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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Staatsbanketts im Schloss Drottningholm

Majestäten,

meine Damen und Herren!

I.

Im September 2001 mussten wir unseren Staatsbesuch in Schweden noch am Vorabend wegen des schrecklichen Anschlags in den USA verschieben. Vor der jetzigen Reise hat uns der Krieg im Irak bewegt und er bewegt uns immer noch. Ich bin froh darüber, dass er schnell zu Ende gegangen ist. Welt- und europapolitisch hat er zu einer unerwarteten Polarisierung geführt. Um so wichtiger scheint es mir, dass der Wiederaufbau des Landes und der Kampf gegen den weltweiten Terrorismus eine Aufgabe der internationalen Gemeinschaft und der Vereinten Nationen wird. Einzelne Staaten werden das niemals in gleicher Weise tun können wie die Vereinten Nationen.

II.

Schweden und Deutsche verbindet ein Jahrtausend gemeinsamer Geschichte. Die spektakulärste, im historischen Bewusstsein der Deutschen am tiefsten verwurzelte Episode ist das Eingreifen König Gustav Adolfs in den Dreißigjährigen Krieg. Er hat damit das Schicksal Deutschlands und Europas nachhaltig beeinflusst. Ob Gustav Adolf aus machtpolitischen Erwägungen oder aus konfessioneller Überzeugung gehandelt hat, wissen wir nicht. Der Sache der Evangelischen hätte aber ohne das Eingreifen Schwedens in Deutschland möglicherweise ein frühes Ende gedroht. So muss es nicht verwundern, dass das erste evangelische freie Werk, das in Deutschland gegründet wurde und noch heute existiert, nach dem großen König benannt wurde.

Die kriegerische Vergangenheit ist vorbei. Heute hat Schwedens humanitäres und friedenserhaltendes Engagement in Deutschland viele Bewunderer. Wer denkt dabei nicht an Namen wie Dag Hammarskjöld, Raoul Wallenberg, Elsa Brändström, Folke Graf Bernadotte oder Olof Palme?

Von Anfang an spielte der Handel eine herausragende Rolle in unseren Beziehungen. Schon 1252 vereinbarte der schwedische Regent Birger Jarl in einem Vertrag mit Lübeck und Hamburg die Gewährung gegenseitiger Zollfreiheit, mehr als siebenhundert Jahre vor der Errichtung einer europäischen Zollunion. Heute beschäftigen die etwa achthundert Tochtergesellschaften schwedischer Firmen in Deutschland rund hunderttausend Menschen, viele davon in den neuen Ländern der Bundesrepublik Deutschland.

Besonders dicht war über lange Zeit auch der wissenschaftliche Austausch. Im 18. Jahrhundert führten drei Viertel der Auslandsreisen, die schwedische Gelehrte unternahmen, nach Deutschland. Ernst Moritz Arndt, der deutsche Dichter, auf Rügen geboren, war schwedischer Abstammung und der berühmte schwedische Physiker Carl Wilhelm Scheele deutscher Herkunft.

Wir sind dankbar dafür, dass in schlimmer Zeit viele vor den Nationalsozialisten geflohene Emigranten in Ihrem Land Aufnahme fanden, darunter Willy Brandt, Nelly Sachs, Lise Meitner und Peter Weiss. Wie wichtig diese Erfahrung für die deutsche Nachkriegsgeschichte war, zeigt die Tatsache, dass im ersten deutschen Bundestag 1949 sieben Abgeordnete der SPD eine eigene "Schwedenfraktion" bildeten.

In den zurückliegenden Jahrzehnten gab es eine Vielzahl schwedischer Impulse und Einflüsse in Deutschland. Vielen Deutschen erschien das schwedische Modell einer gerechten Gesellschafts- und Sozialordnung so nachahmenswert wie kein anderes. Auch heute suchen wir nach guten Beispielen in der schwedischen Beschäftigten- und Bildungspolitik. Viele Menschen in unserem Land begeisterten und begeistern sich noch immer für schwedisches Design, für die Filme von Ingmar Bergman oder die Bücher von Astrid Lindgren. Der bekannteste Schwede in Deutschland dieser Tage dürfte allerdings Kurt Wallander sein, Henning Mankells weltberühmter Kommissar.

III.

Seit dem Beitritt Schwedens zur Europäischen Union 1995 sind die deutsch-schwedischen Beziehungen eingebettet in den größeren Rahmen der europäischen Integration. Gemeinsam haben Deutschland und Schweden die Erweiterung der Europäischen Union nach Osten unterstützt. Gemeinsam freuen wir uns jetzt auf die neuen Mitgliedstaaten, die vor einem Monat in Athen die Beitrittsverträge unterzeichnet haben.

Mit dem Beitritt Polens und dem der baltischen Staaten wird die Ostsee fast schon ein Binnenmeer der Europäischen Union. Das "Mare balticum" trennt uns nicht mehr. In der gesamten Region entwickeln sich europäische Identität und neues Zusammengehörigkeitsgefühl.

Zu den vorrangigen Aufgaben, die sich uns jetzt stellen, gehört die innere Reform der Europäischen Union. Ich bin davon überzeugt, dass der Konvent, der in wenigen Wochen seine Arbeit beendet, den Weg für eine Europäische Verfassung ebnen kann. Ein in jeder Hinsicht handlungsfähiges Europa, das ist im Interesse aller Mitgliedstaaten. Dadurch eröffnen sich auch für die deutsch-schwedische Zusammenarbeit neue Aufgaben und Perspektiven.

Meine Damen und Herren, meinen Besuch in Schweden hat ein Mann vorbereitet, der heute nicht unter uns ist. Botschafter Bernd von Waldow ist vor einer Woche nach schwerer Krankheit gestorben. Er hatte seinen Beruf mit Hingabe ausgeübt und die Herzen der Menschen gewonnen. Ich denke an seine Frau und seine 6 Kinder und hoffe, dass die Erinnerung an die gemeinsamverbrachten Jahre den Schmerz des Verlustes mildern wird. Das wollte ich doch heute Abend bei dieser Gelegenheit sagen. Bernd von Waldow war gern in Schweden und hat sich für die Zusammenarbeit unserer beiden Länder eingesetzt. Eine Zusammenarbeit, die uns alle verbindet.

Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, Ihr Glas zu erheben und zu trinken auf das Wohl Ihrer Majestäten, des Königs und der Königin von Schweden, auf das Wohl der Königlichen Familie, auf eine glückliche und friedliche Zukunft für das schwedische Volk und auf die enge und vertrauensvolle Freundschaft zwischen Schweden und Deutschland in einem geeinten Europa.