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Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des 200. Jahrestages der Säkularisation

Sehr gerne bin ich heute nach Bad Schussenried gekommen, um mit Ihnen an ein Ereignis zu erinnern, das zweihundert Jahre zurückliegt: an die Säkularisation. Hier zu sprechen, das ist schon eine besondere Herausforderung. Wir haben uns ja nicht in einem beliebigen Saal versammelt, sondern immerhin am "Sitz der Weisheit". Wenn ich mich in diesem wunderbaren Bibliothekssaal umschaue, so meine ich: Er allein wäre gewiss schon Anlass genug, nach Bad Schussenried zu kommen.

Immer wieder bin ich bei meinen Besuchen in Deutschlands Regionen davon beeindruckt, wie viel künstlerischen, wissenschaftlichen, kulturellen Reichtum unser Land besitzt, wie viel lebendige Tradition. Diese großartige Vielfalt, der Reichtum fernab der großen Städte, in der Provinz, solch wunderbare Räume wie dieser Bibliothekssaal - sie prägen unser Land und unser Selbstverständnis.

Ich spreche ganz bewusst von der "Provinz". Dieser Begriff wird gerne in einem abfälligen Sinne gebraucht: Was "provinziell" ist, ist vermeintlich nicht auf der Höhe der Zeit oder es genügt hohen Ansprüchen nicht. Gewiss, wer wollte München oder Stuttgart, Berlin oder Hamburg ihren Rang und ihre Bedeutung absprechen! Doch was wäre Deutschland ohne Meiningen oder Mergentheim, ohne Marburg oder Monschau, ohne Schleswig oder Schwerin - und eben auch: ohne Bad Schussenried. "Provinz" - diese Bezeichnung kann man in Deutschland als Ehrentitel ansehen. Ich sage das nicht aus Höflichkeit.

II.

Dieser Bibliothekssaal zeugt von dem mehr als 600-jährigen Leben, Beten und Arbeiten von Prämonstratenser-Mönchen in Schussenried. Er steht für Kunstsinn und Wissensdrang, für Spiritualität, handwerkliches Können und gewiss auch für Machtbewusstsein. Die weißen Mönche haben sich der Welt ja nicht verschlossen. Sie widmeten sich vor allem der Seelsorge, dem Dienst am Nächsten. In diesem Kloster wurde aber auch Musik komponiert und gespielt, hier wurde Theater aufgeführt. Hier wurde geforscht und gelehrt, betreut und gepflegt, geherrscht und gerichtet.

Dieser Mikrokosmos endet mit einem Schlag vor zweihundert Jahren. In den Erläuterungen zur Landesausstellung heißt es dazu: "Nichts hat Oberschwaben so verändert wie die beiden politischen Entwicklungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Säkularisation und Mediatisierung".

Ähnliche Urteile kann man dieser Tage aller Orten nachlesen - überall dort, wo an Säkularisation und an Mediatisierung erinnert wird, nicht nur im Südwesten Deutschlands. Hunderte von Ausstellungen, Vorträgen und Gedenkveranstaltungen sind organisiert worden. Sie erinnern uns an einen der wichtigsten Einschnitte in der deutschen Geschichte. Vergleichbare Auswirkungen haben danach wohl nur noch die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts gehabt.

Was geschah in jenen denkwürdigen Wochen und Monaten des Jahres 1803? Die Ordnung des Alten Reiches hielt dem Ansturm einer neuen Zeit nicht mehr stand - auf diese Summe lässt sich das Geschehen um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wohl bringen.

Die Französische Revolution war gewiss nicht alleinige Ursache, aber sie förderte den Gang der Ereignisse.

Gerade die Säkularisation wäre ohne das französische Vorbild schwer vorstellbar gewesen. In Deutschland fand ein Prozess seinen Abschluss, der mit der Reformation eingesetzt hatte und den der Westfälische Friede verstärkt hatte. Das Reich war eine übernationale Idee gewesen, die Legitimität seiner Glieder speiste sich aus ganz unterschiedlichen Quellen:

Fürsten und geistliche Herren beriefen sich auf göttliches Recht, die Städte mit ihren republikanischen Verfassungen auf uralte Bürgerfreiheiten. Die Vielgliedrigkeit des Reichsverbandes wurde als gegeben hingenommen und erwies sich doch zunehmend als Schwäche und als Hindernis.

