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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass des fünfzigjährigen Bestehens der Deutschen Orchestervereinigung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt

I.

Herzlichen Glückwunsch zu diesem wichtigen Jubiläum! 50 Jahre Deutsche Orchestervereinigung und gleichzeitig - wir haben es von Herrn Becker gehört - fünfzig Jahre eine eigene Zeitschrift, eigene Publikation, eigene Darstellung nach außen. Das zählt im wirklichen Leben, da ist man mit fünfzig im angeblich besten Alter. Im vierten Buch Mose steht: Männer in Israel, die fünfzig Jahre alt werden, sollen nicht mehr arbeiten. Das Zitat geht aber noch weiter: Sie sollen dann ihren Brüdern dienen.

Wie ist es aber,wenn man 50 wird? Da will man ernten, was man gesät hat, aber wie sieht es mit der Saat der Musik in unserer Gesellschaft aus? Wird das Musizieren zum aussterbenden Tun in unserem Lande? Droht die Diskussion über die Kosten und den Nutzen den Wert zu überlagern, den die Musik - und gerade auch die Orchestermusik - für uns alle hat?

Ich habe früher im Schulorchester Geige gespielt. Versucht habe ich mich auch am Cello. Dann kam die Lärmschutzverordnung. Ich kenne aber aus eigenem Erleben die schöpferische Kraft, die aus dem Musizieren erwächst. Ich kenne auch das großartige Gemeinschaftsgefühl in einem Orchester: Da geht es um mehr als nur darum, eine Partitur zu spielen oder ein Werk zu interpretieren.

Ich kann nicht auf ein so langes Jubiläum zurückblicken wie das die Deutsche Orchestervereinigung tun kann. Aber seit ich in dem Amt bin, das ich gegenwärtig innehaben darf, gehe ich von Land zu Land und von Stadt zu Stadt und werbe dafür auch, die Pisa-Studie nicht so misszuverstehen, als gehe es nur um naturwissenschaftliche Kenntnisse und nur um Wettbewerb. Es geht nie nur um die Köpfe, es geht nie nur um den Intellekt. Eine Familie, eine Schule, eine Gesellschaft, die nicht Sinne und Verstand anspricht, die kann jungen Menschen keine Wegweisung geben.

Die "öffentliche Armut" wie sie gelegentlich genannt wird, also die Krise der öffentlichen Haushalte macht natürlich auch vor der Kultur nicht halt. Die Bühnen und Orchester hat sie schon längst erreicht.

II.

Als ich vor einiger Zeit vor einem Forum des Deutschen Bühnenvereins ein "Bündnis für Theater und Oper" gefordert habe, da habe ich viel Zuspruch bekommen. Es kam auch die Anregung, die Orchester dabei nicht zu vergessen. Seitdem werden sie nicht nur "mitgedacht", sondern sie sind beteiligt, die Deutsche Orchestervereinigung und ihre Interessenvertretung, und dafür gibt es gute Gründe. Sie liegen nicht nur darin, dass die Orchester in Deutschland eine noch längere Geschichte haben als die Theater.

Jeder weiß, dass der Austausch von Standpunkten zwar der Klarheit dient, aber nicht automatisch zur Lösung führt. Darum hat die Arbeitsgruppe, die ich seinerzeit eingerichtet habe, nicht nach jeder Sitzung die Öffentlichkeit gesucht. Jetzt liegt ein Zwischenbericht vor, über den diskutiert wird.

Es war vielleicht kein Zufall, dass noch im Dezember letzten Jahres, kurz nach der Übergabe dieses Berichtes ein neuer Tarifvertrag zwischen dem Deutschen Bühnenverein und der Deutschen Orchestervereinigung abgeschlossen werden konnte. Das sind ermutigende Zeichen, von denen ich mir mehr wünschte.

Yehudi Menuhin hat einmal gesagt: "Die Musik spricht für sich allein." Das könnte heißen, dass ich jetzt aufhören müsste, und Menuhin hat hinzugefügt: "Vorausgesetzt, wir geben ihr eine Chance." Das heißt, wir haben einen Auftrag zum Handeln, zum gemeinsamen Handeln. Das heißt für die Gesellschaft, dass die Orchester eine öffentliche Aufgabe bleiben, auch wenn private Unterstützung in einer Bürgergesellschaft, wie wir sie haben, nicht nur willkommen, sondern nötig ist.

Ich habe bei manchen Diskussionen den Eindruck, dass der Stift zum Streichen besonders kräftig ist, weil Kultur in unserem Lande nicht immer als Pflicht betrachtet wird, nicht als Pflichtaufgabe, sondern als Kür. Wir müssen aber darauf achten, dass noch so notwendige Maßnahmen Kosten zu senken, nicht die Substanz einer breitgefächerten Orchesterkultur gefährden.

III.

