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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau beim Staatsbankett des portugiesischen Staatspräsidenten anlässlich des Staatsbesuches in Portugal

I.

Meine Frau und ich danken Ihnen sehr herzlich für die freundliche Aufnahme in Ihrem schönen Land. Wir haben uns sehr auf diesen Besuch gefreut. Wir haben Ihre schöne Hauptstadt gesehen, und wir sind weltoffenen und herzlichen Menschen begegnet. Sie haben uns das Gefühl gegeben, daß wir in Portugal willkommen sind.

Von Jugend auf hat mich die Geschichte der Seefahrer- und Entdeckernation Portugal fasziniert. Wer hat nicht das Bild Heinrichs des Seefahrers vor Augen, der zu Beginn des
15. Jahrhunderts die nautische Schule von Sagres gründete und immer wieder Kapitäne ausschickte, damit sie Afrika umsegelten? Ein knappes Jahrhundert lang haben mutige und kundige Männer den Seeweg nach Indien gesucht. Bartholomeu Diaz und Vasco da Gama sind leuchtende Sterne am Entdeckerhimmel. Wagemut und Neugier der portugiesischen Seefahrer haben dem mittelalterlichen Menschen den Blick für Neues und Anderes geöffnet und sie haben das Leben in Europa in jeder Hinsicht verändert. Das Land "mit dem Rücken zum Festland und mit dem Blick aufs Meer" hat große und wichtige Kapitel im Buch unserer gemeinsamen europäischen Geschichte und Identität geschrieben.

II.

Der portugiesische Staat war gerade acht Jahre alt, als es 1147 zu einer geschichtlich bedeutsamen Begegnung zwischen Portugiesen und Deutschen kam. Mehrere tausend Kreuzfahrer, auch aus Deutschland, nahmen damals auf Bitten des Bischofs von Porto an der Belagerung Lissabons teil, das sich in maurischer Hand befand. In José Saramagos "Geschichte der Belagerung von Lissabon" lesen wir in diesem Zusammenhang von dem "ruhmhaften und tugendsamen Ritter Heinrich, gebürtig in Bonn".

Viele dieser Kreuzfahrer - vielleicht auch dieser Heinrich - blieben nach der Eroberung Lissabons in Portugals. Ihnen folgten im 13. Jahrhundert deutsche Kaufleute. Einer von ihnen errichtete eine dem Heiligen Bartholomäus geweihte Kirche, auf die die Bartholomäus-Bruderschaft der Deutschen in Lissabon zurückgeht. Sie besteht in weltlicher Form bis heute und sie ist beredtes Zeugnis für die Verbundenheit der Menschen unserer Länder.

Aus ganz anderen Gründen sind Deutsche im vergangenen Jahrhundert nach Portugal gekommen: Zur Zeit des Dritten Reiches suchten sie Zuflucht vor politischer Verfolgung. Wir Deutschen sind dankbar für die Hilfe, die viele Emigranten und Flüchtlinge während des Dritten Reichs in Portugal erhalten haben. Unter ihnen waren bekannte Namen, wie Alfred Döblin oder Lion Feuchtwanger, wie Heinrich Mann, Franz Werfel und Stefan Zweig, aber auch viele unbekannte Menschen. Für die einen war Portugal eine Durchgangsstation, für andere wurde es zur zweiten Heimat.

In den sechziger und siebziger Jahren lernten wir Deutsche die portugiesischen Gastarbeiter schätzen. Heute leben immer noch rund 130.000 Portugiesen in Deutschland, die damit nach den Italienern, Griechen und Österreichern die viertgrößte Gruppe von Europäern in Deutschland bilden. Eines der Bilder, das den deutschen Wirtschaftserfolg jener Jahre am stärksten symbolisiert, ist das des Portugiesen Armando Sa Rodrigues, der 1964 als einmillionster Gastarbeiter in Deutschland mit einem Begrüßungsgeschenk empfangen wurde.

Mit großer Sympathie und Anteilnahme haben wir Deutschen die Nelken-Revolution und den Weg Portugals zurück zur Demokratie verfolgt. In diesen Jahren wurden zwischen Politikern beider Länder Kontakte geknüpft und freundschaftliche Beziehungen aufgenommen, die bis heute halten.

III.

Der Beitritt Portugals zur Europäischen Union war der Beginn einer beispiellosen wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Heute stehen wir vor einer neuen, noch größeren Erweiterung der Union. Jetzt sollten wir dieselbe Chance zu Aufschwung und Wohlstand jenen Staaten geben, die aufgrund der weltpolitischen Lage vom wirtschaftlichen und politischen Erfolg Westeuropas ausgeschlossen waren. Portugal ist sich dieser historischen Situation bewusst. Auch wenn Ihr Land geografisch am westlichen Rand der Union liegt - politisch ist es im Herzen Europas verankert.

In den letzten Wochen haben wir erlebt, wie Millionen von Bürgerinnen und Bürgern überall in Europa ihre gemeinsamen Werte und Vorstellungen zum Ausdruck gebracht haben. Eine europäische Identität stellt sich neben nationale Loyalitäten. Diese Menschen erwarten jetzt, dass die Politik Strukturen und Verfahren findet, die die europäische Außen- und Sicherheitspolitik besser koordiniert und Europa das Gewicht gibt, das es braucht, um seine Verantwortung in der Welt wahrzunehmen und den Vereinigten Staaten von Amerika ein wichtiger Partner zu sein.

Der Konvent arbeitet am Entwurf einer Verfassung, die viele Jahre Bestand haben soll. Ich bin zuversichtlich, dass wir ein Ergebnis erreichen werden, das alle Mitgliedsstaaten gleichermaßen zufrieden stellt. Die neue europäische Verfassung muss einen Ausgleich finden zwischen dem natürlichen Gewicht der großen Mitgliedsstaaten und dem Recht auch der kleineren europäischen Staaten, ihre Interessen einzubringen. Welche wichtige Rolle haben nicht gerade kleinere Staaten bei der Gründung und bei der Entwicklung der Europäischen Union gespielt! Das soll auch so bleiben. Das Erfolgsrezept für die europäische Einigung liegt für mich darin, dass alle ihren Beitrag leisten und dass niemand die Nummer Eins sein will und sein kann. Europa lebt davon, dass alle seine Mitglieder Solidarität und Respekt füreinander haben, dass sie ihre Verschiedenheit achten und dass sie danach handeln.

In diesem Sinne bitte ich Sie nun, Ihr Glas zu erheben und mit mir auf das Wohl von Staatspräsident Sampaio und seiner Gemahlin zu trinken, auf das Wohl ihrer Familie und auf die guten und freundschaftlichen Beziehungen unserer beiden Länder im geeinten Europa.