Was wir in unserer Zeit als Globalisierung erleben, war, in anderer Form, auch damals zu beobachten: Die wirtschaftliche und die politische Entwicklung drängte zu größerer Kooperation, zumindest zu größeren Handlungseinheiten. Mittlere und größere Staaten strebten nach Arrondierung und territorialer Expansion. So auch das Frankreich der Revolution. Anders als von der Nationalversammlung ursprünglich bekundet, strebte es nun doch nach einer "natürlichen Grenze", wie man es nannte - nach dem Rhein. In den Revolutionskriegen wurde dieses Ziel erreicht. Aus der weiteren Geschichte der napoleonischen Zeit wissen wir, dass Napoleons Appetit damit noch keineswegs gestillt war.

1801 wurde das linke Rheinufer französisch. Das Reich wurde gezwungen, die Gebietsverluste der geschädigten Fürsten auszugleichen. Die Absichten der französischen Politik trafen sich mit den Bestrebungen der mittleren und größeren Fürstenhäuser des Reiches, die im Reichsdeputationshauptschluss von 1803 zumeist mehr gewannen als sie verloren hatten. Praktisch alle reichsunmittelbaren geistlichen Territorien wurden säkularisiert; fast alle Reichsstädte und eine Reihe kleinerer weltlicher Herrschaften verloren ihre Eigenständigkeit. Die politische Landkarte Deutschlands sah plötzlich völlig anders aus. Die alte Reichskirche hörte auf zu bestehen, der Katholizismus in Deutschland war schwer getroffen. Frankreich wurde zur bestimmenden Macht der deutschen Dinge.

Wenn man das Ergebnis in dürre Zahlen fasst, so zeigt sich schon daran die epochale Dimension des Geschehens: Rechts des Rheins wurden 112 Reichsstände aufgehoben, darunter ein weltliches und zwei geistliche Kurfürstentümer; 19 Reichsbistümer, 44 Reichsabteien und 41 Reichsstädte verloren ihre Unabhängigkeit. Rund 10.000 qkm geistlicher Territorien wurden dem Gebiet weltlicher Fürsten zugeschlagen - darunter auch Schussenried. Mehr als drei Millionen Menschen wechselten durch den berühmten Federstrich ihre Staatsangehörigkeit.

Wir vermögen uns heute nur schwer vorzustellen, was dieser Umbruch für die Menschen bedeutet haben mag. Lebensplanungen wurden zerstört, Weltbilder brachen zusammen, Bildungstraditionen rissen ab, Kultureinrichtungen verschwanden und Kunstschätze gingen verloren, wenn sie nicht ganz zerstört wurden.

Äußerungen aus jenen Jahren belegen die schwere Erschütterung, die für viele in der Tat eine "Entzauberung der Welt" gewesen ist. So hat Max Weber einen Grundzug der modernen Geschichte einmal genannt.

III.

Das Urteil der Zeit wies Schuld und Verantwortung für das Ende des alten Reiches, das der Reichsdeputationshauptschluss eigentlich schon vorwegnahm, rasch dem revolutionären Frankreich zu. So auch Joseph Görres, der wortmächtige Publizist, der die Ideen der französischen Revolution zuerst begeistert gefeiert und für sie auch in Paris geworben hatte. Doch das Reich, so meinte er, hätte nicht untergehen müssen - wäre Frankreich nicht gewesen. Wie Görres dachten viele und hier findet sich gewiss auch eine der Wurzeln des deutsch-französischen Gegensatzes, der die Geschichte der beiden Nachbarvölker für über 150 Jahre auf so tragische Weise bestimmt hat.

Das Urteil der Zeit übersieht leicht tieferliegende Ursachen und weiter zurückreichende Anfänge historischer Entwicklungen. Über notwendige Veränderungen der politischen Ordnung in Deutschland wurde ja nicht erst seit der Französischen Revolution nachgedacht. In manchen Teilstaaten hatten sich die Ideen der Aufklärung schon in Reformen und Modernisierung niedergeschlagen, etwa in Preußen und in Österreich.

Am schärfsten wurde oft die geistliche Herrschaft kritisiert, ihre Legitimation wurde in Zweifel gezogen. 1786 setzte das "Journal von und für Deutschland" einen Preis auf die Beantwortung der Frage aus, "wie es komme, dass gerade die geistlichen Herrschaften - obwohl doch besonders gesegnet und mit gewählten Regenten - nicht die Glücklichsten seien und Mängel aufwiesen". Ich habe das Ergebnis dieses Preisausschreibens nicht gesehen, ich glaube aber, es war für viele erleuchtend.

