiknäher geworden ist.

Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik ist der Bedarf an wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnissen stark gestiegen. Bei der Wirtschaft, weil neue Produkte oder Dienstleistungen in aller Regel auf wissenschaftlicher Forschung beruhen; in der Politik, weil sie ihre Aufgaben ohne wissenschaftlichen Sachverstand nicht erfüllen kann.

Damit wird die Arbeit der Wissenschaft nach Kriterien bewertet, die ihr fremd sind. Zunehmend werden Gesichtspunkte von Wirtschaft und Politik ausschlaggebend. Wer Geld für Forschung einwerben will, muss nicht Erkenntnis versprechen, sondern Nutzen. Da überlegt sich mancher Wissenschaftler, ob er diesem Drang, Nutzen zu versprechen, überhaupt widerstehen soll oder kann.

Diese Situation wirft natürlich Fragen auf für die Wissenschaftspolitik, für unser Verständnis von Wissenschaftsfreiheit und dafür, wie wir unsere Wissenschaftslandschaft am besten organisieren:

  • Bisher hatten wir Wissenschaftsfreiheit verstanden als Schutz vor religiösem, politischem und wirtschaftlichem Einfluss. Müssen wir heute womöglich auch stärker darauf achten, dass die Wissenschaft durch Veränderungen gefährdet sein könnte, die von der Wissenschaft selber ausgehen?

  • Wir müssen uns deshalb auch der Frage stellen: Was bedeutet es, wenn Wissenschaftler selber - mehr oder weniger freiwillig - die Autonomie der Wissenschaft preisgeben?

  • Andererseits: Wenn wir in unserem Land hohe ethische Standards für die Forschung festlegen - müssen wir dann damit rechnen, dass wir bald nur noch hohe Standards haben , aber keine international leistungsfähige Forschung mehr?


IV.

Ich möchte zu diesen Fragen hier drei Bemerkungen machen:

1. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können zu Recht erwarten, dass Staat und Gesellschaft ihnen Strukturen zur Verfügung stellen, in denen sie autonom und nur ihrem wissenschaftlichen Eigensinn verpflichtet forschen können.

2. In unserer Demokratie hat nur das Parlament das Recht - aber auch die Pflicht - die Grenzen wissenschaftlicher Forschung und die Grenze für die Anwendung von Forschungsergebnissen festzulegen. Das muss nach sorgfältiger Abwägung geschehen - auch dann, wenn es uns nicht gelingt, alle Unsicherheiten im Blick auf die Zukunft auszuräumen. Es muss gerade dann geschehen, wenn Fragen berührt sind, die weit in unsere Gesellschaft hineinwirken.

3. Die Politik darf dem Wunsch nach niedrigeren Standards nicht nachgeben, der gelegentlich mit dem Hinweis vorgetragen wird, andernfalls wandere die Wissenschaft ab. An diesem Abwertungswettlauf sollten wir uns nicht beteiligen. Die politische Herausforderung liegt doch vielmehr gerade darin, auch international dafür zu sorgen, dass die Voraussetzungen für die Wissenschaftsfreiheit erhalten werden. Das ist die Politik der Wissenschaft und der Freiheit wissenschaftlichen Arbeitens schuldig.

V.

Der Volksmund sagt: Wenn ein Professor etwas im Hörsaal erklärt und die Studenten verstehen ihn nicht, sind die Studenten Schuld. Wenn ein Professor etwas im Fernsehen erklärt und die Leute verstehen ihn nicht, ist der Professor Schuld.

Wir stehen in Zukunft sicher immer mehr vor der Herausforderung, Chancen und Gefahren wissenschaftlicher Erkenntnisse auf verständliche Weise in die Gesellschaft und in die demokratische Öffentlichkeit hinein zu vermitteln. Wir brauchen die Professoren, die so reden können, dass die Leute sie verstehen. Zu diesen Professoren zähle ich Wolfgang Frühwald.

Er gehört zu den Wissenschaftlern, die sich Gedanken machen über die Forschungskultur, die wir im 21. Jahrhundert brauchen, über das Verhältnis von Risiko und Verantwortung, über die Institutionen der Forschung und über unser Verständnis von Modernisierung - all dies sind Themen und Aufgaben, die wir im deutschen und im europäischen Rahmen angehen müssen.

Wolfgang Frühwald gehört zu denen, die für einen Dialog ohne Denkverbote streiten, für einen Dialog, der ergebnisoffen ist und nicht dem Mythos erliegt, die Welt sei für uns bis zum letzten erkennbar.

Wolfgang Frühwald gehört zu den Wissenschaftlern, die mit kritischer Aufmerksamkeit gerade auch die unscheinbaren und die schleichenden Veränderungen in Politik und Gesellschaft aufmerksam wahrnehmen und kritisch kommentieren. So hat er darauf hingewiesen, dass lange tradierte Begriffe wie "Verantwortung" oder "Menschenwürde" immer weniger konsensfähig zu werden scheinen.

Dazu will ich Ihnen ein Beispiel geben. Heutzutage ist es nicht außergewöhnlich, dass die qualitative Grenze zwischen Menschsein und Tiersein mit einem wissenschaftlichen Argument in Frage gestellt wird: Der Unterschied im Genmaterial zwischen Schimpansen und Menschen ist vernachlässigbar gering: Nur 1,6% unterscheiden uns vom Affen. Ich nehme an, Sie wussten das? Welche Folgerungen hat das nun? Eine scheinbar überaus naheliegende Frage muss lauten: Wozu also noch Menschenrechte für jemanden, der genetisch fast hundertprozentig als Affe daherkommt? So kann man mit naturwissenschaftlichen Argumenten fragen.

Einen grundlegenden Irrtum hat Frühwald derartige Erwägungen genannt. Zum Glück! Sie kennen sein Argument? Mich hat es jedenfalls überzeugt: Angesichts der geringen Differenz zwischen der menschlichen Gensubstanz und der Bäckerhefe wären auf diesem Weg auch die Menschenrechte für die Bäckerhefe zu begründen, sagt Frühwald.

Damit sind wir schon fast beim Essen angelangt. Aber zuvor sage ich einen letzten Satz: Ich bin immer dankbar, wenn Wolfgang Frühwald in gewichtigen Fragen seine Stimme erhebt. Gut, wenn er das weiterhin tut, auch im Rahmen der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur. Wir sollten jetzt auf ihn unser Glas erheben.