Wenn ich dennoch zuversichtlich bin, dass wir die Fähigkeit haben, die vorhandenen Probleme zu lösen, dann hat das mehrere Gründe, von denen ich einige kurz nennen will:

  • Es hat sich herumgesprochen, dass uns viele in der Welt um den Reichtum der deutschen Orchesterlandschaft beneiden. Ich erfahre das auch auf meinen Reisen.
  • Unsere kulturelle Identität speist sich in besonderer Weise aus dem musikalischen Schaffen vieler Jahrhunderte.
  • Viele Institutionen und Verbände, namhafte Stiftungen und Unternehmen fördern unterschiedliche Bereiche der Musik. Sie alle haben längst erkannt, Musikkultur darf nicht zu einem Luxus werden, den sich immer weniger Menschen leisten können.
  • Viele lieben immer wieder die Atmosphäre eines Konzertsaals und die lebensfördernde Kraft der Musik.
    Manche lassen es eben nicht beim passiven Genuss bewenden, sondern sie helfen und sie unterstützen.

Ich will an dieser Stelle ausdrücklich das Engagement vieler ARD-Anstalten loben, die eigene Orchester betreiben, und ich freue mich darüber, dass Fritz Pleitgen, der Intendant des WDR, heute den Herrmann-Voss-Kulturpreis bekommt.

Ich habe ja nicht immer in Berlin gelebt, meine Damen und Herren, ich war viele Jahrzehnte ein treuer und meist auch zufriedener Hörer des Westdeutschen Rundfunks, und deshalb gratuliere ich Ihnen zu dieser verdienten Auszeichnung ganz besonders, lieber Herr Pleitgen. Sie haben viel dazu beigetragen, dass in einer Zeit, in der die Gefahr besteht, dass die Macht der Bilder unsere Sicht bestimmt, der Wert des Hörens und damit auch des Zuhörens im öffentlichen Bewusstsein bleibt.

IV.

Wir müssen etwas tun, um als Kraftverstärker für die Musik in diesem Land etwas zu erreichen. Ich will Ihnen dazu gerne eine persönliche Erfahrung erzählen:

Vor einiger Zeit war ich eingeladen zu einem Konzert nach Peenemünde. Unter der Leitung von Rostropowitsch wurde das War-Requiem von Benjamin Britten gespielt. Es sang ein deutscher Knabenchor und einer aus Coventry in England. Es fand statt in der großen Halle, in der früher die V2 produziert wurde und es war gedacht als ein Versöhnungskonzert. Michail Gorbatschow nahm teil für die russische Seite, ich für die deutsche. Da schrieb mir ein elfjähriger Junge, die Schule habe ihm nicht freigegeben. Er dürfe nicht mitsingen. Er habe an diesem Tag Erdkunde, Geschichte und Musik.

Ich habe dann in der Schule angerufen und gesagt bekommen, dass das Arbeitsverhalten dieses Knaben etwas zu wünschen übrig ließe. Dann habe ich gefragt: Wenn der Elfjährige im Chor singt, Englisch hat er auch, er trifft Schüler aus Coventry und er lernt, wo das liegt, und er erfährt, was in Coventry geschehen ist mit deutschen Bomben, vielleicht erzählt er dann von Dresden. Meinen Sie nicht, er hätte an diesem Tag mehr Bildungserlebnisse als ihre Schule ihm bieten kann?

Er hat frei bekommen. Er hat mir versprochen, sich zu bessern. Seine Arbeitshaltung wird lobenswert werden. Er hat seine Geografie- und Geschichtskenntnisse erweitert und ich glaube, das war ein wichtiges Bildungserlebnis.

Ich will mit diesem Beispiel nicht nur von meinen Telefongesprächen erzählen, sondern ich glaube, dass es zu Anerkennung und weiterer Förderung führen muss, wenn Kinder Musik machen, auch wenn sie im Chor singen. Wenn wir das so bei Seite schieben, wenn wir Musik und Sport und Kunst für die Sahne auf dem Kuchen halten und nicht für die Hefe im Teig, dann verstehen wir unsere Gesellschaft falsch.

V.

Ich will deshalb im Herbst einen Tag machen im Schloss Bellevue, einen Projekttag "Musik für Kinder" mit Initiativen aus allen Teilen unseres Landes. Viele Musiker werden helfen von der Popmusik bis zur klassischen Musik.

Ich danke der Deutschen Orchestervereinigung dafür, dass sie von Anfang an mitgemacht haben, damit Menschen wieder Freude am Musizieren, am Singen und am Spiel bekommen. Sogar die Finanzierung dieses Tages scheint inzwischen gesichert zu sein.

Ich wünsche mir mehr Rückhalt und mehr Rückwind für Schulmusiker und für private Lehrer. Ich wünsche mir, dass wir merken: Der ganze Mensch ist hier gefordert, der ganze Mensch bedarf der Bildung, des Profils, des Gesichtes. Hermann Hesse hat einmal gesagt: "Gestaltlose Nebel begegnen sich nie."

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie jeder an seinem Platz mithelfen können, damit unsere Welt reicher wird, im Hören und Zuhören. Auch Politiker sollten eher auf ein Zuhörerseminar als auf eine Rednerschule gehen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Vormittag und der Deutschen Orchestervereinigung weitere fünfzig gute Jahre und dann einen vollen Saal.