Die Säkularisation, so mag man sagen, lag also nicht nur aus machtpolitischen Gründen nahe. Und die Mediatisierung vieler Reichsstände war gewiss auch eine Antwort auf die Kritik an unzulänglicher Herrschaft und Verwaltung in den kleinen und kleinsten Territorien. Denn das Alte Reich war, wie ein Beobachter kürzlich angemerkt hat, zwar gewiss auch eine "Ordnung des Friedens, des Rechts, der Toleranz" - aber eben auch eine, so sagte er, "des universalen Durchwurstelns".

IV.

So erkannten viele auch die große Chance, die diese radikale Neugestaltung der Landkarte mit sich brachte, die ja zugleich auch eine politische Neuordnung war. Sie erhofften sich eine Reform des Reiches, sie sahen eine Chance für einen grundlegenden Neubeginn.

Doch dazu kam es nicht. Auch ein Jahrzehnt später erwiesen sich Interessen, Gegensätze, Machtbestrebungen und äußere Einflüsse als stärker als das Streben nach nationaler Einheit, das in den Befreiungskriegen wach geworden war. So entstand auf dem Wiener Kongress kein Bundesstaat, sondern bloß ein loser Staatenbund, der nicht nur die nationalen, sondern auch die demokratischen Bestrebungen tief enttäuschte, die ja wach geworden waren. Joseph Goerres, den ich noch einmal zitiere, sprach von einer "jämmerlichen, unförmlichen, missgeborenen, ungestalteten Verfassung".

Dennoch wurden mit den historischen Entscheidungen und Entwicklungen jener Jahre die Weichen hin zu jenem demokratischen Föderalismus gestellt, der unser Land heute nicht nur prägt, sondern, so meine ich, auch auszeichnet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstehen, als Folge der Säkularisation und durch die wiederholten Mediatisierungen jener Jahre, die Umrisse vieler Gebiete unserer heutigen Länder. Die Verfassungen von Weimar und Bonn haben die föderale Tradition schließlich mit der Substanz einer modernen Bürgerdemokratie verbunden.

V.

Unsere bundesstaatliche Verfassung ist nicht allein Ergebnis historischer Entwicklung, sie ist auch eine bewusste politische Entscheidung. Der Föderalismus respektiert die regionale Vielfalt, er gibt ihr Raum und Gelegenheit zur Entwicklung. Die bundesstaatliche Ordnung nimmt die historische, die kulturelle und die landsmannschaftliche Eigenheit und Eigenart der deutschen Länder nicht nur auf, sondern sie lässt sie sich in eigener Verantwortung entfalten. Landschaftspflege und Naturschutz, Denkmalschutz und Kulturpflege sind doch in den Ländern wahrlich gut aufgehoben.

Die Vielfalt und das Selbstbewusstsein der Regionen und der Länder führt zu einem gesunden Wettbewerb. Das hat durchaus sein Gutes - so lange es nicht auf Kosten der nötigen Solidarität geht. Es gibt im Bundesstaat keine Teilvölker, die ihre eigenen Wege gehen könnten, ohne sich um die anderen zu kümmern. Das Bundesvolk ist eins und unzertrennlich. Bund und Länder sind nur unterschiedliche Werkzeuge und Treuhänder seines Gemeinwohls. Der Bundesstaat ist eine unteilbare Solidargemeinschaft.

Das unterscheidet unsere Situation heute ganz wesentlich von jener vor zweihundert Jahren. Gegen das Streben nach Einheit und Zusammengehörigkeit setzten sich damals die Fliehkräfte des Partikularismus durch. Die staatliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland von heute wahrt die Balance zwischen Ansprüchen des Bundes und der Länder und schiebt auf diese Weise ZentralismusundPartikularismus einen Riegel vor. Das dürfen wir bei aller berechtigten Kritik am Zustand des Föderalismus nicht vergessen.

Natürlich müssen wir stets ein Augenmerk auf das haben, was sich an der bundesstaatlichen Ordnung verbessern lässt. Doch wir dürfen auch nicht übersehen, dass sie keine Maschine ist, die sich mit einer Drehung dieser oder jener Stellschraube justieren ließe. Unser Föderalismus lebt entscheidend von einem Gefühl der Zusammengehörigkeit; er braucht Vertrauen, Solidarität und die Bereitschaft zu Kompromissen. Ihn zu reformieren ist deshalb kein einmaliges Projekt, sondern eine dauernde Aufgabe, denn sie gestaltet ein lebendiges Miteinander und kein lebloses Regelwerk. Welche Änderung auch immer vorgeschlagen wird: Sie muss stets das Gemeinwesen als Ganzes im Auge haben und nicht nur einzelne Interessen.

