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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Verleihung des Hauptschulpreises

Meine Damen und Herren,

I.

ich möchte Sie alle herzlich im Schloss Bellevue begrüßen. Ich finde es hervorragend, dass Sie an Ihren Schulen Projekte zur Integration von Zuwandererkindern ins Leben gerufen haben, und dass Sie damit offenbar auch viel bewirken. Ich habe gehört, die Jury sei von Ihren Projekten richtig begeistert.

Ein bisschen habe ich auch schon vorher erfahren dürfen über Ihre Projekte und über die Arbeit an Ihren Schulen. Das waren staunenswerte Dinge: Sie haben mit verblüffendem Einfallsreichtum und scheinbar selbstverständlichem Engagement Vieles auf die Beine gestellt. Mancher würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen - und ich hätte fast Lust, nachdem, was ich gehört habe, noch einmal zur Schule zu gehen, denn Schule kann offenbar auch Freude machen.

II.

Die kulturelle Vielfalt, die heute in vielen Klassenzimmern normal ist, ist gewiss eine große Herausforderung, aber ich hoffe, sie ist auch eine immense Bereicherung. Die muss nun Eingang finden in die Unterrichtsformen und in die Lerninhalte.

So selbstverständlich es ist, dass alle Schüler möglichst schnell die deutsche Sprache lernen, sich vertraut machen mit unseren Gepflogenheiten - so wichtig ist es auf der anderen Seite, auch den Reichtum kennen zu lernen und zu schätzen, den die Kinder und Jugendlichen mit ihrem kulturellen Wissen und nicht zuletzt auch mit ihrer eigenen Sprache mitbringen. Dazu gehört Mut - und den bringen Sie in Ihren Projekten auf.

Von vielen dieser Projekte gehen Impulse an die ganze Schule aus - und ich denke, auch die Lehrerinnen und Lehrer und die Schülerinnen und Schüler, die heute nicht hier sind, können durch Ihre Projekte erfahren, was alles möglich ist, wenn Schulen ideenreich gestaltet werden. Dann kann ein ganz neues Schulklima entstehen, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, in England nennt man das eine "corporate identity".

All das wäre nicht möglich, wenn Sie sich dafür nicht alle weit über die Grenzen des Erwartbaren hinaus engagierten. Dafür möchte ich allen ganz herzlich danken. Ich hoffe, dass Ihnen die Arbeit viel Spaß gemacht hat.

Ich danke der Hertie-Stiftung, der Robert Bosch-Stiftung und den Initiatoren des Hauptschul­preises dafür, dass sie diese schönen Projekte hier öffentlich machen, die unsere Schulen in lebendig gestaltete Lebensräume verwandeln und frische Luft in die Klassenräume bringen.

III.

Heute geht es um Sie und um Ihre Projekte. Wir wollen Sie ehren und wir wollen Sie und einige Ihrer Projekte etwas näher kennen lernen. Deshalb will ich nicht lange reden, aber ich will doch darauf hinweisen, was PISA offengelegt hat:

Die Zahl der sogenannten Risikoschüler, die schon mit einfachen Texten Schwierigkeiten haben, ist in Deutschland besonders hoch. Gerade an den Hauptschulen kommen viele soziale Probleme und oft auch Sprachbarrieren hinzu - denn Hauptschulen mit einem Anteil an Zuwandererkindern von über fünfzig Prozent sind keine Seltenheit.

Ich halte es aber für zu kurz gegriffen, wenn nun manche glauben, das ließe sich durch neue Formen der Schulorganisation lösen. Mir scheint noch wichtiger, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie die Qualität des Unterrichts verbessert werden kann.

IV.

Da habe ich keine vollständige Liste, aber einige Dinge sind mir wichtig:

  • Wir brauchen mehr individuelle Förderung - sowohl bei den schwächeren als auch bei den besonders guten Schülerinnen und Schülern. Dazu brauchen wir Freiräume, da können wir von anderen Ländern lernen.
  • Wir müssen die Lehrer stärken. Wir müssen die gute Arbeit vieler engagierter Lehrer herausstellen, damit sie Vorbilder für andere Lehrer werden. Deshalb freue ich mich besonders darüber, dass es in diesem Jahr erstmals einen Sonderpreis für den "besten Hauptschullehrer" geben wird.
  • Wir brauchen eine stärkere Zusammenarbeit in den Kollegien. Wir müssen wegkommen davon, dass sich die Lehrer mit den vielen Problemen allein gelassen fühlen, mit denen sie sich jeden Tag konfrontiert sehen.
  • Auch Schulen müssen sich stärker austauschen und müssen für den Unterricht voneinander lernen. Wenn damit ein bisschen der Wettbewerb gefördert wird, dann ist das gut. Die Stiftungen, die diesen Wettbewerb ausgeschrieben haben, gehen genau in diese Richtung, wenn sie den Kontakt zwischen den Preisträgern der vergangenen Jahre fördern.
  • Die Förderung sozialer Kompetenzen muss ein gleichrangiges Unterrichtsziel sein. Schulen sind nicht nur Lernorte, sie sind auch Lebensräume. Sie können jungen Menschen, die auf der Suche sind, die sich vielleicht benachteiligt oder unverstanden fühlen, Halt und mehr innere Sicherheit geben. Das geht aber nur, wenn die Schüler und die Lehrer gemeinsame Ziele verfolgen, wenn sie sich für eine Sache gemeinsam einsetzen und wenn sie Verantwortung übernehmen.
  • Wir müssen auch noch mehr für die Förderung von Zuwandererkindern tun. Da können Deutschkurse vor der Einschulung in vielen Fällen helfen; wir brauchen aber auch für Ältere individuelle Sprachförderung, und wir müssen Ideen entwickeln, wie sie sich und ihre kulturellen Erfahrungen in den Lebensraum Schule einbringen können, damit die Schule auch ihr Lebensraum wird.

V.

Vieles von dem, was ich jetzt genannt habe, ist in Ihren Projekten vorbildlich verwirklicht. Sie zeigen, dass Schulen auch unter schwierigen Bedingungen erfolgreich arbeiten können und dass das Freude macht.

Darum hoffe ich, dass Ihre Projekte und Ihre Begeisterung für das gemeinsame Lernen und Lehren ansteckend wirken und dass von diesem Tag eine solche Ansteckungsfreude ausgeht. Seien Sie nochmals alle herzlich willkommen.