VI.

Das gilt im übrigen auch für jenen historischen Prozess, der in diesen Monaten einem neuen großen Zwischenziel zustrebt: Die europäische Einigung. Die Erweiterung der Europäischen Union um zehn neue Mitgliedsstaaten ist gerade feierlich besiegelt worden. Auch deshalb ist es unausweichlich, die Methoden der europäischen Zusammenarbeit zu ändern und zu vertiefen. Dabei müssen wir sowohl das Wohl der Gemeinschaft als auch die - oft recht unterschiedlichen - Interessen aller Mitgliedsstaaten im Auge behalten.

Die Europäische Union müssen wir jetzt als eine Föderation von Nationalstaaten gestalten. Sie mag in manchem an das alte Reich erinnern - in ihren Vorzügen, aber auch in den Gefährdungen, denen sie ausgesetzt ist. Deshalb müssen wir immer wieder daran erinnern: Auch die europäische Einigung, die Europäische Union, lebt von der Zustimmung ihrer Bürgerinnen und Bürger und von der Bereitschaft ihrer Mitglieder, für sie einzutreten, ihre Instrumente zu nutzen und den notwendigen Zusammenhalt nicht nach Gutdünken außer acht zu lassen.

VII.

Heute blicken wir zurück auf Ereignisse und Entscheidungen, die sich vor 200 Jahren zugetragen haben. Das scheint unendlich weit weg zu sein. Das steht in Geschichtsbüchern und wir können Dokumente in Schaukästen betrachten. Man könnte versucht sein zu sagen: Säkularisation und Mediatisierung - was geht uns das an, was hat das mit uns zu tun? Doch blicken wir genauer zurück, dann erkennen wir: Das ist nicht nur unsereGeschichte, das hat ganz unmittelbar damit zu tun, wie wir heute miteinander leben. Wir erkennen die Bedingungen gelingender Politik und die Ursachen von Fehlschlägen und Scheitern.

Unsere Geschichte taugt nicht unbedingt als Rezeptbuch für die Probleme der Gegenwart - sie ist aber unser "kollektiver Erfahrungsspeicher", wie das der Historiker Johannes Fried jüngst gesagt hat. Sie ist ein Reservat von großem Wissen und eine Quelle der Selbstvergewisserung: Wir können uns viel leichter darüber verständigen, wohin wir gemeinsam gehen wollen, wenn wir wissen, woher wir kommen. Die Kenntnis der Geschichte schafft Identifikation und bietet emotionale Bezüge.

Mir scheint es in den letzten Jahren oft so, als hätten wir zu wenig Bezug zu unserer weiter zurückliegenden Geschichte. Das kann problematische Folgen haben. Dann kann leicht das trügerische Gefühl entstehen, wir seien in der Lage, in unserer Zeit und aus eigener Vollkommenheit Großartiges und Abschließendes zu gestalten - weil uns nicht mehr ausreichend bewusst ist, worauf wir im Guten wie im Schlechten aufbauen. In dieser Einsicht waren unsere Vorfahren uns vielleicht voraus. Hugo von Saint-Victoire formulierte im 11. Jahrhundert: "Wir sind die Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen. Aber wenn wir mehr und weiter sehen, als sie, dann liegt das nicht an der Schärfe unserer Augen oder der Größe unserer Statur, sondern daran, dass sie uns tragen und wir ihre Größe nutzen dürfen."

Die Geschichte zu kennen, das hilft auch, eigene aktuelle Probleme richtig einzuordnen. Das zeigt gerade der Blick auf jenen epochalen Einschnitt der deutschen und europäischen Geschichte vor zweihundert Jahren, an den wir heute denken.

Die Meldung einer Nachrichtenagentur charakterisierte ihn im Februar dieses Jahres mit der - zugegebener Maßen etwas saloppen - Überschrift: "Fangschuss für das alte Europa". Wie gesagt, die Meldung datiert vom Februar, also längst bevor der Begriff "altes Europa" eine ganz neue Bedeutung bekam. Der Blick zurück auf das alte Europa des Jahres 1803 und auf die Entwicklungslinie seither zeigt uns: Das alte Europa ist schon manches Mal totgesagt worden - und doch hat es sich immer wieder als höchst lebendig und als handlungsfähig erwiesen: im Reichtum seiner historischen, geistigen und kulturellen Überlieferung, die es in allem Wandel bewahrt hat und in seiner ungebrochenen Kraft zur Erneuerung.